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2.8.4 Brandspuren – Scheuermann
Scheuermann, Praxishandbuch Brandschutz, 2016
Autor: Stolt
Titel: Praxishandbuch Brandschutz
Herausgeber: Scheuermann
Auflage: 2016
Autor: Stolt
Abschnitt: 2 Grundlagen des Brand- und Explosionsschutzes → 2.8 Moderne Brandermittlungen zwischen Intuition, Erfahrung und Wissenschaft
 

2.8.4 Brandspuren

Jedes Brandgeschehen hinterlässt typische Spuren, wobei allgemein Tatspuren, Täterspuren und Spuren am Täter zu unterscheiden sind. Deren Berücksichtigung oder Aufbewahrung ist erheblich für die Beurteilung von Branddynamik und -Ursache; sie können überdies zur Feststellung des Verursachers entscheidend beitragen. Brandspuren sind unter anderem Verbrennungsprodukte wie z.B. Ruß- und Schwelgasauflagerungen, Aschen, Wärmewirkungen durch Verbrennungsreaktionen, z.B. Verformungen von Metall, Erweichen von Kunststoffen, Metall-, Glas- oder Kunststoffschmelzen, Aus- und Abplatzungen an Baustoffen.

Abb. 1: Rauchspuren im Flur einer Brandwohnung

Für die Beurteilung des Brandgeschehens sind die brandtypischen Spuren (das Brandspurenbild), die durch den Abbrand verursachten Veränderungen im Erscheinungsbild der Materialien, von Bedeutung. Es sind dabei Materialspuren und Situationsspuren zu unterscheiden. Materialspuren beinhalten die für die Brandentstehung und die Brandausbreitung bedeutsamen Materialien, während als Situationsspuren die Lage und die Zuordnung von Gegenständen zueinander und zur Umgebung zu verstehen sind. Aus ihnen lassen sich Schlüsse auf die Art der Spurenentstehung ziehen und sie dienen zur Rekonstruktion des Brandverlaufs sowie zur Feststellung bzw. zur Eingrenzung des Brandausbruchbereichs.

Der Brandtrichter (V- oder U-Muster)

Ein wichtiger Hinweis ergibt sich in vielen Fällen, vor allem wenn das Schadensfeuer vor dem Vollbrand gelöscht wurde, aus einer V- oder U-förmig im Raum an einer Wand verlaufenden, intensiven Brandzehrung

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mit einem tiefen, in Bodennähe befindlichen Ausgangspunkt, einem sogenannten Brandtrichter, der sich zumeist über der Brandausbruchsstelle, aber auch an Stellen großer Brandlast, die nicht im Brandentstehungsbereich liegen müssen, ausbilden kann.

Grundsätzlich steigt erwärmter Rauch nach oben (Plume). Durch die thermische Ausdehnung der Rauchgase entsteht eine Art Kegel. Dieser Kegel ist nach dem Brand nicht mehr vorhanden. Allerdings erzeugen die durch diesen Brandkegel verursachten Einbrennungen und Abplatzungen an seinen Rändern eine Abbildung auf die umgebenden Wände und Gegenstände. Diese Abbildung des Brandkegels wird als Brandtrichter bezeichnet, weil die Form eines Trichters erkennbar ist. In der angloamerikanischen Fachliteratur wird dieser Brandtrichter als V- bzw. U-Muster bezeichnet. Der Buchstabe V gibt die typische Form des Brandtrichters wieder. Befindet sich die vermeintliche Brandausbruchstelle direkt an der Wand, so lässt sich dort ein V-Muster erkennen. Ist diese mögliche Brandausbruchstelle etwas von der Wand entfernt, so zeichnet sich eher ein U-Muster ab.

Wenn eine leicht entzündliche Flüssigkeit als Brandlegungsmittel auf dem Boden ausgegossen wird und der Brand sich aufgrund des schnellen Abbrandes der Flüssigkeit nicht weiterentwickeln kann, erhält man ein umgekehrtes V-Muster.

Abb. 2: An der Wand zeichnet sich deutlich das V-Muster ab

Abb. 3: Umgekehrtes V-Muster beim Abbrand von flüssigem Brandbeschleuniger

Brandspuren an Holz

Holz als Baustoff hat in unseren Breiten eine sehr lange Tradition. Noch vor 200 bis 300 Jahren wurden fast alle Gebäude als Holzkonstruktionen errichtet. Aus Gründen veränderter gestalterischer Anforderungen, aber auch unter dem Eindruck großer Brandkatastrophen wurde der Baustoff Holz im Bereich von Wohn-, Stall-, Industrie- und Gewerbebauten sowie öffentlichen Gebäuden immer weiter zurückgedrängt. Teilweise wurde sogar die Verwendung von Holz im Decken- und Wandbereich von Stadthäusern generell verboten. Holz und Brandschutz stellen jedoch keinen generellen Widerspruch dar.

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Während in der Vergangenheit Brände vorwiegend von Holz genährt wurden, sind es heute vor allem Kunststoffe (PE, PP, PUE, PVC) die Brände verändern. In der Vergangenheit war Holz eines der wichtigsten Materialien für die Feststellung des Bereiches des Brandausbruches und des Brandverlaufes. Holz ist ein Naturprodukt und normal entflammbar. Beim Abbrand von Holz spielen neben der Pyrolyse die Verkohlung und Rissbildung sowie der Feuchtigkeitstransport eine entscheidende Rolle. Die Wärmezufuhr bei Holz führt zu einer thermischen Aufbereitung, die zu einer schlagartigen und großflächigen Entzündung führen kann. Auf der anderen Seite überschreiten die Anforderungen an den Werkstoff Holz sowohl in der Industrie als auch im privaten Haushalt allmählich die natürlichen Verwendungs- und Beanspruchungsgrenzen. Holz als brennbarer Baustoff, aber auch brennbare Einbauten, Möbel oder Lagergüter stellen eine Brandlast im und am Gebäude dar.

In der Brandentstehungsphase ist es vor allem die Brandlast, welche die Geschwindigkeit der Brandausbreitung wesentlich bestimmt. Beim Baustoff Holz spielen in diesem Zusammenhang neben seiner Menge auch die Rohdichte, der Querschnitt sowie der Konstruktionsaufbau der betroffenen Bauteile eine wesentliche Rolle.

Abb. 4: Schnitt durch einen ca. 20 Minuten thermisch belasteten Holzbalken

Das Abbrandverhalten von Holz ist sehr komplex. Zu den bemerkenswertesten und interessantesten Brandursachen gehört zweifelsohne die Selbstentzündung von Holz, bei der infolge Wärmedauerbelastung im Zusammenhang mit einer guten Wärmeisolierung eine Brandauslösung erfolgt, obwohl die Temperatur des strahlenden Mediums weit unterhalb des Flammpunktes des betreffenden Materials liegt. Derartige Ereignisse treten jedoch nicht nur bei Holz, sondern darüber hinaus bei sämtlichen holzhaltigen und holzartigen Stoffen, wie Spanplatten, Hart- und Weichfaserplatten, Papier, Leinen- und Baumwolltextilien, Stroh, Heu, Getreide, Torf usw., auf und nehmen in ihrer Häufigkeit eine beachtliche Stelle in der Statistik der Brandursachen ein.

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Abb. 5: Abbrand von Holz

Aufgrund von wissenschaftlichen Feststellungen kann es als gesichert gelten, dass es beim Abbrand von Holz zu einem zeitlinearen Abbrand kommt. Abbildung 6 zeigt die Vorgänge bei der Verbrennung von Holz.

Abbildung 7 zeigt den zeitlichen Zusammenhang des Abbrandes von Holz mit der Errechnung von möglichen Brandausbruchszeiten.

Der Abbrand von Holz kann durch entsprechende Messungen im Brandausbruchsbereich nach den Vorgaben des NFPA 921 – Guide Fire Investigation – gemessen werden (s. Abb. 8).

Abb. 6: Waffelhaut- bzw. Alligatorhautbildung an der Holzoberfläche

Abb. 7: Holzabbrand = Zeitmesser

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Abb. 8: Messung des Abbrandes von Holz

Brandspuren an Glas

Glas ist ein stofflich einheitliches anorganisches Schmelzprodukt, das abgekühlt und erstarrt ist, ohne merklich zu kristallisieren. Diese Eigenschaft haben aber auch viele organische Stoffe vor allem aus dem Kunststoffsektor: Beispiele sind organische Gläser wie Plexiglas oder tiefgefrorenes Gummi. Glas ist gegen extreme Temperaturunterschiede empfindlich. Diese Eigenschaft ist allerdings über die Zusammensetzung steuerbar. So kann man den Molekülbindungsanteil durch Quarzzusatz steigern.

Abb. 9: Typische Spuren an einer Glasscheibe durch thermische Belastungen beim Brand

Auch bei Bränden liefern Scherben kriminalistisch relevante Informationen aufgrund ihrer Form, Größe, Lage und Beschaffenheit. Bei der thermischen Belastung bzw. anschließender Zerstörung einer Glasscheibe durch Hitzeeinwirkung entstehen auf der einen Seite sehr verschiedene und auf der anderen Seite dennoch typische Glassprünge. Die Merkmale bei Zerstörung einer Glasscheibe sind bei mechanischer Kräfteeinwirkung

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(Schlag, Wurf, Schuss) im Vergleich zur thermischen Kräfteeinwirkung (Hitze/Kälte) verschieden. Brand- und Hitzeeinwirkung verursachen oft großflächige Glasausbrüche ohne ein eigentliches Kraftzentrum. Allerdings verursachen Flashover und Backdraft mosaikähnliche Glassprünge mit anschließender Splitterwirkung wie bei Verpuffungen oder Explosionen. So weist in diesem Zusammenhang die Schwarzfärbung auf dem Glas an den Fenstern auf fette Verbrennungsbedingungen hin (Backdraft-Potenzial).

Abb. 10: Verhalten von Glas bei thermischer Beaufschlagung

Ein Beispiel für die falsche Interpretation von Glasspuren bei Bränden ist das sogenannte Crazed Glass. Damit wird in vielen Lehrbüchern für Brandermittler die Haarrissbildung im Glas der Fenster bezeichnet. Sie soll auf sehr hohe Temperaturen schließen lassen, doch das ist falsch. Diese Haarrissbildung im Glas ist die Folge einer sehr schnellen Abkühlung z.B. durch das Löschwasser.

Nur ein Brandermittler, der seine Entscheidungen basierend auf Wissen und Erfahrung trifft und sich nicht auf sein (Rate-)Glück verlässt, ist dazu fähig, die Spuren eines Brandes auch richtig zu verstehen.

Richtung (Brandausbreitung)

Die Wärmeübertragung erfolgt durch Konvektion (Mitführung), Wärmeleitung, Strahlung. Zwischen Körpern verschiedener Temperatur wird Wärme übertragen, sodass ein Wärmestrom vom heißeren zum kälteren Körper fließt.

Werden nun die Rückschlüsse auf die Temperatur während des Brandes und auf seine Dauer zusammen betrachtet, kann der Weg des Feuers

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nachvollzogen werden. Da in der unmittelbaren Umgebung der Brandausbruchstelle die längste Branddauer sowie die höchsten Temperaturen zu beobachten sind, ist dieser Bereich durch besonders starke Brandzehrungen gekennzeichnet.

Mit zunehmender Entfernung von der Brandausbruchstelle verlieren dementsprechend die Spuren an Intensität, Tiefe bzw. sie sind geringer und weniger gut ausgeprägt (Abstandsgesetz Stephan-Boltzmann). Besonders gut ist dies an länglichen Holzstücken, wie Leisten oder Teilen von Sofas oder Betten, zu erkennen, da sich an diesen oft spitze Abbrennungen bilden, die wiederum auf die Brandausbruchsstelle hindeuten.

Hier sind auch unterschiedlich starke Brandzehrungen an entgegensetzten Seiten eines Holzstückes von Bedeutung. In einem solchen Fall kann davon ausgegangen werden, dass sich der Brand von der Seite der stärkeren Brandzehrungen zur Seite mit den geringeren Schäden hin entwickelt hat.

Abb. 11: Veränderungen am Holz – Waffelbildung bzw. Alligatorhautbildung

Zu berücksichtigen ist jedoch unter anderem die Brandlastverteilung (die Menge und Positionierung der brennbaren Stoffe und Gegenstände). Die oben genannte Spurenlage ist nur dann allgemein zutreffend, wenn in einem Brandraum eine etwa gleichmäßige Verteilung der Brandlast vorliegt. Der Löscheinsatz der Feuerwehr und auch sonstige Einwirkungen (z.B. Witterungseinflüsse) können ebenfalls zu Veränderungen führen. Ein besonderes Augenmerk sollte auf den Durchbrand von Türen oder ähnlichen Raumabgrenzungen gelegt werden. Im Gegensatz zu Möbelstücken sind diese ortsfest und werden meist nicht während der Löscharbeiten der Feuerwehr in ihrer Lage verändert.

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Erfahrung versus Wissenschaft

Das Wissen über die notwendige Energie, das Verhältnis von Brennstoff zu Sauerstoff sowie die experimentell ermittelten Brandverlaufsdaten bilden die Basis. Darauf baut sich das Wissen über Brandfolgeprodukte, Brandverhalten und deren Rückstände auf. Dem schließt sich nahtlos das Wissen um die Wirkung von Löschmaßnahmen auf mögliche Brandspuren an. Die Interpretation der Brandspuren zur sachlich richtigen, zweifelsfreien und beweisbaren Rückverfolgung des Brandgeschehens zurück zu seinem Ursprung auch unter widrigen Umständen stellt die Kunst eines erfahrenen Ermittlers dar. Dazu gehört auch das Erkennen, welche Spuren direkte Brandverlaufsspuren und welche Löscherfolgsspuren sind sowie die Fähigkeit, zu spüren, wo auf den ersten Blick scheinbar richtige Angaben und Daten anzuzweifeln sind, um dieses durch eine sachliche Beweisführung zu bestätigen. Der komplexe Prozess der Brandursachenerkennung erfordert Kenntnisse der Brandbekämpfung, des Brandverhaltens und der Wirkung von Brandschutzmaßnahmen.

Dazu kommen noch die kriminalistischen Kenntnisse der Aussagengewinnung und der Interpretation. Dabei wird verkannt, dass sich das Bild des Brandes heute stark verändert hat. In vielen Fällen haben wir keine klassischen Flammenbrände mehr, sondern wegen der vielfältig eingesetzten Kunststoffe gerade im Wohn- und Verwaltungsbau überwiegend Schwel- oder Glimmbrände. Hinzu kommt ein immer weiter ansteigender Anteil von echten und unechten Elektrobränden in allen Bereichen.

Abb. 12: Ermittlungsdreieck: Brandermittlung zwischen Wissenschaft – Kunst – Intuition

Leider haben auch die Brandstiftungen weiter zugenommen. Wobei auch das Dunkelfeld – insbesondere bei vorsätzlichen Brandstiftungen im gewerblichen Bereich – zugenommen hat. Neue und unübersichtliche Produktionsverfahren und Produktionsprozesse, die für einen Außenstehenden nicht transparent sind, führen oft dazu, dass ein Brand für den sachbearbeitenden Brandfahnder zu einer Rechnung mit zu vielen Unbekannten wird.

Neue Erkenntnisse und Methoden aus der Naturwissenschaft und Technik haben die Kriminalistik allgemein in den letzten Jahren entscheidend geprägt. Man denke nur an den Siegeszug der DNS-Analysen. Leider blieb die hohe Schule der Kriminalistik (Weingart) – die Brandursachenermittlung -bei dieser rasanten Entwicklung scheinbar weitestgehend außen vor.

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Im Laufe der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts begannen sich auch die Methoden der Brandursachenermittlung strukturell der Zeit anzupassen, indem sie sich gezielt an den Möglichkeiten des naturwissenschaftlichen und ingenieurtechnischen Fortschritts orientierten. In den kriminaltaktischen und -technischen Regelwerken wurden vorausschauend zunehmend auch wissenschaftliche Maßnahmen bei der Brandursachenermittlung (z.B. chemische Analysen) festgeschrieben. In jener Zeit wurde der Grundstein für ein Ingenieurwesen in der Brandursachenermittlung gelegt, indem es nun auf einmal bei umfangreichen Brandermittlungen und sich besonders schwierig gestaltenden Ermittlungen mit naturwissenschaftlichen Methoden sowie durch den Einsatz von Sachverständigen eine Ergänzung des kriminalistischen Handelns gab. Vielfach kamen diese Sachverständigen aus dem Bereich der Berufsfeuerwehren. Mit Entstehung der Berufsfeuerwehren und der Besetzung von leitenden Positionen mit Ingenieuren aus technischen Berufen oder dem Bauwesen wurde der oben beschriebenen veränderten Situation bei den Brandursachen auch Rechnung getragen.

Mitte des vorigen Jahrhunderts tauchten die ersten Berechnungsmethoden im Brandschutzwesen auf, mit denen Sicherheitskonzepte erarbeitet oder überprüft werden konnten. Erfahrungen aus dem Luftschutz und den Bombennächten sowie weitere technische Innovationen im Bauwesen, im Bergbau und der petrochemischen Industrie, aber auch der immer schneller werdende naturwissenschaftliche und technische Fortschritt und die ebenso schneller werdende Übernahme dieser Erkenntnisse durch die Industrie führten dazu, dass es eine weitere Verwissenschaftlichung und Technisierung des abwehrenden Brandschutzes gab. Parallel zur beschriebenen Entwicklung hat sich der Brandschutz zur vorausschauenden Disziplin gewandelt. Man spricht heute auch richtigerweise vom vorbeugenden Brandschutz. Dieser beinhaltet nebst den baulichen Maßnahmen auch den technischen und den organisatorischen Brandschutz und unterscheidet sich, speziell in Bezug auf den Zeitpunkt des Agierens, vom abwehrenden Brandschutz (Feuerwehr), welcher erst als Reaktion auf ein Ereignis interveniert. Zwischen den beiden Gebieten bestehen jedoch aufgrund sachlicher Abhängigkeiten enge Verknüpfungen, da eine effiziente Brandbekämpfung nur sichergestellt werden kann, wenn die Einsatzkräfte sich auf vorbeugende Maßnahmen wie gesicherte Löschangriffswege, Rauchabzugseinrichtungen etc. verlassen können. Dieser sanfte, aber stetige Druck und die Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte in den USA und im UK führten auch zumindest partiell zu einer Öffnung der Brandursachenermittlung gegenüber anderen Disziplinen. Fach- und länderübergreifend begannen sich Physiker, Mathematiker, Informatiker und Brandschützer wissenschaftlich mit der Problematik des Brandes und des Brandschutzes auseinanderzusetzen. Hinzu kam eine zunehmende Akzeptanz von computergestützten Brandsimulationsmodellen bei den Brandschützern sowie eine insbesondere im angloamerikanischen Bereich sich rasch entwickelnde neue ingenieurwissenschaftliche Disziplin des Fire Engineering mit Teilgebieten wie Fire Dynamics oder Fire Modelling. Mit diesen Modellrechnungen kann jedoch die Realität nie abgebildet werden, da die Physik stark vereinfacht werden muss, um überhaupt mathematisch erfasst werden zu können. Zur Verifizierung

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werden deshalb reale Brandereignisse, welche gut dokumentiert sind, nachgerechnet oder aber 1:1-Versuche zur Überprüfung von Berechnungen durchgeführt.

Abb. 13: Realbrandversuche mit Abbrand -Lkw in einem Tunnel in Norwegen

Als Resultat stehen heute Brandsimulationsprogramme als Anwendersoftware zur Verfügung, mittels welcher die Auswirkungen möglicher Brandszenarien, bezogen auf die individuelle Raumgeometrie, rechnerisch ermittelt werden können. Die Einflussnahme anderer Disziplinen auf die Brandursachenermittlung, insbesondere die Verwissenschaftlichung des Ingenieurbrandschutzes, birgt aber auch die Gefahr – wie Beispiele aus den USA zeigen –, dass in euphorischer Technikgläubigkeit die exakten Simulationsergebnisse nur ungenügend mit der Erfahrung rückgekoppelt werden. Die Folge davon sind beispielsweise zentimetergenau ausgewiesene Rauchschichthöhen oder Sichtweiten, obwohl die Praxis lehrt, dass je nach Brandszenario und Brandgut stark abweichende Verhältnisse bestehen können. Erst das Zusammenspiel der wissenschaftlichen Methoden mit der praktischen Erfahrung ermöglicht, mit realistischen Szenarien Parameterstudien durchzuführen, welche anschließend erlauben, ausreichend gesicherte Prognosen zu erstellen. Auch deshalb muss es in Zukunft den Brandfahnder mit seiner jahrelangen Erfahrung und seiner kriminalistischen Nase geben.

Brandspuren verstehen

Brandermittler, die es mit einem Zimmerbrand zu tun haben, sollten daher alle Informationen wahrnehmen und auswerten können, aus denen sich Rückschlüsse auf den Brandverlauf ziehen lassen. Diese umfassende Betrachtung setzt sich zusammen aus

  • Freisetzung (Rauch, Wärme etc.)

  • Ausbreitung infolge Durchmischung, Wärmeströmung, Stoffumwandlung

  • Wechselwirkung mit der Umwelt (Luftzufuhr, Ventilation)

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Eine spätere umfassende computergestützte Modellierung im weiteren Verlauf der Brandermittlungen durch Sachverständige erfordert unter anderem

  • dreidimensionale Betrachtung der Strömungs- und Durchmischungsprozesse

  • Einbeziehung der Raumgeometrie

  • Berücksichtigung der Ventilationsverhältnisse (z.B. dreidimensionale Feldmodellierung der Luftströmung)

  • Betrachtung von Stoffumwandlung, -abbau (chemische Reaktion)

Damit verbunden ist ein hoher Aufwand sowohl für Bereitstellung und Auswahl der Daten als auch für die Berechnung (Berechnungszeit, großer Datenumfang). Daher erscheint gegenwärtig die Verwendung dieser Informationen zur Brandermittlung im Einsatz vor Ort (Erster Angriff) für viele Brandermittler nicht praktikabel! Sie erheben immer wieder die Forderung nach Einsatzhilfen zur Unterstützung des Ersten Angriffes. Im Folgenden sollen Modellannahmen zur Vereinfachung führen und die Informationen bzw. Anzeichen benennen, die als Einsatzhilfen nutzbar sind und im Rahmen des Ersten Angriffes (Modellgrenzen) für den Einsatz vor Ort geeignet sind.

Vereinfachungen können sein:

  • Zweidimensionalität

  • einfache Raumgeometrie (besondere Raummerkmale bleiben unberücksichtigt)

  • stationäre Freisetzung und Ausbreitung des Rauches

Die Basisvorstellung ist die dichteneutrale Ausbreitung einer unvermittelt freigesetzten endlichen Masse aus einer Punktquelle – Gauß'sches Ausbreitungsmodell (Plume-Modell). Schon in der Frühphase eines Brands steigen die Rauchgase infolge der Dichteunterschiede zur Umgebung in einem Plume nach oben auf und bilden eine Rauchgasschicht unter der Decke. Für den weiteren Brandverlauf spielt die Rauchgasschicht eine entscheidende Rolle. Sie ist vergleichbar mit einem Heizstrahler, der flächendeckend an der Decke montiert ist. Bei Brandfortschritt bewegt sie sich immer weiter nach unten. Vom Brandentstehungsort weiter entfernte Gegenstände werden hierdurch mit Wärme beaufschlagt und geben weitere Pyrolysegase ab.

Diese Anzeichen können in vier große Gruppen (engl. SAHF: smoke, air, heat, flame) aufgeteilt werden: Eine Bewertung von Rauch, Luft, Wärme und Flammen ist deshalb ein wichtiger Teil des Ersten Angriffes und auch der darauffolgenden Brandermittlungen. Sie erlaubt dem Brandermittler, den Verlauf des Brandes zu bewerten und festzustellen, ob und welche Veränderungen im Brandverlauf Hinweise auf den Brandort bzw. die -entstehung geben können. Darüber hinaus ist so die Auswahl der

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sichersten weiteren Vorgehensweise bei den Brandermittlungen möglich. Daher sollte jeder Brandermittler mit Hilfe der SAHF-Bewertung seinen Brand beurteilen. Die so gewonnenen Erkenntnisse sollten in die Ermittlungen einfließen und ggf. die bisherigen Ermittlungsergebnisse aktualisieren.

Die Farbe des Rauches verändert sich je nach freigesetzten Verbrennungsprodukten und der vorhandenen Belüftung. Es bestehen einige allgemeine Grundsätze, die beim Ersten Angriff bei der Befragung der Einsatzkräfte der Feuerwehr angewandt werden können.

Abb. 14: Auf diesem Foto sind links deutlich die leichteren Pyrolyseprodukte zu erkennen und rechts der Rauch weist auf eine fette (sauerstoffkontrollierte) Verbrennung hin

Dunkler Rauch deutet häufig auf eine Verbrennung unter fetten Bedingungen hin als Folge einer eingeschränkten Sauerstoffzufuhr des Brandes. Bei Bränden mit offener Flamme und bei Schwelbränden wird der im brennbaren Stoff enthaltene Kohlenstoff freigesetzt, weshalb der Rauch eine sehr dunkle Farbe hat. Sehr dunkler Rauch kann auch ein Hinweis auf die Verwendung von Brandlegungsmitteln (Benzin, Diesel etc.) sein. Bei zu niedrigen Temperaturen oder wenn zu wenig Sauerstoff für eine Verbrennung mit offener Flamme zur Verfügung steht, wird der brennbare Stoff ohne Flammenerscheinung zersetzt (Pyrolyse) und der Großteil des Kohlenstoffes verbleibt im brennbaren Stoff, wodurch ein hellerer Rauch entsteht. Weiterhin sollte beachtet werden, dass mit der Entwicklung des Brandes aufgrund der großen Wärme auch in angrenzenden Räumen die Pyrolyse einsetzen kann, wodurch sich dort brennstoffreicher, weißer Rauch bildet.

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Feststellungen zum Volumen des Rauches können dabei helfen, die Größe und den Ort des Brandes zu bestimmen. Diese Bestimmung muss jedoch nicht in allen Fällen verlässlich sein und kann sogar für sich allein betrachtet und ohne Zusammenhang mit anderen Feststellungen zu Fehleinschätzungen des Brandortes, der Brandgröße und der verschiedenen Entwicklungsstadien führen. Rauch kann sich durch Hohlräume, Schächte u.Ä. ausbreiten und somit an Orten vorhanden sein, an denen normalerweise nicht mit ihm gerechnet wird.

Sicherlich haben viele Brandermittler schon die Erfahrung gemacht, dass nach Angaben der Feuerwehr oder anderer Zeugen sowie aufgrund eigener Wahrnehmungen aus einem Gebäude große Mengen Rauch austraten, sich jedoch bei den weiteren Ermittlungen herausstellte, dass die Brandfläche vergleichsweise klein und/oder an einem völlig unvermuteten Ort war.

Grundsätzlich steigt erwärmter Rauch nach oben (Plume). Wenn er dabei auf horizontale Hindernisse stößt, breitet er sich horizontal aus (Ceiling Jet), bis er durch weitere vertikale Öffnungen wieder nach oben steigen kann. Je weiter die Strecke ist, die der Rauch zurücklegt, desto kühler wird er, was unter anderem dazu führt, dass eine teilweise Vermischung von Luft und Rauch zustande kommt. Es ist also wie bei jeder Branderscheinung sehr wichtig, dass diese nicht isoliert betrachtet wird. Mit fortschreitender Entwicklung des Brandes senkt sich die Rauchschicht ab und die Dichte der Rauchgase nimmt zu. Daher gilt:

  • Eine hohe Rauchschicht kann darauf hinweisen, dass der Brand sich erst im Anfangsstadium befunden hat.

  • Eine sehr tiefe Rauchschicht kann auf sehr fette Backdraft-ähnliche Bedingungen hinweisen.

  • Die Beschreibung eines plötzlichen Hebens der Rauchschicht kann ein Zeichen dafür sein, dass eine Belüftung (Durchbrand der Dachkonstruktion, Öffnen RWA etc.) stattgefunden hat.

  • Eine allmähliche Absenkung der Rauchschicht kann auf eine Ansammlung der Brandgase und einen bevorgestandenen Flashover hinweisen.

  • Ein plötzliches Absinken der Rauchschicht kann auf eine unmittelbar bevorgestandene Verstärkung des Brandes hinweisen.

Beschreibungen von Rauch, der pulsierend aus kleineren Öffnungen ausströmt, können auf einen sogenannten zuluftkontrollierten Brand hindeuten. Infolge des Vorliegens einer nur begrenzten Sauerstoffzuführung kommt es zu Druckunterschieden. Wenn die Sauerstoffzufuhr kleiner wird, verlangsamt sich auch der Verbrennungsprozess. Dies führt wiederum dazu, dass die Temperatur absinkt und die Brandgase sich zusammenziehen. Wenn vermehrt Luft an den Brand gelangt, nimmt sein Ausmaß zu und der Druck steigt wieder so lange an, bis die zugeführte Luft verbraucht ist und dieser Vorgang von vorne beginnt. In einigen Fällen kann sich

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diese Situation so weit entwickeln, dass die Voraussetzungen für einen Backdraft vorhanden sind. Rauch, der pulsierend aus größeren Öffnungen austritt, muss im Zusammenhang mit den herrschenden Luftströmen gesehen werden und wird im nächsten Abschnitt behandelt.

Ein Luftstrom entsteht durch die Bewegung der Luft zum Brandherd und die Bewegung von überhitzten Verbrennungsprodukten vom Brand weg. Der wissenschaftliche Begriff ist Schwerkraftströmung. Wenn an einem Brandraum eine Öffnung geschaffen wird, strömen die erwärmten Gase im oberen Bereich der Öffnung aus und kühle Luft strömt im unteren Bereich der Öffnung in den Raum. Ein vollständiges und plötzliches Einströmen von Luft kann auf einen bevorstehenden Backdraft hinweisen. In einigen Fällen ereignet sich kurz nach dem Einströmen ein schnelles Strömen von Luft-Gas-Gemisch und sofort danach der Backdraft. Wenn die Luftströmung langsam (d.h. ruhig) und laminar (d.h. flächenförmig) verläuft, kann das ein Hinweis darauf sein, dass sich der Brand erst im Anfangsstadium befunden hat und höchstwahrscheinlich nur brennstoffkontrolliert ist. Ist die Luftströmung jedoch schnell und verläuft mit Verwirbelungen (oft ist auch die Rauchschicht verhältnismäßig niedrig), kann dies auf einen weiter entwickelten, zuluftkontrollierten Brand hinweisen. Kräftiges Pulsieren des Luftstromes ist ein deutliches Zeichen für einen solchen zuluftkontrollierten Brand. Die Beschreibung von sogenannten pfeifenden Geräuschen kann darauf hinweisen, dass wiederum aufgrund von Druckunterschieden Luft durch kleine Öffnungen in den Brandraum hinein- und wieder hinausgedrückt wird. Dabei entsteht ähnlich wie bei einer Orgel das Pfeifgeräusch. Derartige pfeifende Geräusche lassen auf einen zuluftkontrollierten Brand schließen. Es sollte durch den Brandermittler allerdings beachtet werden, dass man diese Geräusche wegen des allgemeinen Lärms an der Einsatzstelle nur sehr schwer wahrnehmen kann und auch Verwechslungen mit anderen ähnlich pfeifenden Geräuschen möglich sind.

Die Menge der Luft, die zum Brennmaterial gelangt, ist verhältnisgleich zur Menge der Verbrennung der freigegebenen Zündenergie. Einfach ausgedrückt, das Feuer versucht immer, ein Gleichgewicht zwischen eingehenden und freigebenden Produkten herzustellen. Alles, was diesen Vorgang unterbricht, zerstört das Gleichgewicht. Der Grad des Wärmegleichgewichtes in einem geschlossenen Raum hängt von der Zündenergie und dem verfügbaren Sauerstoff ab, aber auch von einigen anderen Einflüssen. Die aufsteigende heiße Luft oberhalb des Feuers (oft als Wärmewolke bezeichnet) verursacht den Kreislauf, welcher das Feuer mit frischem Sauerstoff versorgt, d.h., wenn die Decke und obere Teile der Wände aufgeheizt sind, verringert sich der Kreislauf, bis der gesamte Raum ein Wärmegleichgewicht hat und die Temperatur sich horizontal im gesamten Raum ausgebreitet hat. Die Temperatur steigt von unten nach oben hin an. Die Aufrechterhaltung des Wärmegleichgewichtes ist im Bereich der Brandbekämpfung kritisch, weil ohne dieses Gleichgewicht die Brandbekämpfung insgesamt erschwert wird. Weiterhin wurde durch verschiedene Messungen in verschiedenen Raumhöhen festgestellt, dass es zu Temperaturumkehrungen durch eine zu hohe Wasserzugabe in Form von Sprüh- oder Vollstrahl kommt. Das kann dazu führen, dass

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die Temperatur für kurze Zeit am Boden höher ist als an der Decke. In diesem Zustand ist der Raum nicht im thermischen Gleichgewicht, was für die Brandbekämpfung eine sehr bedenkliche Situation darstellt und sich auf die Spuren des weiteren Brandverlaufs auswirkt. Bei der ersten Zeugenbefragung von Feuerwehrangehörigen im Rahmen des Ersten Angriff sollte der Brandermittler auf diese Anzeichen achten, weil sie ggf. Aufschluss über mögliche Brandtemperaturen geben könnten. Diese Zerstörung des Wärmegleichgewichtes innerhalb eines Raumes kann am besten durch Messung des Wärmestromes mit Hilfe eines Kalorimeters in einer Höhe von 0,9 bis 2,4 m über dem Boden eines Raumes gezeigt werden. Der Schlüsselindikator einer wesentlichen Störung eines Wärmegleichgewichtes ist die aufwärts gerichtete Säule in 0,9 m Höhe einer Wärmewelle, welche sich der 2,4 m Wärmewelle nähert oder diese erreicht. So weist in diesem Zusammenhang die Schwarzfärbung auf dem Glas an den Fenstern auf fette Verbrennungsbedingungen hin (Backdraft-Potenzial), während eine Haarrissbildung im Glas (Crazed Glass) der Fenster auf eine schnelle Abkühlung der Brandtemperaturen (z.B. beim direkten Ablöschen des Glases mit kaltem Wasser) schließen lässt. Vorgehende Feuerwehreinsatzkräfte testen, ob im Rauch hohe Temperaturen herrschen, indem sie eine mit Handschuh geschützte Hand nach oben strecken. Falls keine übermäßige Wärme festgestellt wird, kann zwischen Handschuh und Überjacke ein kleiner Bereich der Haut freigelegt werden, um dann den oben genannten Vorgang vorsichtig zu wiederholen. Regelmäßig derart durchgeführte Temperaturchecks helfen den Einsatzkräften beim Feststellen von Temperaturveränderungen und können ihnen eine Vorstellung von den vorliegenden Temperaturschichtungen geben. Daher sollten die Einsatzkräfte auch dazu unbedingt schon im Ersten Angriff befragt werden.

Es ist vielen Brandermittlern bekannt, dass die Färbung der Flammen darüber Aufschluss geben kann, welche Art von Stoff brennt. Aus diesem Grund werden Feuerwehreinsatzkräfte und andere erste Zeugen am Brandort nach diesen Farben gefragt. Dabei wird aber regelmäßig von ebenso vielen Brandermittlern übersehen, dass dies jedoch auch irreführend sein kann, da ein und derselbe Stoff je nach Art der Verbrennung mit verschiedenfarbigen Flammen brennen kann. So brennt z.B. mit Luft vermischtes Flüssiggas mit einer bläulichen Flamme (aufgrund des Vorhandenseins von CO2), wenn der Brennstoff durchmischt wird, ist die Flamme aufgrund des Vorhandenseins von Kohlenstoffpartikeln jedoch gelblich gefärbt.

Ein weiteres Beispiel ist der Brand einer Spanplatte in einem Raum. Bei ausreichender Luftversorgung wird diese Platte mit einer ins Gelbliche gehenden Flamme abbrennen. Ist die Sauerstoffkonzentration im Raum jedoch niedriger als normal, verändert sich die Farbe der Flamme und wird rötlichorange.

Abb. 15: Flamme:
1 = Dampfzone
2 = Glühzone
3 = Brennzone
4 = Flammenoberfläche

Im Allgemeinen weisen gelbliche Flammen bei einem Zimmerbrand auf eine ausreichende Luftzufuhr hin. Rötlichorange Flammen sind ein Zeichen dafür, dass die Sauerstoffkonzentration nur unzureichend ist und eine fette Verbrennung vorliegt. Auch Form und Gestalt einer Flamme

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können über die Art der auftretenden Verbrennung Aufschluss geben. Die rötlichorangen Flammen, die von einer fetten Verbrennung herrühren, sind oft ungeordnet und besitzen eine eher kurze Wellenform. Die Entzündung von angesammelten Pyrolyseprodukten führt zu einer sehr hellen, gelben Flamme, die manchmal fast durchsichtig ist. Erstaunlicherweise ist in diesem Fall die Form der Flammen größer und die Flammen bewegen sich eher langsam. Die Bildung der blauen Flammen in der Nähe der Trennschicht zwischen Rauchschicht und rauchfreiem Bereich hat ihre Ursache wahrscheinlich im Vorhandensein von CO2-Ansammlungen, die dort in den Zündbereich gelangt sind. Wie bei allen diesen Anzeichen, auf die im Rahmen der SAHF-Bewertung im Ersten Angriff durch den Brandermittler geachtet werden sollte, ist es wichtig, den Ausgangszustand der Flammen (Form/Farbe) festzustellen und gezielt auf Veränderungen in den Zeugenaussagen zu diesen Anzeichen im Verlauf des Brandes zu achten.

Abb. 16: Die Luftströmung bringt frische Luft zum Brandherd und sorgt somit für eine gelbe Flamme

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Eine umfassende SAHF-Bewertung im Ersten Angriff ist eine wesentliche Voraussetzung, um sicherzustellen, dass für die weiteren Brandermittlungen insbesondere diese Spuren als Grundlagen gesichert und dokumentiert werden. Insbesondere kann ein planmäßiges Vorgehen bei den weiteren Brandermittlungen erst dann sicher entwickelt bzw. durchgeführt werden, nachdem mittels Befragung von Feuerwehrangehörigen, ersten Zeugen und/oder Geschädigten am Brandort eine SAHF-Bewertung durchgeführt wurde. Die Untersuchung und Bewertung von Anzeichen des Brandverlaufs bei einer Brandermittlung ist dynamisch und muss daher während der ersten Ermittlungen am Brandort und bei späteren Befragungen von Feuerwehrleuten immer wieder durchgeführt und an neue Erkenntnisse angepasst werden, bis die Ermittlungen zur Brandursache abgeschlossen sind. Die Spuren eines Brandes bzw. des Brandverlaufes zu bewerten, ist deshalb ein wichtiger Bestandteil aller Brandermittlungen. Diese Fähigkeiten sollten bei Brandermittlern durch die Kombination von theoretischem Unterricht, Brandversuchen und der Auswertung von Lichtbildern und Videoaufzeichnungen tatsächlicher Brände entwickelt und geschult werden. Auf jeden Fall ist jedoch praktische Erfahrung notwendig, um diese Fähigkeiten bei Brandermittlern vollständig zu entwickeln.

Videokameras (CCTV)

Grundsätzlich sollte nach Aufnahmen von Videoüberwachungskameras gesucht werden, die möglicherweise den Zustand des Brandortes und seiner näheren Umgebung vor dem Beginn der eigentlichen Brandursachenermittlung dokumentieren. Wie bereits festgestellt, muss man davon ausgehen, dass später alle, die sich mit dem Fall befassen müssen (Staatsanwalt, Richter, Sachverständige), sich nur aufgrund der verfügbaren Unterlagen ein Bild von der Situation am Brandort machen können. Da nicht vorhersehbar ist, welche Fragen im Detail einmal eine Rolle spielen werden, ist die Polizei gut beraten, wenn sie für die Dokumentation auch auf das Material von Videoüberwachungsanlagen zurückgreift, um auch – vorerst vielleicht nicht wichtige – Details oder Übersichten einzubeziehen. Für die Dokumentation sollte im Schwerpunkt alles Videografien genutzt werden, die in unmittelbarer Nähe des Brandortes zur Verfügung stehen: Verkehrsüberwachung, Objektüberwachung etc.

Abb. 17: Eine Überwachungskamera zeichnete die Brandsentstehung in einem Regal auf

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Lichtbilder mit Mobiltelefonen

Gerade die heutige, von nahezu jedermann genutzte preiswerte Digitalfoto- und -videografie mit digitalen Kameras und Handys bietet die Chance, Bilder von Zeugen zu erhalten, die schneller als Polizei und Feuerwehr am Brandort waren und aussagekräftigere Bilder machen konnten als die später eintreffenden Polizei- und Feuerwehrkräfte.

Lichtbildern und Videoaufnahmen, die zu einem frühen Zeitpunkt des Brandes gefertigt werden, kommt eine immer stärkere Bedeutung zu. Es sollte darum zu den polizeilichen Standardmaßnahmen gehören, neben polizeieigenen Fotos auch auf Lichtbilder der Feuerwehr sowie von Pressefotografen und unter Umständen von Schaulustigen, Anwohnern und Geschädigten zurückzugreifen.

Liegen solche Lichtbilder von Brandorten nicht vor, wird dadurch oft nicht nur die Brandursachenermittlung erschwert, sondern von den Gerichten zusätzlich zu den Brandberichten der polizeilichen Brandermittler zur gerichtsverwertbaren Klärung noch unabhängige Brandursachensachverständige mit der Erstellung von Gutachten beauftragt. Die Erstellung dieser Gutachten verursacht nicht nur weitere, oft nicht unerhebliche Kosten, sondern führt auch zu zeitlichen Verzögerungen bei der Wahrheitsfindung und Rechtsprechung. Insoweit ist es unabdingbar, dass gerade die kurz nach Brandentdeckung vor Ort anwesenden Beamten der Schutzpolizei oder des Kriminaldauerdienstes im Ersten Angriff (hier: Sicherungsangriff) – natürlich ohne die zunächst anstehenden allgemeinen gefahrenabwehrenden Maßnahmen zu vernachlässigen – möglichst frühzeitig Lichtbilder von der Brandstelle und vom Brandverlauf fertigen. Dies sollte zu den Standardmaßnahmen der Polizei an Brandstellen gehören, zumal häufig erst im Verlauf der weiteren Ermittlungen die Bedeutung solcher Lichtbilder zum Tragen kommt. Solche Fotos bilden häufig die Grundlage, die den Brandermittlern eine sachgerechte Bewertung der Feststellungen, die an der kalten Brandstelle getroffen werden, ermöglicht.

Wärmebildkameras

Die in den letzten Jahren bei den Feuerwehren mit großem Erfolg eingeführte Wärmebildkamera ist eine wesentliche Hilfe beim Auffinden von Personen und Aufspüren von Bränden in verrauchten und dunklen Räumen.

Vorteile der Wärmebildkamera:

  • schnelle Opferauffindung in dichtem Rauch und bei Dunkelheit

  • genaue Feststellung des Brandherdes

  • Entdeckung von Glutnestern und heißen Stellen

  • Sichtbarmachen von Hindernissen/Gefahren

  • besserer Schutz und größere Wirksamkeit der Einsatzkräfte

  • Beitrag zur Schadensminimierung

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Diese Möglichkeiten gilt es, auch in der Brandursachenermittlung zunehmend zu nutzen. Hier muss jedoch neben den Vorteilen der Infrarottechnik für die Feuerwehr auch auf die allgemeine Problematik zum Einsatz der Wärmebildkameras bei den Feuerwehren hingewiesen werden.

Abb. 18: Brandentstehung und Brandausbreitung von einer Wärmebildkamera aufgenommen

Die Infrarotfotografie beschäftigt sich mit der Herstellung von Bildern unter Ausnutzung von Lichtwellenlängen, die länger als jene des sichtbaren Lichtes (Infrarotstrahlung) sind. Die Infrarotthermografie stellt eine Möglichkeit der berührungslosen Temperaturmessung dar. Dabei wird der Effekt ausgenutzt, dass jede Oberfläche abhängig von der Temperatur ein typisches Spektrum an elektromagnetischer Strahlung aussendet. Bei hohen Temperaturen wird Strahlung auch im sichtbaren Bereich ausgesendet (Sonne, Glühwendel einer Glühbirne, heißes Metall). Bei Zimmertemperatur kann die Strahlung mittels infrarotempfindlicher Sensoren festgestellt und gemessen werden. Elektromagnetische Wellen mit einer Wellenlänge von ca. einem Millionstel Meter sieht der Mensch als sichtbares Licht. Elektromagnetische Wellen mit einer anderen Wellenlänge nimmt der Mensch zwar nicht mehr mit dem Auge wahr, er macht sie sich aber zunutze: Radiowellen haben eine Wellenlänge von einigen Metern oder Zentimetern, Mikrowellen von einigen Millimetern, Röntgenstrahlen von einem Milliardstel Meter. Das menschliche Auge nimmt elektromagnetische Strahlung also nur aus einem sehr schmalen Spektralband wahr. Die Wellenlängen des sichtbaren Bereichs werden vom menschlichen Auge als Farben von violett, blau über grün, gelb, orange bis rot empfunden. Das Empfindlichkeitsmaximum liegt bei Grün (550 nm). Infrarot wird generell von allen Gegenständen, die uns umgeben, abgestrahlt. Auch die menschliche Haut ist so gut an diese Strahlung gewöhnt, dass unsere Nerven unterscheiden können, ob wir uns einem heißen oder kalten Gegenstand nähern.

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Abb. 19: Brandbekämpfung mit Einsatz einer Wärmebildkamera

Brandermittlungsspürhunde

Brandmittelspürhunde sind speziell darauf trainiert, an erkalteten Brandorten brennbare Flüssigkeiten aufzuspüren und anzuzeigen. Sie sind aufgrund ihres hochempfindlichen Geruchssinns in der Lage, noch Tage nach dem Brand stark abgedampfte oder kleinste Reste brennbarer Flüssigkeiten im Brandschutt zu erkennen.

Bei einer Vielzahl von vorsätzlichen Brandstiftungen werden häufig flüssige Brandbeschleuniger eingesetzt. In der Regel wird der Nachweis eines Brandbeschleunigers durch eine gaschromatografische Untersuchung im Labor geführt. Bedingung für einen positiven Nachweis ist eine, wenn auch geringe, Restmenge unverbrannten Brandbeschleunigers. Dazu stellt der Brandermittler vor Ort stichprobenartig Brandschutt sicher und leitet diese Proben dem Labor zu. Das Problem am Brandort ist das Auffinden von Resten von eventuell verwendetem Brandbeschleuniger. Das Auffinden dieser Stoffe gestaltet sich in der Regel äußerst schwierig. Technisches Gerät kann nur punktuell eingesetzt werden. Für diese Aufgabe soll der Brandmittelspürhund eingesetzt werden. Er soll das Auffinden von Brandbeschleunigern erleichtern.

Zur Unterstützung der Suche nach brandbeschleunigenden Substanzen, wobei es sich in überwiegendem Maße um brennbare bzw. leicht entzündbare Flüssigkeiten handelt, können hochempfindliche mobile Detektorgeräte, sogenannte Photoionisationsdetektoren (PID), verwendet werden.

Diese Geräte zeigen die Dämpfe von derartigen Flüssigkeiten, einige der beim Brand gebildeten Schwelprodukte an, sodass eine Messung immer nur als Vortest angesehen werden kann, der analytische Laboruntersuchungen notwendig macht.

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Abb. 20: Einsatz von Photoionisationsdetektoren (PID) bei der Brandschuttanalyse

Durch den Einsatz des Brandmittelspürhundes wird eine gezielte technikunterstützte und flächendeckende Absuche der Brandstelle ermöglicht und dadurch die Chance zum Auffinden von Brandbeschleunigern erheblich vergrößert. Der Brandmittelspürhund ist an allen bedeutsamen Brandbeschleunigern ausgebildet. Wie Spürversuche in Übungsanlagen ergeben haben, ist die Ansprechgrenze der Hunde viel geringer als die Nachweisgrenze der analytischen Messgeräte. Hunde haben ein außerordentliches Geruchsvermögen, was an der besonderen Ausbildung ihrer Riechorgane liegt. Sie haben im Gegensatz zum Menschen eine größere Riechschleimhaut (Teil der Nasenschleimhaut) mit 23-mal mehr Riechsinneszellen als der Mensch. Brandmittelspürhunde sind aufgrund dieser enormen Nasenleistung in der Lage, geringste Mengen eines verwendeten flüssigen Brandbeschleunigers nach dem Abbrand im Brandschutt aufzuspüren. Da das Geruchsorgan – wie beim Menschen auch – mit den Atemwegen kombiniert ist, ist auch die Art des Luftholens entscheidend: Der Hund wendet durch eine hohe Atemfrequenz eine besondere Schnüffeltechnik an. Wie die anderen Spezialhunde können auch die Brandmittelspürhunde erfolgreich sein, weil die Wahrnehmungsfähigkeit ihres Riechorgans die der Menschen weit übertrifft. Hunde können auch Duftgemische selektiv wahrnehmen, d.h., sie analysieren Teilkomponenten unabhängig von ihrem Ausmaß. Duftinformationen werden im Gedächtnis sorgfältig gespeichert und in großem Umfang später wiedererkannt. Das Wissen über die Fähigkeit der Hunde führte zu dem Entschluss, das Verhalten der Hunde auch an flüssigen Brandbeschleunigern einzuüben. Flüssige Brandbeschleuniger lassen sich nach ihrer Entstehung in drei Hauptgruppen einteilen:

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  • Erdölprodukte, z.B. Benzin oder Diesel

  • Haushaltsprodukte, z.B. Spiritus und Lampenöl

  • Betriebsprodukte, z.B. Nitroverdünnung

Hunde spüren Konzentrationen von 0,2 Tausendstel Millilitern auf. Der Einsatz von Brandmittelspürhunden ist eine sichere und systematische, schnelle und flächendeckende Art, Brandorte mit großen Flächen, hohen Trümmerlagen und unverdächtigen Stellen nach Brandbeschleunigern abzusuchen.

Abb. 21: Brandmittelspürhunde im Einsatz

Im Echteinsatz verweisen die Brandmittelspürhunde bei Erkennen des Geruchsbildes den flüssigen Brandbeschleuniger durch passives Anzeigeverhalten, d.h. durch Hinlegen an der Geruchsquelle. Das bedeutet für die Praxis, dass der Diensthund den Ort durch Hinlegen verweist, indem er die jeweilige Stelle zwischen den Vorderläufen mit dem Nasenschwamm anzeigt. Passives Anzeigeverhalten deshalb, weil zum einen die Vernichtung von Spuren verhindert wird und zum anderen eine Verletzungsgefahr für den Hund im Brandschutt unterbleibt. Außerdem wird das Sammeln kontaminierten Brandschutts zu anschließenden Untersuchungszwecken erleichtert.

Die Arbeit des Brandmittelspürhundes ist eine hervorragende Ermittlungshilfe zum Ausfindigmachen von Brandbeschleunigern und erleichtert den Brandermittlern die aufwendige Suche mit dem Photoionisationsdetektor. Der gerichtsverwertbare Nachweis von Brandbeschleunigern erfolgt anschließend durch Laboruntersuchungen. Die Hunde können innerhalb von 15 bis 20 Minuten 150 bis 300 m2 bewältigen, bevor ihr Geruchssinn eine Pause braucht. Es sind bis zu sieben Intervalle 20 Minuten

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Spürleistung pro Einsatztag möglich (entspricht etwa einer Fläche von insgesamt 2.000 m2). Wie in allen Spürhundebereichen basiert die Ausbildung auf einem stark ausgeprägten Spiel- und Beutetrieb der Hunde. Die spielerische Ausbildung des Brandmittelspürhundes erfolgt mit flüssigen Brandbeschleunigungsmitteln, wie Benzin oder Diesel. Wesentlich für das Erkennen eines bestimmten Duftstoffes ist ein gezieltes Training auf den entsprechenden Stoff. Zunächst sucht der Hund nur sein Spielzeug, etwa einen Tennisball. Mit diesem Spielzeug wird der Hund später jedes Mal belohnt, wenn er eine brennbare Flüssigkeit erschnüffelt hat. An der Fundstelle muss der Hund dann Platz machen. Dabei lernt der Hund selbstständig, an großflächigen, unübersichtlichen Brandstellen nach Rückständen von Brandlegungsmitteln zu suchen und diese passiv anzuzeigen.

Gegenstände, die der Brandstifter weggeworfen hat, oder Anhaftungen von Brandlegungsmitteln an Kleidungsstücken können mit dem Hund aufgefunden werden. Das Training bzw. das Einüben des Verhaltens der Hunde erstreckt sich auf alle oben angeführten Produkte. In den frühen achtziger Jahren wurde in einer Machbarkeitsstudie im US-Staat Connecticut erstmals geprüft, ob Hunde den Geruch von Brandbeschleunigern differenzieren, lokalisieren und anzeigen können. Die Ergebnisse waren vielversprechend. Im Mai 1986 begann die Ausbildung des weltweit ersten Brandmittelspürhundes. Das Projekt wurde unter Beteiligung des Bureau of Alcohol, Tobacco, and Firearms (B) ATF, der Connecticut State Police (CSP) und der Bundesanwaltschaft New Haven durchgeführt. Es dauerte ein Jahr und die schwarze Labrador-Retriever-Hündin Mattie übertraf alle Erwartungen. CSP und (B) ATF bildeten seitdem 49 Brandmittelspürhunde für den Einsatz in ganz Nordamerika aus. Zusammen mit den Brandmittelspürhunden, die zusätzlich von anderen staatlichen und privaten Organisationen ausgebildet werden, stehen inzwischen allein in den USA ca. 200 Brandmittelspürhunde zur Verfügung.

Ausgehend von der Leistungsfähigkeit von Spürhunden bei der Rauschgift- und Sprengstoffsuche wurde Ende 1996 auch in Deutschland – in der Landespolizeischule für Diensthundeführer des Landes Nordrhein-Westfalen in Schloss Holte-Stukenbrock – die Ausbildung von Brandmittelspürhunden begonnen. Seit Juli 1997 gab es dort die ersten zwei trainierten Brandmittelspürhunde Europas. Ihre Leistung wurde in einer Studie des Bundeskriminalamtes wissenschaftlich geprüft. Zu Projektbeginn 1998 waren in Deutschland nur die beiden belgischen Schäferhunde Fozzy und Lukas im Einsatz; einige Zeit später kam noch Drago ins Team. In der Praxisstudie des BKA sollten die Einsatzmöglichkeiten der Hunde an tatsächlichen Brandorten im Rahmen der polizeilichen Ermittlung zur Brandursache dokumentiert werden. Begleitend wurden Laboruntersuchungen zu den noch erfassten Konzentrationen der häufigsten Brandbeschleunigungsmittel gemacht. Das Projekt erregte von Beginn an Interesse und in den folgenden Jahren wurden in Zusammenarbeit mit dem BKA in Thüringen, im Saarland, in Rheinland-Pfalz, Sachsen und Österreich weitere Hunde ausgebildet. Heute sind in rund der Hälfte der Bundesländer ausgebildete Brandspürhunde im Polizeidienst. Die Zahl

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der Spürhunde hat sich in Deutschland von zwei im Jahr 1998 auf 15 im Jahr 2003 erhöht.

Ingenieurmäßige Methoden

Die Anwendung von Methoden des Brandschutzingenieurwesens (Fire Safety Engineering – FSE) in der Brand- und Explosionsursachenermittlung hat sich in den letzten Jahren als bewährtes und von Sachverständigen für Brandursachenermittlung immer häufiger angewendetes Verfahren zur Beurteilung vielschichtiger Fragestellungen bei der Brandursachenermittlung entwickelt. Dabei wird verstärkt auf abgesicherte Erkenntnisse der Brandschutzwissenschaften (Fire Safety Sciences) zurückgegriffen. Sowohl wesentliche wissenschaftliche Erkenntnisse als auch die verwendeten Ingenieurverfahren (insbesondere Computer Codes für Berechnungen) werden dabei häufig aus dem Ausland, insbesondere aus den USA, aus Großbritannien und aus den skandinavischen Ländern übernommen. Im angloamerikanischen, asiatischen und australischen Bereich haben sich bereits entsprechende Regelwerke für die Anwendung etabliert (z.B. im NFPA Code 92 B für Brände in hohen Räumen oder Richtlinie NFPA Code 204:1998 für Flächenbrände). Zur Ergänzung der zuvor genannten Simulationswerkzeuge befinden sich zz. folgende Computersimulationsprogramme mit brandspezifischen Themen auf dem Markt:

  • ASFIRE 3D (Australien)

  • BF 3D (USA)

  • C-Safe (USA)

  • CESARE CFD (USA)

  • CHOW-CFD (China)

  • FIREDASS (UK)

  • FISCO-3L (Deutschland/Norwegen)

  • FLUENT (UK)

  • FLOW 3D (UK)

  • FURANCA (Australien)

  • JASMINE (UK)

  • KAMELEON II (Norwegen)

  • KOBRA 3D (Deutschland)

  • LES 3D (USA)

  • MOSIE (USA)

  • PDF (USA)

  • PHOENICS (UK)

  • SMARTFIRE (UK)

  • SOFIE (UK)

  • UNDSAFE (USA/Japan)

  • VULKAN (Norwegen)

In den sechziger Jahren finden die Entwicklungen zur numerischen Strömungsberechnung ausschließlich auf den Gebieten Luftfahrt- und Fahr-

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zeugtechnik statt (Marker & Cell). Bereits in den siebziger Jahren werden hauptsächlich zur Voraussage von Strömungs- und Temperaturverhältnissen die beiden Wege der Modellversuche und der mathematischen Berechnung mit Hilfe halbempirischer Gesetzmäßigkeiten beschritten. Erste Arbeiten auf dem Gebiet der CFD-Berechnung von Raumluftströmungen werden von Prof. Nielsen 1974 erstellt. Mit Beginn der achtziger Jahre setzt die Entwicklung verschiedener Computerprogramme zur Berechnung der reinen Luftströmung ein. Die zweidimensionalen Berechnungen werden mit Großrechnern bzw. Workstations durchgeführt. In der Luft- und Raumfahrt werden bereits 3D-Programme eingesetzt.

In den neunziger Jahren sind die mathematischen und physikalischen Grundlagen so weit fortgeschritten, dass die Erstellung von 3D-Berechnungsprogrammen beginnt. Seit 1995 sind diese Berechnungen auch auf PC-Basis möglich. Ausgehend von den Brandentwicklungsphasen eines natürlichen Brandverlaufes wird der Wärmefreisetzung eine herausragende Bedeutung bei der Bestimmung und Festlegung von Brandereignissen zugewiesen, wie sie für analytische Brandsimulationen als Eingangsdaten erforderlich sind. Den für die Berechnungen zu verwendenden zeitlichen Verlauf der Wärmefreisetzung für Sicherheitsnachweise erhält man beispielsweise durch Experimente, durch Berechnungen, durch Vereinbarungen oder durch normative Vorgaben. Vereinfachend lässt sich die Brandausbreitungsphase vorwiegend den Fragestellungen zum Personenschutz zuweisen, während die Phase des voll entwickelten Brandes (auch auf Teilflächen) vorwiegend für die Standsicherheit und für den Raumabschluss von Bauteilen wichtig ist. Bezogen auf Räume hat sich eine quadratisch mit der Branddauer wachsende Wärmefreisetzung für die Brandentwicklungsphase international begründet. Geometrische Modelle gehen von einer gleichbleibenden Brandausbreitungsgeschwindigkeit aus, aus der sich ebenfalls eine quadratisch mit der Brandentwicklungsdauer wachsende Brandfläche und daraus eine quadratisch zunehmende Wärmefreisetzung ergibt. Insbesondere in kleineren Räumen kann eine plötzliche Brandausbreitung auf quasi alle brennbaren Stoffe auftreten, wenn die Wärmebelastung des Brandraumes zu einer umfassenden Pyrolyse an den brennbaren Stoffen führt. Als eine gebräuchliche Flashover-Bedingung wird üblicherweise das Erreichen einer Temperatur in der Heißgasschicht von etwa 500 bis 600 C verwendet. Daraus ergibt sich (bei anzunehmender nahezu stationärer Wärmeabsorption) als Grenzwert für die Wärmefreisetzung vor Eintritt eines Flashovers eine Flashover-Temperatur von 500 ˚C. Während der Vollbrandphase stellt sich eine in etwa gleichbleibende Wärmefreisetzung ein. Der (Maximal-)Wert dieser Wärmefreisetzung ergibt sich nach den verfügbaren Brandlasten und nach der verfügbaren Verbrennungsluft als brandlastgesteuert oder ventilationsgesteuert. Insbesondere bei kleineren Räumen mit geringen Flächen für Zuluft kann für eine vollständige Verbrennung der entflammten Stoffe die nötige Verbrennungsluft fehlen und so die Brandgröße (Wärmefreisetzung) begrenzen. Der Einfluss von aktiven Brandschutzmaßnahmen auf die Brandentwicklung kann in vielen Fällen ebenfalls bereits im Vorwege abgeschätzt und den weiteren Untersuchungen vorgegeben werden. Beispielsweise kann davon ausgegangen werden, dass die Wärmefreisetzung

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in einem sprinklergeschützten Raum unterdrückt wird. Je nach dem Auslösezeitpunkt und nach der abschätzbaren Wirksamkeit der Löschmaßnahme können sich unterschiedliche Brandentwicklungen ereignen. Unter einem Modell im wissenschaftlichen Sinn versteht man ganz allgemein ein Objekt, welches auf der Grundlage einer Ähnlichkeit zu einem Original eingesetzt und genutzt wird, um Aufgaben zu lösen, deren Durchführung am Original selbst nicht möglich oder zu aufwendig sind. In der hier zur Diskussion stehenden Fragestellung handelt es sich um die physikalische bzw. mathematische Nach- oder Abbildung der Realität durch mathematische Gleichungen. Über die praktischen Anwendungen (z.B. Auslegung von Bauteilen und Entrauchungsmaßnahmen) hinaus lassen sich Brandsimulationsmodelle auch einsetzen, um die Wechselwirkung verschiedener Prozesse zu erklären. Ein Beispiel dafür sind die Rückwirkungen der Temperaturentwicklung oder der Ventilation auf den Brandverlauf. Diese Anwendung macht diese Methoden auch für die Brand- und Explosionsursachenermittlung interessant. Mathematische Brandmodelle können noch weiter in deterministische und probabilistische Modelle unterteilt werden. Deterministische Modelle beschreiben die Brandentwicklung und den Brandverlauf für eine spezielle, vom Benutzer in Form von Rand- und Anfangsbedingungen zu präzisierende Ausgangssituation, welche die zeitliche Entwicklung des betrachteten Systems festlegen. Sie bestehen aus einer Zusammenstellung mathematischer Algorithmen, welche die als bedeutsam eingeschätzten physikalischen Gesetzmäßigkeiten und Abhängigkeiten beschreiben. Die deterministischen Modelle können sich erheblich in ihrer Vielschichtigkeit unterscheiden. Probabilistische Modelle beschreiben Brände als eine Folge von Ereignissen und ahmen die Brandentwicklung auf Basis von Wahrscheinlichkeiten für das Auftreten bestimmter Ereignisse sowie Übergangswahrscheinlichkeiten zwischen bestimmten Zuständen nach. Die Schwierigkeit bei dieser Art von Modellen besteht allerdings darin, die entsprechenden Wahrscheinlichkeiten aus statistischen Auswertungen von Beobachtungen oder Versuchsergebnissen bzw. aus Zuverlässigkeitsanalysen zu ermitteln. Sie sind im Sinne der oben formulierten Zielsetzungen nicht bedeutsam und werden im Folgenden deshalb nicht behandelt.

Grundsätzlich lassen sich drei Gruppen von mathematischen (deterministischen) Brandsimulationsmodellen unterscheiden:

  • empirisch belegte Ansätze

  • Zonenmodelle

  • Feldmodelle (CFD)

Aufgrund der Unterschiede in den physikalischen Ansätzen ist die Aussagefähigkeit von Zonen- und Feldmodellen unterschiedlich, d.h., der Umfang der berechneten Größen weicht stark voneinander ab. Für alle Modelle gilt, dass grundsätzliche Vorgaben gemacht werden müssen. Dazu gehören die Gebäudegeometrie, Wände, Öffnungsflächen und die Stoffdaten der Begrenzungen (Randbedingungen) und deren Darstellung im Modell. Hinsichtlich des Umfangs der Eingabedaten können sich die Modelle beträchtlich unterscheiden.

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Abb. 22: Unterschiede zwischen Feld- und Zonenmodellen

Abb. 23: Feldmodell erstellt mit FDS – Smoke View des National Institute of Standard and Technology/USA

Wesentlichste Eingaben sind der Brandverlauf und die damit in Verbindung stehenden Stoffdaten. Eine Modellierung des Verbrennungsprozesses, welche auf grundlegenden Eigenschaften beruht, ist heute nur in sehr begrenztem Umfang möglich. Die Modellierung des eigentlichen Verbrennungsvorgangs spielt praktisch nur im Wissenschaftsbereich eine Rolle und ist für allgemeine Aussagen oder als Beweismittel vor Gericht noch nicht anwendbar. Die grundlegende Voraussetzung für die Anwendung eines Einzonen- oder Vollbrandmodells ist eine möglichst gleichförmige Temperatur innerhalb des Brandraums. Dies ist im Allgemeinen nur in der Vollbrandphase näherungsweise erfüllt, daher der Name. Entsprechend der praktischen Erfahrung bei voll entwickelten Bränden in kleineren Räumen wird daher vorausgesetzt, dass der Raum gleichmäßig mit heißen Rauchgasen gefüllt ist: Das gesamte Brandraumvolumen wird als eine Zone (Kontrollvolumen) betrachtet, in der einheitliche Verhältnisse (z.B. Temperatur, Gaszusammensetzung) herrschen. Die wesentlichen Annahmen lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

  • Die Brandgase und die Flammen im Brandraum sind gut durchmischt, sodass sich eine einheitliche Temperatur einstellt.

  • Die Emissivität der Rauchgase und der Flammen ist gleich und während des Brandverlaufes gleichbleibend.

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  • Die Innenwände sind Strahler mit einer gleichbleibenden Emissivität.

  • Neben dem radiativen Wärmeaustausch zwischen Gas und Wand besteht außerdem ein konvektiver Austausch.

  • Die Außenseite der Umfassung wird durch konvektiven Wärmeaustausch gekühlt.

Die für die mathematische Beschreibung notwendigen physikalischen Größen sind nachstehend zusammengefasst:

  • Temperatur der Gasmischung (Rauchgase)

  • Masse des Rauchgases innerhalb des Raums

  • Volumen des Raums

  • Dichte des Gasgemisches

  • Druck im Raum

  • Lage der neutralen Ebene

Das grundsätzliche Konzept besteht darin, die Rauchgastemperatur aus der Energiebilanz zu bestimmen. Es ist zu beachten, dass dieses Modell den Fall einer Verbrennung außerhalb des Raumes (Flamme schlägt aus der Öffnung) nicht erfasst und auch die Flammentemperatur selbst nicht bestimmt wird.

Abb. 24: Modell für die Erstellung von Computersimulationen

Die bei einem Mehrzonenmodell angewandten grundlegenden Gleichungen bestehen wie beim Einzonenmodell (Vollbrandmodell) aus den Erhaltungssätzen für die Masse und der Energie, die nun jeweils auf die Zonen angewandt werden. Die theoretische Basis lässt sich folgendermaßen beschreiben: Das Gas in der jeweiligen Schicht ist durch die Masse, innere Energie, Temperatur, Dichte und das Volumen bestimmt. Der Massenstrom und der Energiestrom zu den beiden Schichten werden auf der Basis bestehender Submodelle berechnet.

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Auswertung der Spuren von Brandbeschleunigern

Brandstiftungen werden häufig unter Verwendung von Brandbeschleunigern begangen. In der Regel wird der Nachweis eines Brandbeschleunigers durch eine gaschromatografische Untersuchung bei den Landeskriminalämtern geführt. Bedingung für einen positiven Nachweis ist eine, wenn auch geringe, Restmenge unverbrannten Brandbeschleunigers. Dazu stellt der Sachbearbeiter vor Ort stichprobenartig Brandschutt sicher und leitet diese Proben dem Landeskriminalamt zu.

Abb. 25: Probenentnahme auf einem Teppich, der mit flüssigem Brandbeschleuniger übergossen wurde

Das Problem am Brandort ist das Auffinden von Resten von verwendetem Brandbeschleuniger. Der Gaschromatograf ist ein Gerät, mit dessen Hilfe man die Bestandteile eines Stoffes wie z.B. Benzin (dessen Fraktionen) bestimmen kann. Der Ausdruck des Druckers zeigt dann die Menge und die für die Stoffe spezifischen Peaks an. Aus einer Stahlflasche strömt Helium als Trägergas über ein Reduzierventil und die Einspritzvorrichtung in die von einem Thermostaten umgebene Trennsäule. Danach verlässt das Gas durch den Detektor die Gerätschaft. Der Gasvolumenfluss wird ggf. über einen Strömungsmesser gemessen. Damit flüssige und feste Stoffe rasch verdampft werden, muss die Einspritzvorrichtung mindestens die Temperatur des Thermostaten bzw. die der Trennsäule aufweisen. Nach der Probenaufgabe werden verdampfte Proben mit dem Trägergas durch die Säule transportiert und in einzelne Komponenten aufgetrennt, die nacheinander aus der Säule herausgelöst werden. Das Sorptionsmilieu kann bei der Gaschromatografie nicht nur durch die chemischen Eigenschaften der stationären Phase, sondern auch durch die Wahl einer geeigneten Temperatur beeinflusst werden.

Abb. 26: Analyse am Gaschromatografmassenspektrometer (GCMS)

Das Auftreten der Komponenten im Detektor macht sich als Verunreinigung des Trägergases und Veränderung einer physikalischen Eigenschaft z.B. der Wärmeleitfähigkeit bemerkbar. Diese Veränderung wird vom Wär-

2.8.4 Brandspuren – Seite 30 – 01.12.2010 << >>
meleitfähigkeitsdetektor (WLD) in eine proportionale Spannung umgesetzt und mit einem Millivoltschreiber aufgezeichnet. Die Detektorfilamente werden durch eine Strombegrenzungsschaltung gegen Überhitzung geschützt. Die Messbrücke und die Brückenstromversorgung mit stabilisierter Gleichspannung sind serienmäßig eingebaut. Die Ofenheizung ist von 20 bis 230 C zweistufig regelbar und der Heizkreis besitzt einen Temperaturschutzschalter, der das Gerät vor Überhitzung schützt.

Täterprofile von Brandstiftern mit dem Computer

Einen unbekannten Täter mittels biologischer oder verhaltenspsychologischer Merkmale korrekt identifizieren oder auf diese Weise gar eine Tatbegehung präventiv verhindern zu können, ist ein alter Ermittlertraum. Das älteste überlieferte Täterprofil stammt von Dr. Thomas Bond, welcher im Jahre 1888 die möglichen Charakteristika des berüchtigten Jack the Ripper in einem Brief an den Leiter der Kriminalpolizei in London skizzierte.

Seit Jahren dienen Täterprofile der US-amerikanischen Bundespolizei FBI der Suche nach unbekannten Tätern bei Brandstiftungen – entweder um den Kreis der Verdächtigten einzugrenzen oder neue Ermittlungsansätze zu eröffnen sowie das Verhalten von Tätern und den psychosozialen Kontext von Branddelikten als Informationsquelle zu nutzen. Auch bei uns sollten deshalb die Fokussierung der Ermittlungen auf Personen mit den wahrscheinlichsten Tätermerkmalen, Hilfestellung bei der Erarbeitung proaktiver Strategien, Vorschläge bezüglich investigativer Strategien, di-

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rekte Interventionen bei noch aktiven Straftaten und die Prävention bei Branddelikten im Vordergrund stehen. In den USA und Großbritannien wird die Methode der Täterprofilerstellung schon seit Jahren angewandt. Dabei wird auf in den USA entwickelten Brandstiftungsdetektionsmodellen und Diskriminantenanalysen zur Vorhersage von brandstiftungsgefährdeten Strukturen aufgebaut.

Die Erwartung, dass man für die Brandstiftungsverhütung verwertbare Ergebnisse erhalte, wenn man mehr über die Täterschaft und ihre typischen Motive erfährt, ist im Grunde ja auch naheliegend. Das setzt allerdings voraus, dass es tatsächlich eine brandstiftungstypische Motivstruktur gibt, die überschaubar ist, wie es etwa die Annahme eines pyromanischen Antriebes unterstellt, die lange Zeit vor allem bei Serientätern verwendet wurde, heute allerdings nicht mehr ernsthaft aufrechterhalten wird.

So interessant auch weiterhin die Tätertypisierung und operative Fallanalyse der Täterschaft bei Brandstiftungen sein dürfte, so erscheint es dennoch unmöglich, standardisierte Datenbanken aufzubauen, mit deren Hilfe solchen Analyse zu erreichen wären. An dieser Stelle ist ausdrücklich vor Instant-Lösungen zu warnen. Brandstiftungen bleiben hinsichtlich der Erstellung von Hypothesen zur Täterschaft und den Motiven ein weitgehend uneinheitliches Feld. Das mit sozialpsychologischen Mitteln einhellig zu typisieren, ist beim heutigen Erkenntnisstand unmöglich. Es gelingt schon seit längerer Zeit, bei einzelnen Tätern eine einleuchtende individualpsychologische Analyse im Nachgang zu erstellen, wie die vielen Falldarstellungen in psychiatrischen, gerichtsmedizinischen und psychologischen Veröffentlichungen zeigen. Es ist aber noch nicht gelungen, aus solchen Ergebnissen Regelmäßigkeiten allgemeiner Art abzuleiten, die in der Lage wären, einen größeren Teil der Brandstiftungsfälle in der Ermittlungsphase eindeutig zu erklären. Grundsätzlich ist eine konkrete Fallanalyse bei Branddelikten insbesondere bei Serienbrandstiftungen möglich und oft als flankierende Maßnahme bei den Ermittlungen und zur Ergänzung von Sachbeweisen auch sinnvoll. Ein Aspekt muss in diesem Zusammenhang jedoch ausdrücklich betont werden. Die qualifizierte Untersuchung von Bränden durch das komplexe Zusammenwirken von sachbearbeitenden Kriminalbeamten, die für diesen Bereich besonders ausgebildet sind, Kriminaltechnikern und Sachverständigen für Brandursachenermittlung in festen Kommissionen (BAO – Besondere Aufbauorganisation) nach PDV 100 (Polizeidienstvorschrift 100) erscheint als unabdingbare Voraussetzung einer erfolgversprechenden Fallanalyse bzw. Täterprofilerstellung. Dieses Miteinander muss bereits am Brandort/-objekt sichergestellt werden. Aufgrund der umfassenden Kenntnisse und Erfahrungen solcher ständiger Branduntersuchungskommissionen sowie der Erfahrungen entsprechend den Vorgaben des BKA ausgebildeter Fallanalytiker wird nicht nur eine möglichst genaue Fallanalyse bzw. ein entsprechendes Täterprofil als Ermittlungshilfe gewährleistet, sondern es können auch Ursachen, Motive und begünstigende Bedingungen herausgearbeitet werden. Ein Beispiel für derartige Täterprofile ist die Untersuchung zu Serienbrandstiftungen beim Landeskriminalamt (LKA) Brandenburg. Diese Datenbasis mit Täterprofilen von Brandstiftern wurde in mehrjähriger Zusammenarbeit des LKA mit der Unterstützung von Studierenden der Fachhochschulen der Polizei

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der Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Sachsen der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg erarbeitet. Diese Daten flössen in eine Datenbank mit der Bezeichnung BIAS Brandstifter-Informations- und Analysesystem ein.

Abb. 27: Auswertungsmaske der BIAS beim LKA Brandenburg

In der Projektsammlung aus der kriminalistisch-kriminologischen Polizeiforschung Forschungsdokumentation (FODOK) der Gruppe Kriminalstrategie (KI 1) des Bundeskriminalamtes wurde auch 2003 und 2005 über dieses Forschungsprojekt berichtet. Das Forschungsprojekt hat mit einer kriminalistisch-kriminologischen Studie Grundlagen geschaffen, Strukturen der vorsätzlichen Brandkriminalität im Kontext Täter und Tat zu erkennen und für die Vorgangsbearbeitung zu nutzen. Hierzu wurden Daten aus über 3.000 polizeilichen, staatsanwaltschaftlichen und gerichtlichen Strafakten vorsätzlicher Brandstiftungen erfasst. Weitere Erfassungen sind durch die Fachhochschule der Polizei Brandenburg, die Fachhochschule für öffentliches Recht und Verwaltung des Landes Mecklenburg-Vorpommern als auch durch die Brandermittler des Landes Brandenburg vorgesehen. Die Datenbank wurde in mehreren Ermittlungsverfahren als fallanalytische Methode zur Herausarbeitung von Ermittlungsansätzen von vorsätzlichen Brandstiftern, insbesondere Serienbrandstiftern, erfolgreich getestet. Im Rahmen einer landesweiten Erprobung wird den Brandermittlern die Datenbank zur Verfügung gestellt. Durch die Datenbank soll ein praxisnahes Hilfsmittel zur Optimierung der Aufklärung von vorsätzlicher Brandkriminalität geschaffen werden.