DGUV Information 203-034 - Errichten und Betreiben von elektrischen Prüfanlagen ...

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Abschnitt 3.3, Prüfplatz ohne zwangläufigem Berührungsschutz
Abschnitt 3.3
Errichten und Betreiben von elektrischen Prüfanlagen (bisher: BGI 891)
Titel: Errichten und Betreiben von elektrischen Prüfanlagen (bisher: BGI 891)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 203-034
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 3.3 – Prüfplatz ohne zwangläufigem Berührungsschutz

3.3.1
Allgemeine Anforderung

Ein Prüfplatz ohne zwangläufigen Berührungsschutz darf nur dann eingerichtet werden, wenn ein Prüfplatz mit zwangläufigem Berührungsschutz nicht anwendbar ist, z.B.

  • wegen häufig wechselnder Prüfaufgaben,

  • bei unterschiedlichen Prüfobjekten,

  • bei erheblichen Schwierigkeiten im Arbeitsablauf,

  • bei nur gelegentlichen Prüfaufgaben.

Die mögliche Nichtanwendung eines Prüfplatzes mit zwangläufigern Berührungsschutz sollte kritisch geprüft werden. Zum Schutze der prüfenden Person vor Unfallgefahren, aber auch zur haftungsrechtlichen Absicherung des Vorgesetzten empfiehlt es sich, das Abweichen von dem höheren Schutzprinzip sorgfältig abzuwägen und ausreichend zu begründen.

Für ausreichende Bewegungsfreiheit für den Prüfenden ist zu sorgen, z.B. mindestens 1,50 m2 freie Bewegungsfläche und an keiner Stelle weniger als 1,00 m breit.

3.3.2
Abgrenzungen

Prüfplätze ohne zwangläufigen Berührungsschutz müssen zu anderen Arbeitsplätzen und zu Verkehrswegen hin Abgrenzungen erhalten. Die Abgrenzungen sind so auszuführen, dass

  • außer dem Prüfenden keine anderen Personen den Prüfbereich betreten können,

  • außer dem Prüfenden keine anderen Personen die Verbotszone erreichen können

    und

  • Personen, die sich außerhalb der Abgrenzung befinden, die Bedienungselemente der Prüfanlage, nicht erreichen können.

Der Schutz der Bedienungselemente vor unbefugtem Zugriff kann durch einen hohen konstruktiven Aufwand der Abgrenzung erreicht werden. Die nachfolgend als zulässig beschriebenen "Leichtbauweisen" von Abgrenzungen zeigen, dass man auch kostenminimierend handeln darf. Der unbefugte Zugriff muss dann auf andere Weise sichergestellt sein, z.B. durch angemessenen Abstand.

An einem Prüfplatz ohne zwangläufigen Berührungsschutz dürfen die Abgrenzungen aus z.B. Wänden, Gittern, Leisten, Seilen oder Ketten bestehen. Sie müssen so beschaffen sein, dass von außerhalb des Prüfbereiches jederzeit eine Sichtverbindung zu der prüfenden Person besteht.

Der Mindestabstand von Abgrenzungen, die den Prüfbereich und die Grenze der Verbotszone umschließen, richtet sich nach der konstruktiven Ausführung der Abgrenzungen und der Höhe der Prüfspannung, siehe folgende Tabellen A.2 bis A.4.

Verbotszone und Prüfbereich

Tabelle A.2
- Verbotszone (s) in Abhängigkeit von Prüfspannungen gegen Erde (U) (s ist Abstand in Luft von unter Spannung stehenden Teilen)

Prüfwechselspannung
50/60 Hz
(Effektivwert)
Blitzstoßspannung
1,2/50 µs
(Scheitelwert)
Schaltstoßspannung
250/2500 µs
(Scheitelwert)
U
kV
S
mm
U
kV
S
mm
U
kV
S
mm
≤ 1keine Berührung201005002000
320401756002600
530602507003300
635803258004100
10601004009004900
158515055010005800
2011520070011008800
2514025085012007800
30170300100013008900
351953501110140010000
402254001200150011200
452504501300160012500
502805001400  
553056001650  
603357001950  
703908002200  
804509002450  
9051010002700  
10056011002950  
11062012003250  
13074013003500  
15086014003750  
17098015004000  
1901100    
2101240    
2201300    
2601550    
3001850    
3402150    
3802450    
4202750    
4603100    
5003500    
6004500    
7005600    
8006900    
9008300    
10009900    
Zwischenwerte dürfen durch Interpolation gewonnen werden, eine lineare Extrapolation über die größten angegebenen Werte hinaus ist jedoch nicht zulässig.
Für Prüfgleichspannung bis 1000 kV sind die Abstände s wie für Blitzstoßspannungen einzuhalten.
Die Tabelle gilt nicht für hochfrequente oder andere nicht aufgeführte Spannungen.

Tabelle A.3
- Waagerechter Abstand der Abgrenzung von der Verbotszone in Abhängigkeit von der Höhe der Abgrenzung und dem Bodenabstand der Gefahrstelle (Werte entnommen aus EN 294)

Bodenabstand der Gefahrstelle
a
mm
Höhe der Kante der Schutzeinrichtung (Abgrenzung) b
24002200200018001600140012001000
Waagerechter Abstand c der Schutzeinrichtung (Abgrenzung) von der Gefahrstelle
mm
2400100100100100100100100100
2200 250350400500500600600
2000  3505006007009001100
1800   60090090010001100
1600   50090090010001300
1400   10080090010001300
1200    50090010001400
1000    30090010001400
800     6009001300
600      5001200
400      3001200
200      2001100
Werte für die Kante b unter 1000 mm sind nicht aufgeführt, weil die Reichweite nicht mehr größer wird und außerdem die Gefahr des Hineinstürzens in den Prüfbereich besteht.

Bildlegende zu Tabelle A.3

  1. a)

    Abstand der Gefahrstelle vom Boden (Gefahrstelle ist der Punkt an der Grenze der Verbotszone mit dem kürzesten Abstand zur Kante der Schutzeinrichtung)

  2. b)

    Höhe der Kante der Schutzeinrichtung

  3. c)

    Waagerechter Abstand der Kante der Schutzeinrichtung von der Gefahrstelle

Tabelle A.4
- Mindestabstand von Öffnungen der Abgrenzung zur Verbotszone in Abhängigkeit von der Öffnungsweite (Werte entnommen aus EN 294, Tabelle 4)

Öffnungsweite
(Durchmesser bzw. Seitenlänge)
mm
Mindestabstand
zur Verbotszone
mm
SchlitzQuadratKreis
über
4 bis 6
über
6 bis 8
über
8 bis 10
über
10 bis 12
über
12 bis 20
über
20 bis 30
über
30 bis 40
über
40 bis 120
1055
20152
802520
1008080
120120120
850120120
850200120
850850850

Abgrenzungen aus leitfähigen Werkstoffen müssen geerdet oder in andere Maßnahmen zum Schutz im Fehlerfall einbezogen sein.

3.3.3
Schutz gegen direktes Berühren

Im Sinne von 4.1.1.1 ist zum Schutze des Prüfers der Prüfaufbau durch Isolierung aktiver Teile, Abdeckungen, Gehäuse, Hindernisse oder sichere Abstände zu gewährleisten.

Der Schutz kann auch durch Einsatz einer Zweihandschaltung oder Verwendung von zwei Sicherheitsprüfspitzen erfüllt werden.

Zweihandschaltungen müssen DIN EN 574, Anforderungsstufe II oder III b entsprechen. Sind mehrere Personen mit einer Prüfung beschäftigt, muss für jeden Prüfenden eine Zweihandschaltung vorhanden und wirksam sein, bevor die Prüfspannung eingeschaltet wird.

Muss bei Prüfarbeiten unter Verwendung von Sicherheitsprüfspitzen eine zweite Person anwesend sein, um den Spannungsregler des Prüfgerätes zu bedienen, sind für die zweite Person weitere Maßnahmen zum Schutz gegen direktes Berühren erforderlich. Das Hochspannungsprüfgerät ist so anzuordnen, dass die zweite Person während der Bedienung des Spannungsreglers leitfähige Teile des Prüflings (z.B. das Gehäuse) nicht erreichen kann. Bei geringen Abständen sind z.B. isolierende Abdeckungen zu verwenden. Betriebsanweisung und Unterweisung sind entsprechend zu gestalten.

Sicherheitsprüfspitzen sind i.d.R. Bestandteil der Ausrüstung eines durch einen Hersteller bauartgeprüften Hochspannungsprüfgerätes, sie dürfen nur bestimmungsgemäß verwendet werden.

Bei anderen Ausrüstungs-Kombinationen ist gleichwertige Sicherheit gefordert, insbesondere Gleichwertigkeit bei der Adaptierung an die Spannungsquelle und dem Isolationsvermögen. Geben die Betriebsanleitungen der Geräte keine Auskunft über die Zulässigkeit eines Anbauteiles, ist Rückfrage beim Hersteller erforderlich.

3.3.4
Zusatzschutz

Zusatzschutz durch Fehlerstrom-Schutzeinrichtung (RCD) mit IΔN ≤ 30 mA muss vorhanden sein, wenn der Prüfstromkreis galvanisch mit dem speisenden Netz verbunden ist. Kann der Fehlerstrom Gleichstromanteile enthalten, muss eine dafür geeignete Fehlerstrom-Schutzeinrichtung (RCD) verwendet werden.

3.3.5
Schutz im Fehlerfall

Spannungsverschleppungen sind zu vermeiden oder es ist durch geeignete Maßnahmen das Bestehenbleiben von gefährlichen Spannungen zu verhindern.

Elektrische Betriebsmittel (Messeinrichtungen u.a.) sind in eine Schutzmaßnahme zum Schutz im Fehlerfall (Schutz bei indirektem Berühren) einzubeziehen.

Dies gilt auch für die ungeschützten leitfähigen Teile von Prüfobjekten, ausgenommen, wenn diese Teile des Prüfobjektes in die Prüfung mit einbezogen werden. Vorzugsweise sind schutzisolierte oder über Trenntransformatoren angeschlossene elektrische Betriebsmittel einzusetzen.

Ist ein Stromkreis und/oder das Gehäuse eines Mess- oder Hilfsgerätes für Netzanschluss mit aktiven Teilen des Prüfaufbaues verbunden, die Spannung gegen Erde führen können, so muss die innere Isolierung des vorgeschalteten Trenntransformators mindestens für diese Spannung bemessen sein.

3.3.6
Weitere Schutzmaßnahmen und Ausrüstungen

Es sind Maßnahmen

  • zum Schutz gegen unbefugtes und unbeabsichtigtes Einschalten,

  • zum Schutz gegen automatisches Wiedereinschalten (Spannungswiederkehr),

  • zum Schutz gegen Restspannungen

  • und andere Gefährdungen zu treffen.

Prüftischplatten müssen aus nichtleitfähigen Werkstoffen bestehen.

Prüfplätze ohne zwangläufigen Berührungsschutz sind mit NOT-AUS-Einrichtungen geeigneter Anzahl zu versehen, die alle elektrischen Energien, die Gefährdungen hervorrufen können, ausschalten.

Mindestens ein NOT-AUS-Befehlsgerät muss sich außerhalb des Prüfbereiches befinden.

NOT-AUS-Befehlsgeräte und ihre Stellteile müssen so gestaltet und angeordnet sein, dass sie durch die Bedienperson und andere Personen, für die es notwendig sein kann sie zu betätigen, leicht zu erreichen und gefahrlos zu betätigen sind.

Elektrische Anschlussstellen, die nicht in den Betätigungskreis der NOT-AUS-Einrichtung einbezogen sind, müssen besonders gekennzeichnet werden.

Die Prüfplätze müssen mit Warnzeichen W08 nach BGV A8 und bei Prüfspannungen über 1 kV mit dem Zusatzschild "Hochspannung Lebensgefahr" (gem. DIN 4448 Teil 2) gekennzeichnet sein. Die Betriebszustände und Schaltzustände sind dem Informationsbedarf und der betrieblich festzulegenden Verfahrensweise entsprechend anzuzeigen.

Zur Anzeige des Betriebszustandes "Einschaltbereit" und "In Betrieb" müssen mindestens rote Signalleuchten vorhanden sein. Es wird empfohlen, auch grüne Signalleuchten zur Anzeige des Zustandes "Betriebsbereit" sinngemäß zu verwenden.

Bild 6: Hochspannungsprüfgerät Ausstattung mit Sicherheitsprüfspitzen, Signalleuchten sind nicht angeschlossen, weil das Gerät mit Strombegrenzung (3 mA) betrieben wird.

Bei Verwendung von Prüfeinrichtungen mit Sicherheitsprüfspitzen und Prüfspannungen über 1 kV muss die Hochspannungsseite der Prüfeinrichtungen galvanisch vom speisenden Netz getrennt und einschließlich der Prüfspitzen und deren Zuleitungen gegen Erde isoliert sein. Das Prüfobjekt muss gegen Erde isoliert sein, sofern dies durchführbar ist.

3.3.7
Ableitstromprüfung bei Prüfaufbauten mit Prüfspannung > 1 kV

Der Effektivwert des Ableitstromes an der Hochspannungsseite der Prüfeinrichtung darf 3 mA nicht überschreiten. Dies gilt auch, wenn eine hochohmige Verbindung zwischen Hochspannungsseite und Erde hergestellt wird, z.B. zur Fixierung des Potentials eines Messgerätes.

Anmerkung:Mit Ableitstrom ist hier nicht der Ableitstrom gemeint, der üblicherweise bei der Prüfung gemäß einer Gerätenorm, als Geräte-Ableitstrom zu ermitteln ist. Hier soll der Ableitstrom ermittelt werden, der sich zwischen Prüfaufbau und Erdpotential ausbilden kann.

Bild 7: Schaltung zur Ableitstromprüfung

Legende:1Netz
 2Hochspannungsprüfgerät
 3Prüfobjekt (gegen Erde isoliert aufgestellt)
 4Schutzleiter-Anschlussstelle des Prüfobjektes
 5Strommesser mit einem Innenwiderstand von 2000 Ω (Ersatzwiderstand für den Prüfer, einschließlich eines etwa erforderlichen Vorwiderstandes)
    Ausgleichsströme IA, IB, IC im Prüfaufbau

An Prüfobjekten, an denen der Ableitstrom 3 mA überschreitet, dürfen Prüfgeräte mit Sicherheitsprüfspitzen nicht zum Einsatz kommen.

Prüfarbeiten müssen in diesen Fällen mit anderen Mitteln in Prüffeldern (z.B. Festanschlüsse in Verbindung mit Zweihandschaltung und Abstand) oder an einem Prüfplatz mit zwangläufigem Berührungsschutz, z.B. in "betretbarer Ausführung" durchgeführt werden.