DGUV Information 206-002 - Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundh...

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Abschnitt 4.1, In der akuten Notfallsituation
Abschnitt 4.1
Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Titel: Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-002
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 4.1 – In der akuten Notfallsituation

Nach einem tödlichen Arbeitsunfall wird ein Notfallseelsorger zur Einsatzstelle gerufen. Schnell stellt er fest, dass er die notwendige Begleitung nicht allein bewerkstelligen kann:

  • Augenzeugen sitzen in einem kleinen Aufenthaltsraum,

  • Mitarbeiter aus den anliegenden Hallen stehen in einiger Entfernung zum Unfallort,

  • die nachfolgende Schicht wird bereits in 1,5 Stunden erwartet,

  • die Angehörigen müssen in diesem Fall recht zügig aufgesucht werden,

  • freiwillige Einsatzkräfte der Werkfeuerwehr zeigen Belastungsreaktionen.

Der Notfallseelsorger greift zum Mobiltelefon und bittet weitere Kollegen und Kolleginnen an die Einsatzstelle. Mit ihrer Unterstützung können innerhalb von 30 Minuten alle Gruppen betreut werden.

Zusammensetzung

• In Deutschland sind in den letzten 15 Jahren Rufbereitschaften entstanden, in denen Menschen mitarbeiten, die sich für die psychosoziale Begleitung von Menschen nach Notfällen speziell aus- und fortbilden lassen haben. Sie bestehen aus Pfarrern und Pfarrerinnen, Ärzten und Ärztinnen, Mitarbeitern im Rettungswesen, der Polizei und in Krankenhäusern, Pädagogen und Pädagoginnen, Psychologen und Psychologinnen sowie Angehörigen anderer Berufsgruppen.

Ausbildung

• In aufeinander aufbauenden Modulen und Kursen haben sie sich für die unterschiedlichen Einsatzbereiche (Notfälle im häuslichen Bereich, im außerhäuslichen Bereich, bei größeren Schadenslagen) aus- und fortbilden lassen.

In jeder Rufbereitschaft gibt es Teammitglieder, die aufgrund ihrer Ausbildung und Einsatzerfahrung für einen Einsatz nach einem schweren Arbeitsunfall qualifiziert sind. Fortbildungsveranstaltungen, Praktika sowie Teilnahme an Übungen in Unternehmen sind ratsam.

Bezeichnung

• Die Bezeichnung dieser Rufbereitschaften ist regional und/oder je nach Träger verschieden: Notfallseelsorge (NFS, Träger sind die Kirchen), Notfallbegleitung (NFB, Träger sind Vereine oder Zusammenschlüsse mehrerer Organisationen), Kriseninterventionsteam/-dienst (KIT, KID, überwiegend in den östlichen Bundesländern, Träger sind oft Hilfsorganisationen und Kommunen).

Erreichbarkeit

• Diese Rufbereitschaften sind 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr besetzt. Sie werden ausschließlich von den Leitstellen der Feuerwehr, gelegentlich der Polizei, alarmiert. Ihre Dienst habenden Mitglieder können in der Regel innerhalb von 20-30 Minuten am Unfallort sein.

• Die Anforderung dieser Rufbereitschaften erfolgt über den Einsatzleiter am Unfallort durch die Rettungsleitstelle, die die Rettungsmaßnahmen koodiniert. Notärzte, Rettungspersonal und Psychosoziale Notfallhelfer können den Einsatzleiter darum bitten, die NFS/NFB/KIT zu alarmieren.

• Die Systeme der NFS/NFB/KIT sind so aufgestellt, dass - falls erforderlich - jederzeit und schnell zusätzliche Kräfte nachalarmiert werden können. Wie im Feuerwehr- und Rettungswesen ist auch hier bei größeren Ereignissen die "überörtliche Hilfeleistung", also die Alarmierung der Rufbereitschaften in den benachbarten Leitstellen, durchaus üblich.

• Viele dieser Rufbereitschaften pflegen eine enge Vernetzung mit den ortsansässigen Kirchengemeinden. So kann bei dem Überbringen einer schlechten Nachricht auch der oder die für die betroffene Familie oder Personen zuständige Gemeindepfarrer bzw. -pfarrerin verständigt werden und die Polizei und Betriebsangehörige begleiten.

Aufgabe und Leistung

• Die Mitglieder der NFS/NFB/KIT organisieren und koordinieren die psychosoziale Begleitung der Betriebsangehörigen oder unterstützen die vorhandenen Psychosozialen Notfallhelfer (PSNH) in den Unternehmen.

• Durch ihre Begleitung, ihre körperliche und verbale Zuwendung zu den betroffenen Personen unterstützen sie diese bei ihrem Prozess, sich selbst wieder zu stabilisieren.

• Sie erarbeiten mit den betroffenen Personen Perspektiven für das Leben unmittelbar nach dem tragischen Ereignis.

• Sie informieren über weitere Hilfsangebote und motivieren die betroffenen Personen dazu, sie in Anspruch zu nehmen.

• Sie verfügen in der Regel über Listen, mit deren Hilfe bei betroffenen ausländischen Mitbürgern sofort hilfreiche Kontakte zu Menschen anderer Kultur- und Religionsgemeinschaften vermittelt werden können.26

• Sie beraten die Geschäftsführung oder die zuständigen Führungskräfte darin, wie mit den betroffenen Personen am Arbeitsplatz weiter umgegangen werden kann.

Der Dienst der NFS/NFB/KIT in der akuten Notfallsituation ist grundsätzlich kostenlos.

Zeugnisverweigerungsrecht nur für Seelsorger

Bei einem Auffahrunfall wird die Fahrerin des vorderen Pkw getötet. Der Fahrer des aufgefahrenen Fahrzeugs bleibt dank Sicherheitsgurt und Airbag unverletzt. Gegenüber der Polizei sagt er an der Unfallstelle aus, die Fahrerin des Autos vor ihm habe plötzlich ohne ersichtlichen Grund stark gebremst.

Gegenüber dem Notfallseelsorger erleichtert er sein Gewissen und erzählt, dass er sich mit einer Hand eine Zigarette aus der Schachtel auf dem Beifahrersitz nehmen wollte. Die Schachtel sei aber immer weggerutscht. Als er sie nicht mehr ertasten konnte, habe er eben auch mit den Augen danach gesucht. Dabei sei es dann passiert. Er sei einfach mit hoher Geschwindigkeit auf das langsam fahrende Auto aufgefahren.

In unterschiedlicher Zahl arbeiten in den allermeisten Systemen Pfarrer und Pfarrerinnen beider Konfessionen mit. Neben der psychosozialen Begleitung, wie sie auch von anderen Berufsgruppen angeboten und durchgeführt wird, können sie auch seelsorgerliche Gespräche unter Wahrung des Beichtgeheimnisses führen.

Seelsorger und Seelsorgerinnen unterstehen aber nicht nur dem Beichtgeheimnis. Für sie gilt neben Medizinern und Juristen das Zeugnisverweigerungsrecht vor Gericht. Kein Richter kann geweihte (katholische) oder ordinierte (evangelische) Geistliche zwingen, über ein Gespräch mit Betroffenen auszusagen.

Das bietet den Betroffenen einen gewissen Schutz. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, in einer Phase, in der sie sich und ihr Denken nicht kontrollieren konnten, etwas gesagt zu haben, was ihnen in einem möglichen Gerichtsverfahren zum Nachteil gereichen könnte.

Andere können sich bewusst, ohne Angst alles Belastende "von der Seele reden".

Eine junge Frau war in selbstmörderischer Absicht frontal an einen Baum gefahren. Nachdem die Ermittlungsarbeiten der Polizei abgeschlossen waren, mussten die Einsatzkräfte der Feuerwehr den stark entstellten Körper der Verstorbenen aus dem Auto befreien und bergen. Bevor sie vom Bestatter abtransportiert wurde, lud der Notfallseelsorger zum Gebet ein. Die Einsatzkräfte stellten sich um die verstorbene Frau. Der Pfarrer gestaltete die Aussegnungshandlung. Unmittelbar nach dem "Amen" äußerten sich die Feuerwehrmänner wie folgt: "Das tat gut! Das war mir jetzt wichtig! Durch diese Handlung wurde mir bestätigt, dass es sich hier nicht nur um ein Stück Fleisch handelt, das wir da aus dem Auto geborgen haben, sondern um einen Menschen, der das Recht hat, in Würde von dieser Welt verabschiedet zu werden. Das haben wir jetzt getan."

Im Angesicht des Todes spielen oft auch religiöse Aspekte eine wichtige Rolle. Die Fragen nach dem "Warum?" oder "Wie kann Gott das zulassen?" usw. sind Notfallseelsorgern und -seelsorgerinnen nicht nur aus der Bibel vertraut. Sie haben sich in ihrer Ausbildung intensiv mit dem Sterben und dem Tod auseinander gesetzt und wissen mit diesen Fragen umzugehen.

Es kommt nicht selten vor, dass Freunde und Bekannte des Verstorbenen das Bedürfnis haben, vor dem Abtransport des Verunglückten oder dem Verlassen der Unfallstelle zu beten. Im Beisein der Kollegen trauen sie sich aber nicht oder sie wissen nicht wie, finden keine Worte.

Notfallseelsorger erkennen dieses Bedürfnis. Sie bieten einen Ritus27 an, in dem sie den lebenden Beteiligten ihre Stimme leihen und stellvertretend für sie beten oder sie im Beten führen.

Nehmen Sie zu den Rufbereitschaften der NFS/NFB/KIT in Ihrer Umgebung Kontakt auf. Den Kontakt vermittelt Ihre zuständige Leitstelle des Rettungsdienstes oder der Polizei.

Beteiligen Sie die NFS/NFB/KIT an Übungen, die auf Ihrem Betriebsgelände stattfinden.

26

Die meisten Rufbereitschaften der NFS/NFB/KIT stehen im Dialog mit den anderen Kulturen, die in ihrer Gegend präsent sind. Sie verfügen über persönliche Kontakte sowie über Namen und Adressen, sodass die Vermittlung und Benachrichtigung z.B. von muslimischen Geistlichen und Vertretern der Moscheegemeinden erfolgen kann.

27

Dieser Ritus wird in kirchlicher Sprache als "Aussegnung" bezeichnet.