DGUV Information 203-023 - Ergonomie an Näharbeitsplätzen Ratgeber für die Praxi...

Online-Shop für Schriften

Jetzt bei uns im Shop bestellen

Jetzt bestellen
Abschnitt 3.1, 3.1 Optimale Körperhaltung/empfehlenswerte Ge...
Abschnitt 3.1
Ergonomie an Näharbeitsplätzen Ratgeber für die Praxis (bisher: BGI 804-2)
Titel: Ergonomie an Näharbeitsplätzen Ratgeber für die Praxis (bisher: BGI 804-2)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 203-023
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 3.1 – 3.1 Optimale Körperhaltung/empfehlenswerte Gelenkwinkel

Nähtätigkeit erfordert immer wiederkehrende gleichartige (repetitive) Bewegungen und damit muskuläre Belastungen im Bereich von Fingern, Hand, Arm und Schultern.

Diese können sich dann kritisch auswirken, wenn in Folge von

  • hohen Bewegungsfrequenzen und/oder

  • hohem Kraftaufwand und/oder

  • ungünstiger Haltung

die Leistungsgrenzen einzelner Muskeln oder Muskelgruppen überschritten werden.

Dann können durch mechanisch überlastete Gelenke, Sehne, Sehnenscheiden, Bänder und Knochen zeitweilige Beschwerden bis hin zu dauerhaften Erkrankungen auftreten.

Günstige Bedingungen, unter denen der Körper Kraft und Bewegungen längere Zeit ohne Schäden ausführen kann, liegen dann vor, wenn sich die Körpergelenke in der Nähe der so genannten Neutralstellung bewegen können. In den folgenden Abbildungen sind beispielhaft für Schulter und Unterarm diese Bereiche von Winkelstellungen grün gekennzeichnet. Weitere Informationen zu optimalen Körperwinkelstellungen gibt der Forschungsbericht "Ergonomie an Näharbeitsplätzen" und auch der BGIA-Report 2/2007 "Muskel-Skelett-Erkrankungen der oberer Extremität" (siehe Anhang IV).

Wenn die neutralen Winkelstellungen überschritten werden, nehmen die Beanspruchungen von Muskeln, Sehnen und Gelenken zu.

Abb. 33: Bewertung von Bewegungsbereichen bzw. ...
Winkelstellungen von Unterarm und Schultergelenk:

neutral, günstig, Bequemlichkeitsbereich
mittelgradig, zeitweise aktzeptabel
endgradige Stellung, nicht akzeptabel, falls dauerhaft

In den noch akzeptablen, mit gelb gekennzeichneten mittelgradigen Bereichen sind bei hoher Bewegungshäufigkeit und größeren Kraftleistungen längerfristig Beeinträchtigungen wahrscheinlicher als im Bequemlichkeitsbereich.

Dauerhafte Bewegungen in den endgradigen roten Bereichen sollten vermieden werden.

Auf Grund der hohen Anforderungen an Geschwindigkeit, Zugriffsmöglichkeit und Genauigkeit der Bewegungsvorgänge beim Nähen sollen bei der Arbeitsgestaltung folgen de Voraussetzungen erfüllt werden:

  • Einhaltung des (je nach Nähgut) erforderlichen Sehabstandes,

  • Ausführung der Bewegungen (dynamische, repetitive Arbeit der oberen Extremitäten, also Arm und Hand) im Bereich günstiger Gelenkwinkel (siehe oben),

  • möglichst geringe statische Belastung (Halte- und Haltungsarbeit) von Arm-, Schulter- und Nackenbereich, die bei Überschreitungen Verspannungen und Beschwerden nach sich ziehen würden,

  • variable Oberkörperhaltung ohne zu starke Rückenbeugung und

  • bei Näharbeit im Sitzen günstige Stellung der Beine mit einem Kniegelenkswinkel von ca. 90 bis 100 und ohne starke Streckung oder Beugung im Sprunggelenk.

Die Körperhaltung im Sitzen soll zwischen der vorderen Sitzhaltung (Oberkörper bis 20 nach vorn geneigt) und einer aufrechten Sitzhaltung (Oberkörper etwa senkrecht) wechseln.

Bei seitlichem Anheben des Oberarms (Abduktion) entstehen günstige Gelenkwinkel in einem Bereich von 0 bis ca. 20. Dies gilt für die Haltung der Arme frei im Raum. Können die Arme durch Auflegen am Arbeitstisch abgestützt werden, wird die Muskulatur entlastet. Dann sind auch höhere Abduktionswinkel von über 20 tolerabel.

Beim Anheben des Oberarms nach vorne (Beugung = Flexion) liegen günstige Winkelbereiche zwischen der senkrechten Haltung (im Schultergelenk, also 0) und der um bis zu 20 nach vorne ausgelenkten Position des Armes (siehe Abbildung 34 rechts). Die Idealhaltung (Oberarm senkrecht, Unterarm waagrecht) kann nur dann eingenommen werden, wenn die Nähtischhöhe etwa auf Ellenbogenhöhe eingestellt werden könnte. Bei aufrechter Oberkörperhaltung wäre dann der Sehabstand je nach Körpergröße zwischen 550 mm und 670 mm.

Abb. 34: Natürliche Kopfhaltung und optimale Blickwinkel im Sitzen und Stehen

Da bei diesen großen Sehabständen eine genaue Nähtätigkeit nicht möglich wäre, muss der Arbeitstisch stärker angehoben werden, was wiederum zu höheren Beugungswinkeln des Oberarms führt. Durch Schrägstellung der Armauflagen und seitliches Anheben kann die Beugung des Oberarms im Schultergelenk auf ein erträgliches Maß begrenzt werden.

Die Armauflagen unterstützen den günstigen Winkelbereich zwischen Ober- und Unterarm (Ellenbogengelenkbeugung zwischen 60 und 100). Lediglich bei großen Teilen, an denen lange Nähte ausgeführt werden müssen, sind Winkel im Ellenbogengelenk mit mehr als 60 nicht zu umgehen.

Um der Näherin in jeder Arbeitsposition eine den Körperabmessungen entsprechende optimale Position zu ermöglichen, ist eine individuelle Einstellmöglichkeit der Tischhöhe am Näharbeitsplatz erforderlich.