DGUV Information 209-054 - Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen in der Me...

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Abschnitt 1.2, Gefährdungen durch biologische Arbeitsstoffe
Abschnitt 1.2
Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen in der Metallindustrie (bisher: BGI 805)
Titel: Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen in der Metallindustrie (bisher: BGI 805)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 209-054
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 1.2 – Gefährdungen durch biologische Arbeitsstoffe

Eine mögliche Gefährdung durch Mikroorganismen stellt die Infektion dar. Daneben können toxische oder sensibilisierende Wirkungen durch Mikroorganismen oder die von ihnen produzierten Stoffe hervorgerufen werden.

Bei entsprechender beruflicher Exposition kann daraus im Einzelfall sogar eine Berufskrankheit entstehen.

In der BioStoffV werden biologische Arbeitsstoffe in vier unterschiedliche Risikogruppen eingeteilt (siehe Abschnitt 3.1). Diese Klassifizierung erfolgt ausschließlich anhand des Infektionspotenzials.

1.2.1
Infektionen

Neben den Mikroorganismen (vor allem Bakterien), die ständig auf und im gesunden Menschen leben (Haut-, Mund- und Darmflora), lösen einige pathogene (krankmachende) Mikroorganismen Infektionen aus, wenn sie in den menschlichen Organismus eindringen. Andere Mikroorganismen sind opportunistische Krankheitserreger. Diese Organismen sind normalerweise nicht für den Menschen gefährlich, können aber beispielsweise bei einer Abwehrschwäche zu Infektionen führen.

Das Eindringen in den menschlichen Organismus (Eintrittspforten) erfolgt vorwiegend über die Atemwege durch Einatmen erregerhaltiger Luft oder über die Verdauungsorgane durch die Aufnahme kontaminierter Nahrung. Daneben können einige Mikroorganismen über die Schleimhäute (z.B. Nase, Mund, Atemwege, Augen) oder bei Verletzungen der Haut in den Organismus gelangen.

Weiterhin sind insbesondere einige Pilze in der Lage, die Haut zu besiedeln und Mykosen (Pilzinfektionen) auszulösen. Hierbei ist vor allem der Zustand der Haut wichtig. Ständig feuchte oder vorgeschädigte Haut kann das Auftreten von Mykosen fördern.

Ob es nach Eindringen von pathogenen Mikroorganismen auch zu einer Infektion kommt, ist vor allem abhängig von der Virulenz der Erreger, der Menge der eingedrungenen Keime und der Immunabwehr des Menschen.

Bei einem sehr virulenten Erreger können unter Umständen wenige Keime zur Auslösung einer Infektion ausreichen. Bei schwach virulenten Keimen ist eine größere Anzahl notwendig, die in den Körper eindringen muss (Bild 1-4).

Einige Menschen sind darüber hinaus aufgrund des Zustandes ihres Immunsystems empfindlicher gegenüber Infektionen, z.B. Menschen mit schwerer Zuckerkrankheit, bei Cortisoneinnahme, nach einer Organtransplantation oder HIV-infizierte Personen.

Bild 1-4: Infektiöse Keimdosen für unterschiedliche Krankheitserreger

1.2.2
Toxische Wirkungen

Endotoxine können bei Auftreten in Stäuben oder Aerosolen am Arbeitsplatz zu entzündlichen Reaktionen an Schleimhäuten und Atmungsorganen führen. Bei Aufnahme großer Mengen über die Atemwege können spätestens vier bis sechs Stunden nach Exposition bei einigen der exponierten Personen grippeähnliche Symptome beobachtet werden (u.a. Fieber, Kopfschmerz, Husten). Die Symptome klingen in der Regel ein bis zwei Tage nach Ende der Exposition ab. Dieses Beschwerdebild wird auch unter dem Begriff ODTS ("Syndrom durch toxisch wirkende Stäube organischen Materials") zusammengefasst.

Beispielsweise kann die Kühlschmierstoff-Aerosolbildung bei einer Systemreinigung eine Gesundheitsgefahr darstellen. Die nach Absterben der Bakterien freigesetzten Endotoxine gelangen dabei in die Atemluft.

An typischen Arbeitsplätzen in der Metallindustrie haben Messungen ergeben, dass die Belastung durch Endotoxine im Vergleich zu anderen Bereichen (z.B. Massentierhaltung) gering ist. Grenzwerte oder Orientierungswerte sind nicht festgelegt (vgl. ABAS-Bericht "Endotoxine", http://www.baua.de).

Exotoxine können zu schweren Erkrankungen führen. Die Belastung durch Exotoxine ist an Arbeitsplätzen in der Metallindustrie gegenüber sonstigen Lebensbereichen nicht erhöht.

1.2.3
Sensibilisierung und Allergien

Allergien können sowohl durch chemische als auch durch natürliche Stoffe ausgelöst werden. Nach Aufnahme des Stoffes (Allergen) in den menschlichen Körper reagiert das Immunsystem und es kann zu einer Sensibilisierung kommen. Bei erneutem Kontakt zu dem Allergen kommt es zukünftig dann immer wieder zu den gleichen allergischen Beschwerden.

Neben der Disposition (Bereitschaft, mit einer Allergie zu reagieren) der exponierten Personen ist bei einer Sensibilisierung auch die Dosis des Allergens wichtig. Bei empfindlichen Personen kann eine Sensibilisierung bereits bei niedrigen Dosen erfolgen.

Ist bei einer Person eine Sensibilisierung erfolgt (beispielsweise durch Einatmen von Pilzsporen), kann eine allergische Reaktion dann auch bei Einwirken sehr geringer Mengen des Allergens ausgelöst werden.

Allergische Atemwegserkrankungen können vor allem durch Pilzsporen hervorgerufen werden, wobei sich die Sensibilisierungspotenziale der einzelnen Schimmelpilze unterscheiden: Schimmelpilze mit sensibilisierenden Eigenschaften sind in der TRBA 460 "Einstufung von Pilzen in Risikogruppen" gekennzeichnet.

Bei Bakterien kommen sensibilisierende Wirkungen kaum vor.

Die hervorgerufenen Beschwerden sind dabei auch abhängig von der Größe der Sporen; "große" Sporen (5 bis > 10 µm) verursachen dabei Heuschnupfen-ähnliche Reaktionen der oberen Atemwege oder allergisches Asthma, die "kleineren" (2 bis 4 µm) können bis in die Lungenbläschen vordringen und dort eine allergische Alveolitis (Entzündung der Lungenbläschen) auslösen.

Medizinisch werden die auftretenden Allergien in verschiedene Kategorien eingeteilt; ein wesentliches Unterscheidungskriterium für den Betroffenen ist der Zeitraum zwischen Exposition und Auftreten der Beschwerden (Bild 1-5).

Bild 1-5:
Allergietypen und Zeitraum bis zum Auftreten der Symptome

Allergietyp (nach Gell und Coombs )Zeitraum nach Exposition bis zur maximalen ReaktionBeispiele von Allergieerkrankungenhäufige Symptome
Typ Ica. 0,5 StundenHeuschnupfen LatexallergieAugentränen, Augenjucken, Fließschnupfen
(Soforttyp anaphylaktisch)
Typ III3 - 8 Stundenexogen allergische Alveolitis: Hausstaubalveolitis, FarmerlungeFieber, Schüttelfrost, Atemnot, Husten, Auswurf
(Soforttyp komplex vermittelt)
Typ IV1 - 2 TageKontaktallergie, z.B. Nickelallergie, ChromatallergieHautrötung, Entzündungsreaktionen
(verzögerter Typ zellvermittelt)

1.2.4
Gefährdungen durch gasförmige Stoffwechselprodukte

Kohlendioxid, Methan und Schwefelwasserstoff sind die am häufigsten von Mikroorganismen gebildeten Gase.

Sie spielen in der Metallindustrie keine bedeutende Rolle. In wenigen Bereichen können sie jedoch eine ernst zu nehmende Gefahr darstellen (z.B. Landtechnik, Klärtechnik); auf mögliche Gefährdungen wird in den speziellen Abschnitten hingewiesen.

Ein Zusammenhang zwischen MVOC ("mikrobielle flüchtige organische Komponenten") am Arbeitsplatz und gesundheitlichen Beeinträchtigungen ist den Berufsgenossenschaften bisher nicht bekannt. Im technischen Bereich ist die Konzentration von MVOC im Vergleich zu den anderen am Arbeitsplatz vorhandenen VOC ("flüchtige organische Komponenten", z.B. Lösemittel) zu vernachlässigen.

Die MVOC haben allenfalls eine Funktion beim Auffinden von baulich bedingtem Schimmelpilzbefall in Innenräumen.