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„Hier schauen wir sehr genau hin“

Lendt, Arbeitssicherheitsjournal 2011, 7

Thema: „Hier schauen wir sehr genau hin“
Zeitschrift: arbeitssicherheits.journal
Autor: Christine Lendt
Rubrik: arbeitssicherheit.titelthema
Referenz: Arbeitssicherheitsjournal 2011, 7 (Heft 1)

„Hier schauen wir sehr genau hin“

Christine Lendt
Lendt: „Hier schauen wir sehr genau hin“ - Arbeitssicherheitsjournal 2011 Heft 1 - 7

Wie funktioniert sichere Instandhaltung im weltweit führenden Chemiekonzern?

Die BASF mit Hauptstandort Ludwigshafen verzeichnet seit Jahren niedrige Unfallzahlen. Ein Gespräch mit Dr. Bernd Elendt-Schneider, Leiter Arbeitssicherheit, und Werner Jung, Fachkraft für Arbeitssicherheit, am Standort Ludwigshafen.

arbeitssicherheit.journal: Das Stammwerk der BASF in Ludwigshafen erstreckt sich über eine Fläche von rund zehn Quadratkilometern. 160 Produktionsbetriebe werden über mehr als 2.000 Kilometer Leitungen mit flüssigen und gasförmigen Stoffen versorgt. Wie behält man den Überblick, wenn zum Beispiel irgendwo eine Pumpe ausgewechselt werden muss?

Werner Jung: Unsere betriebseigene Einheit für Instandhaltung steuert alle Abläufe in Absprache mit den Bereichen. Der dort operierende Betrieb wiederum muss für alle gefährlichen Arbeiten sein Einverständnis erteilen, indem er Erlaubnisscheine ausstellt. Das sind dokumentierte Gefährdungsbeurteilungen mit entsprechenden Sicherungsmaßnahmen, die täglich aktualisiert werden. Sie gewährleisten unter anderem, dass mit den Arbeiten erst begonnen wird, nachdem alle erforderlichen Maßnahmen zur Absicherung gegen Gefährdungen ergriffen wurden. Es gibt diese Scheine in den Kategorien Arbeitserlaubnis, Befahrerlaubnis und Feuererlaubnis in Verbindung mit Verlängerungsscheinen. Außerdem gibt es einen Begleitschein für ausgebaute Anlagenteile.

Welche Instanz legt bei der BASF diese Standards fest?

Dr. Bernd Elendt-Schneider: Die Basis für alle Aktivitäten auf den Gebieten Arbeitssicherheit, Umweltschutz und Gesundheitsschutz bildet unser Responsible Care Managementsystem. Wir definieren zentral Mindestanforderungen, etwa für Erlaubnisscheine und Gefährdungsbeurteilungen, die weltweit gelten. Diese Standards können dann an jedem Standort oder von jeder Gruppengesellschaft noch detaillierter ausgestaltet werden. Aber der Rahmen ist für alle verpflichtend.

Und wer darf in den Betrieben, die zum Beispiel Anlagen innerhalb der BASF betreiben, Erlaubnisscheine ausstellen?

Dr. Bernd Elendt-Schneider: Der Betrieb muss dafür Beauftragte benennen, also geeignete Personen wie Meister oder Schichtführer, die sich mit der Anlage und den dort existierenden Gefahren und möglichen Gefährdungen auskennen. Der Beauftragte füllt den Erlaubnisschein aus, macht mit den Handwerkern eine Einweisung vor Ort und eine Sicherheitsabsprache, die gegengezeichnet werden muss. Erst wenn all diese Schritte erfolgt sind und alle Schutzmaßnahmen ergriffen wurden, wird die Anlage für die Instandsetzung freigegeben.

Auf dem Papier klingt das gut. Das beste Sicherheitssystem nützt jedoch wenig, wenn der ausführende Mitarbeiter Fehler macht oder Kommunikationsprobleme auftreten. Können Sie davon ausgehen, dass die Umsetzung immer reibungslos klappt?

Werner Jung: Ein Mitarbeiter wird bei der BASF erst zum Beauftragten für die Ausstellung von Erlaubnisscheinen benannt, nachdem er ein Grundseminar und einen anschließenden Test absolviert hat. Auch für die ausführenden Handwerker gibt es entsprechende Workshops. Dabei geht es um Themen wie Persönliche Schutzausrüstung, Rückmeldung beim Auftraggeber und Organisation der Arbeitsabläufe. Wichtig ist, dass die Kollegen vor Ort noch zusätzlich ihre eigene, gewerkespezifische Gefährdungsbeurteilung machen: Welche Risiken können in dieser Umgebung auftreten, und wie muss ich meine Arbeiten hier ausführen, um auf der sicheren Seite zu bleiben?

Gibt es dafür noch besondere Hilfsmittel?

Werner Jung: Um sicheres Arbeiten bei Wartung und Instandhaltung zu unterstützen, verteilen wir auch Handkarten zur Gefährdungsbeurteilung an unsere Instandhalter. Das sind Kärtchen im doppelten Scheckkartenformat, die sie immer bei sich tragen. Dort finden die Mitarbeiter neben wichtigen Telefonnummern auch eine Checkliste mit wesentlichen Punkten: Ist die Absprache vor Ort erfolgt? Ist an diesem Platz eine spezielle PSA erforderlich? Wo sind die nächsten Flucht- und Rettungswege? – und so weiter.

Und wie stellen Sie sicher, dass die Mitarbeiter alle ausgeteilten Informationen auch wirklich lesen und verstehen?

Dr. Bernd Elendt-Schneider: Auch dazu dienen unsere regelmäßigen Trainings. Externe Fachkräfte, bei der BASF sprechen wir von Kontraktoren, werden gemeinsam mit unseren eigenen Leuten geschult und in den Prozess der Gefährdungsbeurteilung einbezogen. Dabei zeigen wir zum Beispiel auch, welche Missverständnisse beim Ausfüllen der Erlaubnisscheine auftreten könnten oder wie vorgegangen wird, wenn jemand nicht bis Schichtende mit den Instandhaltungsarbeiten fertig wird und sie am kommenden Tag wieder aufnehmen muss.

Dann ist die Fremdfirmenproblematik also kein Thema bei der BASF?

Dr. Bernd Elendt-Schneider: Der Einsatz von externem Personal verdient immer besondere Aufmerksamkeit. Neben dem direkten Auftragnehmer gibt es oft auch noch Subkontraktoren, an die weitere Aufträge vergeben werden. Beispielsweise kann fehlende Sprachkompetenz eine Rolle spielen. Hier schauen wir sehr genau hin. Deshalb müssen auch unsere Kontraktoren hohen Auswahlkriterien entsprechen. Dazu zählen fachliche Prüfungen bis hin zu einem Audit, dem sich die Kontraktoren unterziehen müssen. In den Eingangstests prüfen wir zudem, ob die grundlegenden Sicherheitsregeln wirklich verstanden wurden. Das ist eine komplexe Sache, da haben Sie Recht.

Die BASF hat sich das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 die Anzahl der Arbeitsunfälle gegenüber 2002 weltweit um 80 % zu senken. Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?

Dr. Bernd Elendt-Schneider: Hier zunächst der Vergleichswert für den gesamten deutschen Wirtschaftszweig Chemie: Im Jahr 2008 verzeichneten die Berufsgenossenschaften pro Unternehmen im Schnitt 9,1 meldepflichtige Unfälle je eine Million Arbeitsstunden. Dabei ist noch zu beachten, dass in der BG-Statistik erst Unfälle ab drei Ausfalltagen berücksichtigt werden. Wir erfassen in unserer internen Statistik bereits Arbeitsunfälle ab einem Ausfalltag. Im Jahr 2009 lag die Zahl der Arbeitsunfälle mit Ausfalltagen pro Million Arbeitsstunden in der BASF weltweit bei 1,7. Im Vergleich zum Basisjahr 2002 konnten wir die Anzahl der Unfälle um 46 % senken.

Interview: Christine Lendt