DGUV Information 206-002 - Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundh...

Online-Shop für Schriften

Jetzt bei uns im Shop bestellen

Jetzt bestellen
Abschnitt 3.3, Ersthelfer/Augenzeugen
Abschnitt 3.3
Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Titel: Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-002
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 3.3 – Ersthelfer/Augenzeugen

Nach einem tödlichen Arbeitsunfall sitzen der Ersthelfer (A), ein Augenzeuge (B), der direkt neben dem Verunfallten stand, und ein weiterer Mitarbeiter (C), der am Unfallhergang selbst beteiligt war, zusammen mit dem Notfallseelsorger in einem kleinen Aufenthaltsraum. Der Austausch über das Erlebte ist lebhaft. Die geäußerten Gedanken und Gefühle kreisen um folgende Themen:

A: "Ich habe doch alles getan, was ich konnte, und habe D. nicht retten können."

B: "Nur 30 cm und ich wäre jetzt tot."

C: "Ich bin schuld. Ich habe D. umgebracht."

Plötzlich kommt ein Mitglied der Geschäftsführung in den Raum und sagt: "Heute ist Mittwoch. Ihr bleibt erst mal bis Montag zu Hause."

Die Führungsperson hat den Raum wieder verlassen: A: "Prima, dann kann ich endlich meinen Garten auf Vordermann bringen. Da hatte ich bisher keine Zeit zu."

B und C sitzen still auf den Stühlen. Nach einer Weile sagt B: "Was soll ich zu Hause? Ich lebe allein. Meine Frau ist vor zwei Wochen zu einem anderen gezogen. Zu Hause fällt mir die Decke auf den Kopf. Ich will mit meinen Kollegen zusammen sein." und C sagt: "Das ist die Strafe. Jetzt werde ich entlassen. Und Montag Morgen drücken die mir dann die Papiere in die Hand."

Die Freistellung von der Arbeit war von der Geschäftsführung sicher nur gut gemeint. Durch diese Maßnahme sollten die betroffenen Mitarbeiter die Gelegenheit bekommen, sich von den schrecklichen Erfahrungen durch den tödlichen Arbeitsunfall zu erholen.

Das Beispiel zeigt nun, dass gut gemeinte und mit den Betroffenen nicht abgesprochene Maßnahmen das Gegenteil bewirken können. Zu den Belastungen durch den Unfall kommen nun weitere durch die angeordnete Freistellung dazu. B gerät in Panik, wenn er an das Alleinsein denkt. Das fällt ihm ohne diesen Unfall schon schwer genug. C hat Angst vor der Kündigung. Seine Existenz ist bedroht.

Beide fühlen sich zudem ohnmächtig, da sie das auf diese Weise formulierte Angebot als "Anordnung von Oben" empfinden und keine Möglichkeit sehen, sie abzuwenden.

Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, möglicherweise auch Drogenmissbrauch bei B und C sind realistische Reaktionen. Bei B, um das Alleinsein zu ertragen, bei C, um die Angst vor dem Montag nicht zu spüren. Daraus könnte wiederum folgen, dass beide selbst am Montag nicht arbeitsfähig sind.

C wird sich darüber hinaus möglicherweise einiges einfallen lassen, um sich der für ihn drohenden Kündigung am Montag zu entziehen. Taucht er nicht an seinem Arbeitsplatz auf, können ihm die Entlassungspapiere auch nicht überreicht werden. Eine ganz sicher berechtigte Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung durch den Hausarzt wäre eine Möglichkeit für ihn, sich vielleicht sogar für mehrere Wochen der befürchteten Konfrontation mit dem Arbeitgeber zu entziehen; Wochen, in denen aber auch keine Klärung, und damit Besserung der psychischen Belastung, erfolgen kann.

Jeder Mensch weiß in der Regel selbst am besten, was ihm gut tut und nützt, damit sich die Seele erholen und stabilisieren kann. In der Folge eines Ereignisses, das die Psyche schwer belastet, fällt den Betroffenen allerdings das Nachdenken darüber und das Entscheiden schwer. Solange die Gedanken noch ganz um den Unfall und den verunglückten Arbeitskollegen kreisen, ist dies sogar unmöglich. Die Seele streikt!

Diese Betroffenen brauchen jetzt Menschen an ihrer Seite, die ihrem Leben so lange Struktur geben und die sie mit geeigneten Maßnahmen so lange begleiten, bis sie selber wieder in der Lage sind, ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Der Zeitraum der Begleitung richtet sich danach, wie lange die betroffenen Personen benötigen, um sich wenigstens zeitweise von dem Ereignis zu lösen. Dieser Zeitraum ist individuell und unterschiedlich lang.

Folgende Maßnahmen sind von denen, die die "Erste Hilfe für die Seele" übernehmen, durchzuführen:

  • Einen Ort organisieren, an dem die Hektik am Unfallort nicht zu spüren und ein ungestörter und unbeobachteter Aufenthalt möglich ist.

  • Raum geben, wo alle körperlichen und verbalen Reaktionen auf das Erlebte vor der Öffentlichkeit geschützt erfolgen dürfen und akzeptiert sind.

  • Nach einer gewissen Zeit die Betroffenen motivieren, zu erzählen, wie sie den Unfall erlebt haben, ihre Emotionen zu beschreiben sowie die körperlichen Symptome zu benennen.

  • Gemeinsam mit den Betroffenen überlegen, was ihnen jetzt gut tun würde, welche Unterstützung sie brauchen, um sich zu regenerieren.

  • Aufklären über die Symptome der Akuten Belastungsreaktion und Posttraumatischen Belastungsstörung.

  • Informieren über therapeutische Hilfsmaßnahmen.

  • Mit Geschäftsführung und Führungskräften über den weiteren Umgang mit den Betroffenen sprechen.

Die Umsetzung dieser Maßnahmen hat im oben beschriebenen Fall Folgendes bewirkt:

A kam am Montag wieder zur Arbeit. Er konnte offen und ohne Belastungssymptome mit seinen Arbeitskollegen über den Unfall reden und seine Aufgaben konzentriert erledigen.

B hat sich einen Tag frei genommen, um am Donnerstag beim Großeinkauf mit einem Bekannten und beim Aufräumen der Wohnung Belastungsreaktionen abzubauen und Abstand zu gewinnen. Am Freitag traf er wie sonst auch pünktlich zum Schichtbeginn an seinem Arbeitsplatz ein. Seine Arbeit verrichtete er zuverlässig und gestaltete den Kontakt zu seinen Kollegen gewohnt lebendig.

C hatte sich entschieden, am kommenden Tag in der Pause mit Arbeitskollegen seiner Schicht zu reden. Diese machten ihm deutlich, dass sie auch nach diesem Unfall Vertrauen in seine Arbeit haben. Der direkte Vorgesetzte teilte ihm mit, dass er nicht mit einer Kündigung zu rechnen habe. Am Freitag war der Mitarbeiter zu Schichtbeginn wieder anwesend, wurde aber zunächst an einem anderen Arbeitsplatz mit weniger Verantwortung eingesetzt. Eine Woche nach dem tragischen Unfall nahm er seine gewohnte Tätigkeit wieder auf.

Mit dem Hallenmeister wurde vereinbart, dass er alle drei Mitarbeiter eine Zeit lang bei ihrer Arbeit beobachtet und begleitet, um auf möglicherweise andauernde Belastungsreaktionen reagieren und weitere Hilfsmaßnahmen einleiten zu können, was aber nicht erfolgen musste.