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DGUV Information 206-002 - Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Titel: Wenn die Seele streikt Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen (bisher: BGI 5046)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: DGUV Information 206-002
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Satzung

Wenn die Seele streikt
Vermeidung psychischer Gesundheitsschäden nach schweren Arbeitsunfällen
(bisher: BGI 5046)

Vereinigung der Metall-Berufsgenossenschaften

Stand der Vorschrift: 2007

Einführung

Bernd K. ist völlig übermüdet. Immer wieder drohen ihm seine Augen zuzufallen, während er die Maschine bedient.

Zwei Wochen ist es jetzt her, dass er aus der Nähe mit ansehen musste, wie ein Kollege verunglückte und noch in der Halle verstarb. Seitdem hat er keine Nacht mehr richtig geschlafen. Immer diese Alpträume: die Hilferufe, das Chaos, die Hektik, der leblose Körper, die Angst um den Kollegen, die knallharte Wahrheit, die Gedanken an seine Familie - all das wird zur Wirklichkeit, Nacht für Nacht.

"Bin ich nicht normal? Werde ich langsam verrückt?" So kann er jedenfalls nicht weiterarbeiten. In seinem Zustand wäre das viel zu gefährlich. Sonst ist er vielleicht der Nächste.

Mustafa S. hat die Halle, in der sich sein Arbeitsplatz befindet, erreicht. Er steht vor der Tür, kann aber keinen Schritt mehr weiter. Alles in ihm sträubt sich. Da drin ist gestern in der Frühschicht sein Freund ums Leben gekommen. Er dreht auf dem Absatz um und geht. Er lässt sich krankschreiben und nimmt Beruhigungsmittel. Damit geht es von Tag zu Tag besser. Nach einer Woche werden die Medikamente abgesetzt. Er geht wieder zur Arbeit. Die Halle, in der sich sein Arbeitsplatz befindet, hat er erreicht. Er steht vor der Tür, kann aber keinen Schritt mehr weiter. Alles in ihm sträubt sich. Er dreht auf dem Absatz um und geht. Er lässt sich krankschreiben und nimmt wieder Beruhigungsmittel.

Mustafa S. hat nie wieder gearbeitet.

Peter B. sitzt zu Hause an seinem Wohnzimmertisch. Es ist gegen 10:00 Uhr. Vor ihm ein voller Aschenbecher, Zigaretten, eine leere und eine volle Flasche Schnaps. Es ist noch keine zwei Stunden her, da ist ihm etwas passiert. Er weiß nicht wie. Er versteht das alles nicht. Er weiß nur, dass sein Arbeitskollege jetzt tot ist. "Ich hab‚ ihn umgebracht! Es ist meine Schuld, dass H. nicht mehr lebt! Einen Moment habe ich nicht aufgepasst, da ..."

Es ist so still in der Wohnung. Seine Frau hat ihn vor zwei Wochen verlassen. Er schaut sich um: Chaos.

Es hat doch alles keinen Sinn mehr. Zu Hause bin ich alleine und meinen Kollegen kann ich jetzt auch nicht mehr unter die Augen treten. Was soll ich also noch hier?

• Dies sind nur drei ganz konkrete Situationen, die nach Arbeitsunfällen eingetreten sind. Sie zeigen die Gefahren, die auftreten, wenn keine psychosoziale Begleitung der Betroffenen erfolgt.

• Dabei sind schwere Arbeitsunfälle gar nicht so selten, wie man allgemein annimmt. Für das Jahr 2004 weist alleine die Statistik des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften 645 tödliche und 841000 meldepflichtige Arbeitsunfälle auf. Neu bewilligt wurden 18138 Arbeitsunfallrenten.1

• Durch diese Unfälle ist eine viel höhere, nicht zu beziffernde Zahl von Menschen indirekt betroffen: Ersthelfer, Augenzeugen, Arbeitskollegen und -kolleginnen, Führungskräfte in den Betrieben, Angehörige. Sie sind psychischen Belastungen ausgesetzt, die kaum Beachtung finden. Ihre körperlichen Reaktionen auf solche Ereignisse (Akute Belastungsreaktionen) werden nicht wahrgenommen und erst recht nicht ernst genommen. Die Gefahr, dass sich aufgrund dieser psychischen Belastungen Gesundheitsschäden entwickeln, die lange Zeit anhalten und sogar chronisch werden können, wird unterschätzt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt nach der ICD 10 die Posttraumatische Belastungsstörung PTSD.

• Nach den §§ 1 und 14 Siebtes Buch Sozialgesetzbuch (SGB VII) haben die Unfallversicherungsträger die Verpflichtung, die Durchführung von Maßnahmen zur Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren in den Betrieben zu überwachen und die Unternehmer und Versicherten zu beraten. Psychische Belastungen sind zu den arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren zu rechnen.

• Der § 3 des Arbeitsschutzgesetzes verpflichtet den Arbeitgeber, Maßnahmen des Arbeitsschutzes zu treffen und dabei diejenigen Umstände zu berücksichtigen, die die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten bei der Arbeit beeinflussen. Dies gilt sowohl für technische Maßnahmen als auch für die Arbeitsorganisation. Soziale Beziehungen, Arbeitsumwelteinflüsse und arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse sind dabei unbedingt mit einzubeziehen. Aus diesem ganzheitlichen Ansatz ergibt sich ebenfalls die Verpflichtung, auch die psychischen Belastungen voll einzubeziehen.

Weiterhin haben die Unfallversicherungsträger mit allen geeigneten Mitteln möglichst frühzeitig den durch einen Versicherungsfall verursachten - auch psychischen - Gesundheitsschaden zu beseitigen oder zu vermindern, seine Verschlimmerung zu verhüten und mögliche Folgen zu minimieren (§ 26 Abs. 2 SGB VII).

• Psychische Erkrankungen als Folge eines Arbeitsunfalls sind nach wie vor ein wichtiges Thema für Juristen und Mediziner.

Das Bundessozialgericht (BSG) hat schon 1962 klargestellt, dass ein regelwidriger Geisteszustand oder eine seelische Störung als "Körperschaden" in der gesetzlichen Unfallversicherung zu entschädigen sind, wenn diese auf einen Arbeitsunfall zurückgeführt werden können. Auch rein psychische Einwirkungen - wie etwa ein Schockerlebnis oder psychischer Stress - können als Unfallereignis im Sinne der Definition des Arbeitsunfalls angesehen werden.

Es ist daher zwingend notwendig, neben der medizinischen ersten Hilfe auch die "Erste Hilfe für die Seele" zu etablieren. Durch sie können psychische Gesundheitsschäden reduziert und sogar verhindert werden. Sie ermöglicht den an einem schlimmen Ereignis beteiligten Personen, schneller wieder zur Normalität zurückzukehren.

Das vorliegende Handbuch richtet sich an Menschen, die

  • in Großbetrieben und kleinen und mittleren Betrieben für die Vermeidung arbeitsbedingter Gesundheitsschäden verantwortlich sind,

  • als Angestellte der Betriebe im Falle eines schweren Arbeitsunfalls die "Erste Hilfe für die Seele" leisten und leisten sollen,

  • für Institutionen und Organisationen tätig sind, die als externe Anbieter von Krisenintervention bei schweren Arbeitsunfällen tätig werden.

Dieses Handbuch vermittelt und enthält

  • grundlegende Informationen über das Geschehen am Unfallort,

  • Basiswissen aus der Psychotraumatologie,

  • Anleitungen für Maßnahmen der psychosoziale Begleitungpsychosozialen Begleitung (Erste Hilfe für die Seele) von betroffenen Personen nach schweren Arbeitsunfällen,

  • Checklisten

    und

  • Kontakte zu Institutionen und Organisationen, die professionelle Unterstützung zur psychosoziale NotfallhilfePsychosozialen Notfallhilfe vermitteln und anbieten.

Erläuterung zu den Marginalien

      
Informationen zu
den einzelnen
Themenbereichen
Auswirkungen auf
die Seele und
deren Folgen
Zusammen-
fassung
InhaltsübersichtAbschnitt
  
Notruf 112 - Die Rettungsmaßnahmen und ihre Auswirkungen auf die Seele1
Der Rettungsdienst1.1
Die Feuerwehr1.2
Die Polizei1.3
Das Staatliche Amt für Arbeitsschutz1.4
Die Berufsgenossenschaft1.5
Kleine Einführung in die Psychotraumatologie2
Traumareaktionen - kein Phänomen der Neuzeit2.1
Das Trauma - Definitionen2.2
Die Akute Belastungsreaktion2.3
Unterschiedliche Belastungsreaktionen2.4
Die Symptome der Akuten Belastungsreaktion:2.5
Trigger (Auslöser)2.6
Die Posttraumatische Belastungsstörung2.7
Die Bewältigung der Krise3
Geschäftsführung und weitere Führungskräfte3.1
Einbindung der "Psychosozialen Notfallhilfe" in den Notfallplan3.2
Ersthelfer/Augenzeugen3.3
Kollegen/Kolleginnen aus anderen Abteilungen während der Rettungs- und Ermittlungsmaßnahmen3.4
Kollegen/Kolleginnen aus anderen Abteilungen nach Abschluss der Rettungs- und Ermittlungsmaßnahmen3.5
Kollegen/Kolleginnen aus anderen Schichten3.6
Die Angehörigen der Opfer3.7
Zusammenfassung3.8
Notfallseelsorge, Notfallbegleitung und Krisenintervention als Partner bei Notfällen4
In der akuten Notfallsituation4.1
Nach der akuten Notfallsituation4.2
Umgang mit eigenen Belastungen5
Bewältigungsstrategien nach Mitchell5.1
Das Gengenbach-Viereck5.2
Leistungen der gesetzlichen Unfallversicherung6
Ausbildung Psychosozialer Notfallhelfer6.1
Gruppen-Einsatz-Nachgespräche (prätherapeutische Hilfe)6.2
Probatorische Sitzungen (prätherapeutische Hilfe)6.3
Therapeutische Behandlung6.4
  
Notfallplan, Benachrichtigungskette, ChecklistenAnhang
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http://www.hvbg.de, Link: "Statistiken"/"Unfälle"