DGUV Information 206-019 - Rundum gestärkt - Wie psychosoziale Faktoren bei der ...

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Abschnitt 4.1, 4.1 Gefährdungen erkennen: Beurteilung der Ar...
Abschnitt 4.1
Rundum gestärkt - Wie psychosoziale Faktoren bei der Prävention von Muskel-Skelett-Erkrankungen am Arbeitsplatz berücksichtigt werden können (DGUV Information 206-019)
Titel: Rundum gestärkt - Wie psychosoziale Faktoren bei der Prävention von Muskel-Skelett-Erkrankungen am Arbeitsplatz berücksichtigt werden können (DGUV Information 206-019)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-019
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 4.1 – 4.1 Gefährdungen erkennen: Beurteilung der Arbeitsbedingungen nach Arbeitsschutzgesetz

Was ist gesunde Arbeit?

Das Arbeitsschutzgesetz fordert seit 1996 eine umfassende Gefährdungsbeurteilung und konkretisiert mit der Novellierung im Jahr 2013 die Einbeziehung der psychischen Arbeitsbelastung dabei. Notwendig sind eine Ist-Analyse, eine darauf aufbauende Ableitung von Maßnahmen, sowie eine Wirksamkeitskontrolle. Damit ist ein aus dem Qualitätsmanagement bekannter kontinuierlicher Verbesserungsprozess (KVP) festgeschrieben. Maßnahmen des Arbeitsschutzes im Sinne des Arbeitsschutzgesetzes beinhalten die

  • Verhütung von Unfällen und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren sowie die

  • menschengerechte Gestaltung der Arbeit.

Die Gestaltung gesunder Arbeitsbedingungen geht über die Vermeidung von Unfällen hinaus. Ein Arbeitsplatz gilt als menschengerecht gestaltet, wenn die Anforderungen folgende Kriterien erfüllen:

  • Die Tätigkeit ist ausführbar und schädigungslos. Bezogen auf Rückenschmerzen betrifft dies beispielsweise physische Einflussfaktoren wie Lastenhandhabung, ungünstige Körperhaltung und Vibrationen. Personengebundene Grundgrößen dabei sind Körpermaße, Konstitution, Bewegungsräume, Körperkräfte und Sicht-/Blickgeometrie. Diese sind Ausgangsgrößen für die ergonomische Arbeitsplatzgestaltung und dürfen nicht losgelöst voneinander betrachtet werden.

  • Darüber hinaus sollte ein gesunder Arbeitsplatz beeinträchtigungsfrei, erträglich und zumutbar sein. Das bedeutet, dass die erlebten Anforderungen, die sich aus der Tätigkeit ergeben, den persönlichen Voraussetzungen (z. B. Qualifikation) und Bewältigungsmöglichkeiten der Beschäftigten entsprechen - sowohl auf der körperlichen als auch auf der psychischen Ebene. Dies soll gewährleisten, dass die Mitarbeitenden langfristig aufgrund der Anforderungen weder unter- noch überfordert werden. Erträglichkeit ist jedoch keineswegs ausschließlich an persönliche Voraussetzungen gebunden, sondern ebenfalls ein Kernthema ergonomischer Gestaltung.

Mögliche psychische Einflussfaktoren, die hier eine Rolle spielen können, sind beispielsweise Zeitdruck, Überforderung, mangelnder Handlungsspielraum oder fehlende soziale Unterstützung seitens der Vorgesetzten oder aus dem Kollegenkreis.

Hier geht es also um Belastungsfaktoren, bei denen der Zusammenhang zu Rückenbeschwerden nicht offensichtlich erkennbar ist. Gesundheitsbeeinträchtigende Faktoren wirken hier indirekt über das Stressgeschehen auf das Muskelskelettsystem.

  • Persönlichkeitsförderliche Arbeitsfaktoren sind ebenfalls Teil der menschengerechten Gestaltung der Arbeit, da der Fokus auf der Ressourcenorientierung liegt. Soziale Unterstützung durch die Vorgesetzten sowie Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten spielen bei gesunden Arbeitsbedingungen eine wichtige Rolle. Diese Faktoren können gesundheitsförderlich wirken.

Was ist psychische Belastung?

Was unter psychischer Belastung zu verstehen ist, wird insbesondere in der entsprechenden Norm "Ergonomische Grundlagen bzgl. psychischer Arbeitsbelastung" (DIN EN ISO 10075 Teil 1-3) beschrieben.

Wichtig zu verstehen ist, dass negative Folgen psychischer Belastung aus folgenden Arbeitsbedingungen bzw. deren kritischen Ausprägungen resultieren können.

Arbeitsinhalt/-aufgabe

  • stark partialisierte Arbeitsaufgaben

  • Über-/Unterforderung

  • geringer Handlungsspielraum

  • einseitige Aufgaben mit sich ständig wiederholenden Teiltätigkeiten

  • unklare Verantwortlichkeiten

  • starke emotionale Inanspruchnahme

  • geringe Entwicklungs- und Qualifikationsmöglichkeiten

  • ungenügende Einweisung

  • fehlende fachliche Kontakte zu Kollegen/Vorgesetztem

  • Daueraufmerksamkeit

Arbeitsumgebung

  • Lärm

  • Gefahrstoffe

  • schlechte Beleuchtung

  • ungünstige ergonomische Gestaltung

  • schwere körperliche Arbeit

  • räumliche Enge

  • ungünstiges Raumklima

  • unzureichende Arbeitsmittel

Arbeitsorganisation

  • ungünstige Arbeitszeit-/Pausengestaltung

  • ungünstig gestaltete Schichtarbeit, Nachtarbeit

  • Arbeitsunterbrechungen, Störungen

  • Leistungs- und Zeitdruck

  • hohe Arbeitsintensität

  • fehlende Unterstützung durch Kollegen und Führungskräfte

  • widersprüchliche Arbeitsanweisungen

  • mangelnder Informationsfluss

  • isoliertes Arbeiten

Soziale Faktoren

  • mangelhafte Kommunikation

  • schlechtes Betriebsklima - zum Beispiel Konflikte mit Vorgesetzten und Kollegen

  • mangelnde Anerkennung und Wertschätzung, mangelnde Unterstützung

Darüber hinaus spielen auch gesellschaftliche bzw. politische Faktoren wie zunehmende Globalisierung, Arbeitsplatzsicherheit oder neue Formen der Arbeit (Flexibilisierung der Arbeitszeiten, mobile Einsatzorte etc.) eine wichtige Rolle.

Sind die oben genannten Faktoren jedoch gut gestaltet, stellen sie - im Gegenteil dazu - gesundheitsförderliche Ressourcen dar.

Was ist wichtig bei der Gefährdungsbeurteilung?

Im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung geht es darum, die Arbeitsbedingungen zu beurteilen, nicht die Personen.

Bei der Beurteilung psychischer Belastung zielt die Aufmerksamkeit vieler betrieblich Verantwortlicher sehr häufig ausschließlich auf die Personen und deren mögliche Beanspruchungsfolgen ab (Stressempfinden, Fehlzeiten, Erkrankungen, Befindlichkeitsstörungen, etc.). Dabei wird beispielsweise gefragt: "Woran erkenne ich, welche Beschäftigten psychische Probleme haben und Hilfe brauchen?" Fragestellungen dieser Art sind natürlich wichtig, z. B. auch aufgrund der allgemeinen Fürsorgepflichten. In der Gefährdungsbeurteilung ist jedoch der Fokus auf Fragen zu legen wie beispielsweise: "Welche Arbeitsbedingungen bringen welche Anforderungen und Belastungen mit sich?" oder "Welche Tätigkeiten laufen gut, welche machen Probleme?" Um diese damit natürlich nur grob skizzierte Belastungsseite geht es in der Gefährdungsbeurteilung.

Methodisch steht eine große Bandbreite an Vorgehensweisen und erprobten Instrumenten zur Verfügung, von der Begehung mit Beobachtungsinterviews, moderierten Verfahren wie dem Ideen-Treffen, Problemlöse-Workshops oder Arbeitssituationsanalysen über die anonyme Mitarbeiterbefragung bis hin zu arbeitspsychologischen Experten-Verfahren. Damit können - abhängig von der konkreten betrieblichen Situation - bei der Gefährdungsbeurteilung recht unterschiedliche Wege beschritten werden.

Das entscheidende Ziel der Gefährdungsbeurteilung ist die Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren. Es gilt gesundheitsgefährdende Faktoren zu beseitigen oder zumindest zu verringern. Dies ist jedoch nicht immer in vollem Ausmaß möglich. In bestimmten Berufsfeldern (Helfende Berufe, Notdienste, Callcenter) sind z. B. emotional belastende Erlebnisse mit Kundinnen oder Patienten kaum vermeidbar. Dazu ist es erforderlich, gesundheitsfördernde Ressourcen zu prüfen und aufzubauen. Ressourcen sind Faktoren, die wie "Puffer" wirken, um negative Auswirkungen von Belastungen abzumildern und zum Erhalt der Gesundheit beizutragen.

Beispiele typischer gesundheitsförderlicher Ressourcen sind ein kooperatives Führungsverhalten, soziale Unterstützung seitens der direkten Führungskraft sowie des eigenen Teams, aber auch ein angemessener Handlungs- und Entscheidungsspielraum. Bei der Prävention von Rückenbeschwerden haben sich insbesondere soziale Unterstützung, Arbeitsplatzzufriedenheit sowie sportliche Aktivität als wichtige Ressourcen gezeigt.

Auf das Zusammenwirken physischer und psychischer Faktoren ist besonderes Augenmerk zu legen, z. B. Zeitdruck im mobilen Pflegedienst oder auf der Baustelle oder Präzisionsarbeit in der Fertigung bei eingeschränkten Spielräumen in der Pausengestaltung.

Weiterführende Beratungsleistungen dazu können Sie bei Ihrem jeweils zuständigen Unfallversicherungsträger erhalten.

Beispielverfahren Screening Gesundes Arbeiten (SGA)
"SGA - Screening gesundes Arbeiten" ist ein Instrument zur Unterstützung der Gefährdungsbeurteilung. Es zeigt auf, welche physischen und psychischen Belastungsfaktoren an einem Arbeitsplatz bei den jeweiligen Tätigkeiten auftreten, wie diese zu bewerten sind und hält praktikable Gestaltungsvorschläge bereit.
Weitere Informationen finden Sie unter www.screening-gesundes-arbeiten.de