DGUV Information 215-450 - Softwareergonomie (DGUV Information 215-450)

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Abschnitt 9.1, 9.1 Grundsätze der Dialoggestaltung
Abschnitt 9.1
Softwareergonomie (DGUV Information 215-450)
Titel: Softwareergonomie (DGUV Information 215-450)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 215-450
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 9.1 – 9.1 Grundsätze der Dialoggestaltung

9.1.1
Aufgabenangemessenheit

DIN EN ISO 9241 - 110
"Ein interaktives System ist aufgabenangemessen, wenn es den Benutzer unterstützt, seine Arbeitsaufgabe zu erledigen, d.h., wenn Funktionalität und Dialog auf den charakteristischen Eigenschaften der Arbeitsaufgabe basieren, anstatt auf der zur Aufgabenerledigung eingesetzten Technologie."
Das heißt, die Benutzungsschnittstelle (Funktionen, Masken, Dialoge) ist so gestaltet, dass sie die Erledigung der Arbeitsaufgabe (effizient und effektiv) unterstützt.

Die aufgabenangemessene Gestaltung der Benutzungsoberfläche ist ein wichtiger Grundsatz und betrifft eine Vielzahl an Gestaltungsaspekten. Ebenso sind Informationen aufgabenangemessen anzuordnen, zu strukturieren und darzustellen. Finden Benutzerinnen und Benutzer die von ihnen benötigten Informationen nicht oder sind sie z. B. auf mehrere Masken verteilt, erhöht sich der Dialogaufwand. Die Anzahl der Klicks oder der Dialogschritte steigt und es besteht Verbesserungspotenzial.

Im Folgenden sind ein paar Beispiele angeführt, die verdeutlichen, wie Informationen aufgabenangemessen präsentiert und gestaltet werden können. Z. B. sollten Spalten in einer Tabelle so sortiert werden, dass der für die Arbeitsaufgabe benötigte Wert sofort sichtbar ist. Alle Felder und Informationen, die zu einer Arbeitsaufgabe gehören, sollten möglichst gruppiert werden und gut erreichbar sein. Wird der Dialog für mehrere unterschiedliche Aufgaben verwendet, so ist abzuwägen, welche Anordnung für die häufigste Aufgabe am sinnvollsten ist. Darüber hinaus sollten angezeigte Informationen mit Vorlagen oder Dokumenten (Quelldokumente, z. B. Unfallanzeige) übereinstimmen, von denen Daten manuell übertragen werden.

Häufig ist die Strukturierung der Informationen in Dialogen bzw. auf Masken nicht aufgabenangemessen, sodass es sehr aufwendig ist, zu diesen zu navigieren. Dies trifft auch zu, wenn Informationen verteilt auf einer Maske angeordnet sind, sodass die relevanten Felder einer Arbeitsaufgabe nur über mehrere Dialogschritte (oder Stationen mit der Tab-Taste) erreichbar sind.

Natürlich gilt die aufgabenangemessene Bereitstellung und Anordnung auch für Funktionen. Insbesondere sind solche Funktionen zu erwähnen, die das Arbeiten mit dem System effizienter machen. So kann z. B. eine Information, die im Zuge der Aufgabenerledigung benötigt wird, die sich aber an einer anderen Stelle befindet, mithilfe eines direkten Links gut erreichbar gemacht werden.

Aufgabenangemessene Voreinstellungen (Vorbelegungen) helfen, Aufgaben zu erledigen, ohne dass Einstellungen aufwendig geändert werden müssen. So wird beispielsweise beim Drucken automatisch ein Standarddrucker in der Nähe angeboten, ohne dass einer gesucht und ausgewählt werden muss.

Wenn Aufgabenangemessenheit nicht eingehalten wird …

Auf einer Maske nicht aufgabenangemessen verteilte Felder erschweren die Suche, was zu Lasten der Leistungsfähigkeit und der Produktivität geht. Es können vermehrt Benutzungsfehler auftreten. Durch den erhöhten Navigationsaufwand benötigen Benutzerinnen und Benutzer mehr Zeit zur Bearbeitung der Aufgabe. Sie müssen sich mehr anstrengen, die benötigten Informationen zusammen zu tragen, deren Struktur und Anordnung zu verstehen bzw. sich zu merken.

9.1.2
Selbstbeschreibungsfähigkeit

DIN EN ISO 9241 - 110
"Ein Dialog ist in dem Maße selbstbeschreibungsfähig, in dem für den Benutzer zu jeder Zeit offensichtlich ist, in welchem Dialog, an welcher Stelle im Dialog er sich befindet, welche Handlungen unternommen werden können und wie diese ausgeführt werden können."
Das heißt, für Benutzerinnen und Benutzer ist zu jedem Zeitpunkt offensichtlich, wo sie sich im System befinden, welche Eingaben sie vornehmen und welche Funktionen sie ausführen können, um die Arbeitsaufgabe zu erledigen.

Dieser Grundsatz ist sowohl für Laien als auch für Fachleute zu berücksichtigen. Durch die angezeigten Informationen sollte ihnen schnell klar sein, welche Funktionen zur Verfügung stehen, wo sie sich im System befinden und wie sie die nächsten Arbeitsschritte oder Arbeitsaufgaben erledigen können.

Vor allem Beschriftungen von Eingabefeldern und Schaltflächen, zusätzliche Informationen z. B. zum erwarteten Eingabeformat, sind handlungsleitend und damit selbstbeschreibungsfähig zu formulieren (siehe Abbildung 40). Informationen z. B. über den aktuellen Systemzustand, bei längeren Download- oder Suchprozessen oder über Abhängigkeiten zwischen Feldern gehören ebenfalls dazu und machen verständlich, wie das System funktioniert.

In Anwendungen wird gerne eine Vielzahl an Funktionen mithilfe von Symbolen dargestellt (siehe Abbildung 41). Die Anforderung für Benutzerinnen und Benutzer besteht darin, die Funktion zu erkennen und sich möglichst viele Symbole zu merken. Symbole mit Beschriftung erhöhen die Selbstbeschreibungsfähigkeit der Anwendung.

Wenn Selbstbeschreibungsfähigkeit nicht eingehalten wird …

Geringe Selbstbeschreibungsfähigkeit kann einen erhöhten Bedienungs- und Schulungsaufwand erzeugen. Hinzu kommt eine erhöhte Beanspruchung des Kurzzeitgedächtnisses.

Abb. 40 Zusätzlicher Text zu einer Feldabhängigkeit zur Erhöhung der Selbstbeschreibungsfähigkeit

Abb. 41
In Anwendungen gibt es eine Vielzahl an Symbolen, die man sich merken muss.
Unterschiedliche Zahnradsymbole stehen für "Einstellen oder Verwalten", der "Schraubenschlüssel" steht ebenfalls für "Ändern", "Einstellen".

9.1.3
Erwartungskonformität

DIN EN ISO 9241 - 110
"Ein Dialog ist erwartungskonform, wenn er den aus dem Nutzungskontext heraus vorhersehbaren Benutzerbelangen sowie allgemein anerkannten Konventionen entspricht."

"ANMERKUNG 1
Allgemein anerkannten Konventionen zu entsprechen, ist lediglich ein Aspekt von Erwartungskonformität."

"ANMERKUNG 2
Konsistenz erhöht grundsätzlich die Vorhersehbarkeit eines Dialoges."

Das heißt, die Benutzungsschnittstelle und deren Verhalten entsprechen den Erwartungen der Benutzerinnen und Benutzer, dem eigenen geistigen Modell vom System, sowie den eigenen Belangen und allgemeinen Konventionen.

Dieser Grundsatz soll sicherstellen, dass Erfahrungen, Gewohnheiten und die geistigen Modelle der Benutzerin oder des Benutzers von der Funktionsweise einer Anwendung berücksichtigt werden. Informationen sind erwartungskonform zu strukturieren, konsistent anzuordnen und darzustellen.

Erwartungen und Gewohnheiten haben sich während der Benutzung von Anwendungen entwickelt. Je weiter die Bedienung einer neuen Anwendung von diesen Erfahrungen entfernt ist, desto größer ist der Lernaufwand.

Sprachliche oder gestalterische Konventionen, wie das Platzieren der Menüleiste oberhalb oder links vom Informationsbereich, sind zu berücksichtigen. Gleiches gilt für die Erwartung an eine spezielle Strukturierung und Darstellung von Informationen. Adressfelder sind z. B. immer in der erwarteten Reihenfolge bzw. auf die gleiche Art und Weise anzuzeigen. Eine widerspruchsfreie, konsistente Anordnung, z. B. von Überschriften, Schaltflächen oder Fehlermeldungen, erleichtert das Auffinden der benötigten Informationen und Funktionen.

Abb. 42 links: Fehlende Formatangabe beim Geburtsdatum, rechts: Vorgabe des Formats

Abb. 43 Unerwartete Menüoption

Die Anwendung in Abbildung 42 - links lässt offen, welches Datumsformat benötigt wird.

Das Beenden der Anwendung in Abbildung 43 wird sicher nicht hier gesucht.

Wenn Erwartungskonformität nicht eingehalten wird:

Die Bedienung der Anwendung erfordert eine erhöhte Konzentration. Das Arbeitstempo wird geringer, der Lernaufwand höher und die Fehlerwahrscheinlichkeit steigt.

9.1.4
Lernförderlichkeit

DIN EN ISO 9241 - 110
"Ein Dialog ist lernförderlich, wenn er den Benutzer beim Erlernen der Nutzung des interaktiven Systems unterstützt und anleitet".
Das heißt, die Gestaltung des Systems erlaubt es, die Bedienung der Benutzungsschnittstelle mit vertretbarem Aufwand zu erlernen. Hierzu werden Bedienungskonzepte lernförderlich gestaltet.

Dieser Grundsatz bezieht sich auf das Entwickeln von Bedienungskonzepten und die Anzeige von Informationen, die das Erlernen der Bedienung unterstützen.

Zusätzliche erklärende Informationen z. B. in Meldungen oder in einem Assistent können dabei helfen, das System und dessen Funktionsweise schneller zu verstehen und zu erlernen. Informationen sind verständlich, hilfreich und zielgruppenorientiert zu formulieren.

Wenn Lernförderlichkeit nicht eingehalten wird …

Die Benutzerinnen und Benutzer müssen deutlich mehr Zeit aufwenden, um die Bedienung der Software zu erlernen und das Arbeitsergebnis zu erreichen. Hinzu kommt eine sinkende Motivation beim Umgang mit kompliziert zu bedienender Software.

9.1.5
Steuerbarkeit

DIN EN ISO 9241 - 110
"Ein Dialog ist steuerbar, wenn der Benutzer in der Lage ist, den Dialogablauf zu starten sowie seine Richtung und Geschwindigkeit zu beeinflussen, bis das Ziel erreicht ist."
Das heißt, der Benutzer oder die Benutzerin kann den Dialogablauf nach eigenen Belangen starten und zur Erledigung der Aufgabe vollständig steuern. Die Steuerung umfasst auch Unterbrechungen.

Es sollte möglich sein, die Bearbeitung zu unterbrechen und die Arbeit ohne Datenverlust an anderer Stelle oder zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen.

Auf welche Weise Steuerung oder Kontrolle bereitzustellen ist, ergibt sich durch die Anforderungen der Arbeitsaufgabe bzw. durch die Bedürfnisse der Benutzerinnen und Benutzer. Ist ein Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben oder Masken nötig, sollte die Anwendung dies ermöglichen. Dauert der Download einer Datei sehr lange, ist eine Abbruchmöglichkeit zu realisieren.

Wenn Steuerbarkeit nicht eingehalten wird …

Werden Benutzerinnen bzw. Benutzer daran gehindert, den Dialog nach ihren Bedürfnissen zu steuern, kann die Arbeit mit der Anwendung umständlicher sein und mehr Arbeitszeit benötigen. Eine Anpassung des Arbeitsablaufs an die Anwendung kann nötig werden.

9.1.6
Fehlertoleranz

DIN EN ISO 9241 - 110
"Ein Dialog ist fehlertolerant, wenn das beabsichtigte Arbeitsergebnis trotz erkennbar fehlerhafter Eingaben entweder mit keinem oder mit minimalem Korrekturaufwand seitens des Benutzers erreicht werden kann.
Fehlertoleranz wird mit den Mitteln erreicht:
  • Fehlererkennung und -vermeidung (Schadensbegrenzung);

  • Fehlerkorrektur oder

  • Fehlermanagement, um mit Fehlern umzugehen, die sich ereignen."

Das heißt, die Software unterstützt Benutzerinnen und Benutzer konstruktiv bei der Behebung erkannter Fehler. Darüber hinaus führen fehlerhafte Eingaben nicht zu Systemabstürzen.

Fehlertoleranz bezieht sich auf zwei Aspekte: Einerseits erkennt die Anwendung fehlerhafte Eingaben und unterstützt bei deren Korrektur. Andererseits toleriert die Anwendung Fehler bis zu einem gewissen Grad und überlässt den Benutzerinnen und Benutzern die Entscheidung, wann sie diese korrigieren. Es kann an anderen Stellen im Dialog weiter gearbeitet werden, bevor man einen Fehler korrigiert. Die Anwendung kann auch einen Vorschlag für die Behebung des Fehlers anbieten und diesen nach Bestätigung automatisch korrigieren.

Wenn Fehlertoleranz nicht eingehalten wird …

Ein nicht fehlertolerantes System erschwert den Umgang mit Fehlersituationen, Fehler werden nicht rechtzeitig erkannt und korrigiert. Den Fehler zu verstehen und anschließend zu korrigieren, benötigt zusätzliche Arbeitszeit.

Abb. 44 Unpassende Fehlermeldung (links), informative und unterstützende Meldung (rechts)

Abb. 45 Anpassbare Anzeige von Maskeninformationen durch "verbergen" bzw. "anzeigen".

9.1.7
Individualisierbarkeit

DIN EN ISO 9241 - 110
"Ein Dialog ist individualisierbar, wenn Benutzer die Mensch-System-Interaktion und die Darstellung von Informationen ändern können, um diese an ihre individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse anzupassen."

"ANMERKUNG 1
Obwohl es oft wünschenswert ist, dem Benutzer Möglichkeiten zu individuellen Einstellungen zur Verfügung zu stellen, ist dies kein Ersatz für ergonomisch gestaltete Dialoge. Außerdem sollen die Möglichkeiten zu individuellen Einstellungen nur innerhalb bestimmter Grenzen möglich sein, sodass Änderungen keine vorhersehbaren Beeinträchtigungen oder Schädigungen des Benutzers hervorrufen können."

"ANMERKUNG 2
Individualisierbarkeit kann ein Mittel sein, die Barrieren für die Zugänglichkeit zu senken, indem man den besonderen Erfordernissen und/oder Fähigkeiten eines möglichst großen Benutzerkreises entgegenkommt".
Das heißt, Dialogverhalten und die Darstellung von Informationen können Benutzerinnen und Benutzer nach ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten anpassen.

Dieser Grundsatz fordert, dass das Verhalten von Elementen und die Darstellung von Informationen bis zu einem bestimmten Grad anpassbar gestaltet werden. Welche Anpassungsmöglichkeiten eingerichtet werden, ergibt sich aus den Bedürfnissen der Benutzerinnen und Benutzer, den Arbeitsaufgaben und daraus abgeleiteten ergonomischen Anforderungen (siehe Abbildung 45).

Anpassungsmöglichkeiten sind z. B. die vergrößerte Darstellung einer kompletten Maske (Skalierbarkeit) oder die Farbgebung und Kontrastgestaltung. Anpassungen sollten bei Bedarf dauerhaft verfügbar sein. Ebenso sollte bei einer Software der Unterstützungsgrad (Hilfe, geführte Dialoge mit Assistenten) anpassbar gestaltet sein.

Wenn Individualisierbarkeit nicht eingehalten wird …

Fehlen Möglichkeiten zu erforderlichen Anpassungen, kann es zu erhöhtem Arbeits- bzw. Dialogaufwand kommen.

Umsetzung der Empfehlungen aus DIN EN ISO 9241-110

9.1.8
Terminologie

Alle Texte sind mit einem Vokabular zu formulieren, das die Benutzerinnen und Benutzer sofort verstehen und mit dem sie vertraut sind. Dies gilt für Beschriftungen (Labels) sowie Menü- und Listeneinträge gleichermaßen. Es sollten keine technischen Formulierungen oder Abkürzungen verwendet werden, die schwer verständlich sind und bei denen es schwer fällt, diese zu erlernen.

Im erweiterten Sinne fallen Symbole ebenso in dieses Themengebiet. Symbole sind verständlich zu gestalten. Es sind solche Symbole zu verwenden, die für eine bestimmte Funktion erwartet werden (weil man z. B. ein ähnliches Symbol aus anderen Anwendungen kennt). Ein Beispiel wäre das Symbol einer Diskette für die Funktionalität "Speichern". Obwohl es kaum noch Disketten gibt, hat die Benutzerin oder der Benutzer eine entsprechende Erwartung aufgebaut. Es empfiehlt sich, Beschriftungen zu den Symbolen anzuzeigen.

9.1.9
Meldungen

Meldungen als Reaktionen der Software sollen unmittelbar auf die entsprechende Aktion der Benutzerin oder des Benutzers angezeigt werden.

Meldungen sollen konstruktiv und objektiv formuliert sein, die Formulierungen sollen die Kenntnisse und Fähigkeiten von Benutzerinnen und Benutzern berücksichtigen. Handelt es sich z. B. um seltene Dialogsituationen, so sind ausführlichere Meldungen anzuzeigen und auf Anfrage bereitzustellen.

Meldungen sollten nicht nur informativ, sondern auch lernförderlich sein und helfen, Wissen darüber aufzubauen, wie das System oder die Anwendung funktionieren. Ein informativer Meldungstext (gerade bei Fehlern) macht deutlich, welches Problem entstanden ist bzw. wie es dazu gekommen ist, und welche weiteren Schritte zur Behebung unternommen werden müssen.

Bei länger andauernden Reaktionen des Systems ist die Anzeige einer Sanduhr ungeeignet. Die Benutzerin oder der Benutzer sollte vielmehr mit Textmeldungen oder auch Fortschrittsbalken informiert werden, ggf. mit der Möglichkeit, Prozesse abzubrechen. Ab wann und in welcher Dialogsituation eine ausführliche Meldung notwendig wird, hängt von den Erfahrungen und Erwartungen der Benutzerin oder des Benutzers ab.

9.1.10
Dialogverhalten und Kontrolle

Benutzerinnen und Benutzern sollte es möglich sein, Start und Verlauf des Dialogs mit der Software zu kontrollieren. Was bedeutet das?

  1. 1.

    Benutzerinnen und Benutzer können die Geschwindigkeit der Arbeit mit dem System über Anpassungen einzelner Funktionen kontrollieren. Meldungen in Popup-Fenstern werden z. B. solange lesbar angezeigt, wie dies nötig ist. Sie kontrollieren ebenso die Anzeige der Datenmenge z. B. in einer Tabelle oder Liste. Einstellbarwäre dann die Anzahl der pro Seite angezeigten Zeilen.

  2. 2.

    Die Arbeit mit Dialogen kann unterbrochen und zu einem späteren Zeitpunkt ohne Datenverluste wieder aufgenommen werden, wenn es die Arbeitsaufgabe erfordert. Eine Eingabemaske kann z. B. geöffnet bleiben, um andere Aufgaben in einer Anwendung zu erledigen. Auf der anderen Seite können Daten zwischengespeichert werden, ohne dass der Dialog bzw. das bearbeitete Fenster geschlossen und dieses erneut geöffnet werden muss.

  3. 3.

    Eingaben und Änderungen in Masken können zurückgenommen werden, sodass die ursprünglichen Daten wieder angezeigt werden.

Fehlertolerant ist die Software, wenn Benutzerinnen bzw. Benutzer bei dem von ihnen oder vom System erkannten Fehlern die Korrektur zurückstellen können. Auch die automatische Korrektur von Fehlern zusammen mit Meldungen zur Korrektur unterstützt die Benutzerin und den Benutzer.

Das Erkunden und Erlernen des Systems wird unterstützt, wenn die Möglichkeit eingerichtet wird, Schritte zurückzunehmen und die Originaldaten wieder anzuzeigen. Bei selten verwendeten oder bei komplexeren Dialogen kann ein Assistent ("Wizard") Benutzerinnen und Benutzer in lernförderlicher Weise unterstützen, indem er sie anleitet, z. B. ein Formular auszufüllen und ihnen die einzelnen Schritte genau erklärt. Der geführte Dialog hilft so beim Erlernen der Schritte.

Das Verhalten der Dialoge (z. B. Eingabemasken) und speziell der Elemente ist innerhalb einer Anwendung konsistent (durchgängig/einheitlich) zu gestalten. Durch Konsistenz kann sich die Benutzerin oder der Benutzer an ein bestimmtes Verhalten gewöhnen und die Erwartung aufbauen, dass die Elemente überall gleichermaßen funktionieren. Eine erwartungskonforme Bedienung erleichtert die Aufgabenerledigung und reduziert die Notwendigkeit, sich auf unterschiedliche Arten der Bedienung zu konzentrieren. Hierzu gehören z. B. Tastaturbelegungen wie Funktionstasten und Kurzwahltasten (z. B. Shortcuts wie Strg+P für "Drucken"). Konsistenz gilt ebenso für alle verwendeten Begriffe und Texte. Beschriftungen von Elementen sind einheitlich zu formulieren, auch die Benennung von Funktionen oder Meldungstexte.

Neben der Konsistenz innerhalb einer Anwendung ist auch auf die externe Konsistenz mit anderen Anwendungen innerhalb eines Arbeitsumfeldes (Nutzungskontextes) zu achten.

Abb. 46 Kontrolle und Steuerbarkeit in einer Maske

Die Benutzerin oder der Benutzer kann in dieser Maske den Dialog in unterschiedlicher Weise steuern. So kann er oder sie
die Bearbeitung der Maske jederzeit abbrechen und die Änderungen verwerfen,
die Daten zwischenspeichern, ohne die Maske schließen zu müssen,
den letzten Eingabeschritt rückgängig machen,
wieder zu den Originaldaten vor der Änderung zurückkehren (oder Standardeinstellungen verwenden),
das Fenster geöffnet lassen (oder minimieren), um zwischendurch ein weiteres Fenster zum Bearbeiten einer Person zu öffnen,
die Anzahl der dargestellten Zeilen einstellen,
die Fehler erst später beheben und zu anderen Feldern gehen.

In der Abbildung 47 ist ein Speichern im untergeordneten Dialog "Person bearbeiten - Details" möglich, doch was ist mit dem Speichern im Hauptdialog? Die Bedienung ist an dieser Stelle inkonsistent und nicht erwartungskonform.

Generell ist sicherzustellen, dass das Dialogverhalten und die Funktionalität der Anwendung zu jedem Zeitpunkt offensichtlich sind. Das bedeutet, dass ohne große Mühe verständlich ist, wo man sich im System befindet und welche Dialogschritte an diesem Punkt ausgeführt werden können. Durch eine unübersichtliche Gestaltung einer Maske, ein verschachteltes Menü, unbekannte Abkürzungen oder zu viele Symbole ohne Beschriftung werden mögliche Dialogschritte nicht offensichtlich.

Darüber hinaus sind Dialogzustände zu vermeiden, in denen die Anwendung nicht mehr auf Eingaben reagiert und auch keine weitere Aktion mehr möglich ist, außer die Anwendung zu beenden oder den Computer auszuschalten.

Abb. 47 Unklares Speicherverhalten (oben) und klare "Ändern" und "Speichern" Funktionen (unten)

Abb. 48 Berücksichtigung von häufig genutzten Daten

9.1.11
Häufigkeiten

Der Dialog kann vereinfacht werden z. B. durch die Vorbelegung von Eingabe- und Auswahlfeldern bei häufig verwendeten Eingaben und Auswahlen. Vorbelegungen, Gruppierungen, Anordnung und weitere Hilfestellungen können den Aufwand beim Bearbeiten oder Eingeben von häufig genutzten Daten deutlich reduzieren. Vorbelegungen betreffen nicht nur Eingaben in Eingabefelder, sondern auch Auswahlen in Listen oder Checkboxen. Sie können geändert oder überschrieben werden. Welche Vorbelegung oder voreingestellte Auswahl in den Feldern erscheint, sollte die Benutzerin oder der Benutzer definieren können.

Typische Auswahlen in Listen oder Menüs sind entsprechend der Häufigkeit der Benutzung zu gruppieren oder zu sortieren. Häufige Eingaben kann die Anwendung automatisch ergänzen, sofern dies im Einzelfall sinnvoll und gewünscht ist.

Um das lange Navigieren in einer umfangreichen Kundenliste zu vermeiden, sind in der Abbildung 48 im oberen Teil der Liste häufige und zuletzt bearbeitete Kundinnen und Kunden platziert.

9.1.12
Fehler erkennen und vermeiden

Die Software sollte das Erkennen und Vermeiden von Fehlern ermöglichen. Das Erkennen von Fehlern wird unterstützt, indem die Eingaben und Felder markiert werden, die einen Fehler enthalten. Meldungen weisen zusätzlich präzise auf den Fehler hin. Sie sind so zu platzieren und zu formulieren, dass sie wahrgenommen und verstanden werden.

Fehler kann man vermeiden, wenn verständliche Informationen auf Dialogschritte und Eingaben hinweisen. Nicht zuletzt ist es wichtig, gerade solche Dialogsituationen herauszufinden, in denen typischerweise Fehler auftreten, um an diesen Stellen Fehler, z. B. durch entsprechende Gestaltung oder Informationen, zu vermeiden. Plausibilitätsprüfungen sind ein Mittel, Fehler früh zu erkennen, wobei die Korrektur der Fehler gegebenenfalls später erfolgen kann. Die Anwendung sollte auch in der Lage sein, Fehler selbst zu korrigieren oder eine Korrektur vorzuschlagen.

Im Zusammenhang mit der Vermeidung von Fehlern sind Pflichtfelder eindeutig zu kennzeichnen. Verteilte Pflichtfelder können z. B. mit einer speziellen Navigation direkt aufeinanderfolgend bearbeitet werden.

9.1.13
Hilfesysteme

Es sollte grundsätzlich vermieden werden, dass Benutzerinnen und Benutzer das Hilfesystem in Anspruch nehmen müssen. Zu besonders schwierigen Dialogsituationen sollten schon im Dialog verständliche Informationen gegeben werden, um die Arbeitsaufgabe mit dem System bewältigen zu können. Beschriftungen sollten ausführlicher gehalten sein und z. B. die Eingabe oder Abhängigkeiten zwischen Feldern erklären.

Wenn ein Hilfesystem benötigt wird, sind Informationen für die aktuelle Dialogsituation anzubieten (sogenannte "Kontextsensitive Hilfe").

9.1.14
Anpassbarkeit an spezielle Bedürfnisse der Benutzerinnen und Benutzer

Durch eine Analyse der Benutzerbedürfnisse bzw. des Nutzungskontexts werden individuelle Anforderungen an die Software erhoben. Dies kann bedeuten, dass z. B. eine vergrößerte Schrift einzustellen ist, weil häufiger eine Sehschwäche vorliegt. Spezielle Eigenschaften der Benutzerin oder des Benutzers können es gegebenenfalls erlauben, Tastaturkürzel in einem Menü zu verwenden, statt die Einträge mit der Maus anzuklicken.

Der Benutzerin oder dem Benutzer kann man die Möglichkeit anbieten, eigene Begriffe, Beschriftungen und Abkürzungen zu verwenden, z. B. eigene Tastaturkürzel. Es besteht jedoch die Gefahr, dass benutzerdefinierte Begriffe oder Abkürzungen nicht ergonomisch sind (oder vergessen werden), sodass Andere mit diesen individuellen Anpassungen nicht arbeiten können.

Insgesamt kann die Bedienungseffizienz erhöht werden, wenn die Oberfläche anpassbar ist und Interaktionsformen auswählbar sind. Die Anpassbarkeit der Oberfläche sollte jedoch das genaue Ermitteln der Bedürfnisse der Benutzerinnen und Benutzer nicht ersetzen. Möglichkeiten der Anpassung sind sinnvollerweise dann vorzunehmen, wenn in der Designphase keine eindeutigen Designentscheidungen getroffen werden konnten. Die Ergonomie einer Software wird deutlich erhöht sein, wenn man für die Nutzung z. B. eine bis drei unterschiedliche Schriftgrößen anbietet.

Abb. 49 Ergänzende Fehlermeldung

Abb. 50 Anpassbarkeit der Scrollfunktion (links) und Auswahlmöglichkeiten für die Darstellung am Bildschirm (rechts)

9.1.15
Ein- und Ausgabemedien

Ein- und Ausgabemedien sollten der Arbeitsaufgabe entsprechen und für die Benutzerinnen und Benutzer wählbar sein. Je nach Art der Arbeitsaufgabe können Eingaben mit der Tastatur, der Maus, als Spracheingaben oder auf andere Weise sinnvoll sein. Bei der Bearbeitung einer Grafik sollten sämtliche Funktionen mit der Maus erreichbar sein, bei der Eingabe von Adressen sollen alle Funktionen und Felder mit der Tastatur erreichbar sein. Das Blättern in der Tabelle einer Datenbankanwendung kann über einen Touchscreen erledigt werden oder alternativ über die Maus oder ein anderes Zeigeinstrument.