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Wettbewerbsneutralität statt Sonnenschutz

Rosarius, Arbeitssicherheitsjournal 2010, 22

Thema: Wettbewerbsneutralität statt Sonnenschutz
Zeitschrift: arbeitssicherheits.journal
Autor: Hans T. Rosarius
Rubrik: arbeitssicherheit.training
Referenz: Arbeitssicherheitsjournal 2010, 22 - 23 (Heft 5)

Wettbewerbsneutralität statt Sonnenschutz

Hans T. Rosarius
Rosarius: Wettbewerbsneutralität statt Sonnenschutz - Arbeitssicherheitsjournal 2010 Heft 5 - 22 >>

Nicht nur künstliche, sondern auch natürliche optische Strahlung löst Augen- und Hautschäden bis hin zu Krebs aus. Doch der Gesetzgeber opfert wissenschaftliche Erkenntnisse dem Koalitionsvertrag und verhindert so eine optimale Prävention. Die Umsetzung der EU-Richtlinie 2006/25/EG wird deshalb nur die Minimalforderungen erfüllen.

Der Bundesarbeitsministerin Dr. Ursula von der Leyen (CDU) ist das Thema „Gesundheitsgefährdung durch optische Strahlung wie Laser oder Sonneneinstrahlung“ nicht nur als Ärztin, sondern auch durch Forschungsarbeiten der ihrem Ministerium unterstehenden Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) bekannt. Bei der Umsetzung der EU-Richtlinie „2006/25/EG über Mindestvorschriften zum Schutz von Sicherheit und Gesundheit der Arbeitnehmer vor der Gefährdung durch physikalische Einwirkungen – künstliche optische Strahlung“ in nationales Recht überlegte das Ministerium, ob die Thematik der natürlichen UV (Ultraviolett)-Strahlung nicht gleichzeitig mit aufgenommen werden sollte.

Der Arbeitgeber war nach dem Referentenentwurf verpflichtet, eine Arbeitsplatzgefährdungsanalyse nach dem Arbeitsschutzgesetz (ASG) durchzuführen. Stellt dieser eine erhöhte Gefährdung der Gesundheit der Beschäftigten durch natürliche optische Strahlung bei beruflichen Tätigkeiten im Freien aufgrund von Ausmaß und Dauer der Exposition fest, sind die betroffenen Beschäftigten nach dem ASG über die damit verbundenen Gesundheitsgefährdungen für Augen und Haut sowie über geeignete Schutzmaßnahmen zu unterweisen.

Damit wird bei Gefahren durch natürliche (Sonnen-)Strahlung nichts anderes gefordert als für jede andere Gefährdung am Arbeitsplatz, und das vor dem Hintergrund, dass es in Deutschland jährlich rund 140.000 Hautkrebsneuerkrankungen gibt, von denen 4.000 bis 5.000 tödlich enden. „Aktuelle Studien haben ergeben, dass in den letzten zehn Jahren der Hautkrebs die höchsten Steigerungsraten unter allen Krebserkrankungen aufweist“, sagte Professor Dr. Uwe Reinhold von der Dermatologischen Abteilung des Medizinischen Zentrums Bonn und Präsident der Europäischen Hautkrebs-Stiftung.

Hohe UV-Belastung bei Arbeiten im Freien

Dass die Beschäftigten, die überwiegend im Freien arbeiten, im Vergleich zur normalen Bevölkerung einer höheren UV-Belastung ausgesetzt sind, hat die BAuA in ihrem Forschungsbericht zur „Personenbezogenen Messung der UV-Exposition von Arbeitnehmern im Freien“ bereit 2007 veröffentlicht (siehe Grafik S. 23). Danach gilt erwartungsgemäß für alle Berufsgruppen, dass die UV-Expositionen des Sommerhalbjahres den maßgeblichen Beitrag zur UV-Jahresdosis einer Person liefern.

Der Vergleich mittlerer werktäglicher UV-Expositionen an Arbeitsplätzen im Freien gegenüber Arbeitsplätzen ohne solare UV-Expositionen wies schon bei wechselnder Tätigkeit, sowohl im Gebäude als auch im Freien, eine Erhöhung auf etwa 150 bis 300 % aus. Eine ständige berufliche Beschäftigung im Freien zieht im Mittel eine Erhöhung der jährlichen UV-Exposition auf 300 bis 500 % nach sich. So erhalten viele Beschäftigte, die immer oder überwiegend im Freien arbeiten, erheblich mehr Sonnenstrahlen, als ihrer Gesundheit gut tut.

Entgegen der Aussage, dass „vor allem ein verändertes Freizeitverhalten gemeinhin als Ursache für Hautkrebs gilt“, so der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Baugewerbes (ZDB), Dr. Hans-Hartwig Loewenstein in einer Mitteilung aus dem vergangenen Jahr, haben die Wissenschaftler der BAuA bereits 2007 nachgewiesen, das dem nicht so ist. Der Anteil der Werktagsexposition an der UV-Jahresexposition liegt bei Bauarbeitern bei 66 %, Landarbeitern 55 %, Sportlehrern 43 %, Erzieherinnen 41 %, Müllwerkern 40 % und bei Glasreinigern bei 39 %.

Widerlegen konnten die Wissenschaftler auch die bisherige Annahme, dass die Haut einen UV-Eigenschutz mit einem Faktor 40 entwickelt. Diese Auffassung basiert auf einer falschen Interpretation von wissenschaftlichen Untersuchungen. Erreicht wurde dieser Wert durch eine tägliche UV-Exposition über 20 Tage, in einem Testareal, das fern den werktäglichen Gegebenheiten an solarexponierten Arbeitsplätzen liegt. Tatsächlich wird ein UV-Eigenschutz an der Haut von im Freien Beschäftigten aufgebaut, der weitgehend vernachlässigbar ist. Er zeigte am Ende des Sommers einen Zuwachs von nur 50 %, der einem Lichtschutzfaktor von 1,5 entspricht.

Gesundheitsschutz ist Nebensache

Dem Ansinnen des Bundesarbeitsministeriums, einen optimalen Schutz vor den natürlichen UV-Strahlen im Gesetz festzuschreiben, entsprachen nicht die Regierungsfraktionen. Der Grund: Im Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und FDP wurde 2009 festgelegt, dass EU-Richtlinien wettbewerbsneutral („1 zu 1“) umzusetzen sind, damit den Unternehmen am Standort Deutschland keine Wettbewerbsnachteile entstehen.

Vor dem Hintergrund, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, dokumentieren die Politiker mit ihrer Vorgehensweise gegen das Bundesarbeitsministerium, dass die Sicherheit und der Gesundheitsschutz der Arbeitnehmer für sie eine untergeordnete Bedeutung hat. Aber auch der Geschäftsführer des ZDB Felix Pakleppa zeigt sich über das Ansinnen des Bundesarbeitsministeriums entsetzt. „Es gibt überhaupt keinen Grund, dass Deutschland auf die EU-Richtlinie draufsattelt“, sagte Pakleppa gegenüber dem Handelsblatt. Warum die Arbeitgeber ihre Mitarbeiter über die Wetteraussichten informieren oder in die Benutzung von Hautcremes einweisen sollten, könne niemand ernsthaft erklären.

Bereits 2005 beabsichtigte die EU-Kommission in der Richtlinie über optische Strahlungen sowohl die künstliche wie die natürliche UV-Strahlung zu berücksichtigen. Aufgrund einer als nicht ausreichend angesehen wissenschaftlichen Datenlage zum Ausmaß der individuellen UV-Exposition für Arbeitsplätze im Freien und des Fehlens von quantitativen Daten über das Reaktionsverhalten der Haut vereinbarten EU-Kommission und EU-Parlament, dass der Richtlinienentwurf nur noch die künstliche optische Strahlung behandelt.

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Im Vorfeld der Vereinbarung übertrafen sich Medien, Politiker und Wirtschaftsverbände in ihrer Polemik zu dem Richtlinienentwurf. Dieser wurde nicht nur als „EU-Sonnenscheinrichtlinie“ sondern auch als „unnötiger europäischer Bürokratiewahn“ bezeichnet, der Arbeitgeber dazu verpflichte, die Arbeitnehmer über die Wetteraussichten zu informieren und im Gebrauch von Sonnenschutzmitteln zu unterweisen. Ein Zeichen dafür, dass Medien so gut wie nicht recherchieren, Politiker – sogar aus der eigenen Fraktion – teilweise nicht wissen, über was sie kommunizieren und Wirtschaftsverbände sowie Arbeitgeber das Arbeitsschutzgesetz und die seit dem Oktober 2005 geltende Unfallverhütungsvorschrift nicht genau kennen und somit wahrscheinlich auch nicht umsetzen, wie dies der Gesetzgeber vorschreibt.

Unfallverhütungsvorschrift macht klare Vorgaben

Die Berufsgenossenschaftliche Vorschrift/Regel (BGV/BGR) A1 besagt, dass bei Arbeiten im Freien aufgrund des Wettergeschehens sowohl Gesundheits- als auch Unfallgefahren auftreten können. Stellt der Arbeitgeber im Rahmen der von ihm nach dem Arbeitsschutzgesetz zu erstellenden Gefährdungsbeurteilung fest, dass Versicherte bei Arbeiten im Freien Unfall- und Gesundheitsgefahren ausgesetzt sind, hat er das Ausmaß der Gefahren zu ermitteln und die zur deren Abwendung notwendigen Maßnahmen festzulegen.

Zu dieser Gefährdung gehören auch die Sonneneinstrahlung, denn die gesundheitlichen Risiken von zu viel Sonne werden in der Regel unterschätzt – schließlich gilt braune Haut hierzulande nicht nur als Schönheitsideal, sondern steht auch für Vitalität, Fitness und sogar Gesundheit. Dabei wird nicht bedacht, dass es neben den positiven Wirkungen von Sonnenstrahlen, wie die Produktion von Vitamin D für den Knochenbau und zur Stärkung des Immunsystems, auch negative gibt. Dazu zählen Hornhaut- und Bindehautentzündungen, Grauer Star, thermische Netzhautschäden, die zur Erblindung führen können, sowie Hautkrebs, dessen Entstehung mit der Intensität und Dauer der ultravioletten Strahlungsanteile des Sonnenlichtes gekoppelt ist. „Je häufiger ein Mensch in seinem Leben einen Sonnenbrand davonträgt, umso höher ist das Risiko, einen Hauttumor zu entwickeln“, sagte Ralf Blumenthal vom Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD).

Besonders gefährdet sind rund zweieinhalb Millionen Beschäftigte in Deutschland, die sich berufsbedingt häufig acht Stunden oder länger der prallen Sommersonne aussetzen müssen. Dazu gehören Mitarbeiter in der Land- und Forstwirtschaft, in Fischerei und Jagdberufen, außerdem Kindergärtner, Maurer, Betonbauer, Gartenbauer, Bauhilfsarbeiter, Dachdecker, Zimmerer, Gerüstbauer, Straßen- und Tiefbauer, Postverteiler, Kranfahrer und Maschinenführer im Baugewerbe, Straßenreiniger und Abfallbeseitiger, Glas- und Gebäudereiniger, Vermesser, Sportlehrer, Schwimmmeister, Straßenwarte, Steinbearbeiter, Beschäftigte in der Seeschifffahrt und Schornsteinfeger.

Liegt eine Gefährdung vor, muss der Arbeitgeber diese beurteilen. Dabei sind die örtlichen klimatischen wetterbedingten sowie tageszeitlichen Strahlungsverhältnisse einzubeziehen und zu berücksichtigen. So fallen beispielsweise an Sommertagen etwa zwei Drittel der täglichen UV-Strahlung in der Zeit von 10 bis 14 Uhr an, wohingegen die frühen Morgenstunden und die späten Nachmittagsstunden eher unbedenklich sind. Ebenso leicht nachvollziehbar ist, dass trotz Klimawandels das späte Frühjahr und der Sommer stärker als der Herbst und Winter für eine Gefährdung durch UV-Strahlung in Frage kommen. Zudem ist es nicht schwer einzusehen, dass ein wolkenloser Sommertag hinsichtlich der UV-Belastung gefährlicher ist als ein verregneter. Besteht also Anlass zur Annahme einer UV-Gefährdung, hat der Arbeitgeber die Möglichkeit, das gesundheitliche Risiko mit Hilfe des UV-Index einzuschätzen.

Risikoabschätzung mit dem UV-Index

Um das von UV-Strahlen ausgehende gesundheitliche Risiko einzuschätzen, muss die Stärke der Strahlung an verschiedenen Orten und Tageszeiten sowie im Jahresverlauf bekannt sein, um die notwendigen Schutzmaßnahmen treffen zu können. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und das Umweltbundesamt (UBA) haben für die kontinuierliche Messung der bodennahen UV-Strahlung 1993 ein Messnetz aufgebaut, das anfangs aus vier Messstationen bestand. Seit 1996 wurde das Netz in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wetterdienst (DWD) und weiteren Institutionen, darunter auch die BAuA, weiter ausgebaut.

Da die wenigsten Menschen wissen, wie lange sie sich unter den jeweils aktuellen Witterungsverhältnissen und in Abhängigkeit von Hauttyp sowie Umgebungsbedingungen in der Sonne aufhalten dürfen, ohne die Haut zu schädigen, hat der Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ebenfalls einen UV-Check-Dienst im Internet eingerichtet.

Im Gegensatz zu dem bodengebundenen Messnetz von BfS, UBA, DWD und BAuA arbeitet der Dienst des BVDD und der DLR mit Satellitenunterstützung. Die für die Berechnung der bodennahen UV-Strahlung erforderlichen Werte liefert der europäische Satellit MetOp-A, mit dem täglich die globale Ozonverteilung gemessen wird. Unter Berücksichtigung weiterer Daten errechnet eine Software tagtäglich die lokalen Sonnenbrandzeiten und UV-Indices.

Mit dem UV-Check-Dienst ist die individuelle maximale Eigenschutzzeit der Haut bestimmbar –für jeden Hauttyp, bei jedem Wetter, zu jeder Zeit und für quasi alle Orte in Europa und Teile von Nordafrika. Über ein Nutzerprofil wird der kostenlose Dienst im Internet gesteuert. Daneben gibt es Informationen und Nachrichten rund um das Thema Hautkrebsvorsorge.

Gefahrenabwehr mit einfachen Mitteln

Ist die Gefahr der Sonneneinstrahlung erkannt, sollte sie durch entsprechende Schutzmaßnahmen gebannt werden. Bereits die Römer setzten Sonnensegel beim Straßenbau ein, um sich zu schützen. Heute lassen sich beispielsweise auch Baugerüste durch Abdeckungen verschatten. Sonnenschirme oder Überdachungen erfüllen ihren Zweck nicht nur am Strand. An manchen Arbeitsplätzen im Freien, wie Verkaufständen oder Montagestellen beim Bau, lassen sich feste Unterstellmöglichkeiten einrichten. Bei Fahrzeugen, wie Bussen, Bahnen, Traktoren oder Gabelstaplern, sollte darauf geachtet werden, dass die Fenster UV-Strahlung absorbieren.

Lassen die Verhältnisse vor Ort keine technischen Schutzmaßnahmen zu, kann auch geschickte Organisation das Risiko eines Sonnenbrandes verringern: Den Arbeitsablauf sollte man möglichst so gestalten, dass viele Tätigkeiten im Schatten durchgeführt werden können. Grundsätzlich sollte darauf geachtet werden, dass die Einwirkungsdauer der Sonneneinstrahlung kurz bleibt. Einschränkungen für Arbeiten in der prallen Sonne gelten vor allem für die Mittagszeit.

Hohe sommerliche Temperaturen verleiten zu wenig Kleidung, doch diese bietet Schutz gegen die gefährliche Strahlung. Deshalb sollte der Körper gut bedeckt werden. Mittlerweile gibt es Textilien, in denen man nicht so leicht ins Schwitzen kommt. Auch sollte der Kopf behütet werden. Hier schützen alle Arten von Kopfbedeckungen, am besten mit Schirm, wie beispielsweise der breitkrempige Hut der Zimmermannstracht. Sonnenschutzcremes sollten nicht nur einen hohen Lichtschutzfaktor aufweisen, sondern auch einen wasserfesten Schutzfilm bilden. Der hält sich länger auf nass geschwitzter Haut. Geschützt werden sollten zudem die Augen, denn die Hornhaut kann sich bei gleißender Helligkeit entzünden. Sonnenbrillen beugen einer solchen „Schneeblindheit“ vor und schützen auch vor chronischen Schädigungen wie dem grauen Star. Darüber hinaus verhindern sie Blendungen, die zu Unfällen führen können.

Die Wahl der geeigneten Maßnahmen in der richtigen Reihenfolge, technisch, organisatorisch und persönlich, schafft Arbeitsbedingungen, bei denen niemand seine Haut zu Markte tragen muss.

Den Verordnungsentwurf, eine Linksammlung rund um den UV-Schutz und die Einteilung der Hauttypen in Abhängigkeit von der Sonnenempfindlichkeit finden Sie auf www.arbeitssicherheit.de, Webcode 16725