DGUV Information 206-002 - Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundh...

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Abschnitt 3.4, Kollegen/Kolleginnen aus anderen Abteilungen ...
Abschnitt 3.4
Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Titel: Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-002
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 3.4 – Kollegen/Kolleginnen aus anderen Abteilungen während der Rettungs- und Ermittlungsmaßnahmen

Obwohl es für ihn ein Umweg war, traf sich Herr K. jeden Tag vor Schichtbeginn mit Herrn F. am Kiosk. Dort kaufte sich Herr F. Zigaretten und Brötchen. Gemeinsam machten sie sich dann auf den Weg zum Betrieb. Sie arbeiteten in zwei nebeneinander liegenden Hallen und verbrachten die Pausen gemeinsam. So ging das nun schon seit 22 Jahren. Nachdem der Unfall passiert war und die Maschinen angehalten wurden, wurde Herr K. mit den anderen nach Hause entlassen. Am nächsten Tag ging er gewohnt zum Kiosk und wartete auf seinen Arbeitskollegen. Erst als die vereinbarte Zeit verstrichen war, wurde ihm bewusst, dass Herr F. gestern tödlich verunglückt war. Vor dem Tor zum Firmengelände angekommen, begannen Herrn K. die Knie zu zittern, bevor die Beine ganz ihren Dienst versagten und er sich nach Hause bringen lassen musste. Dort hatte er niemanden, mit dem er hätte reden können. Mit seiner Frau war ihm das nicht möglich.

In der Regel wird davon ausgegangen, dass Mitarbeiter, die zur Zeit des Unfalls nicht vor Ort waren und weder etwas gesehen noch gehört haben, auch nicht oder nur kaum belastet sein können.

Die Schwere der psychischen Belastung hängt aber nicht allein davon ab, ob jemand ein Unglück direkt miterlebt und die schrecklichen Bilder des Unfalls vor Augen hat.

Belastungen aufgrund emotionaler Beziehungen

Zwischen den verunglückten Personen und anderen Mitarbeitern im Betrieb bestehen oftmals emotionale Bindungen aufgrund von Freundschaft, Nachbarschaft oder auch familiären Beziehungen.

Diese doppelte Beziehung (Kollegen am Arbeitsplatz sowie Verwandte oder Freunde im privaten Bereich) kann zu Symptomen und einem Verhalten über normale Trauerreaktionen hinaus führen.20

Belastungen durch Informationsdefizite

Psychische Belastungen entstehen bei Betroffenen auch, wenn sie sich schlecht informiert fühlen. Ganz deutlich war dies bei Urlaubern in den Katastrophengebieten21 des Jahres 2005 zu beobachten. In Fernsehberichten waren Menschen zu sehen, die unter Tränen oder aufgeregt aggressiv erzählten, dass ihnen niemand sagen könne, was genau passiert sei und wie es jetzt weitergehe.

Fehlende Informationen nach einem Arbeitsunfall bewirken, dass sich Phantasien über den Hergang, das Ausmaß und den Zustand am Unfallort entwickeln, die oft grausiger und schrecklicher sind als die Realität. Diese Phantasien führen zur Belastung der Seele.

Folgende Maßnahmen sind von denen, die die psychosoziale Begleitung übernehmen, durchzuführen:

  • Die Betroffenen an einem Ort mit ausreichendem Abstand zum Unfallgeschehen versammeln.

  • Die Betroffenen um Informationen über weitere Personen im Unternehmen bitten, die in enger Verbindung mit dem Opfer standen.

  • Die Personalabteilung um Hinweise zu möglichen Arbeitnehmern mit einem Verwandtschaftsverhältnis zum Opfer bitten.

  • Über Unfallhergang sowie Gesundheitszustand der verunfallten Kollegen informieren (wenn möglich, gemeinsam mit Polizei und/oder Geschäftsführung oder Führungskräften).

  • Über die Symptome Akuter Belastungsreaktion und Posttraumatischer Belastungsstörung aufklären.

  • Die Akuten Belastungsreaktionen bei den Betroffenen wahrnehmen.

  • Informationen über therapeutische Hilfsmaßnahmen geben.

  • Die Geschäftsführung/Führungskräfte zum Umgang mit offensichtlich weniger belasteten Personen beraten.

  • Die Angaben zur Person der Betroffenen notieren, um später gezielt Nachgespräche führen zu können.

  • Die weitere Begleitung an psychologisch geschultes Fachpersonal übergeben.

Kleiner Exkurs: Vermeidbare Stressfaktoren

Feuerwehr und Rettungsdienst hatten noch alle Hände voll zu tun, um den Verstorbenen zu bergen. Die Polizei war damit beschäftigt, die Unfallstelle abzusichern und erste Ermittlungen durchzuführen. Die Mitarbeiter des Betriebes standen unter Schock, waren wie gelähmt, alle mit sich selbst beschäftigt. Plötzlich war eine schreiende Frauenstimme zu hören. Die Ehefrau des Verunglückten war an der Unglücksstelle aufgetaucht und wurde nun von den Polizisten zurückgehalten. Sie war von einem Arbeitskollegen ihres Mannes per Mobiltelefon über den Unfalltod ihres Mannes informiert worden.

Bei einem Unglück treten zahlreiche Stressfaktoren auf, die situationsbedingt und damit unvermeidbar sind. Sie sind den Einsatzkräften aus vielen Einsätzen bekannt. Den Umgang mit diesen Stressfaktoren haben sie gelernt.

Und trotzdem kann irgendwann im Laufe eines Einsatzes ein Maß an Stressfaktoren erreicht sein, das Auswirkungen auf die Psyche von Einsatzkräften aber auch anderen Beteiligten haben kann.

Menschen, die sich an der psychosozialen Begleitung von Menschen nach einem schweren Unfall beteiligen, haben auch die Aufgabe, zur Vermeidung vermeidbarer Stressfaktoren beizutragen. Einige Maßnahmen sind bereits beschrieben worden.

Eine weitere wichtige, auf das Beispiel bezogene Maßnahme ist:

Bitten Sie die versammelten Mitarbeiter und Arbeiterinnen eindringlich, das private Mobiltelefon (noch) nicht zu benutzen.

Weisen Sie darauf hin, dass alle notwendigen Benachrichtigungen durch die Polizei und die Geschäftsführung oder andere Führungskräfte erfolgen.

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Siehe zu diesen Reaktionen Seite 21 "Die Akute Belastungsreaktion"

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Tsunami in Süd-Ost-Asien, Wirbelsturm Kathrina in Mittelamerika und im Süden der USA.