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Unternehmensumbau mit sozialem Geleitschutz begleiten

Restrukturierungen wie Fusionen, Schließungen oder Outsourcing belasten Beschäftigte auf allen Ebenen im Unternehmen. Nicht nur bei den Entlassenen verschlechtert sich der Gesundheitszustand, sondern auch bei denen, die im Unternehmen verbleiben. Hier unterschätzen Betriebe die Auswirkungen der Veränderungen. Wird der Gesundheitsaspekt vernachlässigt, hat das erhebliche Auswirkungen auf die Beschäftigung und Produktivität in Unternehmen, warnt die europäische Expertengruppe zur Gesundheit in Restrukturierungen (HIRES), die von Prof. Dr. Thomas Kieselbach von der Universität Bremen (Leiter des Instituts für Psychologie der Arbeit, Arbeitslosigkeit und Gesundheit) koordiniert wurde. Nach dem Konzept des sozialen Geleitschutzes können Unternehmen und Politik jedoch die Folgen von Restrukturierungen abmildern und die Beschäftigungsfähigkeit der Mitarbeiter stärken.

Diese und weitere Ergebnisse präsentierte HIRES auf dem Workshop „Gesundheit und Restrukturierung - Innovative Ansätze und Politikempfehlungen", der am 10. September 2009 in der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Berlin stattfand. Im Mittelpunkt standen die Ergebnisse des gleichnamigen Berichts der Expertengruppe, die im Auftrag der Generaldirektion Beschäftigung der EU-Kommission das bislang stark vernachlässigte Thema untersuchte. Der Workshop in Berlin wurde vom Nachfolgeprojekt HIRES PLUS konzipiert. Das Projekt, das sein Koordinator Dr. Claude Emmanuel Triomphe von ASTREES, Paris, vorstellte, will die von der HIRES-Gruppe entwickelten Forderungen für insgesamt 13 Länder der EU konkretisieren und sie im Kontext der jeweiligen nationalen Erfahrungen diskutieren.

Alljährlich entstehen und verschwinden zehn Prozent der europäischen Unternehmen, und Schätzungen zufolge werden in jedem Mitgliedstaat täglich im Durchschnitt 5 000 bis 15 000 Arbeitsplätze geschaffen und wieder vernichtet. Allein zwischen dem 1. April 2009 und dem 30. Juni 2009 hat der Europäische Restrukturierungsmonitor der EU 370 Fälle von größeren Unternehmensumstrukturierungen erfasst, die in der Bilanz mit 125.000 Arbeitsplatzverlusten und 31.000 Arbeitsplatzgewinnen einhergingen. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes stieg die Zahl der Insolvenzen im 1. Halbjahr 2009 um rund 15 Prozent. 1,4 Millionen Kurzarbeiter in Deutschland werden durch das Instrument der Kurzarbeit vor weiteren Folgen zurzeit geschützt.

Insbesondere vor dem Hintergrund der derzeitigen Krise gewinnen die Ergebnisse von HIRES deshalb an Bedeutung. So ist ein organisatorischer Wandel im Unternehmen immer ein Stressfaktor sowohl für die Entlassenen („victims"), als auch für die „Verbleibenden" („survivors"). In Zeiten voller Turbulenzen bleiben jedoch auch Führungskräfte und das Management nicht verschont. Unsicherheiten und Irritationen treten auf allen Ebenen der Organisation auf, was auch manchmal als sozialer Krieg im Unternehmen wahrgenommen werden kann. Dazu entwickeln die Betroffenen bestimmte Strategien - beispielsweise die Bildung von Machtbündnissen, das Ausarbeiten bestimmter Taktiken, das Finden von Sündenböcken, Streitereien, bis hin zu betrügerischem Verhalten oder der Verbreitung falscher Informationen. Zudem macht die Unsicherheit um Arbeitsaufgaben oder Arbeitsplatz nicht am Werktor halt, sondern sie wirkt sich erheblich auch auf Familien, Gemeinden und Regionen oder Branchen aus.

„Die wirtschaftlichen Turbulenzen werden sich auch künftig nicht verhindern lassen", erläutert der Koordinator Prof. Dr. Thomas Kieselbach. „Durch das Konzept des sozialen Geleitschutzes lassen sich die Folgen für die Beschäftigten und das Unternehmen jedoch nachhaltig mildern." Um das Thema Arbeitsplatzunsicherheit bei den Beschäftigten zu verringern, schlägt die Expertengruppe zwei Strategien vor. Zum einen soll die Beschäftigungsfähigkeit durch Maßnahmen im Unternehmen und auf individueller Ebene gestärkt werden. Zum anderen verringern transparente und faire Entscheidungsprozesse vor und während der Restrukturierung die Unsicherheit.

„Insgesamt kommt der sozialen Unternehmensverantwortung (Corporate Social Responsibility, CSR) mehr Bedeutung zu", erklärt Dr. Karl Kuhn, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin und Mitglied der Expertengruppe. „So kann das Gesundheitsmonitoring frühzeitig vor problematischen Entwicklungen warnen. Aktive Sozialpläne unterstützen darüber hinaus den Übergang in eine neue Beschäftigung."

Zwölf Handlungsfelder führt HIRES auf, in denen die Unternehmen und Politik tätig werden sollten. Dabei kommt der Kommunikation der Veränderungsprozesse eine besondere Bedeutung zu. Auch die Rolle des betrieblichen Gesundheitsschutzes sollte sich wandeln, um möglichst frühzeitig in die Prävention einsteigen zu können. Zugleich lassen sich hier wichtige Informationen über die Wirksamkeit der getroffenen Maßnahmen ermitteln. Auf europäischer und nationaler Ebene fordern die Experten neue Initiativen, die die soziale Unternehmensverantwortung (CSR) stärken. Zudem kann die Politik „Puffer" zur Verfügung stellen beispielsweise durch Kurzarbeit, um die Folgen von Krisen zu dämpfen. Solche „Stoßdämpfer" lassen sich auch auf regionaler Ebene installieren zum Beispiel in Form von Netzwerken oder Beratungsketten für Entlassene.

Alle Ergebnisse, Empfehlungen und Fallbeispiele enthält der Bericht der Expertengruppe HIRES „Gesundheit und Restrukturierung. Innovative Ansätze und Politikempfehlungen", der jetzt auch in deutscher Sprache zum Preis von 24,80 Euro beim Rainer Hampp Verlag, München/Mering, erschienen ist.

Quelle: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) - http://www.baua.de

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