DGUV Information 209-056 - Gefährdungen in der Kraftfahrzeug-Instandhaltung (bis...

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Abschnitt 5.1, Arbeiten am Kraftstoffsystem von Ottomotoren
Abschnitt 5.1
Gefährdungen in der Kraftfahrzeug-Instandhaltung (bisher: BGI 808)
Titel: Gefährdungen in der Kraftfahrzeug-Instandhaltung (bisher: BGI 808)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 209-056
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 5.1 – Arbeiten am Kraftstoffsystem von Ottomotoren

Im Gegensatz zu Arbeitsstoffen, bei denen häufig die Möglichkeit gegeben ist, auf Stoffe mit niedrigen Gefährdungsmerkmalen auszuweichen, lassen sich die Gefährdungen beim Umgang mit Ottokraftstoff im Wesentlichen nur durch organisatorische Maßnahmen reduzieren. Arbeiten am Kraftstoff führenden System gehören zum regelmäßigen Arbeitsumfang eines Kfz-Service-Mechanikers und letztendlich hängt es von seiner Sorgfalt ab, ob der Umgang damit zu Gesundheitsgefährdungen bzw. zu Bränden oder Explosionen führt.

5.1.1
Brand- und Explosionsgefährdungen

Zur Vermeidung einer Brand- und Explosionsgefährdung ist es wesentlich, dass sich an keiner Stelle eine zündfähige Atmosphäre bilden kann. Während Brände und Explosionen bei Arbeiten am Kraftstoff führenden System über Erdgleiche eher zu den Ausnahmen zählen und überwiegend zu Sachschäden führen, ist das bei Arbeitsgruben und Unterfluranlagen ganz anders. Ottokraftstoff-Dampf-Luftgemische sind über die im Bild 5-1 genannten Eigenschaften hinaus schwerer als Luft.

Bereits geringe Mengen verdampfenden Ottokraftstoffs (ca. 40 cm3) können eine ca. 5 m lange Arbeitsgrube mit einem explosionsfähigen Gemisch füllen. Unter ungünstigen Bedingungen kann diese Atmosphäre sehr lange Zeit bei abgedeckter Grube in diesem Raum verbleiben. Obwohl es Regelungen über Lüftungen von Arbeitsgruben und Unterfluranlagen gibt und diese auch zum Teil realisiert wurden, verhindern sie nicht das Entstehen einer explosionsfähigen Atmosphäre; ggf. verringern sie lediglich den Zeitraum des Vorhandenseins.

Bild 5-1:
Wesentliche Eigenschaften von Ottokraftstoff-Dampf-Luftgemischen

Flammpunkt CuntereobereEinteilungmax.Explosionsdruckkp/cm2
Explosionsgrenze
Vol.-%Vol.-%
<- 20ca. 0,6ca. 0,8hoch entzündlich8,0
Zusatzstoffe: Menthol, Benzol, Toluol, Bleitetraethyl, Bleitetramethyl, 1,1-Dichlormethan, 1,2-Dibromethan

Auf Grund der vorgenannten Zusammenhänge wurde mit Wirkung April 1999 das Arbeiten am Kraftstoffsystem über Arbeitsgruben und Unterfluranlagen untersagt (Abschnitt 5.25 der BG-Regel "Fahrzeug-Instandhaltung" [BGR 157]).

Ein großes Risiko, dass Kraftstoff in größeren Mengen austritt, entsteht beim Benzinfilterwechsel. Auch bei ordentlichem Abklemmen der Leitungen unmittelbar vor dem Filter fließt beim Lösen der Verschraubungen Kraftstoff aus und benetzt die Hände, Arme und Kleidung.

Zur Vermeidung dieser Gefährdungen wurden Werkzeuge entwickelt, die einen weitgehend trockenen Filterausbau bei allen gut zugänglichen Filtern gewährleisten (Bild 5-2 und Bild 5-3).

Bild 5-2: Werkzeug zum Wechseln des Kraftstofffilters

Bild 5-3: Praktischer Einsatz des Werkzeuges

Nach Abschnitt 5.25 der BGR 157 in Verbindung mit der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) sind derartige Werkzeuge zwingend zu verwenden.

Arbeiten mit Zündgefahren sind nur dann erlaubt, wenn sichergestellt ist, dass sich die im Kraftstoffsystem befindlichen oder aus diesem austretenden Kraftstoffdämpfe nicht entzünden können.

Zu treffende Maßnahmen können - nach erfolgter Gefährdungsbeurteilung - sein:

  • Abdeckung des Kraftstoffbehälters bzw. der Kraftstoffleitungen gegen Funkenflug und Strahlungswärme,

  • Entleeren des Systems und Füllung mit inerten Gasen

    und

  • Ausbau des Kraftstoffbehälters und Abdichtung der Kraftstoffleitung.

Das Bild 5-4 zeigt den Einsatz einer Absauganlage zum Entleeren des Systems.

Bild 5-4: Entleerung des Systems mit der Anlage Mobilus 100

Wichtig und auch vorgeschrieben ist, dass bei jeglichen Arbeiten in unmittelbarer Nähe zum Kraftstoff führenden System für das Löschen in Brand geratener Kleidung geeignete Löscheinrichtungen, z.B. Löschdecken, bereitzustellen sind (siehe Abschnitt 5.25 BGR 157).

Wenn eine Tankentleerung nötig wird, muss sie durch Auspumpen erfolgen. Tanks sind häufig derart in Fahrzeugkonstruktionen integriert, dass ein vollständiges Entleeren mittels Umfülleinrichtungen nicht gelingt. Durch Lösen der Kraftstoffleitungen können Restkraftstoffe abgelassen werden, wobei der freie Flüssigkeitsstrahl grundsätzlich zu vermeiden ist. Kraftstoff besitzt eine geringe elektrische Leitfähigkeit und kann sich beim Fließen elektrostatisch aufladen. Zur Vermeidung einer gefährlichen Aufladung muss die gesamte zum Umfüllen benutzte Einrichtung geerdet sein.

Hinweis zum Umgang mit Dieselkraftstoff

Der Dieselkraftstoff ist eine brennbare Flüssigkeit mit einem Flammpunkt > 55 C.

Dieselkraftstoff gibt unter normalen Temperaturen keine Dämpfe über dem Flüssigkeitsspiegel ab, die in der Mischung mit Luft entzündbar sind.

Achtung!

Ein verändertes Brandverhalten des Dieselkraftstoffes entsteht z.B. beim Versprühen in der Luft bzw. beim Benetzen von Kleidungsstücken.

Durch die Vergrößerung der Oberfläche kann Dieselkraftstoff gezündet werden.

Zu beachten sind auch die Gefahren durch Benzinbeimischungen im Dieselkraftstoff.

Bereits geringe Mengen Ottokraftstoff im Dieselkraftstoff reduzieren den Flammpunkt erheblich.

Untersuchungsergebnisse zeigen, dass bei 1 % Benzin im Dieselkraftstoff sich ein Flammpunkt unter 21 C einstellt.

In diesen Fällen sind die gleichen Sicherheitshinweise wie beim Umgang mit Ottokraftstoffen zu beachten.

5.1.2
Gesundheitsgefährdungen beim Umgang mit Kraftstoff

Der aus den Gefährlichkeitsmerkmalen beachtenswerteste Ottokraftstoff-Inhalt ist Benzol, für das u.a. folgende gefährliche Eigenschaften in der Gefahrstoffverordnung sowie den Technischen Regeln für Gefahrstoffe beschrieben sind:

  • krebserzeugend,

  • erbgutverändernd und

  • hautresorptiv.

Im Sinne der GefStoffV sind Ottokraftstoffe als krebserzeugend anzusehen, sofern der Massegehalt an Benzol 3 0,1 % beträgt.

Ein Muster für eine Betriebsanweisung für den Umgang mit Ottokraftstoff gemäß GefStoffV zeigt Bild 5-5.

Bild 5-5: Muster-Betriebsanweisung für das Arbeiten an Motoren, Tanks und Leitungssystemen für Ottokraftstoff

Für Benzol besteht wegen des krebserzeugenden Potenzials ein Herstellungs- und Verwendungsverbot (Massegehalt 3 0,1 %). Ausgenommen davon ist u.a. die Beimengung in "Treibstoffe, die zum Betrieb von Verbrennungsmotoren mit Fremdzündung" bestimmt sind, sodass Kfz-Service-Mechaniker einer der wenigen Berufe in Deutschland ist, bei dem die Beschäftigten regelmäßig einen direkten Kontakt zu einem krebserzeugenden Stoff haben.

In der Anforderungsnorm DIN EN 228 für unverbleite Kraftstoffe war der Benzolgehalt bis Ende 1999 auf max. 5 Vol.-% festgelegt. Dieser Wert wurde aber bereits seit langem nicht ausgenutzt; der durchschnittliche Benzolgehalt betrug 2 bis 3 % je nach Benzinsorte. Ab dem 1. Januar 2000 sind gemäß vorgenannter Norm die maximalen Benzolgehalte in den Kraftstoffen auf Grund einer EU-Kraftstoffdirektive 98/70/EG auf 1 Vol.-% abgesenkt.

Für den Umgang mit Ottokraftstoff ist nach der GefStoffV eine Gefährdungsbeurteilung vorzunehmen, wonach die erforderlichen Schutzmaßnahmen zu treffen sind. Zudem sind Messungen am Arbeitsplatz zur Ermittlung der Exposition durchzuführen. Die Gefahrenbereiche sind durch Warn- und Sicherheitszeichen abzugrenzen. Bei Arbeiten unter beengten Verhältnissen, z.B. das Arbeiten am offenen Tank vom Kofferraum aus (Tankgeberjustieren, Benzinpumpe aus- und einbauen) muss für eine geeignete Absaugung, z.B. mit ortsveränderlichen Absaugeinrichtungen, gesorgt werden.

Jegliche Hautkontakte sind zu vermeiden, z.B. durch

  • Benutzen eines speziellen Werkzeugs (in Bild 5-3 beispielhaft gezeigt),

  • Entleerung des Tanks so weit, dass nicht in den Kraftstoff gegriffen werden muss und

  • Benutzen geeigneter Schutzhandschuhe.

Das Bild 5-6 zeigt die Anwendung von Schutzhandschuhen beim Ausbau eines Tankgebers.

Bild 5-6: Ausbau eines Tankgebers

Geeignet sind Schutzhandschuhe bei Arbeiten am Kraftstoff führenden System, wenn sie

  • gegen die Durchdringung von Kraftstoffen geprüft sind,

  • ausreichend schnittfest sind und

  • ihre Trageeigenschaften von den Beschäftigten als akzeptabel empfunden werden.

Folgende Hersteller bieten Handschuhe an, die diese Ansprüche weitgehend erfüllen:

  • Ansell Edmont Industrial,

  • Kächele Cama Latex GmbH und

  • MAPA Professional Spontex Deutschland GmbH.

Weitere Hersteller, deren Produkte geeignet sein könnten, sind der BG-Information "Hautschutz in Metallbetrieben" (BGI 658) zu entnehmen oder beim Bundesverband für Hautschutz e.V., 41236 Mönchengladbach, Brucknerallee 172, zu erfahren.

Die überwiegende Anzahl von verschmutzenden Stoffen im Kfz-Gewerbe sind nicht wassermischbare Arbeitsstoffe (Mineralöle, Fette, Kaltreiniger usw.).

Neben der Benutzung von Schutzhandschuhen kann ein eingeschränkter Schutz der Haut durch Hautschutzmittel erreicht werden.

Eine Auswahl für die Erstellung eines individuellen Hautschutzplanes bietet das Bild 5-7. Bei der Verwendung stark haftender Stoffe (z.B. Lacke, Grafit, Altöl) und beim Umgang mit wassermischbaren Stoffen (z.B. Brems- und Kühlflüssigkeiten) existieren spezielle Hautmittel. Befragen Sie dazu Ihren Betriebsarzt.

Bild 5-7:
Auswahl von Hautmitteln bei Umgang mit nicht wassermischbaren Arbeitsstoffen

HerstellerHautschutzmittelHautreinigungsmittelHautpflegemittel
FawecoLindesa O, LindaxalLINDAPUR plus,
LINDRANO P
Lindesa
FeilbachMono-Dermin rot,
Mono-Dermin protect
Luo-Dermin L,
Luo-Dermin S
Mono-Dermin plus
Bienenwachs Salbe + Lotion
GrevenSpezialcreme A, -lotion A, Liga proIVRAXO SOFT B, -R/S, -U, -SuperSpezialcreme C,
Speziallotion D,
Ligana HPC
Hebro ChemieDerma CareDerma FluidDerma Lind
HerweHERWESAN Olio, HERWESAN, HERWESAN Olio LiquidoSedasan, Herculan, -naturHERWE Lotion,
-Cura,
-Cura Liquido
Johnson DiverseyREINOL DrygardREINOL-K, REINOL liquidREINOL Dermasoft, REINOL-P
KuhsRHENUS 123 plusRHENUS HandreinigerRHENUS 123 plus
PhysiodermSansibon, SansibalSaniklin Waschliquid, -soft, TopscrubPhysioderm Creme, Cura Soft
PLUMPlutect 23Plum Nr. 16, Super Plum, ProfiHandy Plus, Handy Creme
Prodene WildenLORDIN protect T, -multiprotectCEWI-San soft, LORDIN Fluid, LORDIN LiquidLORDIN care S, -P, LORDIN care
Rathpr 88pr Clean plus, pr Clean Rpr 200, pr 99
StockhausenTravabon, Arretil, StokodermFrapantol, Praecutan plus, SolopolStokolan, STOKO Vitan, STOKO Lotion
VoormannPevaperm, Pevaschutz, PEVASAN leicht fettendPevasan HRL, Pevaplus, PEVASTARPevalind, Pevasan Hautpflegecreme

Gegebenenfalls muss, je nach durchzuführender Arbeit und zur Sicherstellung eines durchgehenden Hautschutzes während der Schicht, das Hautschutzmittel gewechselt werden.

Hautreinigungsmittel sollten möglichst reibekörper- und lösemittelfrei sein. Bei Arbeitsende und in der Freizeit sollten Hautpflegemittel (fett- und feuchtigkeitshaltig) zur Unterstützung der Hautregeneration verwendet werden. Hautmittelherstelleranschriften können ebenfalls der BGI 658 entnommen oder beim Bundesverband für Hautschutz e.V., 41236 Mönchengladbach, Brucknerallee 172, erfragt werden.

Beschäftigungsbeschränkungen

Auf Grund der krebserzeugenden Eigenschaften des Benzols sind Frauen im gebärfähigen Alter rechtzeitig zu unterweisen, um die gefährdende Beschäftigung für die Zeit der Schwangerschaft zu unterbrechen. Schwangere dürfen nach dem Mutterschutzgesetz krebserzeugenden Stoffen nicht ausgesetzt werden. Darüber hinaus drohen dem ungeborenen Kind Gefahren durch den krebserzeugenden Stoff "Dieselmotoremissionen" und durch Kohlenmonoxid (CO), das den Sauerstofftransport im Blut behindert.