DGUV Information 206-002 - Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundh...

Online-Shop für Schriften

Jetzt bei uns im Shop bestellen

Jetzt bestellen
Abschnitt 2.7, Die Posttraumatische Belastungsstörung
Abschnitt 2.7
Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Titel: Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-002
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 2.7 – Die Posttraumatische Belastungsstörung

Die Posttraumatische Belastungsstörung ist eine verzögerte oder protrahierte13Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalen Ausmaßes (kurz oder lang anhaltend), die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. (Definition der WHO in ICD 10)

Während die Akute Belastungsreaktion die normale Reaktion eines normalen Menschen auf außergewöhnlich belastende Erfahrungen ist, ist der Begriff "Posttraumatische Belastungsstörung" die Bezeichnung für die psychische Erkrankung, die sich bei an tragischen Ereignissen beteiligten Personen ausprägen kann.

Die Symptome der Akuten Belastungsreaktion haben sich nicht zurückgebildet.

Die Diagnose, ob eine solche psychische Erkrankung vorliegt oder nicht, kann nur von in der Psychotraumatologie ausgebildeten Fachleuten, vornehmlich Psychotherapeuten, gestellt werden.

Dies kann frühestens einen Monat14 nach dem belastenden Ereignis geschehen. Ist sie diagnostiziert, bedarf sie einer speziellen therapeutischen Behandlung.

Seit die Akute Belastungsreaktion und die Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) klar definiert sind und diagnostiziert werden können, ist viel Zeit und Arbeit investiert worden, um diese Phänomene wissenschaftlich zu erforschen und zu verstehen.

Heute ist eine diagnostizierte PTSD keine die Existenz gefährdende Krankheit mehr. Die meisten daran erkrankten Personen können nach entsprechender Therapie sogar sehr schnell wieder ihr normales Leben aufnehmen oder sogar während der Therapie fortführen.

Dennoch beweisen Untersuchungen aus den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts, dass sich die PTSD als psychische Erkrankung ausbildet. Immerhin wurde diese bei 7-8 % derjenigen, die in irgendeiner Weise an Unfällen beteiligt waren, diagnostiziert.

Häufigkeit von PTSD nach Traumata15
Lebenszeitprävalenz (während des gesamten Lebens)1-2 %
Feuer/Naturkatastrophe4-5 %
Unfälle7-8 %
Körperliche Gewalt11-12 %
Feuerwehrdienst/Rettungsdienst16 %
Sexuelle Belästigung20 %
Kindesmissbrauch30 %
Krieg38 %
Vergewaltigung55 %
Folter66 %

Menschen, bei denen sich eine PTSD ausgebildet hat, können ohne therapeutische Behandlung nicht wieder zu ihrem normalen Lebensstil und Lebensrhythmus zurückkehren. Mögliche Folgen sind:

  • Soziale Kontakte werden abgebrochen und Vereinsamung droht.

  • Ehen und Familien drohen zu zerbrechen oder zerbrechen tatsächlich.

  • Orte, die an das Unglück erinnern, werden vermieden.

  • Die an Unfällen beteiligten Verkehrsmittel werden nicht mehr genutzt.

  • Die Arbeit kann nicht mehr aufgenommen werden (speziell nach Arbeitsunfällen).

  • Drogen- und Alkoholmissbrauch,

  • Suizid.

Es ist davon auszugehen, dass zahlreiche Opfer, die unter den Reaktionen und Symptomen psychischer Belastung leiden, nicht die Diagnosekriterien der PTSD erfüllen. Dennoch können diese Symptome das gesamte Leben dieser Personen für lange Zeit und sogar dauerhaft erheblich beeinträchtigen. Weitere Symptome können sein:

  • Krampfanfälle,

  • Anpassungsstörungen,

  • Depressionen,

  • Selbstmedikation oder Drogenmissbrauch,

  • Persönlichkeitsstörungen (Borderline, asoziales Verhalten, multiple Persönlichkeit, schizoides Verhalten),

  • Panikattacken,

  • instabile Arbeitsleistung,

  • Gedächtnisstörungen,

  • medizinische Störungen, wie Bluthochdruck-Episoden, Entzündungen des Magen-Darm-Traktes, Spannungs- und Migränekopfschmerzen usw.

Die Reaktionen und Symptome, die ein Mensch nach einem belastenden Ereignis zeigt, sind an sich nicht Besorgnis erregend, sondern als normal anzusehen.

Ein Problem tritt dann auf, wenn sich diese Symptome und Reaktionen zu einer psychischen Erkrankung - der PTSD - ausbilden.

Schon der gesunde Menschenverstand sagt, dass es sinnvoller ist in Prävention zu investieren, als die Ausbildung einer PTSD mit anschließender Therapie zu riskieren.

13

über eine längere Zeitspanne hinweg andauernd

14

Mitchell/Everly, S. 47

15

Tabelle aus: Müller-Lange, Handbuch Notfallseelsorge (Seite 78)