DGUV Information 203-077 - Thermische Gefährdung durch Störlichtbögen Hilfe bei ...

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Anhang 2, Normung der PSAgS gegen die thermischen Auswirkung...
Anhang 2
Thermische Gefährdung durch Störlichtbögen Hilfe bei der Auswahl der persönlichen Schutzausrüstung (bisher: BGI/GUV-I 5188)

Anhangteil

Titel: Thermische Gefährdung durch Störlichtbögen Hilfe bei der Auswahl der persönlichen Schutzausrüstung (bisher: BGI/GUV-I 5188)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 203-077
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Anhang 2 – Normung der PSAgS gegen die thermischen Auswirkungen von Störlichtbögen

A 2.1 Normung für Schutzkleidung in Europa

Der Bereich der Störlichtbogenprüfung von PSAgS in Europa ist ein vergleichsweise junges Gebiet. Im Gegensatz zum Test der Wirksamkeit von Schutzkleidung, Kopf-, Fuß- oder Handschutz gegen verschiedene andere Risiken wurde mit ausführlichen Untersuchungen der Schutzmöglichkeit gegenüber den thermischen Wirkungen eines elektrischen Störlichtbogens erst in den 1990er Jahren begonnen.

Abb. 23 Prüfaufbau Box-Test-Verfahren

Am Beginn der Normungsarbeiten stand der Wunsch, vorerst insbesondere Schutzkleidung zum Einsatz gegen die Wirkungen eines Störlichtbogens sicher und reproduzierbar prüfen und bewerten zu können. Dazu wurde auf Basis eines damals vorliegenden Normenentwurfs prENV 50354 (Störlichtbogenprüfverfahren für Materialien und Kleidungsstücke für Anwender, die einer Störlichtbogengefährdung ausgesetzt sind) begonnen, die Schutzwirkung von textilen Flächen und Erzeugnissen in zwei Klassen zu untersuchen. Dieses Verfahren benutzte bereits die nur an einer Seite offene Box zur Erzeugung einer gerichteten Lichtbogenexposition auf das in 300 mm Abstand positionierte textile Flächen- oder Erzeugnismuster.

Ebenso definierte dieser Entwurf bereits die Verwendung von Aluminium- und Kupferelektroden, um den realen Gegebenheiten weitmöglichst zu entsprechen. Als Beurteilungskriterien waren enthalten:

  • keine Nachbrennzeit der Probe > 5 s,

  • keine Lochbildung > 5 mm,

  • kein Durchschmelzen auf die Innenseite,

  • Funktionsfähigkeit des Verschlusssystems nach Exposition.

Größter Nachteil des Verfahrens war jedoch die fehlende Zielstellung, Aussagen zur tatsächlichen Schutzwirkung gegen die thermischen Auswirkungen eines Störlichtbogens treffen zu wollen. Die Methode sollte lediglich bestätigen, dass durch die Verwendung der geprüften Kleidung im Störfall keine durch die Kleidung selbst schädigende Auswirkungen (etwa durch das Brennen der Kleidung) für den Träger zu erwarten sind. Dementsprechend waren auch keine Beurteilungsmöglichkeiten für das Risiko von Hautverbrennungen enthalten, wie sie bei ungenügenderthermischer Isolation der Schutzkleidung auftreten.

Diese sicherheitsrelevante Lücke bei der Prüfung und Bewertung von Schutzkleidung gegen die thermischen Gefahren eines Störlichtbogens wurde mit der Erarbeitung des international harmonisierten Standards VDE 0682-306-1-2 ("Arbeiten unter Spannung - Schutzkleidung gegen thermische Gefahren eines elektrischen Lichtbogens - Teil 1-2: Prüfverfahren - Verfahren 2: Bestimmung der Lichtbogen-Schutzklasse des Materials und der Kleidung unter Verwendung eines gerichteten Prüflichtbogens (Box-Test))" geschlossen. Als konsequente Weiterentwicklung der Idee einer gerichteten Störlichtbogenprüfung mittels einer nur in Richtung der Probe geöffneten Prüfbox beinhaltet die Norm die Prüfung von Flächenmaterialien und Erzeugnissen für zwei Schutzklassen, die sich in Größe der Lichtbogenenergie und der Einwirkenergie unterscheiden.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick zu den relevanten Parametern jeder Prüfklasse:

Prüf-
klasse
Mittelwert der Lichtbogen-
energie
Warc [kJ]
Mittelwert der Einwirk-
energie
Ei0 [kJ/m2]
Prüf-
strom
[kA]
Licht-
bogen-
zeit
[ms]
Klasse 11581354500
Klasse 23184237500

Tabelle 8 Parameter des Box-Test-Verfahrens

Die Grundphilosophie des Verfahrens besteht in der objektiven Prüfung und Bewertung des Störlichtbogenschutzes schwerentflammbarer Materialien bzw. Materialkombinationen sowie einer Überprüfung dieser Schutzwirkung am Fertigerzeugnis. Sowohl die Materialproben als auch die Erzeugnisse werden dabei in einem Abstand von 300 mm zur Lichtbogenachse positioniert, was einem vorstellbaren Arbeitsabstand unter realen Einsatzbedingungen entspricht. Die Lichtbogenachse wird durch die beiden vertikalen Elektroden definiert, die einen Abstand von 30 mm zueinander aufweisen. Als Elektrodenmaterial wird dabei Aluminium (oben) und Kupfer (unten) eingesetzt, um auch hier die Praxisbedingungen in einer Anlage weitmöglichst nachbilden zu können. Die gewünschte Fokussierung der extremen thermischen Wirkung einer Lichtbogenexposition wird durch die parabolische Form der Prüfbox gewährleistet, welche die Elektrodenanordnung dreiseitig umschließt. Ober- und Unterteil der aus Gips gefertigten Box werden mittels isolierenden Platten verschlossen. Entsprechend des Prüfstromes der jeweiligen Prüfklasse wird der Lichtbogen in einem Prüfkreis mit der Spannung AC 400 V gezündet und nach einer Brenndauer von 500 ms gelöscht.

Als Probenhalterung für textile Flächen wird eine Prüflatte verwendet, in die zwei Kalorimeter zur Messung der Durchgangsenergie integriert sind. Dies ermöglicht eine Messung des Wärmedurchgangs auf die Hautoberfläche (Probenrückseite) und damit eine Aussage zum Risiko von Verbrennungen zweiten Grades im Vergleich zu den Grenzwerten des Stoll/Chianta-Kriteriums. Zusätzlich erfolgt eine visuelle Beurteilung jeder Probe anhand der Kriterien Nachbrennzeit, Lochbildung und Durchschmelzen auf die Innenseite.

Fertigerzeugnisse wie Jacken, Mäntel, Parkas, etc. werden auf einem standardisierten Mannequin geprüft. Neben den visuell zu bewertenden Kriterien analog einer Flächenprüfung erfolgt hier zusätzlich noch der Funktionstest des Verschlusssystems der Kleidung. Dies ist erforderlich, da nur ein funktionsfähiger Verschluss ein möglichst schnelles Ablegen der Kleidung nach einem Lichtbogenunfall ermöglicht. Darüber hinaus dient der Erzeugnistest einer Überprüfung ggf. vorhandener Accessoires, wie Reflexstreifen, Logos oder Emblemen hinsichtlich ihrer Störlichtbogenfestigkeit.

Dieser Prüfstandard ist seit Jahren etabliert und Basis zahlreicher Zertifizierungen für Störlichtbogenschutzkleidung im Geltungsbereich der für Europa verbindlichen Richtlinie für Persönliche Schutzausrüstung 89/686/EWG (Richtlinie des Rates zur Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten für persönliche Schutzausrüstungen).

A 2.2 Normung für Schutzkleidung außerhalb der EU

Außerhalb Europas kommt für die Beurteilung des Störlichtbogenschutzes vorwiegend eine andere Prüfmethode zum Einsatz. Hier dominiert die Bestimmung des Lichtbogenkennwertes ATPV (Arc Thermal Performance Value) gemäß IEC 61482-1-1. Dieses auch als DIN VDE 0682-306-1-1 ("Arbeiten unter Spannung - Schutzkleidung gegen thermische Gefahren eines Lichtbogens - Teil 1-1: Prüfverfahren - Verfahren 1: Bestimmung der Lichtbogenkennwerte (ATPV oder EBT50) von schwer entflammbaren Bekleidungsstoffen") publizierte Verfahren erfordert eine Mittelspannungsquelle und basiert auf einem offenen, ungerichteten Lichtbogen zur Exposition von jeweils drei kreisförmig (120 Versatz) angeordneten Materialproben. Die Fixierung der textilen Flächenproben erfolgt auf Panels, in denen jeweils zwei Kalorimeter zur Messung der Durchgangsenergie eingebaut sind. Zusätzlich verfügt jedes Panel über zwei rechts und links von der Probe angebrachte ungeschützte Kalorimeter, die gleichzeitig die direkte Einwirkenergie aufzeichnen. Im Abstand von 300 mm zu jedem Panel bilden 2 Elektroden aus Edelstahl (Elektrodenabstand 300 mm) das Zentrum des Kreises.

Im Gegensatz zum Box-Test Verfahren verfügt die DIN VDE 0682-306-1-1 ("Arbeiten unter Spannung - Schutzkleidung gegen thermische Gefahren eines Lichtbogens - Teil 1-1: Prüfverfahren - Verfahren 1: Bestimmung der Lichtbogenkennwerte (ATPV oder EBT50) von schwer entflammbaren Bekleidungsstoffen") nicht über definierte Schutzklassen. Über Variation der Lichtbogendauer bestimmt die Methode aus einer Menge von mindestens 20 Einzelwerten sowie einem mathematischen Regressionsverfahren für jedes schwerentflammbare Material den jeweiligen Lichtbogenkennwert (ATPV oder EBT50). Dieser Kennwert repräsentiert dabei eine auf das Material einwirkende Energie, welche mit 50 % Wahrscheinlichkeit nicht zu Hautverbrennungen zweiten Grades (ATPV) bzw. zum Aufbrechen des Materials bis zur Körperoberfläche (EBT50) führt.

Beurteilungskriterien für jedes einzelne Prüfmuster sind:

  • Lochbildung/Aufbrechen des Materials in allen Lagen,

  • Wärmedurchgang überschreitet Grenzwert für Hautverbrennung (Stoll-Kurve).

Nach Bestimmung des Kennwertes für das Material erfolgt unter Nutzung der gleichen Lichbogendauer eine Beständigkeitsprüfung für das Erzeugnis auf einem dafür an Stelle eines Panels montierten Mannequins.

Um eine dem Lichtbogenkennwert entsprechende Einsatzentscheidung für die Kleidung treffen zu können, muss der Anwender die Methoden der Gefährdungsbeurteilung und Risikoabschätzung, z. B. gemäß NFPA 70e (Standard for Electrical Safety in the Workplace) oder IEEE 1584 (Guide for performing arc-flash hazard calculations), sicher und erfolgreich anwenden können. Andernfalls lässt sich aus dem Kennwert keine Auswahlempfehlung für Arbeiten in oder in der Nähe von elektrischen Anlagen ableiten. Ebenso gibt es bislang keine gesicherte Möglichkeit einer Vergleichbarkeit zwischen dem ATPV-Wert und dem zur Prüfung und Zertifizierung von Schutzkleidung in Europa hauptsächlich verwendeten Verfahren gemäß VDE 0682-306-1-2 ("Arbeiten unter Spannung - Schutzkleidung gegen thermische Gefahren eines elektrischen Lichtbogens - Teil 1-2: Prüfverfahren - Verfahren 2: Bestimmung der Lichtbogen-Schutzklasse des Materials und der Kleidung unter Verwendung eines gerichteten Prüflichtbogens (Box-Test)").

A 2.3 Normung für andere PSAgS-Arten

Im Gegensatz zur Schutzkleidung gibt es im Hinblick auf einen wirksamen Störlichtbogenschutz anderer Körperschutzmittel, wie z. B. Gesichtsschutz oder Handschuhe, international harmonisiert weder konkrete Anforderungen noch Prüf- oder Bewertungsstandards. Dennoch besteht im Störfall ein hohes Risiko von Verbrennungen und damit die Notwendigkeit eines entsprechenden Personenschutzes. Daher wird national und international an der Implementierung entsprechender Verfahren gearbeitet.

Allen diesen Arbeiten ist gemein, dass sie weitmöglichst auf den bereits international genormten Prüfgrundlagen für Schutzkleidung aufbauen. Dem Anwender kann damit eine weitestgehend vollständige Schutzausrüstung zur Verfügung gestellt werden, deren Störlichtbogenschutz jeweils nach gleichen Grundsätzen geprüft und beurteilt wurde.

A.2.3.1 Normung für Europa

Für Elektriker-Gesichtsschutz ist die bislang umfassendste Prüfung und Bewertung durch den Prüfgrundsatz GS-ET-29 der Prüf- und Zertifizierungsstelle Elektrotechnik des Fachbereichs ETEM im DGUV Test sichergestellt. Er definiert Zusatzanforderungen für die Prüfung und Zertifizierung von Elektriker-Gesichtsschutz und wird seit 2009 für alle in der Bundesrepublik Deutschland zugelassenen Produkte angewendet.

Zur Bewertung des thermischen Schutzes gegenüber den Wirkungen eines Störlichtbogens verwendet der Prüfgrundsatz die gerichtete Exposition des Box-Test Verfahrens analog der DIN VDE 0682-306-1-2 (Arbeiten unter Spannung - Schutzkleidung gegen thermische Gefahren eines elektrischen Lichtbogens - Teil 1-2: Prüfverfahren - Verfahren 2: Bestimmung der Lichtbogen-Schutzklasse des Materials und der Kleidung unter Verwendung eines gerichteten Prüflichtbogens (Box-Test)) in den beiden Prüfklassen. Im Unterschied zur Kleidungsprüfung wird zur Positionierung der Prüfmuster (z. B. Kombination von Helm und Visier) ein mit vier Kalorimetern bestückter Prüfkopf genutzt. Dieser ist horizontal so gegenüber der Lichtbogenachse zentriert, dass sich das zentrale Kalorimeter im Bereich der Nase in einem Abstand von 350 mm befindet. Die vertikale Position dieses Kalorimeters ist ebenfalls auf die Mitte der Lichtbogenachse zentriert. Dies gewährleistet die zentrale Einwirkung der Lichtbogenenergie im Zentrum des Visiers bei gleichzeitiger Messung der Durchgangsenergie an verschiedenen Positionen des Kopfes. Neben dem Kalorimeter im Bereich der Nase verfügt der Prüfkopf zusätzlich über zwei Kalorimeter im Augenbereich sowie ein Kalorimeter im Kinnbereich. Zur Simulation des menschlichen Oberkörpers dient eine 500 mm hohe und 600 mm breite Torsoplatte. Durch die Messung der Einwirkenergie an den Kalorimetern können objektive Aussagen zum Risiko von Hautverbrennungen im Gesicht durch frontale Einwirkung, aber auch durch einen Unterschlag von Flammen- und Gaswolken getroffen werden. Die Störlichtbogenprüfung des Gesichtsschutzes gilt als bestanden, wenn für vier zu prüfende Muster die Nachbrennzeit ≤ 5 s ist, kein Durchschmelzen des Prüflings oder eine Lochbildung auftritt sowie die Wertepaare aller Kalorimeter des Prüfkopfs unterhalb der für das Risiko von Hautverbrennungen nach dem Stoll/Chianta-Kriterium definierten Grenzwerte liegen. Bei einem derart geprüften Elektriker-Gesichtsschutz kann der Anwender davon ausgehen, dass er ein nach dem aktuellen Stand der Technik bewertetes Produkt erhält.

Für die Prüfung und Bewertung von Störlichtbogenfestigkeit und -schutz von Handschuhen wird international eine Normenerweiterung für die zurzeit stattfindende Revision der Norm für elektrisch isolierende Schutzhandschuhe IEC 60903 diskutiert. Sie verwendet die grundlegenden Anlagengegebenheiten der gerichteten Exposition des Box-Test Verfahrens entsprechend DIN VDE 0682-306-1-2 (Arbeiten unter Spannung - Schutzkleidung gegen thermische Gefahren eines elektrischen Lichtbogens - Teil 1-2: Prüfverfahren - Verfahren 2: Bestimmung der Lichtbogen-Schutzklasse des Materials und der Kleidung unter Verwendung eines gerichteten Prüflichtbogens (Box-Test)) unter Nutzung speziell für Handschuhe konzipierter Probenhalterungen. Die zwei nebeneinander angeordneten Panels ermöglichen die Prüfung kompletter Handschuhe und sind jeweils mit einem horizontal und vertikal zur Lichtbogenachse zentrierten Kalorimeter versehen. Als Prüfprogramm ist, neben den Klassen 1 und 2 analog zur Kleidung, eine zusätzliche Klasse 3 möglich.

Sie dient der Beurteilung der Produkte bei deutlich höherer direkter Einwirkenergie (760 kJ/m2), was für Handschuhe allein durch den zu erwartenden geringeren Abstand zur Störquelle gerechtfertigt erscheint. Erreicht wird die zusätzliche Klasse durch einen um 50 % verringerten Abstand der Proben vom Lichtbogen (150 statt 300 mm) bei einer der Klasse 1 entsprechenden Lichtbogenenergie (158 kJ). Die Anwendung ist nicht auf elektrisch isolierende Schutzhandschuhe beschränkt und kann daher auch bei anderen Handschuhtypen, z. B. Lederhandschuhen, wichtige sicherheitsrelevante Informationen liefern. Das Verfahren sieht die Prüfung von mindestens vier Handschuhen vor, von denen keiner eine Nachbrennzeit > 5 s, Durchschmelzen zur Innenseite oder Lochbildung, Materialschrumpf > 5 % sowie ein Überschreiten der Grenzwerte für Hautverbrennungen entsprechend des Stoll/Chianta-Kriteriums aufweisen darf. Unter diesen Bedingungen kann der Anwendervon einem nach aktuellen Erkenntnissen geprüften und bewerteten Schutzhandschuh ausgehen.

A.2.3.2 Normung außerhalb der EU

Auch für ergänzende Schutzausrüstung einer Kleidung, welche nach dem in IEC 61482-1-1 beschriebenen Lichtbogenkennwert ATPV geprüft wurde, liegen Prüf- und Bewertungsmöglichkeiten vor.

Kopf- und Gesichtsschutz kann entsprechend des nur in Amerika publizierten Standards ASTM F2178-08 (Standard Test Method for Determining the Arc Rating and Standard Specification for Face Protective Products) geprüft werden. Dieses Verfahren nutzt die Anlagentechnik für die Bestimmung des ATPV an Textilien, wobei die Prüfmuster aus Helm und Visier auf einem mit vier Kalorimetern versehenen Kopf fixiert werden. Dazu wird dieser auf einem der Beständigkeitsprüfung von Kleidung vergleichbaren Mannequin befestigt. In Analogie zum Box-Test Verfahren erfolgt die Zentrierung des zentralen Kalorimeters im Gesichtsbereich des Kopfes vertikal und horizontal gegenüber der Lichtbogenachse. Mittels an den Seiten des Kopfes positionierten ungeschützten Kalorimetern wird für jeden Prüfzyklus die direkte Einwirkenergie und die Durchgangsenergie ermittelt und so schrittweise der Lichtbogenkennwert errechnet.

Für Handschuhe ist ein amerikanischer Normenentwurf 6 in Diskussion, der unter Nutzung der Anlagentechnik für Kleidung die Bestimmung des Lichtbogenkennwertes an Schutzhandschuhen ermöglicht. Dazu wurde ein ringförmiger Aufbau mit Viertelkreisöffnung konzipiert, auf dem sich vier Panels zur Fixierung der Prüfmuster befinden. Jedes Handschuh-Panel ist mit einem Kalorimeter versehen, welches horizontal und vertikal zur Mitte der Lichtbogenachse ausgerichtet ist und zur Messung der Durchgangsenergie verwendet wird. Je zwei seitlich neben den Panels angeordnete ungeschützte Kalorimeter dienen, wie bei der Prüfung von Textilien, zur Ermittlung der direkten Einwirkenergie jedes einzelnen Prüfzyklus. Die Ermittlung des ATPV erfolgt dann analog zu den bereits beschriebenen Verfahren.

Allerdings gelten auch für den ermittelten Lichtbogenkennwert eines Gesichtsschutzes oder Handschuhs die gleichen Einschränkungen wie für die Kleidung. Die Nutzung erfordert Erfahrung in der Anwendung amerikanischer Richtlinien zur Gefährdungsbeurteilung von Störlichtbogenrisiken am Arbeitsplatz.

A 2.4 Anforderungsnorm für Produktzulassung und Auswahl

Störlichtbogenschutzkleidung sind textile high-tech Erzeugnisse mit oftmals multifunktionellem Schutz. Bei der Auswahl derartiger Kleidung ist daher nicht nur die Durchführung einer entsprechenden Störlichtbogen-Beständigkeitsprüfung erforderlich. Vielmehr muss erkannt und berücksichtigt werden, dass keines der bislang beschriebenen Verfahren in der Lage ist, die an eine derartige PSAgS zu stellenden Anforderungen in der Gesamtheit abzubilden.

Alle bisher hier angeführten Normen sind reine Prüfstandards, die zwar die wesentlichsten, aber eben nicht alle Eigenschaften einer sicheren Kleidung bestätigen. So können z. B. ein Innenfutter aus nicht schwerentflammbarem Material oder eine Naht aus 100 % Polyesternähfaden im Ernstfall erheblich schädigende Auswirkungen auf den Träger haben. Ebenso bietet ein zu geringer Durchgangswiderstand, z. B. beim Einsatz von oberflächenleitfähigen Fasern für die elektrostatische Ableitfähigkeit der Kleidung, u. U. keinen Berührungsschutz gegenüber stromführenden Teilen und kann damit sogar weitere Sekundärgefährdungen hervorrufen.

Darüber hinaus sind natürlich auch die klassischen textilspezifischen Anforderungen, wie z. B. Maßbeständigkeit beim Waschen sowie Höchst- und Weiterreißfestigkeit, für einen Anwender nicht nur qualitäts-, sondern auch sicherheitsrelevant. Und letztendlich werden auch nur geeignete und entsprechend geprüfte Accessoires, wie schwerentflammbare Reflexstreifen, Embleme oder Logos, die Schutzfunktion einer Kleidung nicht negativ beeinflussen. Hier gilt es für den potentiellen Anwender der Kleidung Sicherheit zu erlangen, dass sowohl der Hersteller als auch die einbezogene Zertifizierungsstelle diese Risiken beachtet und durch Festlegung geeigneter Materialien und eines entsprechenden Designs weitmöglichst ausgeschlossen haben.

Als gegenwärtig bestes Mittel einer möglichst umfassenden Prüfung und Bewertung von Störlichtbogenschutzkleidung ist die internationale Norm IEC 61482-2 ("Arbeiten unter Spannung - Schutzkleidung gegen die thermischen Gefahren eines Lichtbogens - Teil 2: Anforderungen") anzusehen. Obwohl für diesen Standard noch keine Konformitätsvermutung zur PSA-Richtlinie 89/686/EWG (Richtlinie des Rates zur Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten für persönliche Schutzausrüstungen) gegeben ist, bietet er die momentan umfangreichste Beurteilungsmöglichkeit.

Wesentlicher Bestandteil dieser Produktnorm ist der Nachweis eines Störlichtbogenschutzes durch die eingesetzten Textilmaterialien, wie er nach DIN VDE 0682-306-1-2 ("Arbeiten unter Spannung - Schutzkleidung gegen thermische Gefahren eines elektrischen Lichtbogens - Teil 1-2: Prüfverfahren - Verfahren 2: Bestimmung der Lichtbogen-Schutzklasse des Materials und der Kleidung unter Verwendung eines gerichteten Prüflichtbogens (Box-Test)") erbracht werden kann.

Eine entscheidende Grundforderung ist aber auch die ausschließliche Verwendung von schwerentflammbaren Ausgangsmaterialien (Index 3 gemäß DIN EN ISO 14116 "Schutzkleidung - Schutz gegen Hitze und Flammen - Materialien, Materialkombinationen und Kleidung mit begrenzter Flammenausbreitung") für die Außen- und ggf. Innenlage der Kleidung. Schutzkleidungstypische Forderungen an die Maßhaltigkeit sowie mechanische Beständigkeit im Gebrauch durch Mindestanforderungen an Höchstzug- und Weiterreißkraft ergänzen das materialspezifische Anforderungsprofil.

Die IEC 61482-2 ("Arbeiten unter Spannung - Schutzkleidung gegen die thermischen Gefahren eines Lichtbogens - Teil 2: Anforderungen") regelt aber auch wichtige sicherheitsrelevante Anforderungen an die Gestaltung der Kleidung selbst. Möglicherweise aus Gründen des Tragekomforts gewählte unterschiedliche Schutzklassen im Front- und Rückenbereich werden ebenso eindeutig reglementiert, wie der ausschließliche Einsatz von schwerentflammbarem Nähfaden für alle Hauptnähte. Wurden zusätzlich zur Norm noch spezielle Designanforderungen, wie verschließbare Taschen, zum wirksamen Schutz gegen die im Störfall zahlreich entstehenden Spritzer geschmolzenen Metalls berücksichtigt, kann der Anwender von einer umfassend geprüften und bewerteten Schutzkleidung gegen die thermischen Risiken eines Störlichtbogenunfalls ausgehen. Dies gilt auch für entsprechende Bund- oder Latzhosen eines vollständigen Schutzanzuges. Obwohl keine der vorgestellten Methoden eine Prüfung von Erzeugnissen als konfektioniertes Teil vorsieht, wird die Zertifizierungsstelle diese Produkte einer intensiven Beurteilung der Schutzwirkung unterziehen. Hierfür sind die Verwendung identischen Einsatzmaterials für Hose und Jacke sowie die Umsetzung der in IEC 61482-2 ("Arbeiten unter Spannung - Schutzkleidung gegen die thermischen Gefahren eines Lichtbogens - Teil 2: Anforderungen") getroffenen Festlegungen für das Design entscheidend. Sollte im Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung auf den Einsatz eines kompletten Schutzanzuges oder Overalls verzichtet werden, muss die Eignung der zur Störlichtbogenjacke separat ausgewählten Hose allerdings durch den Anwender selbst überprüft werden. Um damit einhergehende Unsicherheiten und ggf. Risiken zu vermeiden, empfiehlt sich die Auswahl eines kompletten Anzugs aus Jacke und Hose.

Durch die noch ausstehende ganz- oderteilweise Überführung der IEC 61482-2 ("Arbeiten unter Spannung - Schutzkleidung gegen die thermischen Gefahren eines Lichtbogens - Teil 2: Anforderungen") in eine allgemein verpflichtende harmonisierte EN-Norm (d. h. eine EN-Norm mit Konformitätsvermutung zur PSA-Richtlinie) und dem differenzierten Erfahrungspotential der Zertifizierungsstellen kann aber noch kein europaweit einheitliches Vorgehen bei der Zulassung von Störlichtbogenschutzkleidung erwartet werden. Daher sollte der Unternehmer durch Einsichtnahme in das Zertifikat (EG-Baumusterprüfbescheinigung), eine genaue Überprüfung der Kleidung sowie direkte Nachfrage beim Hersteller oder Händler sicherstellen, dass die Forderungen dieses Produktstandards berücksichtigt und im Erzeugnis entsprechend umgesetzt wurden.

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Work Item ASTM WK14928 - New Test Method for Test Method for Determining the Arc Rating of Gloves 1.