DGUV Information 206-016 - Psychische Belastungen im Straßenbetrieb und Straßenu...

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Abschnitt 2 , 2 Einige besondere Belastungssituationen
Abschnitt 2
Psychische Belastungen im Straßenbetrieb und Straßenunterhalt (bisher: BGI/GUV-I 8763)
Titel: Psychische Belastungen im Straßenbetrieb und Straßenunterhalt (bisher: BGI/GUV-I 8763)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-016
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 2 – 2 Einige besondere Belastungssituationen

Überquerung von Fahrbahnen, Aufenthalt im Verkehrsraum

Das Überqueren von Fahrbahnen gehört im Straßenbetrieb zum Tagesgeschäft. Insbesondere die Beseitigung von verloren gegangener Ladung oder anderer Objekte - zum Teil gemeinsam mit den Kollegen - ist Teil der Aufgabenerfüllung.

Verschiedene Aspekte dieser Arbeit führen zu Belastungen:

  • Standortwahl für das Einsatzfahrzeug - mit und ohne Standspur

  • Bewusstsein für erhöhte Unfallhäufigkeit am rechten Fahrbahnrand

  • Witterungsbedingungen wie Schnee, Eis oder Regen

  • Mangelhafte Sicht bei Nebel und Dunkelheit

  • Geschwindigkeit des Verkehrsflusses

  • Dichte des Verkehrsaufkommens

  • Anzahl der zu überquerenden Fahrspuren

  • Sogwirkung vorbeifahrender LKW

  • Keine Ausweichmöglichkeiten bei Arbeiten im Grünstreifen zwischen den Richtungsfahrbahnen

  • Art der Objekte (z. B. Größe wie Sofas, überfahrene Tierkadaver)

Unter diesen Voraussetzungen wird die Risikoabschätzung und die Arbeit schwieriger, was zu Unsicherheit im Verhalten oder Angst führen kann.

Beleuchtungskontrollen

Bezeichnendes Merkmal dieser Tätigkeit ist, dass sie bei Dunkelheit durchgeführt wird. Hier kommt es zu einer erhöhten Konzentrationsanforderung an die Beschäftigten. Zudem dient diese Tätigkeit dem Kontrollieren und gegebenenfalls Reparieren von Beleuchtungseinrichtungen an Baustellen. Bei einer erforderlichen Reparatur, ist die Sichtbarkeit der Baustellenbegrenzung eingeschränkt, was mit einem erhöhten Unfallrisiko einhergeht. In dieser Situation sind Angst- und Bedrohungsgefühle bei den Beschäftigten zu erwarten und es kann zu einer Erhöhung des Arbeitstempos kommen, um der Situation nur möglichst kurz ausgesetzt zu sein. Zusätzlich können auch hier Witterungseinflüsse verstärkend wirken.

Einrichtung oder Absicherung von Arbeitsstellen sowie Verkehrskontrollen im Bereich des fließenden Verkehrs

Die Einrichtung von Baustellen oder Verkehrskontrollen sind belastend, da zeitgenau gearbeitet werden muss und Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit die Arbeitsstelle passieren. Gerade wenn Schilder manuell aufgestellt oder aufgeklappt werden müssen, erfordert dies einen hohen Grad an Konzentration und Wachsamkeit.

Derartige Belastungssituationen treten auch bei der Absicherung mit Warnleitanhänger auf. Der Fahrer bildet unmittelbar eine Schnittstelle zum fließenden Verkehr. Bei beweglichen Baustellen ist ständig auf den rückwärtigen Verkehr zu achten, wobei die permanente Unfallgefahr ein hohes Maß an Anspannung erzeugt.

Tunnelarbeiten

Arbeiten in Tunneln sind eine Herausforderung, da es sich um Arbeitsplätze mit eingeschränktem Aktionsradius, fehlendem Tageslicht, Lärm, Zugluft und Abgasen handelt. Tritt etwas Unvorhergesehenes ein, sind die Beschäftigten beschränkt in der Wahl eines Fluchtweges.

Winterdienst

Winterdienst ist in jedem Jahr zu leisten und muss angemessen organisiert werden. Die Intensität und Dauer kann nur bedingt vorhergesehen und geplant werden. Diese Faktoren haben Auswirkungen auf Arbeits-, Ruhe - und Urlaubszeiten. Regelmäßige Schichtarbeit und lange Arbeitszeiten stören den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus. Dies kann Erschöpfung, zeitweilige Müdigkeit und Schlafstörungen nach sich ziehen. In Verbindung mit einer erhöhten Aufmerksamkeitsanforderung bei Räumeinsätzen in der Nacht, schwierigen Witterungsbedingungen, hohem Verkehrsaufkommen sowie mit komplexen Bedienvorgängen des Winterdienstfahrzeugs, kann es zu einer Überforderung von Beschäftigten kommen. Im Winterdienst sind Bereitschaftsdienste üblich. Dies wirkt sich auf das soziale Leben der Beschäftigten aus. Hier erleben die Beschäftigten Konflikte zwischen Anforderungen aus Beruf und Privatleben.

Unfälle

Das Unfallgeschehen geht mit verschiedenen Arten von Belastungen einher. Zum Einen müssen Unfallstellen abgesichert werden, zum Anderen werden die Beschäftigten selbst Teil von Unfällen.

Im ersten Fall ist die Konzentrationsleistung des Beschäftigten nötig, die eine schnelle und organisierte Absicherung der Unfallstelle ermöglicht. Daneben kommt es zu Sichtkontakt mit den Verunglückten (Tote oder Schwerverletzte). Gerüche wie verbrannte Haut oder Blut bzw. das Reinigen der Fahrbahn von Wrackteilen mit Haut- und Stoffresten oder Blut wirken belastend. Erleidet ein Beschäftigter oder ein Kollege einen Unfall, so kommt zu der Betroffenheit noch die Gefahr und die Angst um das eigene Leben oder Nahestehender hinzu. Die Auswirkungen solcher "Extremereignisse" sind in dem entsprechenden Abschnitt genauer beschrieben.

Abb. 6 Alleinarbeit im Winterdienst (Quelle: Straßen.NRW)

Extremereignisse

Neben den angesprochenen psychischen Belastungen kann es nach besonders gravierenden Ereignissen zu extremen Belastungen und entsprechenden Beanspruchungen kommen. Ein solches Ereignis kann z. B. ein schwerer Unfall (kurz nach Einrichtung einer Baustelle fährt ein LKW auf das Sicherungsfahrzeug auf, der Fahrer wird dabei getötet) sein. In einem solchen Fall spricht man von einem traumatischen Ereignis und bei den beteiligten Personen von einem durch das Ereignis verursachten Trauma.

Traumadefinition[19]

Die Person erlebte, beobachtete oder war mit einem oder mehreren Ereignissen konfrontiert, die tatsächlichen oder drohenden Tod oder ernsthafte Verletzung oder eine Gefahr der körperlichen Unversehrtheit der eigenen Person oder anderer Personen beinhalten. Die Reaktion der Person umfasste intensive Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen.
 

Menschen, die einem traumatischen Ereignis ausgesetzt waren, durchleben in der direkten Folge in aller Regel eine sog. akute Belastungsreaktion. Das Verhalten der Betroffenen schwankt oftmals zwischen den Extremen "Rückzug" und "Überaktivität"[19] (vgl. DSM IV 1996).

Jedoch klingen die Beschwerden wiederum in aller Regel nach wenigen Tagen ab. Nur in wenigen Fällen klingen die Beschwerden nicht ab, sondern haben eine psychische Erkrankung zur Folge (z. B. Angststörung, Schmerzstörung, Suchterkrankung oder die Posttraumatische Belastungsstörung).

Abb. 7 Sicherungsfahrzeug nach LKW-Aufprall