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„Weniger bauliche als psychologische Maßnahmen“

Matthes, Arbeitssicherheitsjournal 2010, 14

Thema: „Weniger bauliche als psychologische Maßnahmen“
Zeitschrift: arbeitssicherheits.journal
Autor: Guido Matthes
Rubrik: arbeitssicherheit.fokus
Referenz: Arbeitssicherheitsjournal 2010, 14 (Heft 8)

„Weniger bauliche als psychologische Maßnahmen“

Guido Matthes
Matthes: „Weniger bauliche als psychologische Maßnahmen“ - Arbeitssicherheitsjournal 2010 Heft 8 - 14

Mit dem Sicherheitsberater Rainer von zur Mühlen, Inhaber der Von zur Mühlen'sche GmbH, Bonn, sprach arbeitssicherheit.journal über Möglichkeiten und Maßnahmen, die helfen, tätliche Übergriffe auf Mitarbeiter und Angestellte zu verhindern.

arbeitssicherheit.journal: Übergriffe gibt es in fast allen öffentlichen Räumen – Bank, Handel, Verwaltung, Flughafen usw. Welche baulichen Maßnahmen lassen sich umsetzen, um diese Übergriffe zu verhindern oder zumindest auf ein Minimum zu reduzieren?

Rainer von zur Mühlen: Handgreiflichkeiten und direkte Bedrohungen lassen sich durch Barrieren vermeiden. Wir kennen alle noch den Bankschalter hinter Panzerglas etc. Nur passen diese physischen Barrieren heute kaum in die Zeit, auch wenn sie nachweislich wirksam waren. Aber nehmen wir den Sachbearbeiter der Arbeitsagentur: Er muss mit seinem Kunden, den von ihm Betreuten, an einem Tisch sitzen. Bauliche Maßnahmen sind da kaum möglich. Hier hilft es, wenn die Abstände zu den Nachbarplätzen nicht zu groß sind, gute Sicht zu den anderen Mitarbeitern gegeben ist, schnell Hilfe kommt, wenn sich jemand bedrängt fühlt, und vor allem eine gute Ausbildung zur Deeskalation kritischer Situationen. Also weniger bauliche als psychologisch basierte Maßnahmen.

Welche nachträglichen (nicht nur rein baulichen) Maßnahmen kann man unternehmen? Wenn ja, mit welchem Aufwand sind diese verbunden?

Bei Banken kennen wir die Reduzierung der Kassenhaltung und die zeitversetzte Freigabe von Banknoten aus den Kassenschränken als ein durchaus wirksames Mittel. Bei anderen Arbeitsplätzen wie auf den Sozialämtern oder Arbeitsagenturen, um bei dem Beispiel zu bleiben, große Fenster zu den Nachbarräumen, mehrere Arbeitsplätze in einem Raum, nicht zu weit entfernt voneinander, damit man sich helfen kann, Notrufmöglichkeit etc. Alles auch nachträglich machbar.

Sie bieten die „Entwicklung und Umsetzung von unternehmensweiten Sicherheitskonzepten“ an. Was kann man sich darunter vorstellen?

Grundprinzip: Das Rad nicht immer neu erfinden! Unsere unternehmensweiten Konzepte betreffen z.B. Standardisierungen. In der Praxis ist es so, dass wenn ein neuer Zaun benötigt wird, sich Leute zusammensetzen und überlegen, wie der Zaun aussehen soll. Oft Leute, die das noch nie vorher gemacht haben, weil der Zaun am Standort ja schon 20 Jahre steht. Man kann unternehmensweit die Anforderungen formulieren. Man kann Öffnungsklauseln für begründete Abweichungen vorsehen – aber die Basis steht und muss nicht neu entwickelt werden. Das geht auch für komplexere Themen wie Zutrittskontrollanlagen, Gefahrenmeldetechnik etc. Dabei werden auch die Schutzziele operationalisierbar formuliert. Aber auch Managementstrukturen der Sicherheit lassen sich oft und weitgehend konzern- und standortweit erarbeiten.

Inwieweit lassen sich mit so einem Konzept Übergriffe auf Mitarbeiter verhindern? Können Sie in die Köpfe der Angreifer sehen?

In die Köpfe kann man nicht sehen. Aber wenn man Konzepte erarbeitet, muss man schon nach dem Kriminalistenansatz „Denke wie der Dieb“ arbeiten. Also, es ist Fantasie gefragt. Daraus ergibt sich eine Struktur der Akzeptanzanalyse. Sie besagt, dass man überlegt, welche Sicherungsmaßnahmen der Täter akzeptiert, denn seine Akzeptanz heißt Sicherheit.

Abschließend: Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Friedliche Mitmenschen?

Wenn alle friedlich würden, wird mein Job langweilig. Deshalb kann ich sie mir in dem Bewusstsein wünschen, dass der Wunsch nicht in Erfüllung gehen wird und wir immer etwas zu tun haben werden.

Interview: Guido Matthes