DGUV Information 201-027 - Handlungsanleitung zur Gefährdungsbeurteilung und Fes...

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Abschnitt 5.2, Organisatorische Maßnahmen
Abschnitt 5.2
Handlungsanleitung zur Gefährdungsbeurteilung und Festlegung von Schutzmaßnahmen bei der Kampfmittelräumung (bisher: BGI 833)
Titel: Handlungsanleitung zur Gefährdungsbeurteilung und Festlegung von Schutzmaßnahmen bei der Kampfmittelräumung (bisher: BGI 833)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 201-027
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 5.2 – Organisatorische Maßnahmen

5.2.1
Leitung, Aufsicht, Koordination

5.2.1.1
Leitung

Räumarbeiten müssen von einer Verantwortlichen Person nach § 19 Abs. 1 Nr. 3 Sprengstoffgesetz, die auch Inhaber eines gültigen, behördlichen ausgestellten Befähigungsscheines nach § 20 Sprengstoffgesetz sein muss, geleitet werden. Die Verantwortliche Person muss die vorschriftsmäßige Durchführung der Räumarbeiten gewährleisten und während der Räumarbeiten ständig auf der Räumstelle anwesend sein.

Sind mehrere Verantwortliche Personen auf einer Räumstelle gleichzeitig mit der Räumung befasst, ist ein Gesamtverantwortlicher zu bestimmen, z.B. der Räumstellenleiter.

siehe Abschnitt 7.2 der "Explosivstoff-Zerlege- oder Vernichteregeln" [BGR 114]

Ist zu erwarten, dass Räumarbeiten in kontaminierten Bereichen durchzuführen sind, müssen die Arbeiten von einer Person geleitet werden, die die Sachkunde für "Arbeiten in kontaminierten Bereichen" der BG-Regel "Kontaminierte Bereiche" (BGR 128) besitzt. Werden die "kontaminierten Bereiche" durch chemische Kampfstoffe verursacht, müssen die Arbeiten von einer Person geleitet werden, die zusätzlich eine Fachkunde in Bezug auf den Umgang mit chemischen Kampfstoffen besitzt.

5.2.1.2
Aufsicht

Räumarbeiten müssen in jeder Arbeitssituation von fachlich geeigneten Personen beaufsichtigt werden, wobei besondere Situationen, z.B. Arbeiten in kontaminierten Bereichen, Umgang mit chemischen Kampfstoffen, bei der Auswahl der Aufsichtführenden zu berücksichtigen sind.

In der Regel sind die Aufsichtführenden bei Räumarbeiten ebenfalls Verantwortliche Personen nach § 19 Abs. 1 Nr. 3 Sprengstoffgesetz. Die Aufsichtführenden sind durch den Unternehmer zu bestellen.

Die Beaufsichtigung in jeder Arbeitssituation ist z.B. gegeben bei ständigem Sicht- und Rufkontakt unter Berücksichtigung der Geländesituation.

Wieviele Sondiereinheiten von einem Aufsichtführenden überwacht werden können, ist wesentlich abhängig von der Morphologie und dem Bewuchs des Geländes, d.h. von der Möglichkeit, jederzeit und in jeder Arbeitssituation Sicht- und Rufkontakt zu jeder Sondiereinheit zu haben.

Im ebenen, von höherem Bewuchs freien Gelände können mehrere Sondiereinheiten gleichzeitig beaufsichtigt werden; in einem Gelände mit starker Morphologie (übermannshohe Gräben, stark hügelig) oder dichtem Bewuchs, der z.B. aus Gründen des Naturschutzes nicht gerodet werden kann, kann pro verantwortliche Person nur eine einzige Sondiereinheit vorgesehen werden.

Da die örtlichen Gegebenheiten zu den Umständen gehören, auf die der mit den Räumarbeiten beauftragte Unternehmer keinen Einfluss hat (siehe Abschnitt 3.2), sind diese bereits in der Planung und Ausschreibung der Räumarbeiten zu berücksichtigen.

Gleichzeitig beeinflussen örtlichen Gegebenheiten aber auch die Möglichkeit zur regelgerechten Durchführung der Aufsicht, d.h. diese Umstände sind Bestandteil der Gefährdungsbeurteilung!

Unter Berücksichtigung dieser Zusammenhänge wird empfohlen werden, die Maximalzahl der von einer verantwortlichen Person beaufsichtigten Sondiereinheiten bereits in der Planung festzulegen, z.B. mit Hilfe eines Fachplaners.

5.2.1.3
Koordinierung

Entsprechend der verschiedenen Rechtsgrundlagen, in denen sie definiert sind, können sich Koordinierungsverpflichtungen an verschiedenen Adressaten richten:

5.2.2
Räumpersonal

5.2.2.1
Alter, Eignung

Die bei Kampfmittelräumarbeiten eingesetzten Beschäftigten sollen

5.2.2.2
Befähigung

Die im Rahmen von Kampfmittelräumarbeiten eingesetzten Beschäftigten müssen über die für die jeweils übertragene Aufgabe erforderliche Befähigung verfügen. Die erforderliche Befähigung kann unter anderem erreicht werden

  • durch spezielle Lehrgänge,

  • durch das Vorhandensein langjähriger Berufserfahrung (Nachweise der Tätigkeit als Räumarbeiter).

Der Unternehmer hat dafür Sorge zu tragen, dass gültige Befähigungsscheine und notwendige Erlaubnisse vorhanden sind.

5.2.3
Sonstige organisatorische Maßnahmen

5.2.3.1
Verhaltensregeln

Bei besonderen Gefährdungen sind auch besondere Regeln für das Verhalten am Arbeitsplatz festzulegen. Dies sind bei Arbeiten zur Kampfmittelräumung z.B.:

  • Rauchverbot,

  • Ess- und Trinkverbot.

5.2.3.2
Betriebsanweisung

Der Unternehmer oder der Räumstellenleiter hat für alle auf der Räumstelle auszuführenden Tätigkeiten, bei denen eine Gefährdung durch Kampfmittel besteht, Betriebsanweisungen zu erstellen.

Der Tätigkeitsbezug der Betriebsanweisung kann dadurch hergestellt werden, dass entweder innerhalb einer Betriebsanweisung sämtliche auf der Räumstelle auszuführende Tätigkeiten, bei denen eine Gefährdung durch Kampfmittel besteht, erfasst und angesprochen werden, oder für jede einzelne Tätigkeit eine gesonderte Betriebsanweisung erstellt wird.

Die Betriebsanweisungen haben folgende Angaben zu enthalten (nach Abschnitt 4 des Anhangs 5 der "Explosivstoff-Zerlege- oder Vernichteregeln" [BGR 114]):

  • die besonderen Gefahren und das Verhalten bei der jeweiligen Tätigkeit mit dem betreffenden Kampfmittel,

  • die Bestimmungen der Maßnahmen zu Sicherheit- und Gesundheitsschutz,

  • Verhaltensregeln und Maßnahmen bei Unregelmäßigkeiten, Bränden und Explosionen sowie bei Unfällen,

  • die Bedienung von Betriebseinrichtungen,

  • die Erste Hilfe.

Neben der Gefährdung durch Kampfmittel sind in den Betriebsanweisungen aber auch andere Gefährdungen, z.B. Absturzgefahr, Einsturz von Baugruben und durch elektrische Energie zu berücksichtigen.

Die Betriebsanweisungen sind in einer für die Beschäftigten verständlichen Form und Sprache abzufassen, an geeigneter Stelle an der Räumstelle bekannt zu machen und zur Einsichtnahme auszulegen oder auszuhängen.

5.2.3.3
Unterweisung

Der Unternehmer hat die Beschäftigten über die mit ihrer Arbeit verbundenen Gefährdungen auf der Räumstelle sowie die Maßnahmen zu deren Verhütung zu unterweisen.

Siehe § 12 Abs. 1 und 2 Arbeitsschutzgesetz, §§ 4 und 21 der Unfallverhütungsvorschrift "Grundsätze der Prävention" (BGV A1), Anhang 5 der "Explosivstoff-Zerlege- oder Vernichteregeln" (BGR 114).

Die Unterweisung ist räumstellenbezogen vor Beginn der Arbeiten durchzuführen und nach der "Explosivstoff-Zerlege- oder Vernichteregeln" (BGR 114), mindestens vierteljährlich zu wiederholen.

Unterweisungen sind auch durchzuführen bei

  • Neueinstellungen vor der Arbeitsaufnahme,

  • bei wesentlichen Veränderungen der Arbeitsbedingungen, was häufig auch eine Veränderung der Gefährdung bewirkt.

Inhalte und Zeitpunkt der Unterweisung sind zu dokumentieren und von den Unterwiesenen durch Unterschrift zu bestätigen.

5.2.4
Arbeitsplätze

5.2.4.1
Alleinarbeit

Arbeiten bei der Kampfmittelräumung sind grundsätzlich stets von 2 Personen auszuführen (siehe Abschnitt 3.3 des Anhangs 5 der "Explosivstoff-Zerlege- oder Vernichteregeln" [BGR 114]). Abweichend hiervon kann der Unternehmer im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung festlegen, für welche Arbeiten Alleinarbeit zulässig ist. In der Betriebsanweisung ist dann festzulegen, welche zusätzlichen Schutzmaßnahmen in diesen Fällen vorzusehen sind. Insbesondere sind die Überwachung, die Meldesysteme und die Organisation der Ersten Hilfe zu regeln.

Siehe § 21 Abs. 2 der Unfallverhütungsvorschrift "Grundsätze der Prävention (BGV A1).

5.2.4.2
Abstand von Arbeitsplätzen, Schutzwälle

Bei der Kampfmittelräumung müssen Arbeitsplätze soweit von einander getrennt sein, dass keine gegenseitige Gefährdung eintritt. Dies kann erreicht werden durch

  • ausreichenden Abstand zwischen den Arbeitsplätzen,

  • Schutzwälle.

5.2.4.3
Arbeiten in schiffbaren Gewässern

Räumarbeiten in schiffbaren Gewässern dürfen nur in Abstimmung mit den für die Wasserstraßen und die Schifffahrt zuständigen Aufsichtsbehörden durchgeführt werden.

5.2.5
Erste Hilfe

Auf der Grundlage der Unfallverhütungsvorschrift "Grundsätze der Prävention (BGV A1) in Verbindung mit Abschnitt 19 des Anhangs 5 der "Explosivstoff-Zerlege- oder Vernichteregeln" (BGR 114) hat der Unternehmer in Abstimmung mit den örtlich zuständigen Bergungs- und Rettungsstellen dafür zu sorgen, dass

  1. 1.

    die für die Rettung aus Gefahr und die für die Erste Hilfe erforderlichen Personen, Einrichtungen und Hilfsmittel zur Verfügung stehen,

    Abb. 16: Bereitstellung von Erste Hilfe Material im unmittelbaren Arbeitsbereich

  2. 2.

    alle auf der Räumstelle Beschäftigten als Ersthelfer ausgebildet sind, sofern nicht durch andere Maßnahmen eine gleichwertige Erste-Hilfe-Leistung gewährleistet ist,

    Abb. 17: Kennzeichnung Räumstelle Rettungsweg

  3. 3.

    Meldeeinrichtungen vorhanden sind und durch organisatorische Maßnahmen sichergestellt ist, dass unverzügliche Hilfe herbeigerufen und an den Einsatzort geleitet werden kann. Hierzu gehört auch die Bereitstellung, Freihaltung und Kennzeichnung von Rettungswegen und möglichst einem Hubschrauberlandeplatz.

  4. 4.

    beim Umgang mit chemischen Kampfstoffen und/oder Kampfstoffmunition müssen im Einvernehmen mit einem in die Toxikologie der chemischen Kampfmittel eingewiesenen Arzt die Erste-Hilfe-Maßnahmen festgelegt werden.

    Hierzu gehört z.B. die Festlegung,

    • welches Rettungspersonal (Arzt, Sanitäter, Ersthelfer) vor Ort oder in Rufbereitschaft sein muss,

    • welches spezielle Erste-Hilfe-Material an der Arbeitsstelle vorgehalten werden muss,

    • welche speziellen Erste-Hilfe-Maßnahmen bei einem Unfall getroffen werden müssen.

    Entsprechend der zu erwartenden Kampfstoffe ist für die Ersthelfer bzw. Betriebssanitäter eine spezielle Ausbildung erforderlich.

    Siehe auch die stoffspezifischen Merkblätter der Berufsgenossenschaft der chemischen Industrie.

  5. 5.

    Rettungs- und begleitende Maßnahmen mit der örtlichen Rettungsleitstelle und den betreffenden Krankenhäusern abgestimmt sind.

5.2.6
Besondere organisatorische Maßnahmen beim Antreffen anderer als der vermuteten Kampfmittel

Werden andere als die gemäß den Angaben des Auftraggebers im Arbeits- und Sicherheitsplan zu erwartenden Kampfmittel angetroffen, sind geeignete Sofortmaßnahmen zu treffen.

Geeignete Sofortmaßnahmen sind z.B.

  • Unterbrechung der Arbeiten an dieser Stelle,

  • Absperren der Arbeitsstelle,

  • sofortige Benachrichtigung der verantwortlichen Person und des Auftraggebers,

  • Ergänzung des Arbeits- und Sicherheitsplans,

  • Ergänzung der Gefährdungsbeurteilung.