DGUV Information 206-002 - Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundh...

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Abschnitt 5.2, Das Gengenbach-Viereck
Abschnitt 5.2
Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Titel: Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-002
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 5.2 – Das Gengenbach-Viereck

Nach einem tödlichen Arbeitsunfall zeigt ein Ersthelfer deutliche Belastungsreaktionen. Im Gespräch stellt sich heraus, dass weder der Anblick noch die Tatsache, dass ein Arbeitskollege verstorben ist, die Belastungen ausgelöst haben. Seine Gedanken kreisen um die Familie des Verunglückten, seine Frau, seine Kinder. "Jetzt ist die Frau ganz allein, sind die Kinder ohne Vater.", sagt er immer wieder.

Zu Hause zieht er sich zurück. Er nimmt am üblichen gemeinsamen Abendessen nicht teil. Anstatt wie gewohnt den Abend mit der Ehefrau vor dem Fernseher zu verbringen, geht er schon zu Bett - allein. Am nächsten Morgen, es ist Samstag, steht er nicht auf. Tagsüber verlässt er das Bett nur, wenn kein Familienmitglied in der Wohnung ist.

Tragische Ereignisse wirken sich in vielfacher Hinsicht belastend auf die Seele aus. Oliver Gengenbach33 teilt diese Auswirkungen in vier Kategorien ein.

Einsamkeit

Ein Augenzeuge hat sich während der Rettungsmaßnahmen einsam gefühlt. Niemand hat sich um ihn gekümmert oder gefragt, wie es ihm geht. Niemand hat ihn informiert oder danach gefragt, wie er den Unfall erlebt hat.

Die Gedanken eines Ersthelfers kreisen um die Einsamkeit, der jetzt die Angehörigen ausgesetzt sind (siehe Beispiel oben).

Dieses Gefühl der Einsamkeit und die Gedanken an die Einsamkeit sind Ursache für die seelische Belastung.

Chaos

Ein Augenzeuge eines Verkehrsunfalls steht an der Leitplanke und verfolgt das Treiben an der Unfallstelle. Mehrere Autos stehen quer und entgegengesetzt zur Fahrtrichtung. Alle Fahrzeuge sind beschädigt, einige sehr schwer. Rettungskräfte rennen hin und her, schreien sich Kommandos zu. Überall sind Rettungsgeräte abgestellt.

Ein Notarzt betritt eine Wohnung. In ihr herrscht das absolute Chaos: Unrat türmt sich in jedem Zimmer. Kaum ein Möbelstück steht aufrecht, die Schränke offen. Kleidungsstücke sind überall verteilt. Mittendrin liegt der Patient.

Das erlebte Chaos ist die Ursache für die seelische Belastung.

Tod

Noch nie zuvor hatte ein Unfallbeteiligter einen Verstorbenen gesehen. Und erst recht hatte er noch nie miterlebt, wie jemand stirbt.

Nachdem ihr mitgeteilt worden ist, dass ihr Vater verstorben ist, wird einer jungen Frau schmerzhaft bewusst, dass das Leben endlich und der Tod eine Macht ist, der wir Menschen nicht ausweichen können. Das versetzt sie in Angst.

Das Erleben des Todes und die Gedanken um den Tod sind Ursache für die seelische Belastung.

Übererregung

Die Rettungsmaßnahmen sind ein Wettlauf gegen die Zeit. Darum wird schnell, fast schon hektisch bis an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit gearbeitet.

Ein Notfallseelsorger teilt einer Mutter mit, dass ihr 17-Jähriger Sohn bei einer Messerstecherei ums Leben gekommen ist. Die Mutter reagiert auf diese Nachricht, indem sie sehr lange laut schreit, im Wohnzimmer hin und her läuft, gegen Wände und Möbelstücke tritt, Gegenstände durch das Zimmer wirft und die Einrichtung teilweise zerstört.

Hohe Erregungszustände sind Ursache für Belastungen des Organismus.

Das Gengenbach-Viereck dient dazu, eigene sinnvolle Bewältigungsstategien zu entwickeln.

Einsamkeit → sich der Beziehung vergewissernChaos → Ordnung/Struktur
Mit Partner/in essen gehenZimmer, Schreibtisch usw. aufräumen
Mit den Kindern spielenWohnung putzen/Auto waschen
Freunde besuchen/einladenEinkaufen
Meditation/GebetTagebucheintrag/Bericht schreiben
......
  
Tod → LebenÜbererregung → Ruhe
In der Natur spazieren gehenRuhige Musik hören
Sport treibenSchlafen
Mit Familie/Freunden etwas unternehmenAutogenes Training/Entspannungsübungen
Auf den Rummel/die Kirmes gehenLeichte Ernährung
......

Am Ende finden Sie eine Kopiervorlage des Gengenbach-Vierecks.

Gengenbach geht von der Tatsache aus, dass eine Strategie, die ähnlichen Charakter besitzt wie die Ursache der Belastung, nicht entlastend wirkt, sondern die Belastung weiter steigert (siehe Beispiel).

Also empfiehlt er, zunächst die Ursache der Belastung zu eruieren und dann Strategien zu entwickeln, die diesen Ursachen etwas entgegenzusetzen haben.

So sollen

  • gegen die als belastend erlebte Einsamkeit Strategien gesetzt werden, mit denen sich die betroffene Person ihrer bestehenden und intakten Beziehungen vergewissern kann,

  • gegen das als belastend erlebte Chaos Strategien gesetzt werden, die wieder Struktur und Ordnung in das Leben bringen,

  • gegen die Begegnung mit dem Tod als Ursache für die seelische Belastung Strategien gesetzt werden, die das eigene Leben spüren und erleben lassen,

  • gegen die belastende Erfahrung der Übererregung Strategien der Ruhe gesetzt werden, die zu einer Senkung des Erregungsniveaus führen.

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Pfarrer, Notfallseelsorger, lizensierter CISM-Trainer (SbE)