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Moderne Arbeitswelt belastet die Psyche

Rosarius, Arbeitssicherheitsjournal 2011, 22

Thema: Moderne Arbeitswelt belastet die Psyche
Zeitschrift: arbeitssicherheits.journal
Autor: Hans T. Rosarius
Rubrik: arbeitssicherheit.wissen
Referenz: Arbeitssicherheitsjournal 2011, 22 (Heft 1)

Moderne Arbeitswelt belastet die Psyche

Hans T. Rosarius
Rosarius: Moderne Arbeitswelt belastet die Psyche - Arbeitssicherheitsjournal 2011 Heft 1 - 22

Hohe Arbeitsanforderungen und ein geringer Einfluss auf den Arbeitsprozess wirken sich negativ auf die Psyche der Arbeitnehmer und damit auf die Arbeitssicherheit aus. Jeder zehnte Arbeitsunfähigkeitstag ist auf psychische Erkrankungen zurückzuführen.

Deutsche Arbeitnehmer sind immer häufiger arbeitsunfähig, weil vom Arzt eine psychische Erkrankung diagnostiziert wird. Durchschnittlich knapp elf Prozent aller Fehltage gingen 2008 auf psychische Erkrankungen zurück. Zu diesem Ergebnis kommt die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) in einer Auswertung der Gesundheitsreporte vom Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK), vom Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK), der Barmer Ersatzkasse (BEK), der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK), der Gmünder Ersatzkasse (GEK) und der Techniker Krankenkasse (TK).

In den letzten 20 Jahren haben sich diese Krankschreibungen fast verdoppelt, die überdurchschnittlich lange Fehlzeiten in den Betrieben verursachen: bei AOK-Versicherten durchschnittlich etwa drei Wochen, bei DAK vier und bei BEK sogar rund fünfeinhalb Wochen pro Krankschreibung.

„Die ständig steigende Zahl der Tage, an denen Arbeitnehmer aufgrund psychischer Krankheiten arbeitsunfähig sind, belegt die tatsächliche Dimension psychischer Erkrankungen“, stellt BPtK-Präsident Professor Dr. Rainer Richter fest. „Psychische Krankheiten wurden jahrzehntelang übersehen oder nicht richtig diagnostiziert. Die wachsende Zahl von Arbeitnehmern, die aufgrund einer seelischen Störung arbeitsunfähig sind, ist deshalb nicht überraschend.“ Die Zunahme ist aber auch eine Folge der steigenden psychischen Anforderungen in modernen Dienstleistungsgesellschaften.

Komplexe Anforderungen machen krank

Der Einsatz hochentwickelter Technik, neue Technologien, eine verstärkte Arbeitsteiligkeit, Rationalisierung und Flexibilisierung betrieblicher Prozesse sowie massiver Zeitdruck prägen den Arbeitsalltag vieler Menschen und stellen immer höhere Anforderungen an die Bewältigung von Arbeitsaufgaben. Erkenntnisse aus der Forschung belegen die deutliche Zunahme an psychischen Belastungen. Als Folge davon sind negative Auswirkungen auf die erfolgreiche Bewältigung von Arbeitsaufgaben, auf die Arbeitssicherheit sowie auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Beschäftigten zu beobachten.

Analysen belegen, dass sich bei hohen Arbeitsanforderungen wie Zeitdruck, Aufgabenvielseitigkeit, Verantwortung und einem geringen Einfluss auf den Arbeitsprozess überdurchschnittlich häufig psychische Erkrankungen entwickeln. Zudem häufen sich psychosomatische Beschwerden, wenn ein massiv gestörtes Gleichgewicht besteht zwischen beruflichem Einsatz und Entlohnung sowie Anerkennung wie Wertschätzung der Person, Aufstiegschancen, Arbeitsplatzsicherheit.

Neue Untersuchungen weisen nach, dass eine hohe Arbeitsintensität – wie Zeitdruck, Störung des Arbeitsablaufs und wenig Möglichkeiten, Aufgaben an andere zu delegieren – das Risiko erhöht, an einer Depression zu erkranken. Durchschnittlich fehlt ein depressiv Erkrankter an 35 bis 50 Tagen an seinem Arbeitsplatz. Eine Analyse der BEK ergab, dass einige an Depression erkrankte Arbeitnehmer sogar 13 Wochen ausfallen.

Vorbeugung durch humanere Arbeitsgestaltung

Psychische Erkrankungen treten vor allem in den Dienstleistungsbranchen auf. Überdurchschnittlich viele Fehltage erfassten die Krankenkassen beispielsweise bei den Beschäftigten im Sozial- und Gesundheitswesen, in der Telekommunikation und in öffentlichen Verwaltungen. Besonders belastet sind die Mitarbeiter von Callcentern, die etwa doppelt so häufig ausfallen wie der Durchschnitt. Dagegen ist der Anteil in klassischen Arbeiterberufen, wie in der Land- und Forstwirtschaft oder im Baugewerbe, um ein Drittel bis die Hälfte niedriger als im Durchschnitt aller Erwerbstätigen.

Eine wirksame Verhütung psychischer Erkrankungen erfordert aus Sicht von Richter die Umsetzung der Erkenntnisse zur humaneren Arbeitsgestaltung in der industriellen Massenfertigung im Dienstleistungssektor. Darüber hinaus sollte die betriebliche Gesundheitsförderung den Arbeitnehmern vermehrt gezielte Trainings zur Stärkung der psychischen Widerstandkraft (Resilienztrainings) anbieten, mit denen die Bewältigung von belastenden Situationen gefördert wird.

Gesundheit ist nach der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht nur ein Grundrecht eines jeden menschlichen Wesens, sondern wird definiert als „ein Zustand des vollkommenen körperlichen, sozialen und geistigen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheiten und Gebrechen“. In den letzten Jahren wurde der Gesundheitsbegriff immer wieder erweitert. Über das Wohlbefinden hinaus wurden auch Fähigkeiten zur Problemlösung und zum Aufbau sozialer Beziehungen eingegliedert.

Professor Dr. Bernhard Badura von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld will „Gesundheit nicht als einen statischen Zustand, sondern als eine Fähigkeit zur Problemlösung und Gefühlsregulierung begreifen, durch die ein positives seelisches und körperliches Befinden und ein unterstützendes Netzwerk sozialer Beziehungen erhalten und wiederhergestellt wird“. Danach umfasst die Gesundheit nicht nur physische Aspekte, sondern schließt psychische Prozesse mit ein.

Grundsätzlich schreibt das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) die Sicherung und Verbesserung von Sicherheit und Gesundheitsschutz der Beschäftigten bei der Arbeit durch Maßnahmen des Arbeitsschutzes vor. Als Maßnahmen des Arbeitsschutzes versteht der Gesetzgeber Maßnahmen zur Verhütung von Arbeitsunfällen und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren einschließlich der Maßnahmen zur menschengerechten Gestaltung der Arbeit. Bei der Gestaltung von Maßnahmen hat der Arbeitgeber unter anderem von folgenden allgemeinen Grundsätzen auszugehen:

  1. Bei den Maßnahmen sind der Stand von Technik, Arbeitsmedizin und Hygiene sowie sonstige gesicherte arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse zu berücksichtigen.

  2. Maßnahmen sind mit dem Ziel zu planen, Technik, Arbeitsorganisation, sonstige Arbeitsbedingungen, soziale Beziehungen und Einfluss der Umwelt auf den Arbeitsplatz sachgerecht zu verknüpfen.

Welche Maßnahmen des Arbeitsschutzes konkret erforderlich sind, hat der Arbeitgeber durch eine Beurteilung der für die Beschäftigten mit ihrer Arbeit verbundenen Gefährdung zu ermitteln. Das ArbSchG weist ausdrücklich darauf hin, dass sich eine Gefährdung nicht nur durch die „klassischen“ Unfall- und Gesundheitsgefahren ergeben kann, sondern auch durch Faktoren wie die Gestaltung von Arbeits- und Fertigungsverfahren, Arbeitsabläufen und Arbeitszeit und deren Zusammenwirken oder unzureichende Qualifikation und Unterweisung der Beschäftigten. Diese Faktoren haben zumindest indirekt einen Einfluss auf die psychische Belastungssituation am Arbeitsplatz.

Gefährdungsanalyse schließt Psyche ein

Die auf Grundlage der Beurteilung der Arbeitsbedingungen getroffenen Maßnahmen sowie ihre Wirksamkeitsprüfung und gegebenenfalls Anpassung hat auch im Bereich der psychischen Belastungen ihre Gültigkeit. Das ArbSchG verfolgt damit einen systematischen, auf Nachhaltigkeit angelegten Ansatz mit dem Ziel, die Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Beschäftigten kontinuierlich zu verbessern. Durch die Verpflichtung zum Aufbau einer geeigneten betrieblichen Organisationsstruktur und die Bereitstellung der erforderlichen Mittel soll sichergestellt werden, dass die Maßnahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes wirksam in die Praxis umgesetzt werden.

Von den Rechtsverordnungen zur Durchführung des ArbSchG enthält die Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV) explizit den Begriff „psychische Belastungen“. Bei der Gefährdungsbeurteilung von Bildschirmarbeitsplätzen hat der Arbeitgeber demnach die Sicherheits- und Gesundheitsbedingungen hinsichtlich einer möglichen Gefährdung des Sehvermögens, körperlicher Probleme und auch psychischer Belastungen zu ermitteln und zu beurteilen (§ 3 BildscharbV).

Indirekt wirken auch andere Verordnungen im Arbeitsschutzrecht auf die Reduzierung psychischer Fehlbelastungen hin, so beispielsweise die Lasthandhabungsverordnung, die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung und die Arbeitsstättenverordnung mit ihren Regelungen zur Gestaltung des Arbeitsplatzes und der Arbeitsumgebungsbedingungen, wie Lärm, Klima, Beleuchtung, Ergonomie etc., oder das Arbeitszeitgesetz mit seinen Regelungen zur werktäglichen Arbeitszeit inklusiv Ruhezeiten.