DGUV Information 206-002 - Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundh...

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Abschnitt 1.3, Die Polizei
Abschnitt 1.3
Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Titel: Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-002
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 1.3 – Die Polizei

Nach einem schweren Arbeitsunfall wird der Unfallort bereits während der Rettungsmaßnahmen des Notarztes von der Polizei abgesperrt. Nachdem der Verletzte ins Krankenhaus abtransportiert ist, versucht eine Führungskraft hinter die Absperrung zu gelangen, wird aber von einem Polizeibeamten mit dem Hinweis, dass der Unfallort noch für die Unfallaufnahme durch die bald eintreffende Kriminalpolizei abgesperrt ist, aufgehalten. Die Führungskraft reagiert auf die Zurückweisung aggressiv. "Das ist mein Arbeitsplatz. Hier habe ich das Sagen. Sie können mir gar nichts verbieten. Ich will mir jetzt einen Überblick über das Ausmaß des Unfalls verschaffen und daran hindern Sie mich nicht, junger Mann!"

• Die Polizei hat nach einem Unfall hoheitliche Aufgaben. Sie muss alle Spuren und Hinweise sichern und aufnehmen, damit die Unfallursache und der mögliche Unfallverursacher festgestellt werden können. Dabei geht es gar nicht allein darum, jemandem die Schuld an diesem Unfall nachzuweisen. Es geht auch darum, Betroffene zu entlasten und zu beweisen, dass sie keine Schuld trifft, und dass sie den Unfall nicht hätten verhindern können.

Für die Polizeibeamten ist jeder Unfallort ein Tatort, an dem sie ermitteln müssen. Sie müssen die Personalien all der Personen festhalten, die sich zur Zeit des Unfalls am Unfallort aufgehalten haben oder nachträglich eingetroffen sind.

• Eine schwierige Aufgabe ist es, die Spuren, die nicht zum Unfall gehören, von anderen zu unterscheiden. Feuerwehr und Rettungsdienst hinterlassen eindeutige Spuren, Mitarbeiter des Betriebes, die sich an und in der Einsatzstelle aufhalten, leider nicht. Die Gefahr, dass sie - unabsichtlich oder auch absichtlich - wichtige Hinweise zerstören, ist recht groß. Darum muss die Polizei die Einsatzstelle absperren und Menschen, die nicht mit der Rettung und Begleitung zu tun haben, abweisen.

• Mitarbeiter, die als potenzielle Augenzeugen infrage kommen, dürfen sich nicht entfernen und müssen sich ggf. für weitere Befragungen zur Verfügung stellen.

• Wo Menschen bestimmte Rechte hatten, werden ihnen diese kurzzeitig entzogen.

Vor allem mit dem Einsatz der Polizei, aber auch dem der Rettungskräfte4, geht nicht nur die Rettung einher, sondern auch ein Verlust an Autorität. Man spürt die eigene Ohnmacht und muss sich außerdem damit abfinden, dass andere die Szene beherrschen und weisungsberechtigt sind. Alle Betriebsangehörigen, vor allem aber die Führungskräfte, sind plötzlich nicht mehr Herr im eigenen Betrieb.

Diese Beschneidung der Rechte wird, je länger die Ermittlungen andauern, umso mehr als Belastung empfunden. Die einen fügen sich, andere lehnen sich gegen die Anordnungen der Polizei auf. Teilweise werden sie den Polizeibeamten gegenüber aggressiv, teilweise laufen sie auch mehrfach in die Einsatzstelle zurück und müssen von dort wiederum verwiesen werden.

Einsatzkräfte berichten nicht selten, dass nicht die Bilder von Zerstörung, Verletzung und Tod sie belastet hätten, sondern dass sie von Personen, die nicht an den Rettungs- und Ermittlungsmaßnahmen aktiv beteiligt waren, in ihrer Arbeit behindert worden seien.

Sowohl auf Seiten der Polizei als auch auf Seiten der Betriebsangehörigen können so die psychischen Belastungen und Stressfaktoren zunehmen, was die Bewältigung der Krise, die Verarbeitung des Erlebten erschwert und die Rückkehr zur Normalität verzögern kann.

Bedenken Sie, dass es nicht die Absicht der Polizei ist, Sie zu bevormunden oder zu "entmündigen".

Bedenken Sie, dass Beteiligte durch die Ermittlungsarbeit der Polizei auch entlastet werden und durch die Ergebnisse der Untersuchungen weitere Unfälle vermieden werden können.

Akzeptieren Sie, dass Sie nach einem Unfall vorübergehend in Ihren Rechten beschnitten sind.

Vermeiden Sie die Konfrontation mit den Polizeibeamten und anderen Rettungskräften.

Tragen Sie zur Entlastung der Situation bei, indem Sie sich vor allem der Polizei zur Verfügung halten und mit ihr zusammenarbeiten.

4

Im Gesetz über Feuerschutz und Hilfeleistung (FSHG) heißt es in § 38 "Einschränkung von Grundrechten" dazu: "Durch dieses Gesetz werden das Recht auf körperliche Unversehrtheit (Artikel 2 Abs. 2 Satz 1 GG), auf Freiheit der Person (Artikel 2 Abs. 2 Satz 2 GG) und auf die Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel 13 GG) eingeschränkt."