DGUV Information 209-056 - Gefährdungen in der Kraftfahrzeug-Instandhaltung (bis...

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Abschnitt 5.3, Reifenmontage
Abschnitt 5.3
Gefährdungen in der Kraftfahrzeug-Instandhaltung (bisher: BGI 808)
Titel: Gefährdungen in der Kraftfahrzeug-Instandhaltung (bisher: BGI 808)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 209-056
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 5.3 – Reifenmontage1

Der regelmäßige Umgang mit Reifen führt häufig zu einer Unterschätzung des mit der Montage verbundenen Risikos. Druckluftgefüllte Reifen sind Druckbehälter, die im Gegensatz zu fast allen anderen Druckluft enthaltenen Behältnissen - bis auf einen kleinen Abschnitt in der BG-Regel "Fahrzeug-Instandhaltung" (BGR 157) - keiner Regelung unterliegen.

Durch unsachgemäßen Umgang besteht beim Platzen eines Reifens eine Verletzungsgefahr durch fortschleudernde Teile und die Möglichkeit einer Gehörschädigung (Knalltrauma).

Das Bild 5-13 stellt die Entwicklung der erfassten Unfallzahlen mit bleibenden Körperschäden oder tödlichen Folgen in Abhängigkeit von der Tätigkeit der Beschäftigten dar.

Die Unfälle ereigneten sich bei der Montage von

  • 17 Pkw- und Leicht-Lkw-Rädern (bis 16 Zoll gelten auch Lkw-Räder als Leicht-Lkw-Räder),

  • 22 Lkw-Rädern,

  • 34 Landmaschinen-Rädern

    und

  • 17 sonstigen Rädern (Schubkarre, Motorrad, Bus usw.)

Bild 5-13:
Entwicklung der erfassten Unfallzahlen (schwere Unfälle) in Abhängigkeit von der Tätigkeit der Beschäftigten

Schwere Unfälle im UnfalljahrAnzahlTätigkeit des VerletztenRadTödliche Verletzungen
ReifenbefüllungReifen-/ Radmontage/ -demontagebefestigtnicht befestigt
19891091553
199033-21-
199113121851
199244-31-
199377 431
199443113-
199516151782
1996871171
1997971171
199855-32-
19991010-91-

5.3.1
Mechanische Gefährdungen

Das größte Unfallrisiko besteht beim erstmaligen Befüllen des Reifens während der Montage. Gründe dafür sind z.B.

  • die Montage vorgeschädigter Reifen,

  • eine Beschädigung des Reifens (Wulst) während der Montage durch fehlerhafte Montage,

  • eine ungenügende Kontrolle des Sitzes von Verschluss- und Seitenringen bei mehrteiligen Felgen,

  • beschädigte Felgen (z.B. Rost, Verschleiß, Anrisse, Verformungen usw.)

    und

  • ein Überschreiten des Befülldruckes.

Maßnahmen:

Vor der Montage sind Reifen und Felgen grundsätzlich einer Sichtprüfung zu unterziehen, um sicherzustellen, dass nur Reifen und Felgen verwendet werden, die

  • weder beschädigt noch verschlissen,

  • sauber und rostfrei,

  • maßlich einwandfrei

    und

  • vom Durchmesser aufeinander abgestimmt sind.

Gefährdungen durch das fortfliegende Rad oder Teile davon sind nicht anzunehmen, wenn

  • der Reifen nicht über den Montageluftdruck befüllt wird,

  • das Rad sicher befestigt

    und

  • der Reifen an ungeteilten Felgen montiert ist.

Reifenfülldrücke

Den höchsten Luftdruckbelastungen werden Reifen und Felgen bei der Montage ausgesetzt. Zur Erzielung eines korrekten Sitzes des Reifens auf der Felge und der damit verbundenen Dichtheitsgewährleistung sind Drücke erforderlich, die über den vom Fahrzeughersteller in den Fahrzeugbegleitpapieren genannten Tabellenluftdrücken liegen.

Zur Information:

  • Montageluftdruck oder Sicherheits-Höchstluftdruck ist der Luftdruck, der bei der Montage von Reifen notwendig ist, um dem Reifenwulst einen korrekten Sitz auf der Felgenschulter und am Felgenhorn zu verschaffen. Er ist in der Regel höher als der Luftdruck, der im späteren Betrieb der Reifen notwendig ist. Er darf den Basisluftdruck um bis zu 50 % überschreiten, keinesfalls aber bei Pkw-Reifen auf Tiefbettfelgen über 4,0 bar und bei Landwirtschaftsreifen über 4,5 bar hinausgehen.

  • Springdruck ist der Luftdruck bei Humpfelgen (Pkw und Leicht-Lkw), der zur Vermeidung von Brüchen des Wulstkerns nicht überschritten werden darf. Er beträgt max. 3,3 bar.

  • Setzdruck ist der Luftdruck (Pkw und Leicht-Lkw), der zur Erzielung des notwendigen Presssitzes und einer festen Anlage an die Felgenhörner aufgebracht wird. Er darf max. 4,0 bar betragen.

  • Wulstsitzdruck (bei Landwirtschaftsreifen) ist der Luftdruck, der zum Erreichen des korrekten Sitzes der Reifenwulste auf den Schrägschultern nicht überschritten werden darf (max. 150 % des Tabellenluftdrucks, max. aber 2,5 bar).

  • Basisluftdruck ist der höchste Tabellenluftdruck der Tragfähigkeitstabelle, der von den Fahrzeug- bzw. Reifenherstellern für die unterschiedlichen Einsatzbedingungen angegeben wird. Er ist den Begleitpapieren zu entnehmen.

Räder auf einteiligen Felgen, Springdruck bis 3,3 bar

Bei Rädern auf einteiligen Felgen ist von einer Gefährdung durch das fortfliegende Rad oder Teilen beim Füllen von Motorrad-, Pkw- und Leicht-Lkw-Reifen auf einteiligen Humpfelgen nicht auszugehen.

Bei Humpfelgen ist der Springdruck herstellerseitig auf 3,3 bar begrenzt. Sofern der Reifen bei diesem Druck noch nicht über das Felgenhorn "gesprungen" ist, muss der Befüllvorgang abgebrochen und von neuem begonnen bzw. der Reifen ausgesondert werden.

Räder auf einteiligen Felgen, Setzdruck über 4,0 bar

Liegt der Setzdruck über 4,0 bar, sind zusätzliche Schutzmaßnahmen erforderlich, wie das formschlüssige Befestigen des Rades bei gleichzeitiger Einhaltung eines Sicherheitsabstandes von mindestens 2 m während des Befüllvorganges.

Für das formschlüssige Befestigen werden folgende Einrichtungen als geeignet angesehen:

  • Schutzgestell (z.B. Pumpkäfig) zum Hineinstellen des Rades,

  • formschlüssiges Befestigen auf der Montagemaschine (z.B. durch die Klauen bei der 4-Klauen-Presse)

    und

  • formschlüssiges Befestigen durch Verwendung eines so genannten Felgenwächters, der fest verankert sein muss.

Radbefestigung

Die Spanneinrichtungen an Reifenmontiermaschinen sind in der Regel so gestaltet, dass die Felge sowohl kraftschlüssig wie auch formschlüssig gespannt werden kann. Eine kraftschlüssige Einspannung kann bei einem Platzen des Reifens an der Unterseite ein gefährliches Fortschleudern des Rades durch den plötzlichen Druckaufbau zwischen Rad und Aufspannplatte nicht verhindern.

Zu empfehlen ist die Verwendung gesonderter Befülleinrichtungen (Bild 5-14), die ggf. auch in das Montagesystem integriert sein können (Bild 5-15).

Die beim Platzen eines Reifens wirkenden Kräfte (Deformationskräfte auf einen Reifenbefüllkäfig) verdeutlicht das Bild 5-16.

Bild 5-14: Reifenbefüllkäfig

Bild 5-15: Montagestraße mit integrierter automatischer Befülleinrichtung

Bild 5-16: Deformation eines Lkw-Befüllkäfigs nach dem Platzen eines Reifens

Die Beachtung der o.g. Maßnahmen bietet einen weitgehenden Schutz gegen das wegfliegende Rad oder Teilen davon, nicht jedoch gegen die Druckwelle. Häufig beträgt der Abstand von Ventil und Befülleinrichtung weniger als 0,5 m, sodass der Monteur sich während der Befüllung zwangsläufig in dem gefährdeten Bereich befindet.

Der Berufsgenossenschaftliche Arbeitskreis "Reifenmontage" empfiehlt, grundsätzlich einen Sicherheitsabstand von 2 m einzuhalten, d.h., der Abstand zwischen Ventil und Manometer sollte mind. 2,5 m betragen, damit der Monteur die Möglichkeit hat, beim Befüllen den am stärksten gefährdeten Bereich zu verlassen.

5.3.2
Gesundheitsgefährdungen beim Heben und Tragen von Pkw- und Leicht-Lkw-Reifen

Ursachen für Muskel- und Skeletterkrankungen (insbesondere Schädigungen der Lendenwirbelsäule) sind die häufigen Hebe- und Haltevorgänge. Betrachtet man neben den Massen (Bild 5-17) noch die Tragedauer, sollten bereits ab einer Reifenmontage an ca. 5 Fahrzeugen pro Schicht technische und/oder organisatorische Maßnahmen zum Schutz der Lendenwirbelsäule vorgesehen werden.

Bild 5-17:
Vergleich der Massen (Reifen und Felgen) bei Pkw und Leicht-Lkw

 PkwLeicht-Lkw (bis 16 Zoll)
Reifengewichtkg7,612,5
Felgengewichtkg8,014,0
Gesamtgewichtkg15,626,5

Für einen Reifenwechsel sind pro Fahrzeug durchschnittlich 24 (28) Hebevorgänge erforderlich (Bild 5-18).

Bild 5-18:
Zuordnung der Anzahl der Hebevorgänge zum Arbeitsvorgang

ArbeitsvorgangAnzahl der Hebevorgänge
Demontage der Räder vom Fahrzeug4
Heben der Räder auf die Reifenmontiermaschine4
Herunterheben der Räder von der Reifenmontiermaschine4
Hochheben der Räder auf die Auswuchtmaschine4
Herunterheben der Räder von der Auswuchtmaschine4
Montage der Räder am Fahrzeug4
(Gegebenenfalls Entnahme der Räder aus dem Lager)(4)

5.3.3
Besonderheiten bei der Großreifenmontage
(Lkw-, Erdbaumaschinen-, Landwirtschaftsreifen, Busse usw.)

Eigenschaften dieser Räder sind

  • hohe Montagedrücke,

  • große Abmessungen,

  • hohe Eigengewichte

    und

  • große Luftvolumen.

Auf Grund dieser Eigenschaften werden in der BG-Regel "Fahrzeug-Instandhaltung" (BGR 157) folgende Maßnahmen gefordert:

  • Für Reifen und Räder, deren Gewicht 200 kg oder deren Durchmesser 1,5 m übersteigt, müssen für den Transport Einrichtungen vorhanden sein, die sicherstellen, dass der Reifen bzw. das Rad nicht umfallen kann (Bild 5-19).

  • Die Montage, Demontage sowie der Transport muss von mind. 2 Personen durchgeführt werden.

  • Beim Füllen müssen Schutzeinrichtungen verwendet werden, wenn eine Gefahr durch das fortfliegende Rad oder Teilen davon besteht.

Bild 5-19: Einsatz eines Radwechselwagens

Auf besondere Schutzeinrichtungen darf nur verzichtet werden, wenn das Rad während der Befüllung sicher befestigt und der Reifen auf ungeteilten Felgen montiert ist, soweit nicht über den Montagefülldruck befüllt wird.

Als Schutzeinrichtungen sind gebräuchlich:

  • bodenverankerte Sicherungsbügel (so genannte Felgenwächter),

  • Schutzgestelle (Befüllkäfige)

    und

  • Eigenkonstruktionen, die den gleichen Zweck erfüllen.

Wenn die Montage derartiger Reifen in einem Unternehmen durchgeführt werden soll, müssen entsprechende Einrichtungen ständig vorhanden sein.

1

siehe auch BG-Information "Sichere Reifenmontage" (BGI 884)