DGUV Information 202-111 - Mit Schulleitung gesunde, inklusive Schule gestalten ...

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Abschnitt 8.10, 8.10 Gesundheit und Inklusion als interdepen...
Abschnitt 8.10
Mit Schulleitung gesunde, inklusive Schule gestalten Handlungsempfehlungen und Reflexionsimpulse für Schulentwicklungsprozesse (DGUV Information 202-111)
Titel: Mit Schulleitung gesunde, inklusive Schule gestalten Handlungsempfehlungen und Reflexionsimpulse für Schulentwicklungsprozesse (DGUV Information 202-111)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 202-111
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 8.10 – 8.10 Gesundheit und Inklusion als interdependente Querschnittsthemen bearbeiten

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Schulentwicklungsprozesse und Fragen der Gesundheit sind untrennbar miteinander verknüpft. Schulen haben über die Schulzeit hinaus einen Einfluss auf die Gesundheit der Schülerinnen und Schüler sowie der in Schule Beschäftigten. Gleichzeitig ist die Gesundheit eben dieser Voraussetzung für die Gestaltung guter Lern- und Lehrbedingungen: "Wer Qualität will, muss also die Gesundheit fördern und umgekehrt" 98. Ähnlich wie der Begriff Inklusion ( siehe auch Kapitel 8.1) erweist sich auch die Vorstellung von Gesundheit dabei als komplex. Hundeloh empfiehlt mit Blick auf ein salutogen-ausgerichtetes Leitungshandeln die Orientierung an einem ganzheitlichen Verständnis von Gesundheit nach Hurrelmann:

"Gesundheit bezeichnet den Zustand des objektiven und subjektiven Befindens einer Person, der dann gegeben ist, wenn sie sich in den physischen, psychischen, sozialen, emotionalen und ökologischen Bereichen ihrer Entwicklung in Einklang mit den eigenen Möglichkeiten und Zielvorstellungen und den jeweils gegebenen äußeren Lebensbedingungen befinden. Gesundheit ist beeinträchtigt, wenn sich in einem oder mehreren dieser Bereiche Anforderungen ergeben, die von der Person in der jeweiligen Phase im Lebenslauf nicht erfüllt und bewältigt werden können" 99 .

Gesundheit erweist sich damit als dynamisches Geschehen, dass durch die situativen Bedingungen, aber auch durch das subjektive Empfinden beeinflusst und aktiv von den Akteuren hergestellt werden kann. Mit dem Ansatz der "Guten gesunden Schule" liegt bereits ein Konzept vor, das das Thema Gesundheit in diesem Verständnis als Querschnittsanliegen in der Schulentwicklung in einem Referenzrahmen beschreibt und als Voraussetzung wie Ergebnis gelingender Bildungs- und Erziehungsprozesse versteht 100 . Dabei zeigen sich erhebliche Überschneidungen zwischen dem Ansatz der "Guten gesunden Schule" und den Bemühungen um eine inklusionsorientierte Ausgestaltung von Schule und Unterricht. Die Überlegungen zum Umgang mit Heterogenität bilden einen zentralen Faktor des Konzepts 101. Entsprechend sinnvoll erscheint es die Querschnittsanliegen Gesundheit und Inklusion in den Prozessen der Schulentwicklung zusammenzudenken.

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In Anbetracht der oftmals knappen Ressourcenlage und der widersprüchlichen Bedingungen in den Schulen ist einerseits durchaus nachvollziehbar, dass im Rahmen inklusiver Schulentwicklung Verschlechterungen der Lehr- und Lernbedingungen und damit auch mögliche Gesundheitsrisiken für Schülerinnen und Schüler wie auch Mitarbeitende befürchtet werden 102 . Andererseits unterstützt Inklusion in ihrer Zielperspektive, die Möglichkeit, allen Schülerinnen und Schüler die Teilhabe an entsprechend individuell ausgestalteten und qualitativ hochwertigen Bildungs- und Erziehungsprozessen zu ermöglichen und damit eine auch in gesundheitlicher Hinsicht höhere Lebensqualität. In mehreren Studien 103 wurde herausgearbeitet, dass Schulleitungen die Gesundheit der Akteure in ihrer Schule durch den expliziten Einbezug gesundheitsrelevanter Erkenntnisse in das Leitungshandeln unterstützen können. In einer salutogenen Ausrichtung des Leitungshandeln können sie im Arbeitsumfeld der schulischen Akteure auf der einen Seite Ressourcen stärken ( siehe auch Kapitel 8.6) und auf der anderen Seite Belastungen verringern ( siehe auch Kapitel 8.9). Dies gilt in der unmittelbaren Interaktion mit den in Schule Beteiligten und drückt sich insbesondere in einem wertschätzenden, beteiligenden Führungsstil gegenüber den Akteuren in Schule aus, ähnlich wie er im Hinblick auf ein inklusionssensibles Leitungshandeln beschrieben wurde ( siehe auch Kapitel 8.4). Gleichzeitig spiegelt sich ein salutogenes Leitungshandeln in den strategischen Überlegungen und Anstrengungen wieder, Belastungsquellen in den Strukturen, Praktiken und Kulturen der eigenen Schule systematisch zu identifizieren und ungenutzte Ressourcen in Schule und Umfeld zu akquirieren. Unsere Studie hat ergeben, dass tatsächlich ein interdependenter Zusammenhang zwischen der Berücksichtigung von gesundheitsrelevanten Fragestellungen und der Ausgestaltung schulischer Inklusion bzw. des Gemeinsamen Lernens besteht. Die quantitativen Daten haben gezeigt, dass Schulleitungen, die Fragen der Gesundheit berücksichtigen, auch größere Fortschritte in zentralen Dimensionen der Ausgestaltung schulischer Inklusion bzw. des Gemeinsamen Lernens berichten 104. Deutlich wurde aber auch, dass die Ausgestaltung konkreter gesundheitsunterstützender Maßnahmen in der Praxis geringer ausfällt als die grundsätzliche Betonung ihrer Wichtigkeit. Offensichtlich werden Fragen der Gesundheit grundlegend eine bedeutsame Rolle zugesprochen, aber vergleichsweise seltener spezifische Maßnahme zur ihrer Erhaltung und Förderung durchgeführt.

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string Das heißt, wir haben eigentlich immer so Leitlinien entwickelt und auch so ein ziemlich eingängiges Schaubild, wie wir Schulentwicklung in den nächsten Jahren hier vorhaben. Unsere Entwicklungsziele sind einmal Inklusion, einmal gute, gesunde Schule und einmal eben Nachhaltigkeit und Partizipation. Und das heißt, wir stellen uns bei jedem Ziel oder bei jedem Schritt, den wir auf dem Weg zu einem Ziel verfolgen, die Fragen, ist das eigentlich eine inklusive Entscheidung? Ist das eine gute und gesunde Entscheidung? Und ist das eine nachhaltige Entscheidung, die eben auch so was wie Partizipation fördert?
(didaktische Leitung, Gesamtschule)
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In den Interviews konnten wir feststellen, dass vor allem Schulleitungen, die eine umfassende Bearbeitung des Inklusionsauftrages an ihrer Schule angeleitet und koordiniert haben, vielfältige Möglichkeiten der Unterstützung von Gesundheit im eigenen System berichten. Neben spezifischen Maßnahmen wie etwa der Organisation von Fortbildungen und Evaluationen sowie der Benennung von Verantwortlichen zu dem Themenbereich Gesundheit, wurden vor allem Möglichkeiten eines grundlegenden, gesundheitsfördernden Führungsstils beschrieben, um die Mitarbeitenden zu entlasten und zu unterstützen (→ siehe auch Kapitel 8.4). Beschrieben wird in dieser Hinsicht ein wertschätzender, auf die individuellen Bedürfnisse und Kompetenzen der Lehrkräfte ausgerichteter und verlässlicher Führungsstil.

"Die Schulleitung fragt regelmäßig danach: Wo hast Du Deine Oasen im Alltag? Wo schöpfst Du Kraft her, was kannst Du gebrauchen?" (Lehrkraft Gesamtschule).

Gelingt eine entsprechende Ausrichtung des Führungshandelns, dann ist eine überaus engagierte Arbeit in der Schule bei gleichzeitig hoher Arbeitszufriedenheit und geringer psychischer Belastung im Kollegium zu beobachten. Dies wird als optimale Voraussetzung für die Ausgestaltung schulischer Inklusion im eigenen System gesehen.

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Schulleitungen können auf verschiedene Weise die Gesundheit unterstützen. Es erscheint sinnvoll, die theoretischen und empirischen Erkenntnisse zu Gesundheit und Inklusion zusammenzudenken. Möglich ist hier:

  • das Qualitätstableau der guten gesunden Schule in der Schulleitung und/oder im Kollegium als Reflexionsfolie für das Thema Gesundheit in der eigenen Schule zu nutzen 105;

  • den Index für Inklusion 106  und/oder das Aargauer-Bewertungsraster 107  oder die sieben Merkmale guter, inklusiver Schule nach Arndt & Werning als Reflexionsfolie für das Thema Inklusion in der eigenen Schule zu nutzen 108;

  • gemeinsam die Zusammenhänge und Schnittmengen zwischen dem Konzept "Gute gesunde Schule" und inklusive Schule zu reflektieren;

  • davon ausgehend ein Tableau im Sinne "Gute gesunde und inklusive Schule" für die eigene Schule zu überarbeiten und die wichtigsten Bausteine für die eigene Schule identifizieren;

  • das Tableau für die weitere Arbeit als Orientierungs- und Reflexionshilfe zu nutzen und entlang der einzelnen Dimensionen und Bereiche sich mit folgenden Fragen zu beschäftigen:

    • Wo liegen besondere Belastungsquellen an unserer Schule?

    • Wo finden wir ungenutzten Ressourcen in unserer Schule?

    • In welchen Bereichen/Dimensionen wollen wir uns in Richtung einer guten gesunden und inklusiven Schule weiterentwickeln?

Zu den Dimensionen sollte selbstverständlich auch das Leitungshandeln gehören ( siehe 5. Dimension im Referenzrahmen "Gute gesunde Schule" 109 und Kapitel 8.4).

Es gibt zudem weitere Materialien, Veröffentlichungen 110 und praktische Maßnahmen, die Schulen dabei unterstützen können, gesundheitsförderliche Prozesse im Kontext inklusionsorientierter Schulentwicklungsprozesse zu integrieren.

98

Hundeloh 2012

99

Hurrelmann 2000

100

Hundeloh 2012; Brägger & Posse 2007

101

Arndt & Werning 2016

102

Erbring 2012

103

Hundeloh 2012

104

Amrhein et al. 2018

105

Posse & Brägger 2008

109

Hundeloh 2012; Brägger & Posse 2007; DGUV Information 202-083 "Fachkonzept - Mit Gesundheit gute Schulen entwickeln"

110

Erbring 2012; 2014; 2016; 2021