DGUV Information 206-001 - Stress am Arbeitsplatz (bisher: BGI 609)

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Abschnitt 4.1, Welche Bedeutung hat Stress?
Abschnitt 4.1
Stress am Arbeitsplatz (bisher: BGI 609)
Titel: Stress am Arbeitsplatz (bisher: BGI 609)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-001
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 4.1 – Welche Bedeutung hat Stress?

Psychische Belastungen, die die geistige, die emotionale sowie die soziale Bewältigung der Arbeitsaufgabe beeinflussen, ergeben sich aus bestimmten Bedingungen:

  • Lage (Schichtarbeit, Nachtarbeit, Sonntagsarbeit usw.) und Dauer (Überstunden, Sonderschichten usw.) der Arbeitszeit,

  • Kommunikationsanforderungen zu (Verständlichkeit der Sprache und Anweisungen usw.) und Kooperationsbeziehungen (Kooperationsbereitschaft, Umgangsformen usw.) mit anderen,

  • betriebliche Hierarchie und betrieblicher Führungsstil (Klarheit und Verständlichkeit von Anweisungen, Eindeutigkeit von Verantwortungen usw.),

  • Anforderungen an die eigene Qualifikation zur Bewältigung der gestellten Arbeitsaufgaben (vorhandene Kenntnisse und Erfahrungen, Unterweisung und Einarbeitung usw.),

  • Arbeitsumgebung (Lärm, Blendung, Störung der Aufmerksamkeit usw.).

Bild 4-1: Wechselwirkungen zwischen Arbeitnehmer und Umwelt

Die Folgen dieser Belastungen erleben wir als körperliche, geistige und emotionale Beanspruchungen (Bild 4-1). Ob man die psychischen Belastungen unbeschadet ertragen kann oder ob sie zu Stress und gesundheitlichen Schäden führen ist sehr unterschiedlich. So können beispielsweise Belastungen durch die Arbeitszeit und die Arbeitsumgebung nur in einem sehr beschränkten Maß durch individuelle Gegenmaßnahmen verringert werden. Sie führen über kurz oder lang zu psychischen Beanspruchungen mit Folgen für die Gesundheit. Bei anderen Belastungen besteht wiederum die Möglichkeit, durch Veränderungen im Verhalten psychische Beanspruchungen und insbesondere Stress zu vermindern. Wesentlich hierbei ist, welche Möglichkeiten der Betrieb oder das Unternehmen dem einzelnen Beschäftigten bietet, um sich auf die Bewältigung der geforderten Leistungen vorzubereiten. Wesentlich wichtiger ist aber, ob die betrieblichen Verhältnisse so gestaltet sind, dass psychische Belastungen und Stress überhaupt vermieden werden. Hierbei spielt vor allem eine Rolle, wie die betriebliche Kommunikation und Kooperation gestaltet ist, welche Arbeitsleistungen verlangt werden usw. Leistungsanforderungen führen dann nicht zu psychischen Belastungen und Stress, wenn die persönliche Leistungsfähigkeit, die fachlichen Qualifikationen, die beruflichen Erfahrungen, die Kompetenz mit anderen Menschen umzugehen sowie - und dies ist von ganz zentraler Bedeutung - die Möglichkeit, sich von den täglichen beruflichen Belastungen zu erholen, hinreichend berücksichtigt werden.

Einzelne vergleichbare Belastungssituationen führen nicht nur bei verschiedenen Personen zu unterschiedlichen Beanspruchungen, sie führen bei ein und derselben Person situationsabhängig zu unterschiedlichen Beanspruchungen und Gesundheitsgefährdungen. Die persönliche Beanspruchung hängt nicht nur von der Art und der Höhe der Belastungen, sondern auch von der augenblicklichen Befindlichkeit der einzelnen Person ab. Jeder erlebt es bei sich selbst, dass ihn gleiche Arbeitsbedingungen unterschiedlich stark beanspruchen. Besonders deutlich wird dies immer dann, wenn man, gut erholt aus dem Urlaub kommend, die gleichen belastenden Arbeitsbedingungen wesentlich gelassener bewältigt als noch vor dem Urlaub. Ein ähnlicher Effekt zeigt sich auch, wenn psychische Belastungen von jüngeren wesentlich leichter bewältigt werden als von älteren Beschäftigten. Während jüngere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beruflichen Stress vielfach als Indiz dafür sehen, dass sie in ihrem Beruf voll gefordert werden, dass sie erfolgreich und wichtig sind, wandelt sich dieses Verständnis im Laufe des Arbeitslebens. Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass sich die körperliche Leistungsfähigkeit mit steigendem Lebensalter verringert und ältere Beschäftigte früher und längere Erholphasen brauchen. Die Fähigkeit der Bewältigung von beruflichem Stress sinkt mit höherem Lebensalter. Hinzu kommt, dass mit zunehmendem Lebensalter der Arbeitsplatz eine andere Bedeutung erhält. Für ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bedeutet der Verlust ihres Arbeitsplatzes häufig nicht nur das vorzeitige Ausscheiden aus dem Arbeitsleben, sondern gleichzeitig auch finanzielle Unsicherheit und die Gefahr des sozialen Abstiegs der ganzen Familie. Psychische Belastungen und beruflicher Stress werden von älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern dann nicht mehr als beruflicher Erfolg und berufliche Anerkennung empfunden, wenn sie keine Möglichkeit haben, diese Belastungen durch Veränderungen in den Arbeitsbedingungen oder durch individuelle Maßnahmen abzubauen bzw. zu verringern.

Aber auch für jüngere, gesunde und voll leistungsfähige Menschen gilt: Wer täglich lange und intensiv arbeitet, braucht grundsätzlich auch mehr Zeit, sich wieder zu erholen. Wird der notwendige Erholungsrhythmus vernachlässigt, führt dies zu einer Erholungsunfähigkeit, das heißt, es gelingt nicht mehr, in der Freizeit abzuschalten und sich tatsächlich physisch wie psychisch zu regenerieren. Dies ist eine gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis.

Psychische Belastungen und Stress haben neben beruflichen auch individuelle Komponenten und es ist nicht einfach, diese beiden voneinander zu trennen. Wichtig ist, dass beruflich bedingte psychische Belastungen eine immer wichtigere Rolle spielen und von den Beschäftigten auch ganz ausdrücklich als Belastungen empfunden und benannt werden.

Bild 4-2: Stress im Büro

Die psychischen Belastungen aus der Arbeitswelt und damit auch der berufliche Stress haben in den vergangenen Jahren ganz erheblich zugenommen. Grund hierfür sind die technischen, organisatorischen und personellen Rationalisierungsmaßnahmen der vergangenen Jahre. Arbeitsabläufe wurden weiter verdichtet, Informations- und Kommunikationsprozesse weiter technisiert, die Arbeitszeiten trotz tariflicher Arbeitszeitverkürzung weiter ausgedehnt. Viele Beschäftigte sind auch in ihrer eigentlich arbeitsfreien Zeit noch beruflichen Anforderungen ausgesetzt und können sich nicht erholen (Bild 4-2). Gerade durch die neuen Informations- und Kommunikationsmittel, durch Mobiltelefone, durch privaten Zugriff auf dienstliche E-Mails, aber auch durch organisatorische Öffnungen der arbeitsfreien Zeit für betriebliche Belange, wie etwa durch Rufbereitschaften, Arbeiten auf Abruf usw., sind Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vielfach auch in ihrer Freizeit für betriebliche Belange mehr oder weniger ständig erreichbar.

Ein weiteres Moment für den Anstieg von psychischen Belastungen und von Stress ergibt sich schließlich für viele Beschäftigte durch die Übertragung der Verantwortung für die Erbringung einer gleichbleibend hohen und qualitativ einwandfreien Arbeitsleistung, allerdings ohne ihnen die Möglichkeiten zu geben, den Arbeitsprozess nach ihren Bedürfnissen und Vorstellungen gestalten zu können. Dieser Mangel an Einflussmöglichkeiten betrifft in der Regel vor allem die Leistungsvoraussetzungen, also die personellen, organisatorischen und technischen Arbeitsvoraussetzungen.

Die Quellen von psychischen Belastungen und von beruflichem Stress sind also außerordentlich vielschichtig und in der Regel eine Kombination aus Umwelteinflüssen (Lärm, Klima usw.), existenziellen Schwierigkeiten und Bedrohungen (Angst um den Arbeitsplatz, finanzielle Schwierigkeiten usw.). Quelle kann aber auch das aktuelle körperliche Befinden (Unwohlsein, Krankheiten oder Schlafstörungen) sein. Nicht zuletzt können psychische Belastungen und Stress aber auch durch eigene Gedanken und Erwartungen, die Art und Weise, wie man auf seine Umgebung oder auf Ereignisse reagiert, wie viele Sorgen man sich macht, welche negativen Erfahrungen und Erwartungen man hat, Auslöser für Stress sein.

Seit einigen Jahren spielen aber zwei Faktoren eine ganz besondere Rolle bei der Entstehung von psychischen Belastungen und beruflichem Stress. Dies ist zum einen der enorm gestiegene Termin- und Leistungsdruck und zum anderen, und hieraus resultierend, die schwieriger zu bewältigenden kommunikativen und sonstigen Arbeitsbeziehungen zu anderen Beschäftigten, zu Vorgesetzen und zu Untergebenen. Wer kennt diese Situation nicht: Es bedarf eigentlich eines Abstimmungsgesprächs, doch hierzu ist nicht ausreichend Zeit. Die verbesserten technischen Voraussetzungen für eine engere kommunikative Verbindung sind zwar gegeben, der gestiegene Zeit- und Leistungsdruck macht eine ausreichende Abstimmung aber häufig unmöglich.

Diese enorm gestiegenen Belastungen lassen sich auch in Zahlen darstellen: Bei einer Umfrage des nordrhein-westfälischen Arbeits- und Sozialministeriums 1996 sagten von den befragten Beschäftigten

  • 34 % durch hohen Zeitdruck,

  • 32 % durch hohe Verantwortung

    und

  • 20 % durch die hohe Arbeitsmenge

immer oder häufig überfordert zu sein (siehe Bild 4-3). In einer anderen Untersuchung, einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, gab 1998/1999 jede zweite beschäftigte Person an, unter Termin- und Leistungsdruck zu arbeiten.

Bild 4-3: Umfrage des nordrhein-westfälischen Arbeits- und Sozialministeriums 1996