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7.1.2 Baurechtliche Schutzziele – Scheuermann
Scheuermann, Praxishandbuch Brandschutz, 2016
Autor: Bärschmann
Titel: Praxishandbuch Brandschutz
Herausgeber: Scheuermann
Auflage: 2016
Autor: Bärschmann
Abschnitt: 7 Explosionsschutz → 7.1 Grundlagen der Brandschutzplanung
 

7.1.2 Baurechtliche Schutzziele

Die umzusetzenden Schutzziele sind die entscheidende Maßgabe bei der Erstellung von Brandschutznachweisen/Konzepten. Deshalb stehen die Schutzziele meist vor den materiellen Anforderungen in den Bauordnungen. Mit den nachfolgenden materiellen Anforderungen wird das Brandschutzniveau festgelegt und das in Abhängigkeit von den Gebäudeklassen. In Abhängigkeit von der geplanten oder vorhandenen Nutzung ist die Beurteilung der Gefahren durchzuführen bzw. sind auf Grundlage des zulässigen Risikos Maßnahmen festzulegen, mit denen ein bestimmtes Sicherheitsniveau erreicht werden soll.

7.1.2 Baurechtliche Schutzziele – Seite 3 – 01.09.2014 >>

Für viele Anwendungsfälle wurde die Maßnahmenfestlegung durch den Gesetzgeber bereits auf der Grundlage der baurechtlichen Schutzziele durchgeführt (Bauordnungen, Sonderbauverordnungen, Sonderbaurichtlinien). Diese dort aufgestellten Maßnahmen bzw. Anforderungen können bei der Brandschutzplanung übernommen werden, wenn die Randbedingungen übereinstimmen und keine Abweichungen von den vorgegebenen Brandschutzanforderungen vorliegen.

Die Vorgabe von Schutzzielen in den Bauordnungen werden von den Brandschutzplanern sehr unterschiedlich ausgelegt. Außerdem werden von der Brandschutzindustrie innovative Sonderbauteile oder Anlagen entwickelt, welche unter bestimmten Randbedingungen als Stand der Technik bezeichnet werden können.

Auf Grund der Verunsicherung, ob und wann der Stand der Technik einzusetzen ist, und der unterschiedlichen Interpretation der baurechtlichen Schutzziele, hat sich die Bandbreite der getroffenen Sicherheitsmaßnahmen ausgeweitet. Die Unsicherheit wurde teilweise noch durch die Anbieter von Sonderbauteilen geschürt. Das im Jahr 2008 von der ARGEBAU herausgegebene Grundsatzpapier zum § 14 der Musterbauordnung hatte zur Zielsetzung, das baurechtlich erforderliche Sicherheitsniveau zu definieren, um die vorgenannten Unsicherheiten abzubauen.

Bei Vorliegen zusätzlicher Schutzziele oder wenn ein höheres Sicherheitsniveau als das baurechtlich vorgegebene Mindestniveau erreicht werden soll, können zusätzliche Maßnahmen vorgesehen werden. Die grundlegenden baurechtlichen Schutzziele ergeben sich aus den Bauordnungen und sind in allen Bundesländern gleich.

Allgemeine Schutzziele:

Anlagen sind unter Berücksichtigung der Belange der Baukultur, insbesondere der anerkannten Regeln der Baukunst, so anzuordnen, zu errichten, zu ändern und instand zu halten, dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung, insbesondere Leben und Gesundheit, und die natürlichen Lebensgrundlagen nicht gefährdet werden. (Art. 3 BayBO)

Brandschutztechnische Schutzziele:

Bauliche Anlagen sind so anzuordnen, zu errichten, zu ändern und instand zu halten, dass der Entstehung eines Brandes und der Ausbreitung von Feuer und Rauch (Brandausbreitung) vorgebeugt wird und bei einem Brand die Rettung von Menschen und Tieren sowie wirksame Löscharbeiten möglich sind. (Art. 12 BayBO)

Die neueren Bauordnungen geben auch für die einzelnen materiellen Anforderungen die Schutzziele der jeweiligen Baustoffe, Bauteile oder Gebäudeteile im jeweils ersten Absatz vor, welche nachfolgend durch vorgegebene Möglichkeiten der Schutzzielerreichung konkretisiert werden (siehe Art. 5, 6, 24 ff. BayBO).

7.1.2 Baurechtliche Schutzziele – Seite 4 – 01.09.2014 << >>

Nachfolgend eine beispielhafte Einzelanforderung mit Schutzziel (Auszug aus Art. 25 Abs. 1 BayBO):

Schutzziel in Bezug auf die tragenden Bauteile:

Tragende und aussteifende Wände und Stützen müssen im Brandfall ausreichend lang standsicher sein.

Anforderung/Umsetzung des Schutzzieles mit vorgegebenem Schutzniveau:

Sie müssen:

  1. 1.

    in Gebäuden der Gebäudeklasse 5 feuerbeständig,

  2. 2.

    in Gebäuden der Gebäudeklasse 4 hochfeuerhemmend,

  3. 3.

    in Gebäuden der Gebäudeklasse 2 u. 3 feuerhemmend sein.

Die Umsetzung der Schutzziele kann nicht allein durch ausreichend ausgelegte, tragende Bauteile sichergestellt werden. Deshalb ist die Einhaltung aller zutreffenden materiellen Anforderungen aus der jeweiligen Landesbauordnung, der eingeführten Technischen Baubestimmungen und der Bauregelliste sicherzustellen, oder es sind wirksame Kompensationsmaßnahmen vorzusehen.

Festzuhalten ist, dass die baurechtlichen Schutzziele (Grundsatzanforderungen und Einzelanforderungen) nicht nur bei Übergabe des Gebäudes an den späteren Nutzer, sondern auch dauerhaft, das bedeutet während der gesamten Nutzungszeit, umgesetzt bleiben müssen.

In den Brandschutznachweisen/Konzepten werden in der Regel nur die baurechtlichen Schutzziele behandelt, um eine Baugenehmigung zu bekommen. Damit werden aber neben den besonderen Gefahren auch die Möglichkeiten, welche die Brandschutzplanungen bieten, nicht ausgenutzt. Deshalb sollten dem Bauherrn die Vorteile bei Umsetzung weitergehender Schutzziele erläutert werden. Zur Vollständigkeit werden noch weitere Schutzziele aufgeführt:

  • Versicherbarkeit, Verringerung der Versicherungsprämie

  • Verhinderung von Betriebsunterbrechungen, Abwanderung von Kunden, Sicherstellung der Liefersicherheit

  • Sicherung der Marktstellung

  • Sachschutz von Gebäuden, Gebäudeeinrichtungen, Rohstoffen und Waren

  • Datensicherheit

  • Sicherung der Arbeitsplätze

  • Ansehen der Betriebe oder Einrichtungen

  • Marktwerterhaltung

  • Umweltschutz, Nachbarschaftsschutz

7.1.2 Baurechtliche Schutzziele – Seite 5 – 01.09.2014 <<

Es ist festzuhalten, dass diese zusätzlichen Schutzziele zum Teil durch die vom Baurecht oder anderen Rechtsgebieten vorgegebenen Anforderungen umgesetzt werden. Soweit sich auf Grund erhöhter privater Schutzziele zusätzliche Anforderungen ergeben, sollten diese im Brandschutzkonzept berücksichtigt werden. In jedem Fall sind weitere Schutzziele zu berücksichtigen, wenn entsprechende Rechtsgebiete betroffen sind (Gefährdungen). Zu nennen sind hier vor allem das Umweltschutzrecht und das Arbeitsschutzrecht. Gebäude werden nicht nur geplant und gebaut, sondern vor allem genutzt. Deshalb gilt nicht nur das Baurecht, sondern auch das Nutzungsrecht.