DGUV Information 206-002 - Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundh...

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Abschnitt 3.7, Die Angehörigen der Opfer
Abschnitt 3.7
Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Titel: Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-002
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 3.7 – Die Angehörigen der Opfer

Der Cousin des tödlich Verunglückten, selbst Mitarbeiter im Betrieb, informiert darüber, dass dessen Ehefrau als Taxifahrerin arbeitet und normalerweise vor dem Hauptbahnhof steht. Eine Gruppe von vier Personen macht sich auf den Weg dorthin. Da dort zahlreiche Taxen stehen, fragen sich die Männer von Fahrzeug zu Fahrzeug durch, bis sie vor der schon ganz hektischen Ehefrau stehen. Sie hatte die Gruppe beobachtet und recht bald verstanden, dass es um sie geht. Als ihr jemand sagt, dass ihr Mann tödlich verunglückt ist, schreit sie laut und kreischend, hämmert und tritt auf das Fahrzeug ein. Die Taxifahrerkollegen und -kolleginnen kommen zusammen, dazu noch zahlreiche Passanten vom Bahnhofsvorplatz. Die einen wollen wirklich helfen und werden abgewiesen. Andere haben den Drang zum Gaffen. Als die Ehefrau erschöpft, hyperventilierend oder starr vor Schreck vor ihrem Taxi in die Knie sackt, ruft jemand aus der Gruppe der Schaulustigen den Rettungsdienst (112).

• Gehen wir davon aus, dass alle direkt beteiligten Personen versammelt und unter anderem aufgefordert wurden, keine Angaben zum Unfall per Handy zu übermitteln. Gehen wir weiter davon aus, dass während der Rettungs- und Ermittlungsmaßnahmen keine Informationen an Rundfunk und Fernsehen gegeben werden. Dann hat die Benachrichtigung der Angehörigen Zeit.

Und das ist auch gut so. Denn erstens hat die Begleitung der direkt vom Unfall Betroffenen höchste Priorität und kann bis zu vier Stunden dauern. Und zweitens braucht das Überbringen einer schlechten Nachricht oder einer Todesnachricht eine sorgfältige Vorbereitung und Organisation.

• Das Überbringen einer Todesnachricht fällt in den polizeilichen Verantwortungsbereich, nicht aber in den Bereich hoheitlicher Aufgaben. Sie kann vertrauenswürdige Menschen damit beauftragen.24 Die Erfahrung aber zeigt, dass es ratsam ist, eine Todesnachricht im Team mit einem Polizeibeamten zu überbringen.

Nach Arbeitsunfällen werden oft auch Mitglieder der Geschäftsführung oder des Betriebsrates gebeten, die Angehörigen mit aufzusuchen. Kein Firmenangehöriger sollte dies aber eigenständig und ohne Einbeziehen der Polizei tun.

• Bei der Vorbereitung ist ihre Mithilfe aber von unschätzbarem Wert. Durch einen Blick in die Personalakte und durch die Befragung von Mitarbeitern, die die verunfallte Person und deren Lebensumfeld kennen, können wichtige Informationen ermittelt werden.

Die Antworten auf folgende Fragen helfen, die richtigen Entscheidungen für die weiteren Schritte zu treffen:

  • Alter der Ehefrau?

  • Besteht eine Schwangerschaft?

  • Haben der Verstorbene und seine Partnerin Kinder, wenn ja, in welchem Alter?

  • Arbeitet die Ehefrau?

  • Leben Eltern, Geschwister usw. in der Nähe?

  • Wie alt sind die Eltern und wie ist ihr Gesundheitszustand?

    Gibt es einen guten Freund?

  • Wie wichtig ist ihnen ihre Religion?

Besonders bei fremder Nationalität:

  • Wie lange lebt die Familie schon in Deutschland?

  • Lebt sie eher integriert oder isoliert?

  • Sprechen die Angehörigen ausreichend deutsch?

• Wird in der Vorbereitung festgestellt, dass mehrere Angehörige des Verstorbenen in der Nähe wohnen, ist zu überlegen, in welcher Reihenfolge die Benachrichtigung erfolgt.

Manchmal ist es ratsam, nicht die engsten Angehörigen, wie Ehepartner oder Eltern, sondern etwa Geschwister als erste aufzusuchen. Wenn eine "normale" familiäre oder freundschaftliche Beziehung untereinander besteht, kann ihre Anwesenheit bei der Begleitung der nächsten Verwandten sehr hilfreich sein. Im Gegensatz zu den Beamten der Polizei, Mitarbeitern des Betriebes oder der Notfallseelsorge/-begleitung/Krisenintervention25 sind sie vertraute Menschen, die die familiären Strukturen und Lebensgewohnheiten der Betroffenen kennen und auch dann für sie da sein und sie stützen können, wenn die Überbringer der Nachricht nicht mehr anwesend sind.

Auf keinen Fall darf die Benachrichtigung per Telefon erfolgen! Das Verhalten der Betroffenen am anderen Ende der Leitung ist nicht kalkulierbar, ein Reagieren auf mögliche Eigen- und Fremdgefährdung nicht möglich.

Zum konkreten Beispiel:

In der Öffentlichkeit ist keine geeignete Rückzugsmöglichkeit vorhanden. Selbst das Taxi der Ehefrau bietet keine gute Möglichkeit, um eine schlimme Nachricht zu übermitteln.

Anders verhält es sich mit der Taxizentrale. Unter einem Vorwand kann die Ehefrau dorthin bestellt werden.

Hier steht ein Raum zur Verfügung, in dem die Intimsphäre gewahrt bleibt, der eine längere Begleitung in gewohnter Umgebung ermöglicht, wo sanitäre Anlagen genutzt werden können sowie die Versorgung, etwa mit Getränken, problemlos organisiert werden kann.

24

"Werden der Polizei ... Todesfälle bekannt, so hat sie sicherzustellen, dass die Angehörigen in geeigneter Weise unterrichtet werden. Sie kann sich hierzu anderer vertrauenswürdiger Personen bedienen." (Runderlass des Innenministeriums Niedersachsen, Nds. MBl. Nr. 32/1990, S. 1122)

25

siehe Kapitel "Notfallseelsorge, Notfallbegleitung und Krisenintervention" ab Seite 49