DGUV Information 206-002 - Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundh...

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Abschnitt 4.2, Nach der akuten Notfallsituation
Abschnitt 4.2
Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Titel: Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-002
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 4.2 – Nach der akuten Notfallsituation

Mitarbeiter der Notfallseelsorge, Notfallbegleitung und Krisenintervention sowie das Rettungspersonal sind nur im akuten Notfall zur Durchführung der ersten qualifizierten Maßnahmen und zur Stabilisierung der Betroffenen am Unfallort. Ähnlich wie die weitere Behandlung von körperlich Verletzten nicht mehr zu den Aufgaben der Notärzte gehört, sind die Mitarbeiter der NFS/NFB/KIT für eine längerfristige Begleitung und Behandlung von schweren und lang anhaltenden Belastungssymptomen nicht mehr zuständig und nicht ausgebildet.

Auf einem Betriebsgelände wird die Raumpflegerin eines externen Unternehmens von einem Gabelstapler erfasst und tödlich verletzt. Der Notarzt alarmiert die Notfallseelsorge. Eine Mitarbeiterin des Unternehmens, auf dessen Gelände sich der Unfall ereignet hat, benachrichtigt über die Hotline den Vertragspartner für die Nachsorge. Am vierten Tag nach dem Unfall treffen sich von diesem Unfall Betroffene aus beiden Unternehmen zu einem Nachgespräch.

In der Abschlussrunde sagt ein Teilnehmer, dass ihm seit dem Unfall einiges im Kopf durcheinandergegangen sei. Das strukturierte Gespräch mit den anderen habe ihm geholfen, die Dinge zu sortieren und Lücken zu füllen. Jetzt könne er mit dem Unfall abschließen.

Ein anderer Teilnehmer erzählt, dass er seit dem Unfall die Kollegen nun zum ersten Mal wiedergetroffen hat. Es war für ihn tröstlich zu hören, dass es ihnen in den letzten Tagen seelisch genauso schlecht ging wie ihm. Das habe ihn ermutigt, in dieser Runde auch über seine Symptome und Gefühle zu reden. Das habe ihm sehr geholfen.

• 1983 entwickelte der amerikanische Psychologe Jeffrey T. Mitchell eine Methode für ein Gruppennachgespräch (CISM-Debriefing)28 nach belastenden Einsätzen.

Es war zunächst als Hilfe für Einsatzkräfte von Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei und Militär gedacht, wurde aber bald auch mit anderen Personengruppen durchgeführt. Dieses methodische Gruppennachgespräch "ist darauf ausgerichtet, der Entwicklung von Posttraumatischen Belastungsstörungen ... weitgehend vorzubeugen oder sie zumindest abzumildern."29

Seit Anfang der 80er-Jahre wurde Menschen nach zahlreichen internationalen Katastrophen des letzten Jahrhunderts mit dieser Methode geholfen (in Deutschland nach dem ICE-Unglück in Eschede 1998, nach dem Amoklauf in einer Schule in Erfurt 2002, nach dem Flugzeugabsturz in Überlingen 2002, nach dem Elbehochwasser 2002 sowie nach unzähligen weniger medienwirksamen Unfällen auch in Betrieben).

• Neben der Methode von Mitchell sind in letzter Zeit weitere Konzepte entwickelt worden, die das gleiche Ziel verfolgen und für die Zeit nach der akuten Begleitung durch NFS/NFB/KIT als weiteres Hilfsangebot zur Vermeidung bzw. zur gezielten Überleitung in psychotherapeutische Behandlung gedacht sind.

• Viele Unternehmen und einige Berufsgenossenschaften haben mit Anbietern für methodisch geführte Nachbesprechungen nach belastenden Einsätzen Vereinbarungen getroffen30, um den Betroffenen diese Hilfe schnell anbieten zu können.

So haben z.B. die Vereinigung der Metall-Berufsgenossenschaften (VMBG) und andere Berufsgenossenschaften Hotlines eingerichtet, über die sich ihre Versicherten im Falle eines schweren Arbeitsunfalls auch hinsichtlich weiterführender psychosozialer Betreuungs- und Therapiemöglichkeiten beraten lassen können.

Andere, größere Unternehmen, haben Betriebsangehörige entsprechend ausbilden lassen und eigene Teams für die Nachsorge gegründet.

Sie reagieren somit auf die Erkenntnis, dass frühzeitige Intervention den Betroffenen hilft, möglichst bald zur Normalität zurückzukehren und dauerhaften psychischen Gesundheitsschäden vorbeugt.

28

Critical Incident Stress Management; dt. Stressbewältigung nach belastenden Einsätzen

29

Mitchell, S. 16 f.

30

z.B. Berufsgenossenschaft Metall Süd mit der DB Gesundheitsservice GmbH; Norddeutsche Metall-Berufsgenossenschaft mit dem Kriseninterventionsdienst des Malteser Hilfsdienstes; Schering und Deutsche Steinkohle AG mit der Bundesvereinigung "Stressbearbeitung nach belastenden Einsätzen e.V. (SbE)"