DGUV Information 201-027 - Handlungsanleitung zur Gefährdungsbeurteilung und Fes...

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Abschnitt 5.1, Technische Schutzmaßnahmen
Abschnitt 5.1
Handlungsanleitung zur Gefährdungsbeurteilung und Festlegung von Schutzmaßnahmen bei der Kampfmittelräumung (bisher: BGI 833)
Titel: Handlungsanleitung zur Gefährdungsbeurteilung und Festlegung von Schutzmaßnahmen bei der Kampfmittelräumung (bisher: BGI 833)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 201-027
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 5.1 – Technische Schutzmaßnahmen

5.1.1
Arbeitsverfahren und Arbeitsmittel

In der Rangfolge der Schutzmaßnahmen steht an erster Stelle das vorgesehene Arbeitsverfahren. Aus dem Arbeitsverfahren ergeben sich die einzusetzenden Arbeitsmittel und Vorgehensweisen.

Geeignete Arbeitsverfahren sind nach § 4 Arbeitsschutzgesetz solche Verfahren, bei denen eine Gefährdung möglichst vermieden, zumindest aber weitestgehend minimiert wird; z.B. maschinelle Verfahren, dort wo ihr Einsatz möglich ist. Diese Prüfung, ob maschinelle Arbeitsverfahren eingesetzt werden können, ist allen übrigen Überlegungen hinsichtlich der anzuwendenden Arbeitsverfahren voranzustellen.

Nach § 4 Nr. 3 Arbeitsschutzgesetz ist bei der Auswahl der Schutzmaßnahmen der Stand der Technik zu berücksichtigen. Für Tätigkeiten mit besonders hohen Gefährdungen ist zu prüfen, ob z.B. ferngesteuerte Erdbaumaschinen oder Spezialmaschinen zur Verfügung stehen und entsprechend den örtlichen Gegebenheiten eingesetzt werden können.

In engem Zusammenhang mit der Auswahl des Arbeitsverfahrens stehen Auswahl und Ausrüstung der eingesetzten Arbeitsmittel:

  • Sondiertechnik und -geräte,

  • Arbeitsmittel zur Freilegung, Bergung und Transport der Kampfmittel (Erdbaumaschinen, Spaten und andere Werkzeuge, Separieranlagen, Fahrzeuge),

  • Geräte zur Identifizierung der Kampfmittel, insbesondere solche, die chemische Kampfstoffe enthalten,

  • Fahrzeuge und Behälter zum Transport von Kampfmitteln innerhalb der Räumstelle,

  • Aufbewahrungs- und Bereitstellungsbehälter.

5.1.2
Ausrüstungen von Baumaschinen

Abb. 12: Bagger mit Sicherheitsverglasung

In Abhängigkeit von den zu erwartenden Gefährdungen müssen Baumaschinen, die bei der Kampfmittelräumung eingesetzt werden, mit zusätzlichen geeigneten Schutzeinrichtungen ausgerüstet sein, z.B.

  • kommt die Gefahr durch Druckwelle, Splitterflug, Projektile ausschließlich von vorn:

    • Sicherheitsverglasung der bzw. vor der Frontscheibe,

    • verstärkte Stahlplatten im Fußbereich,

  • kommt die Gefahr durch Druckwelle, Splitterflug, Projektile von allen Seiten:

    • Sicherheitsverglasung aller bzw. vor allen Glasscheiben,

    • geeignete Verstärkung aller Metallwände.

Bei der Ausrüstung von kleineren Baumaschinen, z.B. Minibaggern mit zusätzlichen Schutzeinrichtungen, ist deren Einwirkung auf die Betriebssicherheit der Maschine (z.B. Standsicherheit) zu beachten.

Abb. 13: Bodenaushub zur Kampfmittelräumung in kontaminierten Bereichen nach BGR 128 unter Verwendung persönlicher Schutzausrüstung

Bei Arbeiten in kontaminierten Bereichen sind die eingesetzten Baumaschinen in Abhängigkeit von der Gefährdungsbeurteilung mit Anlagen zur Atemluftversorgung gemäß der BG-lnformation "Fahrerkabinen mit Anlagen zur Atemluftversorgung auf Erdbaumaschinen und Spezialmaschinen des Tiefbaues" (BGI 581) auszustatten (siehe auch Abschnitt 11.4 der BG-Regel "Kontaminierte Bereiche" (BGR 128)). Besteht die Möglichkeit, dass chemische Kampfstoffe frei im Boden vorliegen oder bei den Tätigkeiten freigesetzt werden können, sind die eingesetzten Erdbaumaschinen stets mit Anlagen zur Atemluftversorgung auszurüsten.

5.1.3
Separieranlagen

5.1.3.1
Einsatzbeschränkungen von Separieranlagen

Separieranlagen dürfen nur eingesetzt werden, wenn die Explosivstoffmenge pro Munitionsstück 100 g nicht übersteigt.

Munitionsteile mit weniger als 100 g Explosivstoffmenge haben in der Regel einen Kaliberdurchmesser unter 50 mm.

Munitionsstücke, die eine größere Explosivstoffmenge enthalten, dürfen nicht in die Anlage gelangen.

Dies wird z.B. durch eine vorangehende Sondierung des zu separierenden Bodens und Bergung der großkalibrigen Kampfmittel (mehr als 100 g Explosivstoffmenge, z.B. Bomben, Granaten, Minen) durch Größenbegrenzung im Aufgabebereich oder andere Maßnahmen erreicht.

Es dürfen nur Separieranlagen eingesetzt werden, bei denen die Kampfmittel nicht aus großen Höhen fallen können.

Dies kann z.B. erreicht werden durch

  • Begrenzung der Fallhöhe auf höchstens 50 cm,

  • Auslaufrutschen mit Holzsteg, Wasserbecken oder Plastikbahnen.

5.1.3.2
Schutzeinrichtungen und besondere Maßnahmen

Versicherte, die an oder in der Nähe der Separieranlage arbeiten, müssen durch geeignete Einrichtungen hinreichend vor Gefährdungen durch Detonation von Kampfmitteln geschützt werden. Vom Unternehmer ist die Wirksamkeit der Schutzeinrichtung nachzuweisen.

Abb. 14: Schutzeinrichtung Wand aus Sicherheitsglas

Geeignete Schutzeinrichtungen sind z.B.

  • Wände aus Sicherheitsglas (Panzerglas, laminiertes Polycarbonat),

  • Splitterschutzwände aus Holz oder dergleichen,

  • Splitterschutzwände aus Metall,

  • Schutzwälle,

  • Abschaltanlagen,

  • Fallhöhenbegrenzungen.

Von einem ausreichenden Schutz und damit der Wirksamkeit der Maßnahme ist auszugehen, wenn

  • die Wände aus Glas der Widerstandsklasse BR 6 der DIN EN 1063 "Glas im Bauwesen, Sicherheitssonderverglasungen; Prüfverfahren und Klasseneinteilung für den Widerstand gegen Beschluss" entsprechen (Splittermasse und Auftreffgeschwindigkeit siehe Tabelle 1 der DIN EN 1063),

  • Sicherheitsglas der DIN EN 13541 "Glas im Bauwesen; Sicherheitssonderverglasungen; Prüfverfahren und Klasseneinteilung des Widerstandes gegen Sprengwirkung" (Widerstandsklasse ER 4) entspricht,

  • Splitterschutzwände aus Stahl (St 37) mindestens 12 mm dick sind,

  • die Separieranlage durch eine entsprechende Schaltung stillgesetzt wird, wenn der Anlagenführer den gesicherten Arbeitsplatz verlässt,

  • die Fallhöhe der Kampfmittel durch Rutschen, Bahnen oder dergleichen auf 50 cm begrenzt wird.

Die Separieranlage ist durch eine entsprechende Schaltung stillzusetzen, wenn der Anlagenführer den gesicherten Arbeitsplatz verlässt.

Erdbaumaschinen, die für die Beschickung einer Separieranlage mit dem Separiergut eingesetzt werden, müssen mit geeigneten Schutzeinrichtungen ausgerüstet sein.

Abb. 15: Einsatz von Separieranlagen

Geeignete Schutzeinrichtungen sind z.B.

  • Sicherheitsverglasung der bzw. vor der Frontscheibe und verstärkte Stahlplatten im Fußbereich (bei Explosionsgefahr ausschließlich von vorn).

  • Sicherheitsverglasung aller bzw. vor allen Glasscheiben und entsprechende Verstärkung aller Metallwände (bei Explosionsgefahr von allen Seiten).

Zum Schutz von weiteren Versicherten sind um die Separieranlage Schutzwälle aus Erdreich oder dergleichen anzulegen. Sie gewährleisten auch Schutz für Dritte und Gegenstände innerhalb und außerhalb der Räumstelle. Bei Separieranlagen, die so ausgerüstet sind, dass bei Detonation von Kampfmittel in der Anlage keine Wirkung nach außen entstehen kann, können solche Schutzwälle entfallen.

Zum Schutz der Versicherten vor Ort ist die Stelle, an der die Kampfmittel aufbewahrt werden (Tagesbereitstellungslager), mit ausreichendem Abstand zur Separieranlage anzulegen.

5.1.4
Ferngesteuerte Arbeitsmaschinen

Ergeben die Gefährdungsbeurteilung eine besonders hohe Gefahr, sollten ferngesteuerte Arbeitsmaschinen zum Einsatz kommen, z.B. funkgesteuerte Roboter.