DGUV Information 206-018 - Trauma - Psyche - Job Ein Leitfaden für Aufsichtspers...

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Abschnitt 1, 1 Traumatische Ereignisse bei der Arbeit Ein Ha...
Abschnitt 1
Trauma - Psyche - Job Ein Leitfaden für Aufsichtspersonen (DGUV Information 206-018)
Titel: Trauma - Psyche - Job Ein Leitfaden für Aufsichtspersonen (DGUV Information 206-018)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-018
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 1 – 1 Traumatische Ereignisse bei der Arbeit
Ein Handlungsfeld für die Aufsichtsperson?!

Traumatische Ereignisse - das sind verstörende Ausnahmen von den normalen Geschehnissen des Alltags. Sie passieren selten, sind aber hoch belastend und folgenschwer. Wir denken nicht gern daran, dass schwere Unfälle, Gewalttaten, Angst und Entsetzen in unser Leben und gar in unsere betrieblichen Abläufe einbrechen können. Aber noch schlimmer ist es, im Ernstfall unvorbereitet, hilflos und planlos dazustehen.

In vielen Unternehmen kommen die im Folgenden beschriebenen Arbeitsunfälle selten oder nie vor. In manchen treten sie häufiger auf. Unabhängig von der Häufigkeit aber können sie seelische Verletzungen mit schweren und langwierigen Folgen hinterlassen. Ziel dieses Leitfadens ist es, Sie fit zu machen für eine erste orientierende Beratung des Unternehmers.

Sicher: Sie sind kein Psychologe. Sie sind aber auch kein Chemiker, Maschinenbauer, Biologe etc. in einer Person und beraten Ihre Unternehmen trotzdem zu Gefährdungen aus all diesen Bereichen.

Und sicher: Es handelt sich um seltene Ereignisse. Wenn sie jedoch eintreten, bedeuten sie für den Betroffenen eine extreme Belastung und für das Unternehmen erheblichen wirtschaftlichen Schaden.

Bitte schauen Sie sich die Beispiele kurz an.
Was, wenn ein solches oder ähnliches Ereignis in Ihrem Aufsichtsbereich passiert?
Was, wenn die Gefährdungsbeurteilung darauf hinweist, dass es auftreten könnte?
Sind Sie darauf vorbereitet?
Können Sie dem Unternehmen geeignete Maßnahmen empfehlen?

Beispiel 1  
Beim Einrichten einer Autobahnbaustelle muss ein Mitarbeiter mit ansehen, wie sein Kollege von einem LKW erfasst und überrollt wird."Als der Kollege vom LKW erfasst wurde, war ich wie gelähmt, schockiert. Ich kann mich gar nicht mehr richtig erinnern, ich bin dann hingelaufen, er lebte und irgendwann kam dann endlich Hilfe. Auch um mich hatte sich dann jemand gekümmert. Es hatte meinen engsten Kollegen getroffen. Ich werde dieses Erlebnis einfach nicht los! Immer wieder läuft es wie ein Film vor meinem inneren Auge ab."

Beispiel 2  
Die Kassiererin in einer Tankstelle wird mit vorgehaltener Waffe zur Herausgabe von Bargeld gezwungen."Seit dem Überfall war ich noch nicht wieder arbeiten, bin schon einige Wochen krankgeschrieben. Jedes Mal wenn eine automatische Tür aufgeht erschrecke ich und bekomme Herzrasen und die Luft bleibt mir weg. Dann habe ich furchtbare Angst, alles könnte schon wieder passieren. Mein Mann sagt zwar, der Überfall sei vorbei, aber ich hatte solche Todesangst, das möchte ich nie wieder erleben."

Beispiel 3:  
In der Straßenbahn wird ein Fahrausweisprüfer auf das Übelste beschimpft, bespuckt und schließlich geschlagen."Nicht nur in der Bahn beim Kontrollieren war ich vorsichtig und sehr misstrauisch, ich hatte das Gefühl, jeder will mir wieder an den Kragen. Dabei hat mir der Job doch früher Spaß gemacht, ich war gern unter Leuten. Ich konnte nachts kaum noch schlafen und hatte schon Angst, wieder arbeitslos zu werden.
Mein Arbeitgeber hat mich dann auf ein Seminar geschickt. Da habe ich viel über Kommunikation und Deeskalation gelernt.
Brenzlige Situationen kommen immer wieder mal vor, aber ich kann besser damit umgehen und die Arbeit läuft wieder.

Beispiel 4:  
Ein erfahrener nautischer Offizier muss trotz Notfallmaßnahmen und Ausweichmanöver miterleben, dass es zu einer Kollision mit einem anderen Schiff kommt."Ich hatte Wache. Das andere Schiff hatte seinen Kurs einfach beibehalten, die reagierten gar nicht auf Funk und Signalraketen und in dem engen Fahrwasser konnte ich mit unserem großen Schiff nicht ausweichen. Ich konnte nichts machen! Den riesen Schlag als er uns rammte und den Backbordtank aufriss, höre ich immer wieder und ich rieche den sauren Schwerölgestank wenn ich die Augen zumache. Ich geh' nie wieder an Bord, allein bei dem Gedanken bekomme ich schon schweißnasse Hände. Ich weiß gar nicht, wie es mit mir weitergehen soll. Vorübergehend hatte die Reederei einen Job in der Inspektion, aber man will mich wieder auf einem Schiff einsetzen. Für mich steht fest: Ich fahre nie wieder zur See!"

Beispiel 5:  
Ein Ingenieur schaltet eine Maschine ohne wieder angebrachte Sicherheitseinrichtungen nach erfolgter Reparatur zum Probelauf ein. Ein Kollege wird eingezogen und verliert beide Arme."Ich gehe zwar wieder zur Arbeit, aber irgendwie ist alles anders. Ich funktioniere nur noch und mache das Nötigste und auch Fehler. Ich kann auch kein Maschinenöl mehr riechen. Mein Chef hat mich schon angezählt, hoffentlich verliere ich nicht die Arbeit. Ich fühle mich innerlich leer, wie tot und kann mich für nichts mehr interessieren. Äußerlich lasse ich mir nichts anmerken. Ich weiß gar nicht, was los ist mit mir. Ob das mit dem Unfall zu tun hat?"

Beispiel 6:  
Zwei Mitarbeiter werden vor den Augen Ihrer Kollegen von herabfallenden Gerüstteilen erschlagen."Als ich die Gerüstteile fallen sah, dachte ich noch: "Oh Mann, dass die man bloß keinen treffen." Und dann das. Die Kollegen lagen plötzlich einfach da - dabei hatten wir doch grade noch 'nen Kaffee zusammen getrunken. Wir anderen waren geschockt und ich bin erst seit kurzem wieder auf Arbeit. Aber das vergisst Du nicht. Immer wenn was quietscht oder kracht bin ich voll aufgedreht und sehe nach, ob was passiert ist. Ich weiß nicht, ob ich das auf Dauer aushalte."

Beispiel 7:  
Ein Kamerad der Freiwilligen Feuerwehr nimmt während des Einsatzes eine verbrannte Puppe in einem Zimmer war. Dann wird ihm klar, dass es sich um ein Kind handelt."Es war alles so vertraut, wie immer bei einem Einsatz. Alarm, zur Wache fahren, umziehen und los. Alles ging wie immer und dann - ich kann den Schock einfach nicht vergessen. Ich habe selbst ein kleines Kind. Da kommt das immer wieder hoch. Ich habe versucht wieder mit den Kameraden rauszufahren, weil es bei der Übung gut geklappt hat. Aber beim ersten echten Einsatz ging gar nichts mehr. Schon als der Pieper losging war ich nervös. Ich habe es noch bis zur Wache geschafft, aber der Wehrleiter hat mich sofort wieder nach Hause geschickt. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder zu einem Einsatz fahren kann."

Beispiel 8:  
Die Mitarbeiterin im Sozialamt erhält aufgrund einer Kürzung des Wohngeldes eine massive Morddrohung."Es war kurz vor Feierabend und ich dachte noch: "War eigentlich ein guter Tag heute." Dann klingelte das Telefon. Noch bevor ich was sagen konnte brüllte die Stimme "Wer glaubst du eigentlich wer du bist? Ich weiß wo du wohnst. Ich bring dich um - verlass dich drauf!" Ich war völlig am Ende. Im Amt war auf unserem Flur außer mir keiner mehr. Ich hatte solche Angst. Seitdem bin ich krankgeschrieben. Jedes Mal wenn das Telefon klingelt, krieg ich einen riesen Schreck. Das wünsche ich keinem, ich bin einfach nur verzweifelt. Zum Glück habe ich noch meine Familie aber das ist für alle eine riesen Last."

Sie finden sich bei den Beispielen nicht wieder?
Mit Hilfe der Risiko-Matrix (siehe Anlage 1) können Sie abschätzen, ob in den von Ihnen betreuten Unternehmen Handlungsbedarf besteht.