DGUV Information 206-002 - Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundh...

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Abschnitt 3.6, Kollegen/Kolleginnen aus anderen Schichten
Abschnitt 3.6
Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Titel: Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-002
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 3.6 – Kollegen/Kolleginnen aus anderen Schichten

"Das hätte auch mir passieren können! Dann wäre ich jetzt tot!"

"Das hätte auch mir passieren können! Dann hätte ich jetzt einen Menschen auf dem Gewissen!"

Besondere Aufmerksamkeit ist bei der Begleitung der Arbeitskollegen der nachfolgenden Schicht zu verwenden. Unter ihnen sind auch diejenigen, die am gleichen Arbeitsplatz wie der Verstorbene oder Schwerverletze arbeiten. Diese Tatsache, beziehungsweise die Fragen, die sich damit stellen, haben meist Auswirkungen auf die Psyche der Menschen. Es wird diesen Kollegen bewusst, dass es eigentlich nur ein Zufall und unerklärlich ist, dass sie nicht selbst Opfer geworden sind. Die Gedanken gehen in Richtung Familie. Was würde sich dort jetzt abspielen, wenn man selbst der Verunfallte wäre? Auch mit Äußerungen wie: "Wäre ich doch an seiner (des Verunglückten) Stelle!" ist zu rechnen.

Andere entfernen sich von der Gruppe, möchten allein sein, ungestört vom Gerede der anderen den eigenen Gedanken nachgehen.

Diese Gedanken wirken lähmend und behindern Menschen darin, ihre Arbeit an ihrem Arbeitsplatz aufzunehmen.

Lähmung und Isolation halten bei dieser Gruppe in der Regel nur kurze Zeit, oftmals weniger als eine Stunde an. Und trotzdem ist auch bei diesen Personen erhöhte Aufmerksamkeit gefragt. Denn wie im Kapitel "Rettungsmaßnahmen und Auswirkungen auf die Seele" ausführlich beschrieben, sind Ausnahmen von der Regel und damit alle Reaktionen möglich. Auch solche, die zur Gefahr für die Betroffenen werden können.

Achten Sie darauf, dass sich niemand unbemerkt entfernt. Bleiben Sie bei den Betroffenen und signalisieren Sie Bereitschaft zuzuhören und konkrete Fragen zu beantworten. Halten Sie die Reaktionen geduldig aus.22

"Hab‚ ich nicht letzte Woche erst gesagt, dass da ‚was gemacht werden muss, sonst passiert ein Unglück? Aber man kann hier ja sagen, was man will. Man wird ja nicht ernst genommen."

"Seit Monaten ist bekannt, dass es hier einige Sicherheitsmängel gibt. Aber es muss ja immer erst ‚was Schlimmes passieren, bevor die hohen Herren wach werden."

"Denen geht es doch nur um den Profit. Wir Mitarbeiter und unsere Sicherheit sind denen doch (...) egal. Wir können ja ruhig dabei draufgehen. Wir sind ja nichts wert. Es gibt ja genug Arbeitslose."

Vor allem nach Arbeitsunfällen ist es möglich, dass ein Teil der nachfolgenden Schicht aggressiv reagiert und Vorgesetzte bis hin zur Geschäftsführung für den tragischen Vorfall verantwortlich macht.

Dabei geht es gar nicht darum, auf sein Recht zu pochen. Es ist auch nicht das Ziel, jetzt die Diskussion um die Eingaben und Hinweise fortzuführen.

Es ist recht normal, dass in dieser Situation ein Schuldiger gesucht wird, dem die Wut, die Verzweiflung, die Trauer entgegengeschleudert wird. Dabei hat der vermeintlich "gefundene Schuldige" oft wenig mit dem Unfall zu tun. Die Beschuldigung ist in diesem Moment weder Folge eines intensiven Nachdenkens noch persönlich gemeint.

Vermeiden Sie in dieser Situation Rechtfertigungen. Sie beruhigen nicht, sondern tragen dazu bei, dass die Aggressionen zunehmen.

Diskutieren Sie in dieser Situation, in der die Gefühle und nicht die Vernunft das Denken und Handeln bestimmen, auf keinen Fall über Vorgänge in der Vergangenheit oder den Sinn oder die Machbarkeit von Sicherheitsmaßnahmen.

Geben Sie die Zusage, dass Sie sich dafür einsetzen werden, dass sich Vorgesetzte und Mitarbeiter nach Abschluss der Ermittlungen durch die Behörden Zeit nehmen, um über Arbeitsabläufe und die Sorgen der Mitarbeiter zu reden.23

22

Ein Notfallseelsorger hält sich vier Stunden bei einer von einem Unglücksfall betroffenen Familie auf. In dieser Zeit wurden im Abstand von Stunden lediglich zwei Sätze gewechselt. Wenige Tage nach diesem Ereignis erhält der Notfallseelsorger einen Brief, in dem sich die Familie dafür bei ihm bedankt, "dass Sie auf uns aufgepasst haben. Das haben wir als sehr wohltuend empfunden."

23

Es versteht sich von selbst, dass solche Zusagen auch eingehalten werden müssen.