DGUV Information 206-002 - Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundh...

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Abschnitt 2.5, Die Symptome der Akuten Belastungsreaktion:
Abschnitt 2.5
Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Titel: Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-002
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Abschnitt 2.5 – Die Symptome der Akuten Belastungsreaktion:

- Emotionale Taubheit, Abgestumpftheit, Fehlen emotionaler Reaktionsfähigkeit

Während die Rettungs- und Bergungsmaßnahmen noch laufen, wendet sich der Schichtführer, der auch als Ersthelfer beteiligt war, an seinen Hallenmeister. "Horst fällt ja nun aus. Der Auftrag muss aber bis morgen Abend abgearbeitet sein. Das wird ohnehin schon eng. Wen können wir denn als Ersatz an die Maschine stellen?"

Um die eigene Seele vor der Belastung zu schützen, wird in der belastenden Situation ein sachliches Problem vor die emotionale Reaktion gestellt. Diese ist aber trotzdem vorhanden, wird nur zu diesem Zeitpunkt nicht ausgelebt.

Andere Formen emotionaler Taubheit sind ein lethargisches Verharren und regungsloses Verhalten, z.B. Löcher in die Luft starren.

Typisch für die Symptome dieser Gruppe ist, dass die Beteiligten den Anschein erwecken, als ginge es ihnen gut und sie keiner Hilfe bedürfen.

Die Reaktionen, die für Leib und Leben gefährlich werden können, treten möglicherweise verzögert auf, zu einer Zeit, zu der keine Begleitung mehr gewährleistet ist.

Behalten Sie betroffene Personen mit diesen Symptomen im Auge.

Beobachten Sie, ob sich ihre Verhaltensweisen verändern.

Erkundigen Sie sich nach Möglichkeit auch nach dem Verlassen des Unfallortes nach deren Wohlbefinden, um sofort Hilfen einleiten zu können, wenn Veränderungen auftreten.

- Beeinträchtigung der bewussten Wahrnehmung der Umwelt

Der Augenzeuge eines Verkehrsunfalls auf der Autobahn verlässt sein Fahrzeug, steigt über die Mittelleitplanke und läuft in den fließenden Verkehr der Gegenfahrbahn.

Die Person befindet sich in einem Zustand, in dem die Wahrnehmung sehr stark eingeschränkt ist. Die Umwelt, das, was um sie herum passiert, wird fast oder sogar ganz ausgeblendet.

Das kann dazu führen, dass sich die Betroffenen durch unkontrollierte Handlungen akuter Lebensgefahr aussetzen.

Andere verweilen in der Nähe der Unfallstelle, verhalten sich scheinbar unauffällig, können aber später weder den Hergang der Ereignisse, noch von weiteren anwesenden Personen berichten.

Lassen Sie Personen mit Symptomen dieser Art niemals allein. Halten Sie sich am besten abseits der Einsatzstelle auf, wo die Hektik und die Geräuschkulisse der Rettungsmaßnahmen nicht ablenken.

Verhindern Sie unter Berücksichtigung des Eigenschutzes, ggf. mit Hilfe anderer, gesundheits- oder lebensgefährdende Aktionen der belasteten Person.

- Erregungszustände

Es ist 23:15 Uhr. Seit einer halben Stunde ist er wieder zu Hause. In kurzen und knappen Worten hat er seiner Frau erzählt, was ihm unterwegs passiert ist. Auf der Autobahn war der Wagen vor ihm in der Ausfahrt von der Fahrbahn abgekommen und an einen Brückenpfeiler geprallt. Der Fahrer hinter dem Steuer lebte nicht mehr. Erste Hilfe leisten brauchte er nicht. Er setzte den Notruf ab und wartete. Als die Polizei kam, wurde er als Zeuge befragt. Dann konnte er wieder weiterfahren.

Jetzt zu Hause muss er sich irgendwie ablenken. Er schaltet den Fernseher an. Nach knapp fünf Minuten macht er ihn wieder aus und greift zur Zeitschrift mit dem Kreuzworträtsel. Der Stift wandert schnell von einer Hand in die andere, aber die Lösungswörter wollen ihm einfach nicht einfallen. Nach zwei Minuten fällt ihm ein, dass er ja im Keller die eine Wand zu Ende fliesen könnte - mitten in der Nacht. Knapp zehn Minuten ist er im Keller, da verletzt er sich.

• Diese Unruhe wird ausgelöst durch bewusste oder unbewusste Erinnerungen an das tragische Ereignis. Die Bilder, die Geräusche sind so schrecklich, dass sie verdrängt werden sollen. Dazu ist jede Ablenkung recht. Allerdings nimmt kaum eine Beschäftigung die betroffenen Personen dermaßen in Beschlag, dass die Erinnerungen gänzlich ausgeschaltet werden könnten. Bei fast jeder Tätigkeit nutzen die Gedanken die Gelegenheit, zu dem belastenden Erlebnis zurückzukehren. Jedes Mal, wenn das geschieht, muss eine neue Abwechslung her. Die letzte funktioniert nicht mehr. So wird Begonnenes nicht zu Ende geführt. Es werden Aktionen als Ablenkung ausgewählt, die von Lärm oder schnellen, kraftvollen Bewegungsabläufen geprägt sind.

• Weitere Reaktionen dieser Symptomgruppe sind (erhöhte) Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen, stetige motorische Unruhe, übertriebene Schreckhaftigkeit, übertriebene Wachsamkeit oder Schlafstörungen. Die Erinnerungen lassen aber auch den Körper nicht zur Ruhe kommen. Herzrasen, schnelle Atmung, Schweißausbrüche usw. können Reaktionen des Körpers auf die psychische Belastung sein.

Reagiert ein Mensch nach einem traumatisierenden Erlebnis mit Symptomen der Erregbarkeit, ist höchste Aufmerksamkeit gefordert. Es besteht immer die Gefahr, dass sich vor allem am Arbeitsplatz, im Auto, aber auch im privaten Bereich weitere Unfälle mit nicht einschätzbaren Folgen ereignen.

Es ist leicht vorstellbar, dass diese Reaktionen auch eine enorme Belastung für die engsten Angehörigen und Freunde bedeuten. Der Partner/ die Partnerin wird am Schlaf gehindert; er/sie muss als Gegenüber die Reizbarkeit aushalten und auf die Schreckhaftigkeit Rücksicht nehmen.

Und nicht selten haben psychisch belastete Menschen die Erwartung, dass das Umfeld ihrer Unruhe folgen und sich an den hyperaktiven Aktionen beteiligen muss. Das kann das Zusammenleben für die Zeit, in der die Akute Belastungsreaktion anhält, erschweren.

Ermutigen Sie die betroffene Person, von dem belastenden Ereignis zu erzählen. Reden ist ein gutes Mittel, das Gefühl der Unruhe auszuleben und das schlimme Erlebnis zu verarbeiten.

Behindern Sie die betroffene Person nicht in ihrem Bewegungsdrang. Ruhe wird die innere Erregung weiter steigern, bis sie mit noch heftigeren Reaktionen ausbricht.

Seien Sie stark. Versuchen Sie die Reaktionen der betreffenden Person auszuhalten. Vor allem gegen Sie gerichtete Reizbarkeit hat keinen persönlichen Hintergrund.

- De-Realisierung

Ein Polizeibeamter und ein Notfallseelsorger teilen einer 63-jährigen Frau gegen 15:30 Uhr in ihrem Wohnzimmer mit, dass ihr Ehemann bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt ist. Darauf die Ehefrau: "Na, dann geh‚ ich uns erst einmal einen Kaffee kochen". Der Polizeibeamte beginnt sich aufzuregen. Ihm sei nicht nach Kaffee. Wie die Ehefrau jetzt an Kaffeetrinken denken könne, verstehe er nicht. Nach ca. zwei Minuten kommt sie aus der Küche und fragt: "Was haben Sie gerade gesagt?"

Manche Menschen, die etwas Schlimmes erleben, realisieren das, was ihnen mitgeteilt wird, gar nicht.

Viele Betroffene nehmen das Ereignis zwar wahr, halten aber die Nachricht, das Geschehen zunächst nicht als Realität. So ist für die Ehefrau im Beispiel die Tatsache, dass sie am Nachmittag zur Kaffeezeit Besuch bekommt, viel realer als die Information, dass ihr Mann verstorben ist.

Personen, die mit dem Symptom der De-Realisierung auf ein tragisches Ereignis reagieren, verhalten sich oft in einer Art und Weise, die für die Umwelt zunächst unverständlich ist, ja pietätlos erscheint.

Dieses Symptom hält in der Regel nicht sehr lange an. Es wird dann von anderen Symptomen, die bereits geschildert wurden, abgelöst.

Akzeptieren Sie die für Sie unverständliche Verhaltensweise der betroffenen Person. Warten Sie ab. Rechnen Sie damit, dass Sie alles was Sie bisher gesagt und getan haben, wiederholen müssen.

- Vermeidung von Reizen, Gedanken, Aktivitäten und Begegnungen, die mit dem Ereignis zu tun haben

Ein achtjähriges Mädchen will mit seinem Fahrrad die Straße überqueren. Ohne auf den Verkehr zu achten, fährt es los. Sofort auf der ersten Fahrspur wird es von einem Lkw erfasst.

Die Fahrerin eines auf der Gegenfahrbahn herannahenden Autos hört einen Knall, bremst, bleibt sofort stehen und sieht das Kind auf der Straße liegen. "Wenn der Lkw das Kind nicht erfasst hätte, hätte ich sie überfahren", denkt sie. Sie war auf dem Weg zur Arbeit.

Vier Wochen ist das nun schon her. Seit diesem Tag ist sie nicht mehr durch diesen Ort gefahren. Zur Arbeit nimmt sie einen Umweg von gut 20 km in Kauf. Sie muss auch morgens erheblich früher aufstehen. Aber das fällt ihr leichter, als noch einmal an der Unfallstelle vorbeizufahren. Das schafft sie nicht.

Es gibt zwei Möglichkeiten, mit einem tragischen Ereignis umzugehen:

Verarbeiten oder Verdrängen.

Menschen, die solche Erlebnisse nicht verarbeiten, müssen sie verdrängen, um wieder ein einigermaßen normales Leben führen zu können. Wobei "normal" nicht heißt: Alles ist wie früher.

Sie müssen verdrängen, denn sich zu erinnern würde bedeuten, alles vor dem inneren Auge noch einmal zu erleben. Und das mit der Konsequenz, dass sich die psychische Belastung samt der erfolgten Reaktionen wiederholt.

Menschen, die verdrängen, zahlen unter Umständen einen hohen Preis: Sie müssen alles meiden und vermeiden, was Erinnerungen an diese schlimme Erfahrung wieder zuließe.

Sie müssen Alternativen entwickeln, um vor allem Orte und Gegenstände zu meiden, die an das Ereignis erinnern.

Sie müssen viel Energie aufbringen, um die Vermeidungsstrategie erfolgreich anzuwenden. Gedanken lassen sich nicht so einfach verdrängen. Sie müssen dazu gezwungen werden ("Ich will jetzt nicht daran denken!"). Menschen können nicht so einfach von Gewohnheiten lassen. Sie müssen mehr oder weniger bewusst verändert werden ("Jetzt fahre ich nicht durch den Ort. Sonst komme ich an der Unfallstelle vorbei, und das will ich nicht!"). Und schon sind zumindest einige Gedanken wieder bei dem Unfall. Das ist ein Teufelskreis.

Es ist davon auszugehen, dass die meisten der Alternativen, die zur Auswahl stehen, das Leben nicht gerade vereinfachen, sondern eher komplizieren. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Menschen in der direkten Umgebung12 und kann zu Konflikten führen. Die Energie, die für die Vermeidungsstrategie aufgebracht werden muss, bindet sehr viel Kraft und Aufmerksamkeit, die sonst für andere Dinge im Leben benötigt wird. Müdigkeit, Ausgebrannt sein, Antriebslosigkeit usw. können die Folgen sein, was wiederum zu einer Verschlechterung des körperlichen Gesundheitszustandes führen kann.

Beobachten Sie die betreffende Person. Achten Sie darauf, ob die Vermeidungsstrategien weniger werden. Nimmt der Aufwand zur Vermeidung von psychischen Belastungen nach einem tragischen Ereignis nicht erkennbar ab, vermitteln Sie professionelle, therapeutische Hilfe, bevor der seelische, körperliche und/oder familiäre Zusammenbruch erfolgt.

12

Bezogen auf das angeführte Beispiel: Das frühere Aufstehen lässt auch den Partner/die Familie früher aufwachen. Es zieht ein früheres Zu-Bett-Gehen mit sich. Das kann Auswirkungen auf die Partnerschaft haben. Nach Arbeitsschluss dauert die Heimfahrt länger. Vereinbarte Kinderbetreuungszeiten können ggf. nicht mehr eingehalten werden usw.