DGUV Information 207-206 - Prävention chemischer Risiken beim Umgang mit Desinfe...

Online-Shop für Schriften

Jetzt bei uns im Shop bestellen

Jetzt bestellen
DGUV Information 207-206 - Prävention chemischer Risiken bei...
DGUV Information 207-206 - Prävention chemischer Risiken beim Umgang mit Desinfektionsmitteln im Gesundheitswesen - Factsheets - (DGUV Information 207-206)
Titel: Prävention chemischer Risiken beim Umgang mit Desinfektionsmitteln im Gesundheitswesen - Factsheets - (DGUV Information 207-206)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 207-206
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Prävention chemischer Risiken beim Umgang mit Desinfektionsmitteln im Gesundheitswesen
- Factsheets -
(DGUV Information 207-206)

Information

string DGUV
Deutsche Gesetzliche
Unfallversicherung
Spitzenverband

Stand der Vorschrift: Dezember 2016

 

Erläuterungen zur Sektion

Die Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) ist ein Zusammenschluss von Institutionen, die für das System der sozialen Sicherheit sorgen.

Sie umfasst heute über 330 Mitgliedsinstitutionen in über 160 Ländern. Die 13 internationalen IVSS-Sektionen für die Verhütung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten nehmen bei der Prävention eine Schlüsselstellung ein.

Die BGW leitet die Sektion für die Verhütung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten im Gesundheitswesen.

Adresse/Kontakt

IVSS-Sektion Gesundheitswesen
Pappelallee 33/35/37
22089 Hamburg

Hinweis:

Die DGUV versteht sich als gesellschaftliche Akteurin. Als solche ist sie der Gleichbehandlung von Frauen und Männern verpflichtet - auch in der Kommunikation.

Diese Schrift setzt die Grundsätze der sprachlichen Gleichbehandlung um, soweit es sich um von der DGUV formulierte Texte handelt. Bei normativen Texten bzw. Texten, die von dritten Stellen übernommen wurden, ist allerdings eine Anpassung im Detail nicht möglich.

Inhaltsübersicht Abschnitt
  
Vorbemerkungen  
Vorwort  
Einleitung  
Factsheet 1:
Prinzipien der Desinfektion
1
Factsheet 2:
Prinzipien der Prävention
2
Factsheet 3:
Gefahren chemischer Desinfektionsmittel
3
Factsheet 4:
Auswahl sicherer Desinfektionsmittel
4
Factsheet 5:
Flächendesinfektion
5
Factsheet 6:
Instrumentendesinfektion
6
Factsheet 7:
Hände- und Hautdesinfektion
7
Factsheet 8:
Besondere Verfahren (Desinfektion von Räumen, Geräten bzw. Wäsche)
8

Vorbemerkungen

In Einrichtungen des Gesundheitswesens werden Desinfektionsmaßnahmen durchgeführt, deren Umfang und Intensität sich nach der bestehenden Infektionsgefahr richten.

Dabei müssen die Hygieneverantwortlichen regelmäßig auf den Einsatz chemischer Desinfektionsmittel zurückgreifen, um die notwendige Reduzierung der Infektionslast zu erreichen. Dies bringt aber andere Gefährdungen mit sich, die von den schädigenden Eigenschaften der Desinfektionsmittelinhaltstoffe ausgehen und bei den diversen Desinfektionsverfahren auf die Beschäftigten einwirken können. Im Jahr 2014 wurden z. B. bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) 7 229 Hauterkrankungen und 439 Atemwegserkrankungen als beruflich bedingte Erkrankungen angezeigt, viele davon betrafen Beschäftigte in Krankenhäusern, Arzt- und Zahnarztpraxen und Pflegeberufen, also Beschäftigte, die regelmäßigen Umgang u. a. mit Desinfektionsmitteln haben.

Daher ist jeder Arbeitgeber bzw. jede Arbeitgeberin verpflichtet, vor dem Einsatz chemischer Stoffe oder Produkte eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen, um die Expositionen am betroffenen Arbeitsplatz zu ermitteln, die daraus resultierenden Gefährdungen der Beschäftigten zu beurteilen und die notwendigen Schutzmaßnahmen festzulegen.

Die aktuellen rechtlichen Vorgaben zu Sicherheit und Gesundheitsschutz bei Tätigkeiten mit Desinfektionsmitteln im Gesundheitswesen beziehen sich in Deutschland u. a. auf das Arbeitsschutzgesetz und das Chemikaliengesetz, die Gefahrstoffverordnung, die Technischen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS) allgemein und die TRGS 525 "Gefahrstoffe in Einrichtungen der medizinischen Versorgung" (Stand: 2014) im Einzelnen sowie spezielle branchenbezogene Regeln.

Sicherer Umgang mit Desinfektionsmitteln in Europa

Seit der erstmaligen Veröffentlichung der TRGS 525 im Jahre 1998 und der dazu gehörigen erläuternden BG-Regel 206 im Jahre 1999 haben immer mehr europäische Regulierungsinhalte den Arbeitsschutz beeinflusst, z. B. die Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 (REACH-Verordnung), die Verordnung (EU) Nr 528/2012 (Biozid-Verordnung), die CLP-Verordnung (EU) No 1272/2008 (CLP-Verordnung) etc. Daher ist es nur konsequent, dass auch auf supranationaler Ebene Aktivitäten entstanden, die Prävention bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen abzustimmen und länderübergreifende Hilfestellungen für die betroffenen Betriebe und Beschäftigten zu erstellen. Für die hier betrachtete Branche sind neben dem Leitfaden der EU-Kommission "Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit im Gesundheitswesen" [Europäische Union, 2012] insbesondere Factsheets zur "Prävention chemischer Risiken beim Umgang mit Desinfektionsmitteln im Gesundheitswesen" [IVSS-Sektion Gesundheitswesen, 2014] entstanden. Dazu haben Fachleute der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW), des französischen Institut nationale de recherche et de scurit (INRS) sowie der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) den aktuellen Wissensstand zu Gefährdungen und Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit Desinfektionsmitteln zusammengetragen und in acht verschiedenen Abschnitten (Factsheet 1 bis 8) dargestellt. Jedes Factsheet ist für sich lesbar und enthält alle wesentlichen Informationen zu dem angesprochenen Themenkreis. Sie wenden sich an Verantwortliche in Einrichtungen, die Desinfektionsarbeiten organisieren und durchführen, an Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmediziner sowie andere Spezialisten und Spezialistinnen der Arbeitssicherheit, z. B. Arbeitshygienikerinnen und Arbeitshygieniker, Fachkräfte für Arbeitssicherheit, aber auch an Beschäftigte und betriebliche Personalvertretungen.

Erläuterungen/Ergänzungen

Sicherheit und Gesundheitsschutz bei Tätigkeiten mit Desinfektionsmitteln sind in Europa durch die verschiedenen Richtlinien sowie deren nationalen Umsetzungen und EU-Verordnungen sehr einheitlich geregelt. Dies gilt auch für das Nicht-EU-Land Schweiz, welches sich aufgrund der Insellage in der EU eng an die europäischen Normen anlehnt. Dennoch gibt es kleine nationale Besonderheiten, auf die die vorliegenden Factsheets im Einzelnen nicht eingehen konnten. Zudem befindet sich das normative Regelwerk ständig in Bewegung, sodass eine erstellte schriftliche Hilfestellung nie völlig aktuell sein kann. Daher werden hier noch einige Erläuterungen gegeben und spezielle Regelungen für Deutschland genannt.

Geltungsbereich

Desinfektionsarbeiten sind Standardtätigkeiten im Gesundheitswesen und betreffen alle gesundheitsdienstlichen Einrichtungen. Diese Einrichtungen sind gemäß TRGS 525

  1. a)

    Unternehmen bzw. Teile von Unternehmen, deren Beschäftigte bestimmungsgemäß

    1. 1.

      Menschen stationär oder ambulant medizinisch untersuchen, behandeln oder pflegen,

    2. 2.

      Körpergewebe, -flüssigkeiten und -ausscheidungen von Menschen gewinnen, untersuchen und entsorgen,

    3. 3.

      Hauskrankenpflege durchführen

    4. 4.

      Rettungs- und Krankentransporte ausführen, und

  2. b)

    Unternehmen bzw. Teile von Unternehmen, deren Beschäftigte bestimmungsgemäß

    1. 1.

      Tiere stationär oder ambulant medizinisch untersuchen, behandeln oder pflegen,

    2. 2.

      Körpergewebe, -flüssigkeiten und -ausscheidungen von Tieren gewinnen, untersuchen und entsorgen,

    3. 3.

      Tierkrankentransporte ausführen und

    4. 4.

      Tiere im Tierbestand untersuchen, behandeln oder pflegen.

Somit richtet sich die vorliegende Schrift unter anderem an folgende Unternehmen:

  • Krankenhäuser

  • Arzt- und Zahnarztpraxen

  • Dentallaboratorien

  • Psychiatrische Einrichtungen

  • Rettungsdienste

  • Hauskrankenpflege, Pflegedienste

  • Unternehmen mit Einrichtungen zur physikalischen Therapie

  • Freie, nicht akademische Heilberufe

  • Institutionen des öffentlichen Gesundheitsdienstes wie Gesundheitsämter, Desinfektionsanstalten, Medizinaluntersuchungsämter

  • Pflegeheime

  • Einrichtungen der medizinischen Rehabilitation

  • Apotheken

  • Veterinärmedizinische Einrichtungen (z. B. Tierkliniken, Tierarztpraxen, tierärztliche Hausapotheken).

Die Informationen aus den IVSS-Factsheets beziehen sich auf alle vorgenannten Einrichtungen und Arbeitsplätze, auch wenn sie nicht explizit in den Texten erwähnt werden sollten; Desinfektionsarbeiten in Einrichtungen der Veterinärmedizin werden allerdings nur dort abgedeckt, wo sie vergleichbar mit Arbeiten in Einrichtungen der Humanmedizin sind. Sofern dort spezielle Desinfektionsverfahren eingesetzt werden (z. B. Stalldesinfektion, Stiefeldesinfektion etc.), sind ergänzende Gefährdungsbeurteilungen notwendig.

Bezüglich der Desinfektion von Abfällen und Ausscheidungen wird auf andere Quellen verwiesen, insbesondere auf TRBA 250 "Biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitswesen und in der Wohlfahrtspflege" (www.bgw-online.de) und Mitteilung 18 der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Abfall-LAGA (www.laga-online.de).

Bezüglich der Prävention von Infektionsgefahren (z. B. beim Umgang mit Wäsche, Instrumenten, Geräten, bei der Instandhaltung etc.) wird ebenfalls auf TRBA 250 verwiesen, insbesondere auf Kapitel 5 "Spezifische Arbeitsbereiche und Tätigkeiten - besondere und zusätzliche Schutzmaßnahmen".

Erläuterungen zur Hygiene, insbesondere in Factsheet 1 "Prinzipien der Desinfektion", dienen dazu, ausgewählte Grundsätze der Hygiene für Fachleute der Prävention darzulegen. Sie sollen auch helfen, das gegenseitige Verständnis für die jeweiligen fachlichen Sachzwänge zu verbessern. Die Erläuterungen ersetzen jedoch keine hygienische Beratung; einzelne Begriffe können zudem im nationalen Kontext abweichen.

Factsheets dienen zur Erläuterung der Aussagen der TRGS 525

Die TRGS 525 "Gefahrstoffe in Einrichtungen der medizinischen Versorgung" umfasst die meisten relevanten Tätigkeiten mit Gefahrstoffen im Gesundheitswesen. Daher konnten in den Text der TRGS nur wesentliche "Eckpfeiler" des Arbeitsschutzes bei den verschiedenen Tätigkeiten mit Gefahrstoffen im Gesundheitsdienst aufgenommen werden. Ansonsten wäre der Umfang der Technischen Regel gesprengt worden. Die Factsheets stellen daher eine umfangreiche Erläuterung vieler Anforderungen der TRGS 525 dar, sofern sie die Desinfektion mit Desinfektionsmitteln betreffen (s. Kap. 7 der TRGS). Die folgende Tabelle 1 stellt die Aussagen der TRGS 525 in eine Verbindung mit den verschiedenen IVSS-Factsheets.

Tabelle 1: Verknüpfung der Factsheets mit den Inhalten der TRGS 525

Kapitel/Abschnitt in der TRGS 525Inhalt der TRGS 525Factsheet
  1. 7

    Tätigkeiten mit Desinfektionsmitteln

Die für Einrichtungen der medizinischen Versorgung spezifischen Desinfektionsmittel werden eingesetzt z. B. bei der
  1. 1.

    Händedesinfektion,

  2. 2.

    Haut-/Schleimhautantiseptik,

  3. 3.

    Flächendesinfektion,

  4. 4.

    Instrumentendesinfektion,

  5. 5.

    Wäschedesinfektion.

FS1 (PD)
  1. 7.1

    Grundsätze bei Tätigkeiten mit Desinfektionsmitteln

 FS2 (PP)
  1. 7.1.1

    Informationsermittlung und Gefährdungsbeurteilung

(1) Der Arbeitgeber hat alle Arbeitsbereiche und Arbeitsverfahren zu erfassen, bei denen Beschäftigte Tätigkeiten mit Desinfektionsmitteln durchführen. Im Gefahrstoffverzeichnis sind alle Desinfektionsmittel aufzuführen. Der Desinfektionsmitteleinsatzplan kann das Gefahrstoffverzeichnis ergänzen. Es muss auf die ggf. erforderliche Kennzeichnung von Biozid-Produkten gemäß ChemBiozidMeldeV mit der Registriernummer hingewiesen werden.FS 1 (PD) und FS2 (PP)
(2) Vor der Entscheidung über den Einsatz von Desinfektionsmitteln ist zu prüfen, ob eine Desinfektion fachlich geboten und zu begründen ist. Die Entscheidung darüber erfordert eine interdisziplinäre Abstimmung zwischen den verantwortlichen Hygiene- und Arbeitsschutzexperten. Die Auswahl der Mittel richtet sich nach dem Anwendungsbereich, dem Spektrum der zu erwartenden Infektionserreger, der Art und Beschaffenheit der Oberflächen einschließlich der Milieubedingungen unter Einbeziehung des Arbeitsschutzes nach dem Stand der Technik. Umweltschutzaspekte sind bei der Auswahl zu berücksichtigen.FS1 (PD)
(3) Vor dem Einsatz von Desinfektionsmitteln und -verfahren hat der Arbeitgeber die Gefährdungen zu ermitteln, zu beurteilen und die erforderlichen Schutzmaßnahmen zur Minimierung der Gefahrstoffexposition festzulegen.FS2 (PP)
  1. 7.1.2

    Ersatzstoffprüfung und Prüfung alternativer Verfahren

(1) Es ist zu prüfen, ob der Einsatz von Desinfektionsmitteln durch andere (z. B. thermische) Verfahren ganz oder teilweise ersetzt werden kann, z. B. bei der Instrumentendesinfektion.FS1 (PD)
(2) Im Rahmen der chemischen Desinfektion ist zu prüfen, ob Gefährdungen durch Verfahrensänderung (z. B. Einsatz maschineller Verfahren in der Instrumentendesinfektion, Verzicht auf Ausbringungsverfahren mit Aerosolbildung bei der Flächendesinfektion) verringert werden können.FS2 (PP)
FS5 (F)
FS6 (I)
FS7 (H)
(3) Für eine Ersatzstoffprüfung sind die für wirksam befundenen Mittel (z. B. nach VAH-Liste [57], RKI-Liste [59], DVG-Liste [58], IHO-Liste [69]) hinsichtlich ihrer Gefährdungen nach GefStoffV zu beurteilen. Bei gleicher Wirksamkeit sind die Mittel mit dem geringsten Gefährdungspotenzial auszuwählen.FS2 (PD)
FS3 (GCD)
FS4 (ASD)
FS5 (F)
FS6 (I)
FS7 (H)
FS8 (BV)
(4) Das Ergebnis der Prüfung von Ersatzstoffen und -verfahren ist zu dokumentieren und auf Anforderung der zuständigen Behörde zur Verfügung zu stellen. 
  1. 7.2

    Schutzmaßnahmen

 FS2 (PP)
FS5 (F)
FS6 (I)
FS7 (H)
FS8 (RGW)
  1. 7.2.1

    Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit Desinfektionsmittelkonzentraten

(1) Zur Verdünnung von Desinfektionsmittelkonzentraten sind die Herstellervorgaben einzuhalten. Bei der Verdünnung mit Wasser ist zu berücksichtigen, dass es u. U. zur ungewollten Freisetzung von Wirkstoffen in die Atemluft kommen kann (z. B. bei zu hoher Wassertemperatur).FS5 (F)/Kap. 7
FS6 (I)/Kap. 7
(2) Zur Herstellung der Gebrauchslösungen sind möglichst automatische Dosiergeräte zu verwenden. Bei Handdosierung sind technische Dosierhilfen (z. B. Dosierpumpen, Dosierbeutel, Messbecher) zu verwenden. Die für den vorgesehenen Anwendungsfall erforderliche Anwendungskonzentration ist strikt einzuhalten. Diese sollte im Desinfektionsmitteleinsatzplan immer angegeben und in der arbeitsplatzbezogenen Betriebsanweisung enthalten sein.FS2 (PP)
FS5 (F)/Kap. 7
FS6 (I) Kap. 7
(3) Ein Mischen verschiedener Produkte ist nur nach Herstellerangaben zulässig. 
(4) Bei der Herstellung der Gebrauchslösungen ist der Hautkontakt/Schleimhautkontakt unbedingt zu vermeiden. Bei diesen Tätigkeiten sind geeignete Schutzhandschuhe nach DIN EN 374-3 (z. B. aus Nitrilkautschuk), Schutzbrille und ggf. Schürze oder Kittel zu tragen. Nicht nach DIN EN 374-3 geprüfte medizinische Einmalhandschuhe sind nicht geeignet. Zur Auswahl der Schutzhandschuhe siehe nähere Informationen in "Literatur" [31].FS2 (PP)
FS5 (F)/Kap. 7
FS6 (I)/Kap. 7
  1. 7.2.2

    Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit Gebrauchslösungen

(1) Bei Tätigkeiten mit Gebrauchslösungen ist der direkte Kontakt mit der Haut, Schleimhaut und das Einatmen der Dämpfe zu vermeiden. Gefäße mit Gebrauchslösungen sind nach dem Herstellen und jeder Entnahme zu verschließen.FS2 (PP)
FS5 (F)/Kap. 7
FS6 (I)/Kap. 7
(2) Bei der Scheuer- und Wischdesinfektion von Oberflächen ist darauf zu achten, dass keine Pfützen oder Flüssigkeitsflecken verbleiben, aus denen Wirkstoffe (insbesondere Aldehyde) über längere Zeit an die Raumluft abgegeben werden. Zur Vermeidung einer Grenzwertüberschreitung ist für eine ausreichende Raumbelüftung bei und direkt nach der Desinfektionsmaßnahme zu sorgen.FS5 (F)/Kap. 5 und 7
(3) Eine Sprühdesinfektion ist nur in begründeten Ausnahmefällen zulässig, z. B. beim Ausbringen von Schäumen oder wenn die zu desinfizierende Oberfläche bei der Wischdesinfektion vom Desinfektionsmittel anders nicht erreicht werden kann, z. B. offenporige oder stark strukturierte Oberflächen.FS5/Kap. 3b
(4) Bei der medizinischen Versorgung von Nutztieren (z. B. Wiederkäuer, Pferd, Schwein), in der Tierpathologie als auch bei der Versorgung von Kleintieren kann es erforderlich sein, Desinfektionsmittel als Aerosol oder in Schaumform auszubringen. Dies ist aufgrund der Größe der Tiere, der Beschaffenheit der Tierhaut aber auch aufgrund der schweren Zugänglichkeit der mit dem Desinfektionsmittel zu benetzenden Flächen begründbar. Da bei dieser Tätigkeit Expositionen nicht zu vermeiden sind, ist die bereitgestellte persönliche Schutzausrüstung (z. B. Stiefel, Schutzhandschuhe, Schürze, Augen- und Atemschutz) entsprechend der Gefährdungsbeurteilung zu benutzen. Die Eignung der Schutzhandschuhe ist abhängig von den Vorgaben des Sicherheitsdatenblatts für das verwendete Desinfektionsmittel und der von der Tierspezies abhängigen erforderlichen mechanischen Festigkeit. 
(5) Desinfektionsmittel, deren primär wirksame Bestandteile Alkohole sind, dürfen zur Flächendesinfektion nur verwendet werden, wenn eine schnell wirkende Desinfektion notwendig ist. Hierbei ist folgendes zu beachten:
  1. 1.

    Die ausgebrachte Gesamtmenge pro Raum darf aus Gründen der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes sowie des Explosionsschutzes nicht mehr als 50 ml je m2 Raumgrundfläche betragen.

  2. 2.

    Aerosolbildung muss so weit wie möglich vermieden werden. Heiße Flächen müssen vor der Desinfektion abgekühlt sein.

  3. 3.

    Mit der Desinfektion darf erst begonnen werden, wenn keine anderen brennbaren Gase oder Dämpfe in der Raumluft vorhanden sind (z. B. Anwendung von Wundbenzin, Instrumentendesinfektion mit Alkoholen).

FS2 (PP)
FS5 (F)/Kap. 7
FS6 (I)/Kap. 7
(6) Wegen der Brand- und Explosionsgefahr können zusätzlich Schutzmaßnahmen erforderlich sein. Besonders vor dem Einsatz elektrischer Geräte, z. B. Elektrokauter, ist das Abtrocknen des alkoholischen Desinfektionsmittels auf Haut und Flächen abzuwarten. Es ist sicherzustellen, dass keine Pfützen oder Flüssigkeitsflecken verbleiben. Der Einsatz alkoholischer Desinfektionsmittel ist im Wirkbereich von offenen Flammen oder anderen Zündquellen nicht zulässig.FS7 (H)/Kap. 7
  1. 7.3

    Arbeitsanweisung/Betriebsanweisung

Der Arbeitgeber hat eine schriftliche Betriebsanweisung gemäß TRGS 555 zu erstellen. Es ist sinnvoll, die arbeitsbereichs- und stoffgruppen- oder stoffbezogene Betriebsanweisung mit den Vorgaben aus dem Hygiene- und Desinfektionsmitteleinsatzplan sowie dem Hautschutzplan in einer Arbeitsanweisung zusammenzufassen.FS2 (PP)/Kap. 8

Abkürzung der Factsheetbezeichnung:
FS1 (PD)=Prinzipien der Desinfektion
FS2 (PP)=Prinzipien der Prävention
FS3 (GCD)=Gefahren chemischer Desinfektionsmittel
FS4 (ASD)=Auswahl sicherer Desinfektionsmittel
FS5 (F)=Flächendesinfektion
FS6 (I)=Instrumentendesinfektion
FS7 (H)=Hände- und Hautdesinfektion
FS8 (BV)=Besondere Verfahren (Desinfektion von Räumen, Geräten bzw. Wäsche)

Formaldehyd: Einstufung als krebserzeugend der Kategorie 1B

Formaldehyd ist seit 2014 offiziell als krebserzeugend der Kategorie 1B sowie als keimzellmutagen Kategorie 2 (verdächtig) eingestuft [Verordnung (EU) Nr. 605/2014 der Kommission vom 5. Juni 2014]. Formaldehyd gilt nun als eine Substanz, für deren krebserzeugende Wirkung ein Schwellenwert angegeben werden kann, unterhalb dessen ein sicherer Umgang mit dem Stoff möglich ist. Daher wurde im März 2015 in der Technischen Regel für Gefahrstoffe (TRGS) 900 "Arbeitsplatzgrenzwerte" ein neuer Grenzwert (AGW) für Formaldehyd veröffentlicht, der bei 0,3 ml/m3 bzw. 0,37 mg/m3 liegt. Ein Risiko der Fruchtschädigung braucht bei Einhaltung des AGW und des "Biologischen Grenzwertes - BGW" nicht befürchtet zu werden [Gem. Min.Bl. 7 vom 2. März 2015].

Diese Einstufung konnte in den vorliegenden Factsheets noch nicht berücksichtigt werden. Sie führt dahin, dass im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung die regelmäßige Verwendung von Formaldehyd als Wirkstoff in Desinfektionsmitteln nur noch vorgesehen werden darf, wenn der AGW durch das verwendete Arbeitsverfahren eingehalten werden kann.

Kann aus hygienischen Gründen nicht auf Formaldehyd als Wirkstoff verzichtet werden und wird der Grenzwert für Formaldehyd nicht eingehalten (oder ist der Nachweis der Einhaltung noch nicht geführt), so sind alle Maßnahmen der § 10 und § 14 Absatz 3 GefStoffV zu ergreifen. Darunter fallen eine zügige Expositionsermittlung, die Abgrenzung der betroffenen Gefahrenbereiche, die Bereitstellung und das Tragen von Persönlicher Schutzausrüstung, z. B. Atemschutz, ein Verbot der Umluftrückführung, die Unterrichtung der betroffenen Beschäftigten und das Führen eines Verzeichnisses über die betroffenen Beschäftigten (Expositionsverzeichnis).

Auswahl sicherer Desinfektionsmittel

Für die Selektion eines aus Arbeitsschutzaspekten möglichst sicheren Desinfektionsmittels wird in Factsheet 4 "Auswahl sicherer Desinfektionsmittel" ein Verfahren beschrieben. Es beruht auf einer Analyse des deutschen Marktes für Desinfektionsmittel und nutzt, ähnlich zum sogenannten "Spaltenmodell" des Institutes für Arbeitsschutz (IFA), eine Auswertung der Kennzeichnungsinformationen der Desinfektionsmittel. Das Verfahren beruht auf den Informationen gemäß der sogenannten Zubereitungsrichtlinie.

Wegen der Umstellung der Kennzeichnungen chemischer Produkte von der klassischen Einstufung und Kennzeichnung nach der Zubereitungsrichtlinie auf die neue Gefahrstoffeinstufung und -kennzeichnung nach CLP-Verordnung befinden sich diese Informationen momentan in einem Umbruch. Die auf dem Markt befindlichen Desinfektionsmittel müssen seit Juni 2015 nach CLP-Verordnung gekennzeichnet sein, alte Produkte können noch bis 2017 vertrieben werden. In den Sicherheitsdatenblättern findet man beide Einstufungs- und Kennzeichnungsinformationen. Da die Hersteller/Importeure der Produkte überwiegend erst ab 2015 die neue Einstufung und Kennzeichnung auf den Produkten angeben, kann eine Umstellung des Auswahlsystems mit der dafür notwendigen Marktanalyse aufgrund der Übergangsfrist erst in 2016/2017 erfolgen. Dies gilt auch für die inhaltliche Anpassung des Factsheet 4. Bis dahin müssen sich Anwenderinnen und Anwender an den alten Informationen gemäß Zubereitungsrichtlinie orientieren.

Medizinische Überwachung

Bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen hat die Arbeitgeberin bzw. der Arbeitgeber in Deutschland sicherzustellen, dass die Beschäftigten im Rahmen der Unterweisung auch eine allgemeine arbeitsmedizinisch-toxikologische Beratung erhalten, bei der Ärztinnen bzw. Ärzte gem. § 7 Absatz 1 der Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV) beteiligt werden. Diese tragen die Gebietsbezeichnung "Arbeitsmedizin" oder die Zusatzbezeichnung "Betriebsmedizin".

Relevante Gefährdungen durch Desinfektionsmittel ergeben sich insbesondere durch die Reiz- und Ätzwirkung sowie die haut- und atemwegssensibilisierende Wirkung einzelner Inhaltsstoffe, aber auch durch die Entzündbarkeit mancher Produkte (z. B. alkoholische Desinfektionsmittel).

Zudem haben Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber für eine angemessene arbeitsmedizinische Vorsorge auf der Grundlage einer Gefährdungsbeurteilung zu sorgen. Diese kann Pflichtvorsorge (§ 4 ArbMedVV), Angebotsvorsorge (§ 5 ArbMedVV) und/oder Wunschvorsorge (§ 5a ArbMedVV) umfassen. Besondere Gründe für eine arbeitsmedizinische Vorsorge bei Desinfektionsarbeiten sind:

Pflichtvorsorge

  • Bei Überschreitung von Arbeitsplatzgrenzwerten: dann ist ggf. das Tragen von Atemschutzgeräten notwendig mit entsprechender Pflichtvorsorge.

  • Bei Feuchtarbeit von regelmäßig vier Stunden oder mehr je Tag.

  • Die ArbMedVV enthält weiterhin eine kurze Liste von Substanzen, für die Pflichtvorsorge notwendig ist. Diese werden aber nach vorliegenden Informationen in Desinfektionsmitteln nicht in relevanten Mengen verwendet.

Angebotsvorsorge

  • Wenn bei Tätigkeiten mit einem Gefahrstoff, sofern der Gefahrstoff nicht in Absatz 1 Nummer 1 des Anhanges der ArbMedVV genannt ist, eine wiederholte Exposition nicht ausgeschlossen werden kann und der Gefahrstoff ein krebserzeugender oder erbgutverändernder Stoff oder eine Zubereitung der Kategorie 1 oder 2 im Sinne der Gefahrstoffverordnung (entspricht Kategorie 1A bzw. 1B gem. CLP-Verordnung) ist; dies betrifft Formaldehyd und somit diverse Flächendesinfektionsmittel

  • Bei Feuchtarbeit von regelmäßig mehr als zwei Stunden je Tag.

  • Bei Tätigkeiten mit Ethanol; dies betrifft z. B. viele Desinfektionsmittel aller Anwendungsarten

  • Bei Tätigkeiten mit Exposition gegenüber sonstigen atemwegssensibilisierend oder hautsensibilisierend wirkenden Stoffen, die in Desinfektionsmitteln genutzt werden

Nachgehende Vorsorge

  • Falls ein Umgang mit Formaldehyd vorlag, der zu einer regelmäßigen Überschreitung des Arbeitsplatzgrenzwertes (Schichtmittelwert 2015: 0,37 mg/m3) führte, kann die Notwendigkeit für eine nachgehende Vorsorge gegeben sein.

Information und Unterweisung

Während die Richtlinie 98/24/EG die Art und Weise der Information/Unterrichtung über Gefährdungen und Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen in die Verantwortung der Arbeitgebenden legt (Artikel 8), verlangt die Gefahrstoffverordnung eine schriftliche Betriebsanweisung und eine schriftliche Dokumentation der regelmäßig durchzuführenden Unterweisungen (§ 14 GefStoffV).

Vorwort

Die Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) ist die wichtigste internationale Institution im Bereich der sozialen Sicherheit, in der sich mehr als 330 Mitgliedsinstitutionen in mehr als 160 Ländern der Welt zusammengefunden haben. Ziel der IVSS ist die Förderung einer dynamischen sozialen Sicherheit in einer sich globalisierenden Welt durch effektive Unterstützung auf dem Weg zu einem hohen Standard in allen Bereichen sozialer Sicherheit. Die Vereinigung wurde 1927 gegründet, das Sekretariat der IVSS hat seinen Sitz bei der International Labour Organization (ILO) in Genf.

Seit 1993 befasst sich eine Arbeitsgruppe der Sektion Gesundheitswesen der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) mit aktuellen Problemen des Arbeitsschutzes, die sich aus dem Umgang mit chemischen Arbeits- und Gefahrstoffen ergeben.

Die Arbeitsgruppe setzt sich aus Mitarbeitenden der deutschen Berufsgenossenschaft Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW, Frau Dr. G. Halsen), des Institut National de Recherche et de Scurit (I.N.R.S., Herr Dr. M. Falcy) und der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva, Frau Dr. B. Merz) zusammen. Den Vorsitz der Arbeitsgruppe führt derzeit Herr Prof. Dr. U. Eickmann der BGW.

Die bisher publizierten Schriften zum sicheren Umgang mit Zytostatika, mit Desinfektionsmitteln, mit Anästhesiegasen sowie bei der Aerosolbehandlung mit Pentamidin und Ribavirin richteten sich primär an Spezialisten der Arbeitssicherheit.

Einleitung

Die Arbeitsgruppe Chemische Risiken der Sektion Gesundheitswesen der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) hat die Gefährdungen und Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit Desinfektionsmitteln im Gesundheitswesen untersucht und einen gemeinsamen Standpunkt der bearbeitenden Institutionen BGW (Deutschland), INRS (Frankreich) und Suva (Schweiz) zum Arbeitsschutz erarbeitet.

Dabei fand auch eine Kooperation mit der Arbeitsgruppe "Infektionsrisiken" der gleichen Sektion statt, die für die Zielgruppe (s. u.) die Prinzipien der Desinfektion (Factsheet 1) zusammengefasst hat.

Die Arbeitsergebnisse werden aus praktischen Gründen in einer Reihe von "Factsheets" veröffentlicht:

  • Factsheet 1:

Prinzipien der Desinfektion
  • Factsheet 2:

Prinzipien der Prävention
  • Factsheet 3:

Gefahren chemischer Desinfektionsmittel
  • Factsheet 4:

Auswahl sicherer Desinfektionsmittel
  • Factsheet 5:

Flächendesinfektion
  • Factsheet 6:

Instrumentendesinfektion
  • Factsheet 7:

Hände- und Hautdesinfektion
  • Factsheet 8:

Besondere Verfahren (Desinfektion von Räumen, Geräten bzw. Wäsche)

Jedes Factsheet ist für sich lesbar und enthält alle wesentlichen Informationen zu dem angesprochenen Themenkreis. Es wendet sich an Verantwortliche in Einrichtungen, die Desinfektionsarbeiten organisieren und durchführen, an Arbeitsmediziner und andere Spezialisten der Arbeitssicherheit, z. B. Arbeitshygieniker, Fachkräfte für Arbeitssicherheit, aber auch an Mitarbeiter und betriebliche Personalvertretungen.

Für die hygienischen und Umweltschutz-Aspekte wird auf die entsprechende Fachliteratur verwiesen.

Impressum

Herausgeber:
Deutsche Gesetzliche
Unfallversicherung e.V. (DGUV)

Glinkastraße 40
10117 Berlin
Tel.: 030 288763800
Fax: 030 288763808
E-Mail: info@dguv.de
Internet: www.dguv.de

Umschlagfoto:
© cassis - Fotolia.com

Sachgebiet "Gesundheitsdienst" des
Fachbereichs "Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege" der DGUV

Ausgabe: Dezember 2016

Die DGUV Information 207-206 "Prävention chemischer Risiken beim Umgang mit Desinfektionsmitteln im Gesundheitswesen" basiert auf den gleichnamigen IVSS-Factsheets (Stand 12/2014).

DGUV Information 207-206
zu beziehen bei Ihrem zuständigen Unfallversicherungsträger oder unter www.dguv.de/publikationen