DGUV Information 215-450 - Softwareergonomie (DGUV Information 215-450)

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Abschnitt 10.5, 10.5 Gestaltungsrichtlinien
Abschnitt 10.5
Softwareergonomie (DGUV Information 215-450)
Titel: Softwareergonomie (DGUV Information 215-450)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 215-450
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 10.5 – 10.5 Gestaltungsrichtlinien

Die Barrierefreiheit von Software wird in internationalen Richtlinien und Standards definiert. Maßgebend wurden die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) des World Wide Web Consortiums (W3C) für die Barrierefreiheit von Inhalten im Internet. WCAG 2.0 basiert auf generellen Gestaltungsprinzipien, die in jeder technischen Umgebung einzuhalten sind (Abbildung 56). Hieran orientieren sich auch neuere Richtlinien zur barrierefreien Gestaltung von Dokumenten und von Software. Die WCAG sind Grundlage nationaler Gesetzgebung, so auch der deutschen Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung - BITV 2.0.

Abb. 56 Die vier Gestaltungsprinzipien nach WCAG 2.0: wahrnehmbar, bedienbar, verständlich, robust

Die Richtlinien des W3C

Das W3C erarbeitet die Standards für das Internet, u. a. Hypertext Markup Language (HTML) für die Kodierung von Inhalten, Cascading Style Sheets (CSS) für Stilvorlagen, Scalable Vector Graphics (SVG) für Vektorgrafiken. Das W3C hat eine Web Accessibility Initiative (WAI), die auf die Barrierefreiheit der Webstandards achtet und Richtlinien zur barrierefreien Gestaltung herausgibt. Zentrale Richtlinien der WAI sind:

  • die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) zur barrierefreien Gestaltung der Inhalte

  • die Authoring Tools Accessibility Guidelines (ATAG), die u. a. Online-Editoren betreffen

  • die User Agent Accessibility Guidelines (UAAG) für die barrierefreie Funktionalität des Browsers bzw. des Anzeigegerätes

  • Für die Anpassung von Web-Anwendungen an assistive Technologien gibt es den Standard Accessible Rich Internet Applications (WAI-ARIA).

WCAG 2.0

Die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) bestehen seit 1999. Die zweite Version WCAG 2.0, verabschiedet im Dezember 2008, wurde grundlegend neu strukturiert, um der raschen technischen Entwicklung im Internet standhalten zu können.

Das hierarchisch aufgebaute Regelwerk basiert auf vier Gestaltungsprinzipien - wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und auf einem technischen Prinzip: robust. Es ist in 12 Richtlinien und 61 Erfolgskriterien aufgefächert. Die Erfolgskriterien sind testbar und in die drei Konformitätsstufen A, AA und AAA differenziert. Darunter stehen technische Dokumente, die nicht mehr zu den verbindlichen Richtlinien gehören, sondern informativen Charakter haben. Jedem Erfolgskriterium sind ausreichende und empfohlene Techniken zugeordnet.

Die Richtlinien gelten für alle im Internet gebräuchlichen Inhaltsformate. Während WCAG 1.0 die W3C-eigenen Formate HTML und CSS voraussetzte und den Gebrauch von Fremdformaten und Programmiersprachen unter strenge Auflagen stellte, sind seit WCAG 2.0 auf barrierefreien Websites auch Dokumente in PDF und Anwendungen in JavaScript und Flash® erlaubt, sofern sie barrierefrei gestaltet sind.

12 Richtlinien nach WCAG 2.0
1. Wahrnehmbar
1.1.Textalternativen für Nicht-Text-Inhalte
1.2.Alternativen für zeitbasierte Medien
1.3.Anpassbar an verschiedene Darstellungsmodi
1.4.Unterscheidbare Darstellung von Inhalten
2. Bedienbar
2.1.Vollständig per Tastatur zugänglich
2.2.Ausreichend Zeit
2.3.Anfälle vermeiden (kein Blitzen)
2.4.Übersichtliche Navigation
3. Verständlich
3.1.Leseverständnis fördern
3.2.Vorhersehbar (Konsistente Darstellung)
3.3.Hilfestellung bei der Eingabe
4. Robust
4.1.Kompatibel mit allen Browsern und mit Hilfstechniken

Die deutsche Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung - BITV 2.0

Die Novelle der BITV vom September 2011 (BITV 2.0) entspricht in den technischen Regeln im Wesentlichen den WCAG 2.0. Einige Regelungen der BITV weichen von der internationalen Richtlinie ab:

  • Es gilt ein höheres Anforderungsniveau. Die Erfolgskriterien werden nicht wie in WCAG zu den drei Konformitätsstufen A, AA und AAA zusammengefasst, sondern zu zwei Stufen, Priorität I und II. BITV Priorität I umfasst WCAG-Level A und AA, Priorität II umfasst zusätzlich Level AAA. Alle Angebote im Bereich der BITV müssen Priorität I erfüllen, "zentrale Navigations- und Einstiegsangebote", z. B. Portalseiten, müssen Priorität II erfüllen. Das Einstiegsniveau nach WCAG Level A ist im Bereich der BITV nicht vorgesehen.

  • Einfache Sprache: Anstelle der Richtlinie 3.1.5 "reading level" wird die aus WCAG 1.0 bekannte Formulierung "Einfache Sprache" eingesetzt. Die Zuordnung des Sprachniveaus zu einem deutschen Schulabschluss wird hierdurch für die weitere Diskussion offen gehalten.

  • Ergänzend zu den Bestimmungen der WCAG wird die Bereitstellung von Informationen in Leichter Sprache und in Deutscher Gebärdensprache verlangt, um den besonderen Belangen gehörloser, hör-, lern- und geistig behinderter Menschen Rechnung zu tragen.

Weitere Gestaltungsrichtlinien

WCAG 2.0 war wegweisend für weitere Richtlinien zur barrierefreien Gestaltung von Informationstechnik. Die neue Beschaffungsrichtlinie EN 301549 "Accessibility requirements suitable for public procurement of ICT products and services in Europe" übernimmt WCAG 2.0 Level AA für Internetseiten und, in angepasster Form, ebenfalls für nicht-webbasierte Dokumente und Software.

Für barrierefreie PDF-Dokumente gibt es den ISO-Standard 14289-1 PDF/UA (Universal Accessibility), der die Konzepte von WCAG 2.0 auf PDF anwendet.

Für barrierefreie Software gibt es in der Normenreihe DIN EN ISO 9241 "Ergonomie der Mensch-System-Interaktion" den Teil 171 "Leitlinien für die Zugänglichkeit von Software".

Abb. 57 Eingabeformular bei 200 % Textvergrößerung. 1) Überlagerung - das darf nicht passieren. 2) Besser: fluides Layout mit Silbentrennung. 3) Im Smartphone ist die einspaltige Darstellung von Formularen üblich.