DGUV Information 206-002 - Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundh...

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Abschnitt 1.1, Der Rettungsdienst
Abschnitt 1.1
Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Titel: Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-002
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 1.1 – Der Rettungsdienst

Bei einem Unfall werden an einem Hochofen drei Mitarbeiter lebensgefährlich verletzt. Sie liegen im Abstand von zwei bis drei Metern voneinander entfernt. Auf engem Raum kämpfen neun Rettungsassistenten/innen und drei Notärzte um das Leben der Verletzten. Außerdem sind zwei Ersthelfer eingespannt, um Infusionen zu halten. Ein Verwandter eines Verletzten, der in einer anderen Halle arbeitet und von Kollegen benachrichtigt wurde, betritt den Unfallort, kniet sich neben die Notärztin, bombardiert sie mit Fragen, schüttelt sein Familienmitglied und fährt die Ärztin an mit den Worten "Nun tun Sie doch etwas!". Fast zeitgleich kommt ein Mann im Anzug und mit weißem Helm an die Einsatzstelle. Ohne sich selber vorzustellen bombardiert er die Notärzte mit Fragen, wie: "Was hat er denn? Kommt er durch?". Das Rettungspersonal wird ungehalten und aggressiv. Letztendlich wird die Polizei herangerufen, um diese beiden Männer von der Einsatzstelle "zu entfernen".

• Bei schweren Arbeitsunfällen ist davon auszugehen, dass vom Rettungsdienst ein Notarzt mit mindestens einem Rettungsassistenten sowie ein Rettungstransportwagen (RTW)2 zum Unfallort geschickt werden. Sind mehrere Personen (schwer) verletzt, kommen mehrere Notärzte sowie ein Leitender Notarzt, in manchen Bundesländern zusätzlich ein "Organisatorischer Leiter Rettungsdienst", zum Einsatz.

• Der Notarzt bzw. der Leitende Notarzt ist der Einsatzleiter, solange keine Feuerwehr zur technischen Hilfeleistung hinzugezogen wird.

• Regional unterschiedlich sind entweder die Feuerwehren oder eine der Hilfsorganisationen3 mit der Durchführung des Rettungsdienstes von der verantwortlichen Kommune beauftragt.

• In Deutschland muss das Rettungswesen so organisiert sein, dass ein Rettungsfahrzeug innerhalb von acht Minuten im städtischen und zwölf Minuten im ländlichen Bereich am Unfallort eintrifft.

Wer den Notruf auslöst, erwartet vor allem, dass die Rettungskräfte schnell eintreffen. Dabei geschieht etwas, was jeder schon mehrfach erlebt hat: In einer Krise werden die Minuten zu einer halben Ewigkeit. Menschen, die etwas Schlimmes erleben, verlieren jedes Gefühl für eine realistische Einschätzung der Zeit.

So kommt es nicht selten zu Beschwerden, dass die Einsatzkräfte für die Anfahrt zu lange gebraucht hätten. Der Verlust des Zeitgefühls führt dazu, dass wartende Unfallbeteiligte die Einsatzkräfte in aggressiver Art und Weise angehen und ihnen vorwerfen, zu lange für die Anfahrt gebraucht zu haben. Gelegentlich werden bei den Kommunen sogar Beschwerden eingereicht, worauf die Einsatzleitstelle dann durch Tonbandaufnahmen und Daten aus der elektronischen Zeiterfassung belegen muss und kann, dass Rettungsfahrzeuge sehr wohl in kürzester Zeit den Einsatzort erreicht haben.

Es gibt viele unfallbedingte Faktoren, die die Arbeit des Rettungspersonals erschweren: Die Schwere der Verletzungen, die örtlichen Gegebenheiten (Enge, Wärme, Schmutz usw.), Anweisungen und Kommandos. Es wird hektisch und ggf. auch laut.

Jeder, der diese Szene beobachtet, erlebt die Dramatik dieser Situation. Das belastet die Seele. Es verstärkt zum einen die Angst und Sorge um die Verunfallten, zum anderen steckt die Hektik an, macht nervös, teilweise auch aggressiv.

Sind Menschen, die so reagieren, während der Rettungsmaßnahmen direkt am Unfallort anwesend, besteht die Gefahr, dass durch sie der Einsatzablauf massiv behindert wird.

Bedenken Sie, dass die Einsatzkräfte erheblich schneller am Einsatzort eintreffen, als es das Zeitgefühl vermuten lässt.

Personen, die nicht an den Rettungsmaßnahmen beteiligt sind, sollen sich in einem so großen Abstand vom Unfallort aufhalten, dass sie den Einsatzablauf nicht behindern und vor zusätzlicher psychischer Belastung durch visuelle und akustische Eindrücke geschützt sind.

2

Umgangssprachlich auch "Krankenwagen" genannt

3

DRK/BRK (Deutsches bzw. Bayerisches Rotes Kreuz), JUH (Johanniter-Unfall-Hilfe), MHD (Malteser Hilfsdienst) und ASB (Arbeiter-Samariter-Bund)