DGUV Information 215-450 - Softwareergonomie (DGUV Information 215-450)

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Abschnitt 11.7, 11.7 Methoden zur Überprüfung und Bewertung ...
Abschnitt 11.7
Softwareergonomie (DGUV Information 215-450)
Titel: Softwareergonomie (DGUV Information 215-450)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 215-450
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 11.7 – 11.7 Methoden zur Überprüfung und Bewertung von Gestaltungslösungen

Software wird über die verschiedenen Phasen des Einsatzzyklus häufiger überprüft und bewertet, d. h. ein Ist-Zustand wird immer mit einem Soll-Zustand verglichen. Soll-Ist-Unterschiede sind Softwaremängel oder -fehler. Sie zeigen sich dadurch, dass mit einer aktuellen Softwarelösung die allgemeinen und spezifizierten Anforderungen für die Nutzung (noch) nicht erreicht wurden und die Aufgabenbearbeitung (noch) nicht angemessen unterstützt wird. (Teil-)Aufgaben oder Anforderungen, für die noch keine (vollständige) Gestaltungslösung entwickelt wurde, bleiben zunächst unberücksichtigt.

Soll-Ist-Unterschiede sollten ebenso wie ihre Beseitigung im fortgeschrittenen Entwicklungsstadium dokumentiert werden. Anhand eines Prüfkonzepts sollte dokumentiert werden, was zum aktuellen Entwicklungsstand der Software erreicht ist und welche Ergebnisse noch nicht erzielt werden können. Jeder Stand sollte immer in mehreren W-Fragen konkretisiert werden:

  • Was (aktueller Zustand eines Prüfgegenstandes) soll?

  • Gegen was (Anforderungen und daraus abgeleitete Prüfkriterien)?

  • Mit welchem Kriterium?

  • Wann (Zeitpunkt im Entwicklungsprozess oder in der Phase des Einsatzzyklus)?

  • Von wem (Entwicklerinnen und Entwickler, Einkäuferinnen und Einkäufer, Benutzerinnen und Benutzer)?

  • Wie (Funktionstest, Benutzungstest)?

  • Womit (Prüfablauf und -methoden) geprüft und bewertet werden?

Als Verfahren zur Überprüfung und Bewertung kann man grundsätzlich Dokumenten- und Produktanalyse, Beobachtung sowie schriftliche und mündliche Befragung nutzen. Einige hilfreiche Methoden sind im Anhang 4 dargestellt. Es gibt nicht die richtige, immer passende und gültige Methode oder Kombination von Methoden. Die Auswahl ist abhängig von der Problem- und Zielstellung im Entwicklungsprozess zu treffen. Die Wahl sollte begründet und die Begründung dokumentiert werden. So reicht die Wahl irgendeines Verfahrens zur formativen Evaluation von Gestaltungslösungen nicht aus, um eine hohe Nutzungsqualität von Software sicherzustellen. Ein Verfahren kann immer nur als ein Baustein in einem Prozess der Prüfung und Bewertung eingesetzt werden.

Allen Verfahren gemeinsam ist, dass mit ihrer Hilfe einige, aber nie alle Mängel der ergonomischen Gestaltung der Software aufgedeckt werden können. Wie man aufgedeckte Mängel beheben kann, geht aus den Verfahrensanleitungen meist nicht hervor. Die Verfahren eignen sich zur formativen Evaluation (Nachweis von Mängeln), nicht aber zur summativen Evaluation (Nachweis von Mängelfreiheit). Bei einem Funktionstest wird eine Testperson gebeten, eine Funktion anzuwenden. Er wird während des Ausprobierens beobachtet und man prüft, ob ein vorab definierter Effekt erzielt wird. Da eine Funktion in ihren Möglichkeiten begrenzt ist, wird es wenige alternative Wege des Ausprobierens geben. Da ein einmaliger Funktionstest auch zufällig effektiv sein kann, sollte die Zuverlässigkeit eines Testergebnisses in mehrfachen Tests durch unterschiedliche Testpersonen ermittelt werden. Eine getestete Funktionalität reicht für Aussagen zur Nutzungsqualität noch nicht aus.

Bei einem Benutzungstest wird eine Testperson angeleitet, im Nutzungskontext Aufgaben mithilfe eines Prototyps der Software zu bearbeiten. Dabei kann die Testperson während des Bearbeitens beobachtet werden, oder ihre Arbeitsschritte und Interaktionen mit der Software zur Bearbeitung der Aufgabe und die Teilergebnisse der Aufgabe werden dokumentiert. Auch kann die Testperson eine freie Bewertung der Software bzw. nach vorgegebenen Merkmalen abgeben. So wird geprüft und bewertet, ob ein vorab definierter Effekt erzielt und unerwünschte Nebeneffekte vermieden werden können. Die Nutzung der Software ist bei einem Benutzungstest durch alternative Wege z. B. der Reihenfolge des Bearbeitens vielfältiger. Zufällige Ergebnisse können nur durch mehrfach wiederholte Tests in zuverlässigere Ergebnisse überführt werden, wenn auch unterschiedliche Bearbeitungswege und unterschiedliche Testpersonen einbezogen sind. Die Unsicherheit über ein Testergebnis nimmt mit steigendem Entwicklungsgrad der Software und mit umfangreicher Berücksichtigung von Nutzungskontexten zu.

Das Prüfen und Bewerten von Software-Prototypen ist ein wesentlicher Schritt in Richtung Gebrauchstauglichkeit und Nutzungsqualität. Mängel oder Fehler der Software bei der Unterstützung der Aufgabenbearbeitung müssen identifiziert, Ursachen aufgedeckt und alternative Lösungsvarianten entwickelt werden. Alternative Lösungsvarianten müssen in neue Prototypen umgesetzt werden, die wiederum mit Funktions- und Benutzungstests auf Mängel zu prüfen und zu bewerten sind.

Während der Entwicklung von Prototypen bis hin zur finalen Version der Software sollen immer mehr Nutzungskontexte abgedeckt werden. Daher beziehen sich auch formative Evaluationen auf einen wachsenden Anwendungsbereich. Formative Evaluationen sollten solange durchgeführt werden, bis eine Software frei von gravierenden Mängeln der Gestaltung ist.