Fachbeitrag  Arbeitssicherheit, PSA  

Sichere Arbeit in der Höhe

Abstürze zählen zu den häufigsten Ursachen tödlicher Arbeitsunfälle. Besonders in der Baubranche und unter Dachdeckern ist das Risiko hoch, aber auch die Maschinenwartung oder die Arbeit auf industriellen Versorgungsstegen kann zum tödlichen Drahtseilakt werden. Weil die Tätigkeitsfelder, die die Installation einer zuverlässigen Absturzsicherung erfordern, stark variieren, ist die Personensicherung bei Arbeiten in der Höhe entsprechend vielseitig: Bei der Wartung von großen Fahrzeugen sind andere Maßnahmen zur Absturzsicherung notwendig als bei der Installation von Photovoltaik-Anlagen.

Und schon verschiedene Dachtypen erfordern den Einsatz vollkommen unterschiedlicher Schutzvorkehrungen. Um Menschen bei der Arbeit Sicherheitsvorrichtungen bereitzustellen, die akzeptiert werden und bei den routinemäßigen Tätigkeiten nicht stören, bedarf es zudem einer guten Kenntnis des konkreten Arbeitsumfeldes - und einer sorgfältigen Planung.

Rechtliche Grundlagen und BG-Vorgaben

Absturzsicherung ist kein Luxus, sondern eine sinnvolle Pflicht. In Deutschland definieren die berufsgenossenschaftlichen Vorschriften und Regelungen (BGV/BGR) spezielle Sicherungsmaßnahmen zur Prävention von Absturzunfällen für die unterschiedlichen Branchen und Arbeitsfelder. So regelt die BGV C22 die Absturzsicherung bei Bauarbeiten, wohingegen sich die BGR 203 mit der Absturzsicherung bei Dacharbeiten befasst.

Den berufsgenossenschaftlichen Regelungen übergeordnet, reglementiert die DIN 4426 die „Sicherheitstechnischen Anforderungen an Arbeitsplätze und Verkehrswege". Grundsätzlich schreibt die DIN 4426 vor, dass an Arbeitsplätzen und Verkehrswegen Einrichtungen vorhanden sein müssen, die einen Absturz von Personen verhindern - und das bereits ab einer Fallhöhe von mehr als einem Meter zur nächsten tragfähigen Fläche, wenn der Abstand zwischen Verkehrsweg und der absturzgefährdeten Kante weniger als zwei Meter beträgt. Auf Schrägdächern mit einer Neigung von über 20 Grad sowie über offenen Gewässern oder vergleichbaren Umfeldern, die die Gefahr des Versinkens oder Ertrinkens mit sich bringen, sind Sicherungsmaßnahmen grundsätzlich vorgeschrieben. Außerdem unterliegen die verschiedenen Absturzsicherungssysteme in Deutschland einer Prüf- und Zertifizierungspflicht.

Die EN 795 schreibt vor, wie Anschlagsysteme beschaffen sein müssen, und unterscheidet dabei fünf Klassen: Klasse A betrifft Einzelanschlagpunkte, Klasse B Mobile Anschlageinrichtungen, Klasse C Seilsicherungssysteme, Klasse D Führungsschienensysteme und Klasse E schließlich durch Eigengewicht gehaltene Anschlageinrichtungen. Diese verbindlichen Regelungen schützen Menschen vor lebensbedrohlichen und tödlichen Unfällen - und sollten nicht zuletzt aus haftungsrechtlichen Gründen beachtet werden.

Verantwortung bei einem Unfall

Bei der Absturzsicherung variieren die Verantwortlichkeiten je nach Umfeld. Zunächst müssen Gebäudeeigner dafür Sorge tragen, dass adäquate Schutzvorrichtungen überhaupt vorhanden sind. Bei Bauprojekten hingegen ist der Bauherr in der Pflicht, seinen Mitarbeitern einen sicheren Arbeitseinsatz zu ermöglichen. Darüber hinaus ist auch der Architekt verpflichtet, die entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen schon in der Planung zu berücksichtigen.

Damit die Sicherheitsvorkehrungen vor Ort tatsächlich auch umgesetzt werden, sind für Bauvorhaben, bei denen Beschäftigte verschiedener Arbeitgeber eingesetzt werden, sogenannte Sicherheits- und Gesundheitskoordinatoren zu bestellen. All das nützt jedoch nichts, wenn sich Mitarbeiter nicht an die Vorschriften halten und vorhandene Sicherheitsvorkehrungen nicht verwenden - eine mangelnde Akzeptanz führt nach wie vor dazu, das Personen sich in absturzgefährdete Bereiche begeben, ohne sich angemessen abzusichern.

Grundlegende Funktionen der Absturzsicherung

Absturzsicherungssysteme werden grundsätzlich für drei Anwendungszwecke genutzt:

Rückhaltesysteme sorgen dafür, dass der Anwender gar nicht erst zu nahe an die jeweilige Absturzkante gelangen kann. Bei der Arbeit auf dem Dach würde dies also bedeuten, dass das sogenannte Verbindungsmittel auf eine Länge begrenzt ist, die es dem Dachdecker, Monteur oder Reinigungspersonal nicht ermöglicht, einen Schritt über die Dachkante hinaus zu tun.

Positionierungssysteme halten den Anwender hingegen sicher an seinem Arbeitsort und verhindern einen freien Fall, etwa beim Steigschutz.

Auffangsysteme sollen schließlich verhindern, dass der Anwender bei einem Sturz zu tief fällt oder gar aufschlägt. Sie fangen den Anwender auf, der dann innerhalb kürzester Zeit gerettet werden muss, damit keine schwerwiegenden Gesundheitsschäden zurückbleiben, etwa aufgrund eines Blutstaus.

Grundsätzlich sind Rückhaltesysteme den Auffangsystemen vorzuziehen, doch ist dies in Arbeitsfeldern wie beispielsweise der Maschinen- oder Fahrzeugwartung nicht immer ohne Weiteres möglich. In der Flugzeugwartung etwa müssen sich die Wartungstechniker frei auf der gesamten Fläche der Maschine bewegen können, um die Inspektion auch vorschriftgemäß durchführen zu können - ein Rückhaltesystem wäre in diesem Fall eher hinderlich, wohingegen sich ein Auffangsystem hier als deutlich praxistauglicher erweist.

Seilsicherungssysteme für bestmögliche Bewegungsfreiheit

Das technisch ausgereifteste System zur Absturzsicherung stellen voll überfahrbare Seilsicherungssysteme dar. Dabei wird ein Stahlseil mit verschiedenen Kurvenelementen, Zwischen- und Endhaltern über eine längere Distanz montiert und flexibel an die jeweiligen Bedingungen des Arbeitsumfeldes angepasst. Seilsicherungssysteme werden im Idealfall in Verbindung mit einem speziellen Bronzegleiter verwendet, der äußerst reibungslos über das gesamte System inklusive der Zwischenhalter läuft. Diese Technik erlaubt es dem Anwender, sich nach einmaligem Anschlagen über eine größere Strecke frei zu bewegen.

Mit Seilsicherungssystemen können ganze Flachdächer, aber auch Versorgungsstege oder Kranbahnen entlang der gesamten Verkehrswege gesichert werden. Auch für die Montage über Kopf sind Seilsicherungssysteme verfügbar, die beispielsweise dort Verwendung finden, wo der Arbeitsbereich zu weit in der Raummitte liegt, um sich entlang einer Wand zu befestigen. In Flugzeughallen und ähnlich großen Anlagen haben solche Überkopf-Systeme entscheidende Vorteile.

Dank variabler Zwischenhalter, die derzeit schon mit Kurven von 90 Grad auf einer Stütze zu haben sind, können Seilsicherungssysteme sehr flexibel an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst werden. Und Systeme, die ein sechs Millimeter starkes Stahlseil verwenden, sind nicht nur unauffällig, sondern auch kostengünstiger im Vergleich zu Systemen mit stärkeren Stahlseilen.

Die wichtigsten Regelungen zur Absturzsicherung

Autor: Ludwig Beckers

Dies ist eine Kurzfassung: Den vollständigen Artikel finden Sie im arbeitsicherheit.journal (8/2010). Sie interessiert der ganze Artikel?Hier in der Bibliothek anmelden und weiterlesen >>

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