DGUV Information 206-001 - Stress am Arbeitsplatz (bisher: BGI 609)

Online-Shop für Schriften

Jetzt bei uns im Shop bestellen

Jetzt bestellen
DGUV Information 206-001 - Stress am Arbeitsplatz
DGUV Information 206-001 - Stress am Arbeitsplatz (bisher: BGI 609)
Titel: Stress am Arbeitsplatz (bisher: BGI 609)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-001
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Stress am Arbeitsplatz
(bisher: BGI 609)

Vereinigung der Metall-Berufsgenossenschaften

Stand der Vorschrift: 2003

Vorwort

Arbeitsbedingter Stress entwickelt sich zu einem der größten Risikofaktoren unseres Industriezeitalters.

Wenn man bedenkt, dass vor ca. 50 Jahren dieser Begriff kaum jemandem bekannt war, allenfalls Physiker beschrieben ihn als "mechanische Spannung", so ist er heute gar nicht mehr aus unserem Sprachgebrauch wegzudenken.

Als der kanadische Mediziner Hans Selye erstmals "Stress" als Anpassungsreaktion des Körpers auf alles, was die Balance lebenswichtiger Funktionen, wie Temperatur und Blutdruck, stört, definierte, schien es, als hätte die Gesellschaft auf ein Wort für ihre körperlichen und seelischen Schieflagen gewartet.

Mittlerweile sehen nicht nur Wissenschaftler im "Stress" ein zentrales Phänomen unserer Leistungsgesellschaft. Einmütig attestieren Gewerkschaften, Arbeitgeber, die Unfallversicherungsträger und nicht zuletzt die Politik diesem Phänomen Wachstumsraten, die bedenklich sind. Die Weltgesundheitsorganisation hat Stress zu einer der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts erklärt.

In der Europäischen Union ist arbeitsbedingter Stress nach Rückenschmerzen das zweithäufigste Gesundheitsproblem geworden.

Man geht davon aus, dass arbeitsbedingte Stressursachen zu den aktuellen Krankheiten in der EU beitragen: 13 der Arbeitnehmer klagen über Kopfschmerzen, 17 % über Muskelschmerzen, 30 % über Rückenschmerzen, 20 % über Müdigkeit und 28 % über Stress. Die EU schätzt, dass Stresserkrankungen jährlich Kosten in Höhe von ca. 20 Mrd. Euro verursachen. Es wird angenommen, dass 50 bis 60 % aller Ausfalltage mit Stressproblemen im Zusammenhang stehen.

Stress am Arbeitsplatz ist nicht nur mit großem menschlichen Leid verbunden, sondern verursacht hohe Kosten und beeinträchtigt die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in erheblichem Maße. Neben den gesundheitlichen Auswirkungen manifestiert sich Stress u.a. in hohen Fehlzeiten, Personalfluktuation, mangelnder Arbeitssicherheit, schlechter Arbeitsmoral der Beschäftigten, mangelnder Innovation und geringerer Produktivität.

Infolgedessen weckt der arbeitsbedingte Stress in allen Industrieländern zunehmend das Interesse der Medien sowie der Öffentlichkeit.

Eine Frage stellt sich dabei immer wieder: Bestimmt der Charakter des Menschen, was ihn in Stress versetzt und ist der Einzelne vielleicht selbst Schuld an seinem Stress?

Natürlich geht jeder Mensch anders mit Stress um, zeigt andere Symptome und andere Stressreaktionen.

Aber es gibt in unserer modernen Industriegesellschaft ganz bestimmte äußere Faktoren, die mit großer Wahrscheinlichkeit Stress auslösen und damit dieses Thema zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema machen. Aus diesem Grund sind für eine gezielte Stressprävention primär "gesunde Organisationen" und sekundär die individuelle Stresssymptombekämpfung von Bedeutung, denn Unkenntnis über effiziente und stressfreie Organisationsformen der Arbeit ist die häufigste Ursache für ernste Stressprobleme.

Unsere Arbeitswelt ist von einem rasanten tief greifendem und kontinuierlichen Wandel geprägt: Globalisierung, Technisierung, Flexibilisierung, Outsourcing, Lean Management, Just-in-Time-Produktion ...

Die Arbeitsproduktivität steigt. Viele Arbeitnehmer arbeiten immer oder häufig unter enormen Zeitdruck.

Die Zukunft gehört Menschen mit "flexiblen Lebensläufen", d.h. mit häufiger wechselnden Aufgaben und Wohnsitzen und mit neuen Familienmodellen.

Während für die eine Gruppe von Berufstätigen Verantwortung und Entscheidungsspielraum größer werden, steigt gleichzeitig die Zahl jener, die in Unsicherheit, Arbeitslosigkeit oder im unfreiwilligen Vorruhestand leben werden.

Aber auch die Arbeit selbst verändert sich radikal. Die Kopfarbeit löst weitgehend die Muskelarbeit ab. Rund um die Uhr überfluten Informationen über Computer, Fax oder Telefon die Beschäftigten.

Die veränderten Aufgaben beanspruchen zwar weniger den Körper, verlangen aber oft bessere Nerven.

Zu diesem Wandel kommen einschneidende demografische Veränderungen in der Arbeitswelt, die zur Folge haben, dass es immer weniger jüngere Erwerbstätige und einen steigenden Anteil älterer Beschäftigter geben wird.

Der wirtschaftliche und soziale Umbruch, den wir zurzeit erleben, führt zwangsläufig zu Anpassungsproblemen sowohl in der Gesellschaft wie im einzelnen Organismus.

Diese Veränderungen unterstreichen die Notwendigkeit, sich der Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress zunehmend widmen zu müssen.

Grundsätzlich gilt: Ohne Stress kann der Mensch nicht leben. So wie ohne körperliche Anstrengung weder Muskeln noch Ausdauer entwickelt werden können, so braucht jeder Mensch auch psychische Belastungen, um sich der ständig wandelnden Umwelt anzupassen und Neues lernen zu können.

"Angemessener" Stress ist förderlich für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Produktivität, d.h. gesundheitsförderlicher Stress kann dazu führen, dass Menschen in richtigem Maße gefordert und gefördert werden. Und zwar immer dann, wenn sie, gemessen an ihren individuellen Möglichkeiten, die an sie gestellten Forderungen hinreichend gut erfüllen können. Das setzt aber die notwendigen Fähigkeiten und Informationen zur Bewältigung der an sie gestellten Aufgaben voraus.

Die "Stressantwort" auf Herausforderung oder Bedrohung ist schnelle Handlungsbereitschaft. Ist die Situation bewältigt, sind Zufriedenheit und Entspannung der Lohn - nicht aber, wenn das Problem überfordert. Es geht also nicht darum, Stress völlig zu vermeiden, dies wäre unrealistisch, sondern lange Stressperioden und chronischen Stress möglichst zu verhindern.

Mit In-Kraft-Treten des Arbeitsschutzgesetzes und des Sozialgesetzbuches VII (SGB VII) rückt zunehmend die Stressprävention ins Bewusstsein einer ganzheitlichen Gesundheitsorientierung.

Seitdem bemühen sich verantwortungsbewusste betriebliche und außerbetriebliche Akteure auf allen Ebenen zunehmend darum, Stress als eine wesentliche arbeitsbedingte Gesundheitsgefahr zu erkennen, zu definieren, zu beschreiben, zu bewerten und präventiv wirkungsvoll zu bekämpfen.

Mit dieser Broschüre soll sowohl aus berufsgenossenschaftlicher Sicht als auch aus Sicht eines Betriebes sowie der IG Metall das Thema "Stress" betrachtet und beleuchtet werden.

Bewusst ist hier auf eine wissenschaftliche Abhandlung dieses sehr komplexen Themas verzichtet worden.

Diese Veröffentlichung soll vielmehr eine praxisnahe und hilfreiche Ergänzung der bereits vorhandenen Literatur sein, die dem psychologischen Laien den Zugang zu diesem Thema erleichtert.

Die Verfasser

Redaktionelle InhaltsübersichtAbschnitt
  
Stress - Motor und Risikofaktor der modernen Welt 1
Gesundheitsschutz als Bestandteil moderner Unternehmenskultur1.1
Was ist Stress?1.2
Begriffsbestimmung1.3
Herausforderung an die Arbeitswelt im 21. Jahrhundert und die damit verbundenen Belastungen1.4
Krankheitsarten-/Fehlzeitenanalysen1.5
Einbeziehung psychischer Belastungen im nationalen und europäischen Arbeitsschutzrecht1.6
Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung
(DIN EN ISO 10075)
1.7
Individuelles Stresserleben1.8
Stressoren am Arbeitsplatz1.9
Möglichkeiten zur Sressprävention1.10
Wege zum Stressabbau1.11
Stress als Unfallursache2
Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren3
Stress aus Sicht der Arbeitnehmer4
Welche Bedeutung hat Stress?4.1
Stress als Ursache von Erkrankungen4.2
Was kann und muss getan werden?4.3
Wo können Beschäftigte und ihre betrieblichen Interessenvertreter weitere Informationen und Hilfestellung für den Abbau von psychischen Belastungen erhalten?4.4
Stress aus der Sicht eines Unternehmers5
Checklisten 6
Grundbedingungen für die Entwicklung von Checklisten für die Groberfassung6.1
Checklistenaufbau6.2
Checklisteneinsatz6.3
Checklisten6.4
Hinweis zur Datenauswertung6.5
Literaturangaben7