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Ergonomie in der Pflege

Neuthinger, Arbeitssicherheitsjournal 2010, 9

Thema: Ergonomie in der Pflege
Zeitschrift: arbeitssicherheits.journal
Autor: Eva-Maria Neuthinger
Rubrik: arbeitssicherheit.titelthema
Referenz: Arbeitssicherheitsjournal 2010, 9 (Heft 5)

Ergonomie in der Pflege

Eva-Maria Neuthinger
Neuthinger: Ergonomie in der Pflege - Arbeitssicherheitsjournal 2010 Heft 5 - 9

Ziehen, Schieben, Halten: Pflegekräfte unterliegen bei ihrer Arbeit extremen körperlichen Belastungen. Entsprechend hoch ist der Krankenstand in Krankenhäusern, Kliniken und Altenheimen.

Während Mitarbeiter der Gesundheitsbranche allgemein rund 12 Tage im Jahr krank gemeldet sind, fehlen speziell Pflegekräfte in Kliniken und Krankenhäusern rund 19 Tage. Häufiger Grund für den Ausfall sind Muskel- oder Skelettprobleme – nicht zuletzt als Folge falscher Haltung bei der Arbeit. So die Zahlen der AOK, die sich jedoch von denen anderer Krankenkassen nicht wesentlich unterscheiden. Betroffen sind statisch gesehen in erster Linie die Beschäftigten der großen Krankenhäuser und Universitätskliniken, generell Frauen über 35 Jahre.

Beispiel Uniklinik Freiburg: Das Haus engagiert sich besonders für ergonomisches Arbeiten – am Krankenbett und im Umgang mit mehr oder weniger schweren Gegenständen. Pflegedienst und Physiotherapie haben 2005 ein integratives Bewegungskonzept entwickelt, das dazu dient, die Bewegungskompetenz der Mitarbeiter zu verbessern, sowohl in Bezug auf den eigenen Körper als auch in Bezug auf das Bewegen von Patienten. „Wir schulen 80 % unserer Mitarbeiter“, sagt Beate Schindler, Leiterin des Pflegedienstes der Chirurgie.

Die Pflegedienstleitung der einzelnen Abteilungen meldet den Bedarf an. Die Teams werden dann gemeinsam geschult, zunächst in einem Grundkurs und anschließend in zwei Spezialkursen, die angepasst sind an die Bedürfnisse der jeweiligen medizinischen Fachrichtung. Auch für neue Mitarbeiter gibt es einmal im Monat die Möglichkeit, einen Grundkurs zu besuchen. Mehr als 800 Mitarbeiter haben bereits an Schulungen teilgenommen.

Begleitung in der Praxis

Doch bleibt es nicht bei der Theorie. Unterstützend folgt die „Praxisbegleitung“, gestaltet von jeweils einem Bewegungsbeauftragten der Pflege und einem für die Station zuständigen Physiotherapeuten. In der gemeinsamen Arbeit werden Schwierigkeiten im Patientenhandling angegangen und Problemlösungen gesucht. Es geht dabei nicht um Kontrolle, sondern um kollegiale Beratung zur Verbesserung der Bewegungskompetenz.

Mitarbeiter im Pflegedienst stehen ständig unter Stress, oftmals kommt es auf jede Minute an. Deshalb unterlassen viele – oft unbewusst – ergonomisch sinnvolle Maßnahmen. „So wissen wir, dass zum Beispiel versäumt wird, die Betten körpergerecht in der Höhe zu verstellen“, sagt Michaela Gassner, Physiotherapeutin und Projektleiterin Physiotherapie des Bewegungskonzepts. Oder die Regale in den einzelnen Abteilungen und Stationen sind nicht optimal sortiert. Schwere Materialien oder Arbeitsmittel, die häufig gebraucht werden, gehören stets in mittlere Lagen.

Beate Schindler beobachtet auch oft, dass Hilfsmittel wie etwa Lifter zwar vorhanden sind, aus Zeitgründen aber nicht eingesetzt werden. In den Lagerungsschränken zum Beispiel sind Körbe aus Gründen der Arbeitssicherheit nur mit maximal 10 bis 15 kg zu füllen. Auch das wird oft nicht beachtet. Werden die Rollen von Betten, Nachttischen oder Transportmitteln nicht regelmäßig gewartet, belastet das extrem den Rücken beim Schieben oder Ziehen.

Falsche Bewegungen hautnah spüren

Um die eigene Körperwahrnehmung zu festigen, organisieren Schindler und Gassner zusätzlich zweimal im Jahr die „Ergonomiewochen“. Wer will, kann sich in diesen Tagen spezielle Memo-Tapes auf den Rücken kleben lassen. Bei einer ergonomisch falschen Bewegung während der Arbeit zieht das Tape und wird unbequem. Man ändert automatisch seine Haltung, stellt das Bett höher oder nutzt Hilfsmittel wie Lifter. Die Teilnahme an der Ergonomiewoche ist freiwillig. „Wir bekommen sehr positives Feedback“, so Gassner.

Ergänzend hängen während der Ergonomiewoche am Pflegestützpunkt Plakate aus. Sie sollen die Mitarbeiter daran erinnern, worauf sie bei ihrer Arbeit besonders achten sollen. „Jede Woche hat ein neues Motto“, erklärt Gassner. So kann der Hinweis auf den Schildern etwa lauten: „Betthöhe einstellen“. Wird das nur einmal vergessen, schädigt dies den Rücken vielleicht noch nicht. Doch wenn das ständig passiert, eben schon.

Worauf es ankommt, um Mitarbeiter für die eigene Körperwahrnehmung zu sensibilisieren, fasst Beate Schindler in vier Punkten zusammen:

  1. Alle Leitungen, von der Pflegedirektion und der Leitung der Physiotherapie bis hin zu den Stations- und Fachbereichsleitungen müssen voll und ganz hinter dem Projekt stehen. Sie müssen dies als eine ständige Aufgabe sehen und Mitarbeiter stets daran erinnern, wie wichtig ergonomisch gerechtes Arbeiten ist.

  2. Es müssen regelmäßig Schulungen organisiert werden und diese sollten in die Fläche gehen. Nur wenige Mitarbeiter zu schulen und mit einem Schneeballsystem zu arbeiten, genügt nicht.

  3. Jeder neue Mitarbeiter nimmt zu Beginn seiner Tätigkeit an einem Grundkurs teil. Die Vertiefung erfolgt über die fachbezogenen Spezialschulungen und die Praxisbegleitung.

  4. Physiotherapeuten sind in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen in der Regel vor Ort. Ihre Kompetenz gilt es auch für die Mitarbeiter zu nutzen. Warum nicht einmal den Kollegen um Unterstützung in eigener Sache bitten?

Fazit:

Ergonomie-Projekte haben Vorbildcharakter und funktionieren nur, weil die Krankenhaus- bzw. Pflegeleitung voll und ganz dahinter steht und diese fördert. Erfahrungsgemäß muss dabei die Möglichkeit bestehen, gegebenenfalls Mitarbeiter für Projekte zeitweise frei zu stellen und sie mit Aushilfskräften auf den Stationen zu ersetzen. Flexible Modelle zur Arbeitszeitgestaltung können nicht nur diese Projekte unterstützen, sondern gleichzeitig die Mitarbeiterzufriedenheit steigern. Auch das ist ein kleiner Beitrag zu „mehr Ergonomie“ bei der Arbeit.

Info

Verbesserungspotenzial nutzen

Hier einige ausgewählte Beispiele für Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser, um Mitarbeiter ein besseres ergonomisches Arbeiten zu bieten. Die Anregungen sind der Broschüre „Gute Lösungen in der Pflege“ der Initiative Neue Qualität der Arbeit entnommen:

  1. Seminare und Workshops, Schulungen für alle Mitarbeiter, Führungskräfte wie Pfleger zu rückenschonendem Arbeiten

  2. Investitionen in Arbeitsmittel wie Hubbadewannen, Hebelifter, Betten mit elektrischen Hebevorrichtungen, um rückenschonendes Arbeiten zu ermöglichen ??ggf. Umgestaltung von Räumlichkeiten unter ergonomischen Gesichtspunkten, Gespräche mit Mitarbeitern, um deren Zufriedenheit zu stärken und die Kommunikationskultur zu verbessern

  3. Möglichkeit, regelmäßig eine Massage am Arbeitsplatz in Anspruch zu nehmen

  4. Einführung eines spät-/nachtschichtüberbrückenden Dienstes (ohne Aufstockung des Personals) bzw. flexible Arbeitszeiten, auch entsprechend den familiären Bedürfnissen

  5. Abbau von Arbeitsspitzen, um zeitweilige Überlastungen der Mitarbeiter abzuschwächen

  6. Ausarbeitung differenzierter Stellenprofile, um Schulung spezifisch darauf abzustimmen.

Nützliche Links zum Thema Ergonomie auf einen Klick unter www.arbeitssicherheit.de, Webcode 19557