DGUV Information 213-033 - Gefahrstoffe in Werkstätten (bisher: BGI/GUV-I 8625)

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Abschnitt 2.4, Gefahrstoffe zur Oberflächenbehandlung
Abschnitt 2.4
Gefahrstoffe in Werkstätten (bisher: BGI/GUV-I 8625)
Titel: Gefahrstoffe in Werkstätten (bisher: BGI/GUV-I 8625)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 213-033
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 2.4 – Gefahrstoffe zur Oberflächenbehandlung

Gefährdung durch Farben, Lacke, Verdünner und Kleber

Im Werkstattbereich werden vielfältige Reparaturarbeiten durchgeführt, bei denen Farben, Lacke, Verdünner und Kleber eingesetzt werden, siehe Abb. 7. Die Hauptgefährdung beim Umgang mit diesen Produkten geht von den Lösemittelanteilen aus.

Abb. 7
Lackierarbeiten an einem Spritzstand

Auskunft über die gefährlichen Eigenschaften der Produkte geben die Kennzeichnung der Gebinde, die Sicherheitsdatenblätter sowie die Produkt- bzw. Giscodes.

Der Produkt- bzw. Giscode ist eine Buchstaben-Zahlenkombination (Kennziffer), die von Fachverbänden der Bauwirtschaft und dem Gefahrstoff-Informationssystem der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (GISBAU) entwickelt wurde, um die Herstellerinformationen für den betrieblichen Anwender verständlicher zu machen und die Ersatzstoffsuche zu erleichtern. So verschlüsselt der Code zum Beispiel die Bezeichnungen "lösemittelfrei", "lösemittelarm", "lösemittelhaltig" und "stark lösemittelhaltig" - je höher die Kennziffer des Codes ist, umso "lösemittelhaltiger" bzw. gefährlicher ist das Produkt. Das Gefahrstoffinformationssystem WINGIS enthält eine Liste der Produkt-/Giscodes der vom System erfassten Produkte. Ein Auszug dieser Liste befindet sich im Anhang 9 dieser Broschüre.

Häufig werden im Werkstattbereich folgende lösemittelhaltige Produkte verwendet:

Farben und Lacke

Lacke enthalten

  • organische Bindemittel (Kunstharze wie zum Beispiel Alkydharz, Acrylatharz, Epoxidharz),

  • organische Lösemittel (Etheralkohole, aliphatische und aromatische Kohlenwasserstoffe, Ester, Ketone, Alkohole) und/oder Wasser,

  • organische und anorganische Pigmente,

  • Füllstoffe (zum Beispiel Kieselgel, Kieselgur) und

  • Lackhilfsmittel (zum Beispiel Emulgatoren, Biozide, Antihautmittel, Antioxidantien).

Dispersionsfarben enthalten

  • Kunststoffdispersionen, in der Regel auf wässriger Basis,

  • anorganische und organische Pigmente und

  • in geringen Mengen (bis zu 3 %) Additive (zum Beispiel Glykole, Glykolether und Konservierungsstoffe wie Isothiazolinone).

Als gefährliche Bestandteile in den Dispersionsfarben sind die Additive anzusehen, die beim Druckluftspritzen oder beim direkten Hautkontakt sensibilisierend und reizend wirken können.

Die auch in wasserverdünnbaren Farben und Lacken enthaltenen geringen Anteile an meist schwerflüchtigen Lösemitteln sind für den vergleichsweise lang anhaltenden Geruch - auch nach dem Trocknen - verantwortlich. Je höher die Flüchtigkeit der enthaltenen Lösemittel ist, umso schneller trocknet eine Farbe oder ein Lack, umso höher ist aber auch die kurzfristig auftretende Konzentration an Lösemitteldämpfen in der Atemluft.

Die meisten Lösemittel sind leichtflüchtig. Da ihre Dämpfe schwerer als Luft sind, reichern sie sich in Bodennähe und Vertiefungen aller Art, wie zum Beispiel Arbeitsgruben, an und können dort zündfähige Gemische bilden. Dies ist bei der Installation von Absaugeinrichtungen zu berücksichtigen.

Viele lösemittelhaltige Produkte sind brennbar. Bei der Verdampfung von 1 ml brennbarer Flüssigkeit kann sich bis zu 10.000 ml (10 Liter) explosionsfähige Atmosphäre in der Umgebungsluft bilden.

Dies ist zum Beispiel bei Arbeiten mit brennbaren Lösemitteln in kleinen Räumen mit schlechter Lüftung oder bei der Lagerung von Leergebinden zu bedenken.

Lösemittel können über die Atemwege oder durch unmittelbaren Hautkontakt in den Körper gelangen. Die schädigende Wirkung auf die Atemwege bzw. das zentrale Nervensystem hängt von der Konzentration in der Atemluft, der Dauer und der Häufigkeit der Stoffeinwirkung ab. In hohen Konzentrationen können auch Leber, Nieren und Knochenmark geschädigt werden. Symptome einer Lösemitteleinwirkung können Augenreizungen, Kopfschmerzen, Müdigkeit und in hohen Dosen narkotische Wirkungen sein.

Lösemittel wirken auf die Haut entfettend. Sie können die schützende Fettschicht der Haut angreifen und damit die Entstehung von Hautkrankheiten begünstigen.

Beim Streichen und Rollen ist als Hauptgefährdung das Verdampfen der enthaltenen organischen Lösemittel anzusehen.

Beim Druckluftspritzen kommt es zur Bildung feiner Lacktröpfchen in der Luft (Aerosol). Damit können beim ungeschützten Arbeiten neben den Lösemitteln auch die übrigen Lackbestandteile in die Atemwege und Augen gelangen (s.o.).

Beim Abschleifen aufgetragener Beschichtungen treten einatembare Stäube auf, die gesundheitsschädliche Stoffe wie zum Beispiel Cadmium- und Bleioxide enthalten können. Stäube treten auch bei der Eigenherstellung von Farben aus Pulvern auf.

Einatembare Stäube können die Funktion der Atemwege beeinträchtigen. Cadmiumverbindungen haben krebserzeugende, Bleiverbindungen fortpflanzungsgefährdende Eigenschaften.

Verdünner und Kleber

Auch in den verwendeten Verdünnern und Klebern sind in der Regel Lösemittel enthalten.

  • Nitroverdünnung ist ein leichtflüchtiges, brennbares Lösemittelgemisch. Wesentliche Bestandteile sind Methanol, Ester, Ketone und aromatische Kohlenwasserstoffe wie zum Beispiel Toluol und Xylol.

  • Terpentin(öl)ersatz findet ebenfalls als Verdünnungsmittel Verwendung. Es ist eine hochsiedende Benzinfraktion und enthält als wesentliche Bestandteile aliphatische und aromatische Kohlenwasserstoffe.

  • Kleber bestehen aus Klebrohstoffen, wie Harzen oder natürlichen bzw. synthetischen Polymeren, aus Weichmachern und Lösemitteln. Wesentliche Lösemittelbestandteile sind Toluol, Methanol, Ethylacetat, Ethanol, n-Propanol, iso-Propanol, Aceton, n-Hexan, iso-Hexan und Tetrahydrofuran.

  • Pinselreiniger bestehen entweder aus einer wässrigen Tensidlösung mit einem mehr oder weniger hohen Anteil an organischen Lösemitteln oder einem Gemisch aus organischen Lösemitteln.

Schutzmaßnahmen

Ersatzstoffe
Zubereitungen mit organischen Lösemitteln sind nach Möglichkeit durch Zubereitungen auf wässriger Basis zu ersetzen, auch wenn lösemittelfreie oder lösemittelärmere Zubereitungen beim Verwenden längere Trocknungszeiten benötigen.

Sind Ersatzprodukte auf wässriger Basis nicht erhältlich oder ist deren Anwendung nicht zumutbar, sind Zubereitungen mit organischen Lösemitteln einzusetzen, die ein möglichst geringes Gefährdungspotential beinhalten. So sollten anstelle von aromatenreichen Lacken besser aromatenarme oder aromatenfreie Lacke verwendet werden. Handelsübliche Malerlacke sind im Gegensatz zu Sprühlacken aus dem Kfz-Bereich in der Regel aromatenarm.

Ersatzverfahren
Wegen der Gefährdung durch auftretende Aerosole sollte die Farbe durch Streichen oder Rollen und nicht durch Spritzen aufgetragen werden.

Falls auf Spritzverfahren nicht verzichtet werden kann, ist das Airless-Spritzverfahren wegen der damit verbundenen geringeren Exposition gegenüber dem Druckluftspritzen vorzuziehen. Elektrisch angetriebene und elektrostatische Spritzeinrichtungen müssen so beschaffen sein und betrieben werden können, dass durch sie explosionsfähige Atmosphäre nicht gezündet werden kann.

Technische Schutzmaßnahmen

Absaugung und Lüftung
Die wirksamste Maßnahme ist das Erfassen der Gefahrstoffe an der Entstehungsstelle, zum Beispiel durch einen Abzug, Punktabsaugung, Absaugwand oder Spritzstand.

Andere Möglichkeiten sind eine raumlufttechnische Anlage mit Zu- und Abluft oder eine gleichwertige natürliche Lüftung. Die Abluftführung der raumlufttechnischen Anlage sollte dabei möglichst durch eine Querabsaugung erfolgen. Für die Erfassung von Lösemitteln, die sich in der Regel am Boden anreichern, ist eine Bodenabsaugung besonders geeignet.

Solche Maßnahmen sind insbesondere erforderlich, wenn der Rauminhalt des Arbeitsraumes nicht mehr als 30 m3 und die Grundfläche weniger als 10 m2 sowie mehr als 20 ml Beschichtungsstoff je m3 Rauminhalt in der Stunde und mehr als 5 Liter je Arbeitsschicht und Raum verarbeitet werden.

Die Reinigung von Arbeitsmitteln (zum Beispiel Pinsel) mit lösemittelhaltigen Reinigungsmitteln sollte an abgesaugten Reinigungstischen erfolgen.

Reinigungsarbeiten und andere kleinere Arbeiten, bei denen mit einem Freiwerden von Gefahrstoffen zu rechnen ist, können auch unter einer Absaugeinrichtung mit nachführbarem Absaugarm ("Rüsselabsaugung") durchgeführt werden.

Aufbewahrung
Die Aufbewahrung von Lösemitteln in Getränkeflaschen ist unzulässig.

Gebinde für Lösemittel müssen vorschriftsmäßig nach Gefahrstoffverordnung gekennzeichnet werden.

Gefahrstoffe dürfen am Arbeitsplatz nur in den für den Fortgang der Arbeit erforderlichen Mengen bereitgehalten werden.

Das Lagern in Arbeitsräumen ist nur gestattet, wenn die Lagerung in besonderen Einrichtungen, zum Beispiel in Sicherheitsschränken erfolgt. Der Rauminhalt pro Sicherheitsschrank darf höchstens 1.000 Liter betragen und muss eine Feuerwiderstandsdauer von mindestens 20 Minuten besitzen. Diese Anforderungen gelten als erfüllt, wenn sie den Normen für Sicherheitsschränke entsprechen. Im übrigen sind für die Lagerung entzündbarer Flüssigkeiten die besonderen Anforderungen an ein Lager (siehe TRGS 510) zu beachten.

Lösemittelgetränkte Lappen und vergleichbare Arbeitsmittel müssen in feuerfesten Metallbehältern mit selbstschließendem Deckel gesammelt und aufbewahrt werden, siehe Abb. 8.

Abb. 8
Metallbehälter für Lösemittelgetränkte Lappen

Organisatorische Schutzmaßnahmen
Arbeiten, die mit einer erheblichen Gefahrstoffemission verbunden sind, zum Beispiel das großflächige Auftragen von lösemittelhaltigen Anstrichstoffen, sollten an das Schichtende gelegt werden.

Behältnisse mit Gefahrstoffen dürfen nicht offen stehen bleiben.

Abfälle und Rückstände sind regelmäßig und gefahrlos zu entfernen. Verschüttete Lacke, Lösemittel und Reiniger müssen baldmöglichst gefahrlos, zum Beispiel mit Ölbinder, aufgenommen und entsorgt werden.

Beim Umgang mit brennbaren Lösemitteln sind Zündquellen unbedingt zu vermeiden (Rauchverbot!). Es müssen Einrichtungen zur Brandbekämpfung vorhanden sein (Feuerlöscher, Feuerlöschdecke).

Beim Ab- und Umfüllen größerer Mengen (mehr als 2 Liter) entzündbarer Flüssigkeiten, die mit dem S-Satz S 33 "Maßnahmen gegen elektrostatische Aufladung treffen" bzw. P-Satz P 243 "Maßnahmen gegen elektrostatische Aufladungen treffen" gekennzeichnet sind, müssen Maßnahmen gegen elektrostatische Aufladung getroffen werden. Eine geeignete Maßnahme gegen elektrostatische Aufladung beim Ab- und Umfüllen ist das Erden der Metallgebinde und des Metalltrichters. Gebinde aus nicht leitfähigem Kunststoff dürfen nur bis zu einer Größe von 5 Liter ab- und umgefüllt werden. Hierbei ist ein Trichter zu verwenden (Metalltrichter erden).

Persönliche Schutzausrüstung

Handschutz
Wenn bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen mit Hautkontakt zu rechnen ist, insbesondere bei Verwendung von Reinigungs- und Verdünnungsmitteln, sind geeignete Schutzhandschuhe zu tragen. Für viele der in der Werkstatt verwendeten Gefahrstoffe sind Schutzhandschuhe aus Nitril- oder Butylkautschuk geeignet.

Hautschutz
Die Reinigung der Hände mit Waschbenzin oder Nitroverdünnung ist wegen der damit verbundenen Gesundheitsgefahren zu unterlassen.

Zur Vermeidung von Hauterkrankungen sind geeignete Hautschutz-, Hautreinigungs- und Hautpflegemittel auszuwählen, zur Verfügung zu stellen und anzuwenden.

Atemschutz
Ergibt die Gefährdungsbeurteilung, dass auf Grund der Arbeitsbedingungen trotz Ausschöpfung allertechnischen und organisatorischen Schutzmaßnahmen Arbeitsplatzgrenzwerte überschritten werden, ist Atemschutz zur Verfügung zu stellen und zu tragen. Je nach Stoffart können unterschiedliche Atemschutzfilter erforderlich sein. Für die meisten Anwendungsfälle sind Kombinationsfilter der Filterklasse A2P2 geeignet. Das Tragen von belastenden Atemschutzgeräten darf nach der Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV) nur eine vorübergehende Maßnahme sein.

Zur Vermeidung eines erhöhten Atemwiderstandes können gebläseunterstützte Atemschutzgeräte eingesetzt werden.

Ergibt die Gefährdungsbeurteilung, dass Atemschutz verwendet werden muss, ist zu prüfen, ob arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen nach dem DGUV Grundsatz G 26 "Atemschutzgeräte" angeboten oder verpflichtend durchgeführt werden müssen.

Augenschutz
Beim Verspritzen von Beschichtungsstoffen sind Schutzbrillen zu tragen, ebenso beim Umfüllen und Ansetzen.

Atemschutzhauben oder Vollmasken bieten ebenfalls einen geeigneten Augenschutz.

Gefahrstoffe beim Entfernen alter Anstriche
Im Zuge von Instandhaltungs- und Reparaturmaßnahmen muss häufig der alte Farbanstrich oder die alte Beschichtung abgetragen werden. Grundsätzlich kann zwischen drei verschiedenen Methoden unterschieden werden:

  • Abschleifen,

  • Ablaugen (Abbeizen),

  • Abbrennen.

Beim Abschleifen ist der Schleifvorgang so zu gestalten, dass eine Staubexposition möglichst vermeiden wird. Dies kann durch abgesaugte Schleifgeräte (zum Beispiel Schwingschleifer) erreicht werden. Manuelle Handschleifarbeiten sollten, da der Staub normalerweise nicht erfasst werden kann, vermieden werden. Sollten sie dennoch erforderlich werden, muss Atemschutz, zum Beispiel eine Halbmaske mit Staubfilter mindestens FFP2, getragen werden. Gleiches gilt bei der Verwendung nicht abgesaugter Schleifgeräte.

Spezielle Schleifarbeiten, wie das Entfernen von dünnen Lackschichten, können auch nass erfolgen, was ebenfalls die Staubexposition verringert.

Beim Ablaugen (Abbeizen) von Beschichtungen sind Gefährdungen in erster Linie durch das Abbeizmittel möglich. Hier ist insbesondere auf die Informationen aus dem Sicherheitsdatenblatt zu achten.

Auf den Einsatz dichlormethanhaltiger Abbeizer ist grundsätzlich zu verzichten und auf dichlormethanfreie Abbeizmittel auszuweichen. Dichlormethanhaltige Abbeizmittel dürfen ab dem 01.06.2012 nicht mehr in den Handel gebracht werden. Bereits jetzt sind im Handel Abbeizmittel auf der Basis von Ersatzstoffen erhältlich, bei deren Anwendung keine inhalative Belastung gegeben ist. Allerdings unterscheidet sich die Anwendungsweise. Diese ist den Herstellerangaben entsprechend anzupassen. Unter www.gisbau.de > Service > Gefahrstoff-Broschüren kann eine Liste dichlormethanfreier Abbeizmittel abgerufen werden.

Beim Abbrennen, zum Beispiel mit einem Flüssiggasbrenner, besteht eine Gefährdung durch heiße Oberflächen und durch Pyrolyseprodukte der alten Beschichtung oder des alten Anstrichs. Bei manuellem Einsatz des Brenners sind große Temperaturunterschiede an der Anstrichoberfläche nicht zu vermeiden. Dadurch kann es unter Umständen zu einem Brand der alten Beschichtung bzw. des alten Anstrichs kommen. Solche Tätigkeiten sollten daher möglichst vermieden werden.