DGUV Information 208-018 - Stetigförderer (bisher: BGI 710)

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Abschnitt 4.1, 4 Umgang mit Stetigförderern 4.1 Gefahren bei...
Abschnitt 4.1
Stetigförderer (bisher: BGI 710)
Titel: Stetigförderer (bisher: BGI 710)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 208-018
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 4.1 – 4
Umgang mit Stetigförderern

4.1
Gefahren beim Umgang mit ortsfesten Stetigförderern

Die Ursachen für Arbeitsunfälle an Stetigförderern sind einerseits nicht vorhandene bzw. unvollständige Schutzeinrichtungen und andererseits menschliches Fehlverhalten beim Umgang mit diesen Arbeitsgeräten.

Technisches Versagen von Bauteilen und Anlagenkomponenten spielt eine nur untergeordnete Rolle.

Die wichtigsten Punkte des menschlichen Fehlverhaltens sind:

  • Instandhaltungsarbeiten an laufenden Stetigförderern,

  • Antriebe werden bei Instandhaltungsarbeiten nicht abgeschaltet bzw. nicht gegen irrtümliches oder unbefugtes Ingangsetzen gesichert,

  • auf Stetigförderern wird mitgefahren bzw. im Betrieb befindliche sowie gegen Anlauf nicht gesicherte Stetigförderer werden betreten oder überstiegen

    und

  • vorhandene Schutzeinrichtungen an Stetigförderern werden nach Abschluss von Instandhaltungsarbeiten nicht wieder angebracht.

4.1.1
Gefahren bei Instandhaltungsarbeiten an laufenden Stetigförderern

Unter dem Begriff "Instandhaltungsarbeiten" wird die Durchführung von Wartungs-, Inspektions- und Instandsetzungsarbeiten verstanden. Wie die Unfallstatistik für Stetigförderer ausweist, liegt hier der Unfallschwerpunkt.

Die Wartung eines Stetigförderers beinhaltet u.a. die Durchführung von Reinigungs-, Pflege-, Abschmier- und Nachstellarbeiten.

Zu den Instandsetzungsarbeiten gehören u.a. die Beseitigung von Störungen, z.B. die Korrektur eines Bandschieflaufes.

Die Häufung von Unfällen bei diesen Arbeiten resultiert fast ausschließlich daraus, dass - obwohl in der Unfallverhütungsvorschrift "Stetigförderer" (VBG 10) ausdrücklich untersagt - Reinigungs- und Reparaturarbeiten häufig an laufenden Stetigförderern durchgeführt werden.

"Beim Versuch, auf den Untergurt gefallenen Sand während des Laufens des Förderbandes zu entfernen, geriet Herr L. mit der rechten Hand in die Auflaufstelle an der Spanntrommel des Haldenförderbandes. Der rechte Arm wurde eingezogen und aus der Schulter herausgerissen."

Dabei werden die Gefahren beim Umgang mit Stetigförderern - besonders bei der Durchführung von Reinigungs- bzw. Reparaturarbeiten - regelmäßig unterschätzt; das gilt insbesondere für die mit Gummigurten betriebenen Bandförderer.

Hier verlaufen die Bewegungsabläufe ruhig und gleichförmig. Auch die Bandgeschwindigkeit vermittelt nicht den Eindruck besonderer Gefahr. Daraus resultierend werden die auftretenden Bandgeschwindigkeiten bzw. Zugkräfte und die damit verbundenen Gefahren völlig falsch eingeschätzt.

Welche Zugkräfte z.B. am Gummigurt eines Bandförderers tatsächlich auftreten, soll folgendes Beispiel verdeutlichen:

Ein Förderband mit einer Länge von ca. 25 m und einer Gurtbreite von 800 mm hat eine Antriebsleistung von 7,4 kW. Die Antriebstrommel hat einen Durchmesser von 0,5 m und eine Drehzahl von einer Umdrehung pro Sekunde.

Daraus errechnet sich eine Zugkraft am Gurt von ca. 5000 N (Abb. 43), dies entspricht etwa 500 kg.

Abb. 43: Berechnung der Zugkraft im Gurt

Der Mensch kann jedoch nur einer Kraft widerstehen, die in etwa seinem Körpergewicht entspricht. Diese beträgt bei einer ca. 80 kg schweren Person in etwa 800 N.

Damit ist die im oben aufgeführten Beispiel ermittelte Zugkraft ca. 6 mal so groß. Wird nun ein Beschäftigter z.B. bei Reinigungsarbeiten an einer ungesicherten Einzugstelle an diesem Förderband eingezogen, ist der Ausriss des gesamten Armes wahrscheinlich.

In diesem Zusammenhang darf auch die vermeintlich "geringe Bandgeschwindigkeit" nicht unterschätzt werden. Sie beträgt im oben genannten Beispiel (Abb. 44) ca. 1,6 m pro Sekunde.

Abb. 44: Bandgeschwindigkeit

Bei einer durchschnittlichen Reaktionszeit ("Schrecksekunde") von 0,5 Sekunden legt das Band in dieser Zeit bereits 0,8 m zurück. Dies entspricht in etwa einer Armlänge.

Auch die Benutzung von Werkzeugen oder Hilfsmitteln - z.B. Eisenschabern, Stocherstangen - zur Beseitigung von Störungen am laufenden Band - birgt große Gefahren und ist zu untersagen.

"Bei einem Kontrollgang in einer Aufbereitungsanlage hatte ein Maschinist einen durch Materialanbackungen an einer Umlenktrommel hervorgerufenen Schieflauf eines Förderbandes festgestellt. Zur Beseitigung dieser Verschmutzung nahm er einen Eisenschaber und führte diesen durch eine in der seitlichen Schutzeinrichtung vorhandene ca. 1 0 x 15 cm große Öffnung hindurch. Plötzlich wurde der Eisenschaber in die Auflaufstelle eingezogen, hochgerissen und schlug dem Maschinisten über beide Hände."

Im vorliegenden Fall hatte der Mitarbeiter Glück im Unglück. So sind eine Reihe von Unfällen bekannt, bei denen handgeführte Reinigungsgeräte erfasst wurden, welche von den Beschäftigten nicht schnell genug losgelassen werden konnten, so dass sie ebenfalls in die Auflaufstelle eingezogen wurden. Auch neigt der Mensch dazu, das an sich unwichtige Werkzeug festzuhalten oder herauszuziehen, so dass er, anstatt es sofort loszulassen, nur noch fester anfasst. Die Folge ist, dass der Betroffene selbst eingezogen oder aber durch das herumschleudernde Werkzeug verletzt wird.

Bei näherer Betrachtung solcher Unfälle zeigt sich, dass eine große Anzahl nicht aus einer leichtfertigen oder oberflächlichen Arbeitsauffassung resultiert. Vielmehr soll der Arbeitsablauf nicht durch evtl. notwendige Stillstandzeiten unterbrochen werden.

Eine wirksame Abhilfe zur Reduzierung dieser Unfälle kann nur durch konsequente Anwendung technischer Einrichtungen und organisatorischer Maßnahmen erzielt werden.

Durch den Einsatz von technischen Einrichtungen muss sichergestellt werden, dass Verschmutzungen an Gurten, Trommeln und Rollen von vornherein vermieden werden.

Zu den organisatorischen Maßnahmen gehört insbesondere die Unterweisung.

4.1.2
Gefahren durch nicht abgeschaltete bzw. nicht gegen irrtümliches oder unbefugtes Ingangsetzen gesicherte Antriebe

Grundsätzlich sind vor der Durchführung von Instandhaltungsarbeiten die Antriebe der Stetigförderer über Hauptschalter allpolig vom Netz zu trennen. Bei Verwendung von Verbrennungsmotoren sind diese abzuschalten und die Schalt- oder Zündschlüssel abzuziehen.

Besonderes Augenmerk ist in diesem Zusammenhang auf solche Stetigförderer zu richten, die betriebsbedingt nur intermittierend, d.h. die über ein Programm gesteuert automatisch in Betrieb genommen bzw. abgeschaltet werden. Hier ist es unbedingt erforderlich, vor Aufnahme von entsprechenden Arbeiten sich vom Betriebszustand des Stetigförderers - auch wenn dieser im Moment nicht in Betrieb zu sein scheint - zu informieren und den Antrieb selbst abzuschalten.

Um Missverständnissen vorzubeugen, empfiehlt es sich, derartige Anlagen mit Hinweisschildern zu kennzeichnen (Abb. 45).

Abb. 45: Hinweisschild an ferngesteuerter Bandanlage

Immer wieder ereignen sich schwere Unfälle auch dadurch, dass Antriebe zwar ausgeschaltet, nicht jedoch gegen irrtümliches oder unbefugtes Ingangsetzen gesichert werden.

"In einer Baustoff-Recyclinganlage wurden stahlbewehrte Betonreste aufbereitet. Als sich Bewehrungsstahl um die Antriebstrommel des Brecherzugbandes gewickelt hatte, wurde die Anlage stillgesetzt, um die Störung zu beseitigen.

Während ein Beschäftigter an der Trommel die festgeklemmten Eisenteile löste, lief kurzfristig - bedingt durch einen Bedienungsfehler eines anderen Mitarbeiters - das Förderband an. Hierbei geriet der am Förderband hantierende Arbeiter in die Auflaufstelle an der Antriebstrommel; sein linker Arm wurde ausgerissen."

Besonders auffällig ist dieses Unfallgeschehen dann, wenn die Hauptschalter der Antriebe in Schaltzentralen angeordnet sind, von denen aus die einzelnen Stetigförderer nicht mehr überblickt werden können. In solchen Fällen bietet nur ein in Stellung "Aus" befindlicher sowie abgeschlossener Hauptschalter wirksamen Schutz vor irrtümlichen oder unbefugten Schaltvorgängen.

Derjenige, der die Instandhaltungsarbeiten durchführt, sollte den Schlüssel unbedingt bei sich tragen und nach Abschluss der Arbeit den betreffenden Anlagenteil erst dann wieder freigeben, nachdem er sich davon überzeugt hat, dass sich niemand mehr im Gefahrbereich der Anlage aufhält.

Es versteht sich von selbst, dass jeder Hauptschalter hinsichtlich der Zuordnung eindeutig gekennzeichnet sein muss (Abb. 46). Gerade dieser Forderung ist besondere Bedeutung beizumessen, da Instandhaltungsarbeiten häufig von Fremdpersonal durchgeführt werden. Um gefährlichen Missverständnissen vorzubeugen, ist eine eindeutige und lückenlose Kennzeichnung der Hauptschalter unerlässlich.

In diesem Zusammenhang ist auch eine wiederholte Unterweisung der Beschäftigten von Bedeutung, in welche das Fremdpersonal vor Arbeitsaufnahme einzubeziehen ist.

Abb. 46: Eindeutig gekennzeichnet: der Hauptschalter

4.1.3
Gefahren durch Mitfahren, Überklettern bzw. Betreten von Stetigförderern

Das Mitfahren von Personen sowie das Betreten und Überklettern von Stetigförderern ist in mehrfacher Hinsicht gefährlich.

Das grundsätzliche Mitfahrverbot auf Stetigförderern resultiert daraus, dass sich für den Mitfahrenden eine Reihe von Gefahren durch Einzug-, Quetsch- und Scherstellen, z.B. an Trommeln, Tragrollen, aufgesetzten Leitblechen, angebauten Reinigungsgeräten sowie Bandübergabestellen, ergeben. Ferner besteht die Möglichkeit, dass Verletzungsgefahren durch Bauteile entstehen, die den Bandweg überbrücken oder in ihn hineinragen. Darüber hinaus treten relativ hohe Bandgeschwindigkeiten auf, wodurch ein ungefährlicher Auf- bzw. Abstieg nicht gewährleistet ist und schwere Stürze die Folge sein können.

Die Mitnehmer von Kettenförderern bilden eine Gefahr, da einmal erfasste Körperteile mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr freikommen können.

Überall dort, wo sich Verkehrswege mit Stetigförderern kreuzen, müssen Einrichtungen vorhanden sein, mit denen das Personal diese gefahrlos - auch während des Betriebes - überqueren kann. In die Planung der Übergänge sollte das dort tätige Personal einbezogen werden, um eine praxisorientierte Plazierung zu erreichen (Abb. 47).

Abb. 47: Sicher zu überqueren durch den Laufsteg

4.1.4
Gefahren durch nicht wieder angebrachte Schutzeinrichtungen

Üblicherweise werden heute von den Herstellern die notwendigen Schutzeinrichtungen mitgeliefert. Leider muss jedoch immer wieder beobachtet werden, dass diese insbesondere nach Abschluss von Instandhaltungsarbeiten nicht mehr bzw. nur unvollständig an den entsprechenden Gefahrstellen wieder angebracht werden.

"Bei Reinigungsarbeiten an einem laufenden Förderband geriet ein Mitarbeiter zwischen die Tragrollen und den Fördergurt, wobei ihm der rechte Arm ausgerissen wurde. Ursache des Unfalls waren Schutzeinrichtungen, die zwar vorhanden, aber nicht angebracht waren."

Eine indirekte Gefährdung des Personals ergibt sich auch dann, wenn Mitarbeiter auf Verkehrswegen zu Fall kommen und dabei in ungesicherte Gefahrstellen geraten können.

Deswegen gilt:

Nach Abschluss von Instandsetzungsarbeiten sind alle Schutzeinrichtungen wieder anzubringen. Erst dann darf der betreffende Stetigförderer wieder in Betrieb genommen werden.

Die an den Stetigförderern angebrachten Not-Befehlseinrichtungen sind in regelmäßigen Zeitabständen auf ihre Funktionsfähigkeit hin zu überprüfen. Diese Funktionsprüfung sollte arbeitstäglich erfolgen, um betriebsbedingte Beschädigungen an den Not-Befehlseinrichtungen rechtzeitig zu erkennen. Funktionsfähige Not-Befehlseinrichtungen sind insbesondere deshalb von Bedeutung, weil in vielen Betrieben häufig nur ein Mitarbeiter für die Überwachung weitläufiger Anlagen eingesetzt ist.