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Klimakomfort bei Sicherheitsschuhen

Best, Arbeitssicherheitsjournal 2011, 12

Thema: Klimakomfort bei Sicherheitsschuhen
Zeitschrift: arbeitssicherheits.journal
Autor: Sabine Best
Rubrik: arbeitssicherheit.technik
Referenz: Arbeitssicherheitsjournal 2011, 12 (Heft 1)

Klimakomfort bei Sicherheitsschuhen

Sabine Best
Best: Klimakomfort bei Sicherheitsschuhen - Arbeitssicherheitsjournal 2011 Heft 1 - 12

Je enger Beschaffer und Herstellerfirmen zusammen arbeiten, desto mehr entsprechen Ausrüstung und Sicherheitsschuhe den tatsächlichen Anforderungen im Arbeitsleben. Das Technologie-Unternehmen W.L. Gore & Associates praktiziert das mit Schuhen seit mittlerweile 20 Jahren.

„Bei einer unserer Hochgebirgsübungen regnete und schneite es den ganzen Tag“, erinnert sich Josef Anzenberger, 1984 Major und stellvertretender Leiter eines Gebirgsjäger-Bataillons der Deutschen Bundeswehr. „Nach der Biwak-Übernachtung hatten die Soldaten so nasse und aufgeweichte Füße, dass wir die Übung vorzeitig abbrechen mussten.“ Dieses Erlebnis war die Initialzündung für die Zusammenarbeit zwischen Gore und der Bundeswehr. Mit dem Schuhhersteller Lowa wurde daraufhin ein Stiefel mit Goretex-Membran entwickelt, sodass die Deutsche Bundeswehr Ende der 1980er-Jahre die erste Streitkraft weltweit war, die über wasserdichte Gebirgsstiefel verfügte.

Dieses Ereignis bedeutete einen Meilenstein in der Geschichte von wasserdichten Schuhen für die Arbeitswelt. Denn während Goretex-Bekleidung schon Ende der 70er-Jahre immer häufiger eingesetzt wurde, kannte man bei Schuhen nur Gummistiefel als dauerhaft wasserdichtes Schuhwerk. Davon machten besonders Feuerwehren Gebrauch wie der schottische Grampian Fire and Rescue Service in den 80ern oder die Mainburger Feuerwehr, bei der Ewald Haimerl von der Schuhherstellerfirma Haix aktiv war, sogar noch Anfang der 90er-Jahre.

Feuerwehrschuhe – vom Gummistiefel zum Hightech-Produkt

Mit den Gummistiefeln war Haimerl so unzufrieden wie seine Kameraden. Als Schuhprofi im väterlichen Betrieb Haix, dessen Geschäftsführer er mittlerweile ist und der heute 600.000 Paar Arbeits- und Sicherheitsschuhe jährlich weltweit verkauft, nahm er sich der Sache an und entwickelte mit Gore neuartige, funktionelle atmungsaktive Feuerwehrstiefel aus Leder mit Membran.

Neben dem Militär und den Feuerwehren begannen auch die Bahnen, sich für sicheres, komfortables Schuhwerk zu interessieren – vor allem für ihre stark gefährdeten Gleisarbeiter. Vorreiter waren die Schweizer Bundesbahnen (SBB), die 1994 nach mehreren tödlichen Unfällen beschlossen, sich der Sicherheit der Mitarbeiter verstärkt anzunehmen. Neben neuen Helmen, Bekleidung, Brillen und Handschuhen wurden 1998 Goretex-Sicherheitsschuhe nach EN 345 eingeführt. Bis dato hatten Gleisarbeiter getragen, was ihnen geeignet schien. „Die Palette reichte von Turnschuhen über normale Straßenschuhe bis hin zu Wanderschuhen“, sagt Markus Degen, verantwortlich für Einkauf Berufskleider & PSA bei der SBB. Unfälle, bei denen die Füße betroffen waren, kostete das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt bis zu 10.000 Krankheitstage jährlich.

Mitarbeiter als Produkttester

Um den Anforderungen der Gleisarbeitertätigkeiten genau zu entsprechen, wurden die Mitarbeiter in die Entwicklung des neuen Schuhwerks eingebunden. Es sollte nicht nur Sicherheit bieten, das ganze Jahr einsetzbar, sondern auch bequem und komfortabel sein. „Wichtig war deshalb, dass die Schuhe in drei verschiedenen Weiten angeboten werden, da 40 % der SBB-Mitarbeiter besonders breite Füße haben“, sagt Degen.

In Zusammenarbeit mit Gore wurden 1997 14 Schuhtypen ausgewählt, die von 300 Mitarbeitern über sechs Monate im Tragetest unter realen Bedingungen geprüft wurden. Ein Jahr später wurden 20.000 Paar Schuhe an die SBB ausgeliefert. Mittlerweile trägt sogar das Bordpersonal die SBB Sicherheitsschuhe nach EN ISO 20347-O3. Auch hier gingen Trageversuche voraus. Seit 2010 können die Schaffner zwischen sieben Modellen wählen, drei davon sind mit Goretex ausgestattet.

Für die SBB und ihre Mitarbeiter hat sich diese Investition mehrfach ausgezahlt. Seit 1994 ist die Zahl der Fuß- und Beinunfälle um die Hälfte gesunken. Die Summe der verlorenen Arbeitstage hat sich von 67.000 auf 24.000 verringert. „Das hat auch die jährliche Versicherungsprämie um mehr als die Hälfte auf umgerechnet 11 Mio. € gesenkt“, so Degen. Diese positiven Veränderungen veranlasst auch die Deutsche und Österreichische Bundesbahn dazu, ähnliches Schuhwerk für ihre Mitarbeiter einzuführen.

Das deutsche Militär, die Feuerwehren und die SBB sind typische Beispiele für die Arbeitsweise von Gore: im engen Kontakt nicht nur mit den Herstellern, sondern auch mit den tatsächlichen Trägern der Schuhe. Nur so kann wirklich das geeignete Leistungsprofil des jeweiligen Schuhwerks definiert werden. Dabei können sich die Einkäufer auf die langjährigen Erfahrungen von Gore und den Fabrikanten verlassen.

Bereits seit Anfang der 90er-Jahre beschäftigte sich Gore intensiv mit dem Prozess der Schuhherstellung. Man hatte rasch erkannt, dass sich der Nutzen der wasserdichten, atmungsaktiven Goretex-Membran nur dann auf den gesamten Schuh übertragen lässt, wenn die entsprechende Verarbeitung sichergestellt ist. Im eigens dafür aufgebauten Schuhforschungs- und Testlabor in Feldkirchen wurden systematisch zahlreiche Technologien entwickelt und patentiert, die nicht nur die Laminate, sondern auch die Verarbeitung und die Schuhkonstruktion für wasserdichtes Schuhwerk betreffen.

Heute hält Gore allein im Schuhbereich an die 70 relevante Patente – von Membranen, über Laminate bis zu Einbaukonstruktionen. Sie lassen sich in die Schuhproduktion integrieren und bilden seit mittlerweile zwei Jahrzehnten die Grundlage für dauerhaft wasserdichte und klimakomfortable Arbeits- und Sicherheitsschuhe, wie sie beispielsweise die Wiener Linien (von Altas), die Deutsche Bundesbahn (von Steitz Secura) und Mitarbeiter der Deutschen Telekom (von Atlas) tragen.

Gore-Effekt bei echtem Leder

Ein Durchbruch in Sachen Knowhow-Transfer und Zusammenarbeit mit Lizenznehmern wie Haix, Atlas, Steitz Secura, Meindl, Lowa und anderen europäischen Schuhfabrikanten gelang Gore in den Jahren 1994/95. Von der technischen Abteilung wurde ein Footwear Manual entwickelt. Hier werden Standards für die zahlreichen Gore-Technologien sowie Prüfanweisungen festgehalten. Mit diesen Richtlinien stellt Gore sicher, dass der Träger eines Goretex-Schuhs rund um den Globus dieselbe Qualität erhält.

Eine weitere Errungenschaft im Sektor Funktionsschuhe war die Entwicklung von wasserdampfdurchlässigeren Ledern in Kooperation mit der deutschen Gerberschule und Lederfabriken. Die bis dato üblichen geschlossenen Hydrophobierungen durch Fetten oder Ölen machten die Leder zwar vorübergehend wasserdicht, aber eben auch nahezu wasserdampfundurchlässig. Gore-Leder besitzen einen Atmungsaktivitätslevel von mindestens 5 mg/cm2/h für Vollnarbenleder, 7,5 mg/cm2/h für Nubukleder und 10 mg/cm2/h für Splitleder. Diese Werte liegen sechsmal höher als in der EN 20345 festgelegt.

Qualitätskontrollen bis zum Endprodukt

Im Jahr 1996 führte Gore für alle Lizenzpartner in Europa ein Qualitätsmanagement-System ein. Zwar wurden in der Arbeitswelt immer mehr Schuhe mit Funktionsmembran eingesetzt, wobei es in diesem Angebot große Qualitätsunterschiede gab. Diese resultieren meist aus der Verarbeitung des Funktionsmaterials.

Goretex-Membran ist in ein ganzheitliches Funktionskonzept eingebettet, das in Zusammenarbeit mit den Schuhherstellern bestimmte Verarbeitungstechniken und eine lückenlose Qualitätskontrolle bis zum Endprodukt garantiert. Es erhalten nur Hersteller die Lizenz zur Verarbeitung des Goretex-Futterlaminates, die von Gore definierte Standards in punkto Qualitätssicherung und Organisation erfüllen.

Entwicklung und Expansion

In den 90ern manifestierte sich bei den Arbeitgebern europaweit zunehmend das Bedürfnis, mit dem wasserdichten Schuhwerk nicht nur Unfallprävention zu betreiben, sondern auch klimatischen Einsatzbedingungen differenzierter Rechnung tragen. Ein erster Schritt war die Summer Technologie im Jahre 1999. Schuhe mit dieser patentierten Technologie beschafften u.a. das THW, die Bundespolizei und die Polizei in Rheinland-Pfalz. Mittlerweile gibt es ein noch differenziertes Angebot:

Goretex-Extended-Comfort-Schuhe für moderate und wärmere Temperaturen sowie bei starker körperlicher Aktivität. Höchste Atmungsaktivität und Wärmeableitung sorgen auch bei sommerlichen Temperaturen für trockene und angenehm kühle Füße. Ein typisches Beispiel für diese Art von Goretex-Schuhwerk sind die Desert Boots fürs Militär.

Goretex-Performance-Comfort-Schuhe bieten eine Kombination aus Komfort und Schutz für unterschiedliche Bedingungen. Die leichte Isolierung sorgt dafür, dass die Füße an kalten Tagen warm und geschützt sind und bei Wärme nicht überhitzen. Typische Anwender sind hier beispielsweise die städtischen Müllentsorgungsunternehmen.

Goretex-Insulated-Comfort-Schuhe sind geeignet für kühle und kalte Tage. Das stark isolierende Innenfutter schützt die Füße vor Kälte und hält warm.

Blick in die Zukunft

In Kooperation mit seinen Partnern ist es Gore gelungen, den europäischen Markt mit einer breiten Palette an Arbeits- und Sicherheitsschuhen für unterschiedliche Arbeitsbereiche zu beliefern. Insgesamt gibt es heute über 450 Modelle. 2009 verkauften die Schuhherstellerfirmen mehr als 2,5 Mio. Paar Goretex-Schuhe in Europa.

„Für die Zukunft arbeiten wir an einer weiteren Verbesserung des Klimakomforts“, sagt Markus Pfister vom Gore Research & Development-Team. „In der Produktklasse Insulated Comfort Footwear für sehr kalte Umgebungsbedingungen sind wir dabei, die Isolierung zu optimieren, ohne dass der Schuh dadurch schwerer oder klobiger wird. In der Produktklasse Extended Comfort Footwear für warmes Arbeitsumfeld arbeiten Experten an der Verbesserung der Wärmeabgabe über den Schaft und die Sohle.“