Fachbeitrag  Erste Hilfe  

An den Selbstschutz denken

Viele Arbeitsplätze liegen an schwer zugänglichen Stellen, vor allem in der Industrie und im Baugewerbe. Verunglückt dort ein Mitarbeiter, sind die Kollegen vor Ort doppelt gefordert: In einer ohnehin schon belastenden Ausnahmesituation müssen sie schnell entscheiden, ob und wie sie an den Verletzten herankommen können, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.

Bergung aus dem Sandsilo

Eine Situation, wie sie jederzeit passieren kann: Zwei Werksmitarbeiter erledigen Wartungsarbeiten an einem zu zwei Dritteln mit Sand gefüllten Silo. Dabei stürzt eine Person vier Meter tief, versinkt im nachrutschenden Schüttgut und kann sich aus eigener Kraft nicht befreien. Sein Kollege ist mit der Situation überfordert: Wie kann der Schwerverletzte schonend geborgen werden? Ein weiteres Nachrutschen des Schüttguts könnte die Person beim Herausziehen mit dem Kran festhalten, was mit tödlichen Verletzungen enden kann.

Wann der Retter eine PSA benötigt

Oft erfordern die örtlichen Gegebenheiten spezielle Schutzausrüstung oder/und Rettungsmittel: In geschlossenen Räumen müssen Gaswarngeräte und Atemschutzgeräte mitgeführt werden, wenn Erstickungsgefahr droht. In Behältern und engen Räumen sind die Zugangs- und Transportmöglichkeiten begrenzt. An vielen höher liegenden Arbeitsplätzen muss Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz verfügbar sein.

Doch in der Regel genügt es nicht, ein Pauschalgerät für alle Fälle in den Wandschrank zu legen. Für die Höhenrettung stehen zum Beispiel verschiedenste PSA-Ausführungen zur Verfügung. Manchmal kommt es auf den feinen Unterschied zwischen Gurt und Schlaufe an: Rettungsschlaufen sind geeignet, wenn das Anlegen eines Rettungsgurtes nicht möglich oder große Eile geboten ist. Bei Abseilgeräten wiederum ist die Stärke der Beanspruchung zu beachten.

Rettung in BG-Regeln und Vorschriften

Auch bei der Rettung gilt also: Jede PSA muss den individuellen Anforderungen entsprechen. Deshalb widmet sich gleich eine ganze Reihe Berufsgenossenschaftlicher Regeln ausschließlich diesem Thema. Die BGR 199 wurde speziell für die »Benutzung von PSA zum Retten aus Höhen und Tiefen« entwickelt. Über »PSA gegen Absturz« informiert außerdem die BGR 198.

Zu beachten sind ferner die Hinweise zur Rettung an besonderen Arbeitsplätzen. Sie finden sich in den jeweils relevanten BG-Regeln wie der BGR 177 »Steiggänge für Behälter und umschlossene Räume« oder der BGR 126 »Arbeiten in umschlossenen Räumen von abwassertechnischen Anlagen«. Und vergessen Sie die Basics nicht: Die BGV A 5 »Erste Hilfe« gilt natürlich branchenübergreifend. Auch einige Passagen aus dem Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) beziehen sich auf Rettungsmaßnahmen am Arbeitsplatz.

Relevante Gesetze, Regeln und Vorschriften

  • Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG)
  • Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV)
  • BGV A 5 »Erste Hilfe«
  • BGR 198 »Benutzung von PSA gegen Absturz«
  • BGR 199 »Benutzung von PSA zum Retten aus Höhen und Tiefen«
  • BGR 177 »Steiggänge für Behälter und umschlossene Räume«
  • BGR 126 »Arbeiten in umschlossenen Räumen von abwassertechnischen Anlagen«
  • BGR 189 »Benutzung von Chemikalienschutzanzügen CSA«
  • BGR 190 »Benutzung von Atemschutzgeräten«

Individualitäten berücksichtigen

Laut BGR 199 hat der Unternehmer im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung »die Eigenschaften festzulegen, die Persönliche Schutzausrüstungen zum Retten aufweisen müssen«.
Dabei sind zu berücksichtigen:

  • die Arbeitsbedingungen
  • die persönliche Konstitution der Mitarbeiter
  • Gefährdungen, die bei der Benutzung von PSA zum Retten auftreten können.

Bei Veränderungen der Rettungsbedingungen hat der Unternehmer nach § 3 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) die Ergebnisse der Gefährdungsbeurteilung zu prüfen. Diese Erkenntnisse müssen gemäß § 6 dokumentiert werden.

Welche PSA ist für die Rettung geeignet?

Einige der genannten BG-Regeln enthalten neben umfassenden Beschreibungen verschiedener PSA zum Retten auch Fallbeispiele für Gefährdungen und Maßnahmen bei der Benutzung von Rettungsausrüstungen. So werden die wichtigsten Systeme für die Höhenrettung detailliert in der BGR 199 beschrieben. Man erfährt dort unter Anderem, dass Rettungshubgeräte der Klasse A nur dann zu benutzen sind, wenn die zu rettende Person heraufgezogen werden muss. Besteht das Risiko, dass eine Person während eines Hubvorganges unter einem baulichen Hindernis stecken bleiben kann, sind dagegen Rettungshubgeräte der Klasse B erforderlich.

Pflicht des Unternehmern

Nach der PSA-Benutzungsverordnung muss der Unternehmer feststellen, ob die zur Auswahl stehenden Ausrüstungen

  • für die am Arbeitsplatz gegebenen Bedingungen geeignet sind.
  • den ergonomischen Anforderungen des Trägern genügen und gegebenenfalls angepasst werden können.
  • Schutz gegenüber der zu verhütenden Gefährdung bieten, ohne selbst eine größere Gefährdung mit sich zu bringen.

Es dürfen nur persönliche Schutzausrüstungen zum Retten ausgewählt werden, die das CE-Kennzeichen tragen. Ein Muster der CE-Kennzeichnung und einer Konformitätserklärung sind im Anhang 1 der BGR 199 zu finden.

Außerdem muss die Umgebung in die Wahl der PSA einbezogen werden. Befinden sich unterhalb des Benutzers feste oder flüssige Stoffe, in denen man versinken kann, dürfen zum Beispiel keine Rettungshubgeräte der Klasse B oder Abseilgeräte eingesetzt werden.

Selbst handeln oder auf die Profis warten?

Manchmal sind die örtlichen Gegebenheiten so schwierig, dass die Rettung den Profis überlassen werden muss. Die Berufsfeuerwehren verfügen zum Beispiel über speziell geschulte Einsatzkräfte. In der industriellen Höhenrettung bieten auch gewerblich organisierte Kletter-Spezialeinheiten ihre Dienste an: Firmen können die Spezialisten buchen, um individuelle Sicherheitskonzepte entwickeln zu lassen. Nach Absprache sind die Höhenretter auch während der Arbeitsabläufe präsent und überwachen die Einhaltung der Sicherheitsvorkehrungen.

Doch auch »normale« Mitarbeiter können viel dazu beitragen, dass im Notfall unverzüglich geholfen werden kann. Jeder Beschäftigte sollte immer darauf vorbereitet sein, die Rettungskette auslösen und Erste Hilfe leisten zu können. Das lässt sich am besten in gemeinsamen Übungen mit Rettungsprofis trainieren. Viele Firmen nutzen diese Gelegenheit bereits.

Gemeinsam den Ernstfall üben

Weil Feuerwehrleute selten Möglichkeit haben, die Rettung aus einem Silo zu trainieren, stellte die CEMEX Kies & Splitt GmbH (Elbe-Spree) ihr Werk zur Verfügung. »Eine solche Übung ist wertvoll für beide Seiten«, erklärt Gebietsleiter Marcel Busch.

Die Berliner Berufsfeuerwehr simulierte die Rettung zweier Unfallopfer, die bei der Übung von Dummys ersetzt wurden. Nach der Erstversorgung errichteten die Einsatzkräfte einen Schutzkasten, der verhindert, dass Material beim Herausziehen der Person nachrutscht. Anschließend konnte der Patient mit einer speziellen Trage und einem System aus Seilen und Flaschenzügen geborgen werden.

Dazu Marcel Busch: »Auch wir haben etwas aus dieser Übung gelernt: Es ist sicherlich schwierig für einen Mitarbeiter, in einer solchen Extremsituation trotz bestehender Vorgaben richtig zu reagieren. Wir werden an allen unseren Siloanlagen zusätzlich Schilder mit Verhaltensvorschriften für den Notfall anbringen.«

Christine Lendt

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