DGUV Information 206-002 - Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundh...

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Abschnitt 2.1, Traumareaktionen - kein Phänomen der Neuzeit
Abschnitt 2.1
Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Titel: Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-002
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 2.1 – Traumareaktionen - kein Phänomen der Neuzeit

Die ältesten Berichte, in denen ein Mensch ein Trauma erlitten hat, finden sich wahrscheinlich in der Bibel. Dort ist in 1. Mose 19, 26 von Lots Frau die Rede, die in das Inferno des Brandes von Sodom und Gomorrha schaut und zur Salzsäule erstarrt. Es hatte wohl seinen Grund, dass Gott den Fliehenden geboten hatte, sich nicht umzudrehen. Durch das Chaos und die Verwüstung vor Augen, könnten in Lots Frau Schuldgefühle ausgelöst worden sein, dieses schlimme Ereignis selbst überlebt zu haben, während andere - darunter noch ihre besten Freunde - starben. Und sie erstarrt.5

Am 2. September 1666 brach in der königlichen Bäckerei in London ein Brand aus, der in den drei folgenden Tagen rund 13000 Häuser und 87 Kirchen und damit fast die gesamte Stadt zerstörte. Etwa 100000 Einwohner Londons verloren ihr Hab und Gut und wurden obdachlos. Noch ein halbes Jahr später schrieb Samuel Pepys, ein hoher Beamter der britischen Flottenverwaltung, in sein Tagebuch: "Merkwürdig, dass ich bis auf den heutigen Tag nicht schlafen kann, ohne große Angst, von dem Feuer erfasst zu werden."

Obwohl es psychische Reaktionen auf belastende Ereignisse, wie die Beispiele zeigen, immer schon gegeben hat, ist die wissenschaftliche Erforschung des psychischen Traumas noch relativ jung. Medizinische Aufzeichnungen über psychische Reaktionen - etwa Kriegserlebnisse - gibt es in den USA zwar schon zu den Bürgerkriegen, dem "Koreakrieg" und den beiden Weltkriegen. In Bezug auf Desertationen ist dabei von gefechtsbedingtem, posttraumatischen Stress die Rede. Wesentliche Impulse gaben der Wissenschaft jedoch die Folgen, die der "Vietnam-Krieg" für die amerikanischen Soldaten und Soldatinnen hatte.

Als Folge dieses Krieges wurden in den Vereinigten Staaten sog. "Veteran Centers" eingerichtet, in denen die kriegsverletzten Soldaten auch psychologisch betreut und behandelt wurden. Aus dieser Arbeit entstand die größte Untersuchung bezüglich der Posttraumatischen Belastungsstörung (engl. Posttraumatical Stress Disorder = PTSD6, die sog. "Vietnam-Veteranen-Wiederanpassungs-Studie". Diese Untersuchung ergab, dass jeder vierte Teilnehmer am Vietnamkrieg das Krankheitsbild einer PTSD aufwies. Häufige Probleme bei den Veteranen waren danach deren emotionale Labilität, ernste zwischenmenschliche Probleme, insbesondere in der Ehe, und die generelle Schwierigkeit, enge persönliche Bindungen aufrechtzuerhalten. Zwischen dem antisozialen Verhalten der Kriegsteilnehmer und den vorangegangenen Kriegserlebnissen bestehe ein enger Zusammenhang, heißt es in der Studie.

Erst 1980 wurde die Posttraumatische Belastungsstörung als Bezeichnung für eine Krankheit mit diagnostischen Kriterien in die psychiatrische Klassifizierung7 der amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie aufgenommen.

In ihrer 10. Auflage der weltweit gültigen Klassifizierung von Krankheiten (ICD 10) bietet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit 1992 eine angemessene Definition eines psychischen Traumas.

5

Diese Reaktion hat in der Psychologie einen Namen: "Survival-Syndrom".

6

Deutsche Abkürzung: PTBS

7

Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders IV (DSM)