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Ergonomie am Arbeitsplatz

Neuthinger, Arbeitssicherheitsjournal 2010, 6

Thema: Ergonomie am Arbeitsplatz
Zeitschrift: arbeitssicherheits.journal
Autor: Eva-Maria Neuthinger
Rubrik: arbeitssicherheit.titelthema
Referenz: Arbeitssicherheitsjournal 2010, 6 - 9 (Heft 5)

Ergonomie am Arbeitsplatz

Eva-Maria Neuthinger
Neuthinger: Ergonomie am Arbeitsplatz - Arbeitssicherheitsjournal 2010 Heft 5 - 6 >>

In einem fitten Körper wohnt ein wacher Geist. Grund genug für immer mehr Unternehmen, in ergonomisch optimale Arbeitsplätze zu investieren. Dabei geht es nicht nur um die rein materielle Ausstattung, sondern um das gesamte Umfeld.

„Ergon“ steht im griechischen für Arbeit, „Nomos“ für Regel und Gesetz. Die International Ergonomics Association (www.iea.cc) definiert Ergonomie also als die Lehre von der menschlichen Arbeit und die Erkenntnis ihrer Gesetzmäßigkeiten. Sie unterscheidet dabei zwischen den physiologischen, den kognitiven und den organisatorischen Aspekten der Arbeit.

Es geht beim Thema Ergonomie um weit mehr als nur um die Anordnung der einzelnen Arbeitsmittel (Schreibtisch, Bildschirm, Höhe der Maschine). Es geht im weiteren Sinne um die gesamte Atmosphäre am Arbeitsplatz. Die richtige Beleuchtung, das Raumklima und die Arbeitsorganisation spielen ebenso eine entscheidende Rolle. Es geht darum, Stress abzubauen wie auch die Bewegungsfreiheit der Mitarbeiter zu fördern. Es geht darum, dass sich die Mitarbeiter an ihrem Arbeitsplatz wohlfühlen. Kurzum: Ergonomie ist ein wichtiger Teilaspekt des betrieblichen Gesundheitsschutzes.

Eine eindeutige, klare Definition gibt es aber nicht. Die Ergonomie befasst sich ganz allgemein mit der menschlichen Arbeit unter dem Gesichtspunkt des Gesundheitsschutzes. Kurz- und langfristig gilt es Arbeitsunfälle zu vermeiden, Berufskrankheiten und arbeitsbedingten Erkrankungen vorzubeugen, Über- und Unterforderung auszuschließen.

Fehlhaltungen schädigen Mitarbeiter und Unternehmen

So weit die Theorie. In der Praxis arbeiten viel zu viele Mitarbeiter unter ergonomisch völlig falschen Gegebenheiten. Statistisch gesehen geht jede vierte Krankschreibung auf Probleme am Muskel-Skelett-System zurück. 34,3 % der Beschäftigten allein in Verwaltungsberufen leiden gelegentlich unter Schmerzen im Kreuz. Fast jeder Zweite hat Beschwerden im Nacken, und jeder Dritte klagt über Kopfschmerzen, wie die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) ermittelt hat. Das hat nicht nur für die Mitarbeiter, sondern auch für die Unternehmen negative Auswirkungen: Nach einer Studie des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation verzichten die deutschen Unternehmen auf 36 % der möglichen Arbeitsleistung an Büroarbeitsplätzen, nur weil Schreibtisch, Stuhl oder Bildschirm nicht ergonomisch ausgerichtet sind.

„Büroarbeit ist trotz aller technischen Errungenschaften monotoner geworden, und die damit verbundene Bewegungsarmut führt zu zahlreichen „modernen“ Zivilisationskrankheiten wie Rückenleiden, Muskelschwund, Kopfschmerzen und Übergewicht“, warnt Dr. Bernhard Kallup, stellvertretender Vorstandsvorsitzender bso Verband Büro-, Sitz- und Objektmöbel e.V und Vorstandsvorsitzender des Büromöbelherstellers Sedus Stoll AG in Waldshut.

Viele Angestellte im Büro wie auch an Maschinen arbeiten täglich unter sogenannten Zwangshaltungen. Sie entstehen, wenn Mitarbeiter zu wenige Möglichkeiten bei ihrer Tätigkeit haben, sich zu bewegen. Es handelt sich um statische Körperhaltungen über länger als vier Sekunden, unter angespannter Muskulatur ohne die Chance auf Entspannung. Darunter fällt zum Beispiel langes Sitzen oder Stehen, Arbeiten in Rumpfbeuge, in der Hocke, auf Knien, im Liegen oder über Schulterniveau. Das belastet oftmals die Halswirbelsäule, den Nacken, Schultern oder Arme und zieht sich bis hin zur Lendenwirbelsäule.

Viele Firmen scheuen Investitionen in entsprechende Arbeitsmittel, die Abhilfe schaffen. So entsprechen nach Zahlen des Verbandes bso von 18 Millionen Büroarbeitsplätzen 3,6 Millionen nicht den gesetzlichen Mindestanforderungen auf Basis der Bildschirmarbeitsplatzverordnung. In verwaltungsintensiven Betrieben entfallen im Schnitt 80 % der Kosten auf das Personal, aber nur 1 % fließt in die Ausstattung ihrer Arbeitsplätze. Kallup: „Die Bedeutung von Arbeitsplätzen, die mit Wissen umgehen, nimmt in unserer Gesellschaft weiter zu. Die große Herausforderung wird es sein, die Produktivität der Wissensarbeit zu steigern.“

Lösungsansatz: ganzheitlich gestalten

Kallups Firma hat dazu auch eine Lösung entwickelt. Die Idee: Ein sogenannter Place 2.5 wird ergonomisch perfekt eingerichtet und ermöglicht die Büroarbeit im Sitzen, Stehen und Gehen. Am gesündesten sollen Arbeitsplätze sein, wenn Mitarbeitern noch die Gelegenheit im Büro gegeben wird, sich kurz auszuruhen und vielleicht sogar zu schlafen. Besonderer Wert sollte auch auf Lärmschutz, Bepflanzung und Beleuchtung gelegt werden.

„Haptisch und optisch hochwertige Materialien steigern die Leistungsbereitschaft und den kreativen Output“, meint dazu Joachim Sparenberg von Sedus, der das Konzept Place 2.5 maßgeblich mit entwickelt hat. Der Mensch lebt danach an drei Orten: Der erste, First Place, ist sein Zuhause. Der zweite, Second Place, ist der Arbeitsplatz und der dritte, Third Place, der seiner Vergnügungen. „Es gilt die sinnliche Stimulanz der Third Places in die Büros zu holen. Das Büro soll zu einem perfekten Second Place werden, der sich wie ein Third Place anfühlt“, bestätigt auch Kallup.

Die Kür und die Pflicht

Zugegeben: Solche Modelle sind die Kür. Der ergonomisch ausgestatte Arbeitsplatz ist aber in jedem Unternehmen Pflicht. Dazu gibt es eine Vielzahl an Verordnungen und Gesetze, welche die Details vorschreiben (siehe Kasten „Wichtige Vorgaben“). In Büroräumen lassen sich die Mindestanforderungen häufig mit einfachen Mitteln erzielen. In Kurzform:

Der Bürostuhl: Er soll die Wirbelsäule stützen und wechselnde Arbeitshaltungen (Bewegung) ermöglichen. Die Sitzhöhe sollte etwa in Höhe der Kniekehle eingestellt sein, die Füße gerade auf dem Boden, die Oberschenkel fallen leicht nach vorne ab. Die Sitztiefe ist optimal, wenn ein fester Kontakt zur beweglichen Rückenlehne besteht und noch etwas Platz von der Sitzvorderkante zur Kniekehle bleibt. So definiert es die AOK. Die Armauflagenhöhe liegt etwa auf Ellbogenhöhe, die Ellbogen können locker ohne Rückenkrümmung aufliegen. In Gürtelhöhe sollte sich der Lendenbausch befinden.

Der Tisch: „Die Arbeitshöhe (bei Bildschirmarbeitsplätzen ist das die mittlere Buchstabenreihe der Tastatur) befindet sich in Ellbogenhöhe oder etwas darunter. Beim Sitzen ist über den Oberschenkeln eine Handbreit Platz bis zur Tischplattenunterkante“, rät die AOK weiter. Mit Tischbeinpassstücken kann die Höhe des Tisches variiert werden, notfalls sind dessen Beine zu kürzen. Er sollte sicher stehen, auch nach mehrmaligem Auf- und Abbau.

Die Bewegungsfreiheit: Es muss genügend Platz im Raum bleiben, um mit dem Stuhl zurückfahren zu können und nicht an der Wand oder einem Schrank anzustoßen. Die Beine lassen sich unter dem Tisch ausstrecken und werden nicht etwa durch den Papierkorb oder Kabel daran gehindert. Es sollte möglichst viel Beinfreiheit bestehen, Rollcontainer sind besser nicht unter dem Tisch zu positionieren.

Das Raumklima: Die Luftfeuchtigkeit sollte etwa 40 bis 60 % betragen. Zu erzielen ist die Vorgabe durch Pflanzen mit großen Blättern, Luftbefeuchter oder Wasserbehälter.

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Der Bildschirm: Wichtig für gutes Sehen ist ein ausreichender Sehabstand zwischen Auge und Bildschirm. Dieser sollte bei einem 17-Zoll-Monitor mindestens 60 cm betragen. Beim Einsatz von Flachbildschirmen ist dieser Sehabstand im Allgemeinen mit 80 cm tiefen Arbeitsplatten zu erreichen. (Einzelheiten dazu zum Beispiel unter www.buero-forum.de).

Der Schallschutz: Der bso weist zudem darauf hin, dass es oft auch gerade die akustischen Störungen sind, die in der Praxis als die größte Beeinträchtigung der Konzentration sowie als starke physische und psychische Belastung empfunden werden. „Ein Problem, dem auf mehreren Ebenen entgegenzuwirken ist“, so Kallup:

  1. Direkte Schall-Übertragung ist zu unterbrechen. Zum Beispiel durch hoch schallabsorbierende Stellwände, die zwischen der Geräuschquelle und den Menschen aufgestellt werden. Dadurch entstehen direkt am Arbeitsplatz sogenannte „akustische Schattenzonen“, die Störgeräusche reduzieren und die Konzentration erleichtern.

  2. Mehr Schall-Absorptionsflächen im Raum reduzieren die indirekte Schallübertragung. Dazu dienen in erster Linie spezielle Decken, Böden, Wände und Stellwände. Aber auch Schränke, wenn ihre Fronten und Rückseiten schallabsorbierend ausgebildet sind.

  3. Es empfiehlt sich, Raumgliederungs-Systeme und andere akustisch behandelte Flächen in hoher schallabsorbierender Qualität einzusetzen. Schallquellen sind flexibel abzuschotten, direkte und indirekte Schallübertragungswege zu unterbrechen.

Best Practise 1: Ergonomie in der Produktion der Henkel AG

Ein Unternehmen, das bei der Gestaltung der Arbeitsplätze solche Überlegungen berücksichtigt und in ergonomische Arbeitsplätze investiert, ist der Henkel Konzern. Im vergangenen Jahr wurde das Unternehmen mit dem Zertifikat „Move Europe-Partner Excellence 2009“ des europäischen Netzwerks ausgezeichnet. Move Europe ist eine Initiative des europäischen Netzwerks zur betrieblichen Gesundheitsförderung (ENWHP). Ziel der Kampagne ist es, die Bedeutung betrieblicher Gesundheitsförderung europaweit zu stärken.

So hat sich Henkel die „angepasste körpergerechte Arbeitsgestaltung“ zum Ziel gesetzt. Henkel verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz: „Einerseits ist die Anpassung der Arbeitsaufgabe und der Arbeitsbedingungen an die Mitarbeiter zu berücksichtigen, also die Arbeitsgestaltung“, erklärt Dr. Andreas Bauck, Werksarzt bei Henkel. Andererseits, so der Experte, ist auch die Anpassung des Menschen an seine Arbeitsaufgaben und die Arbeitsbedingungen wesentlich. Die Ausbildung und die Einarbeitung der Mitarbeiter spielen dabei eine wichtige Rolle. Für Bauck ist klar: „Die grundsätzliche Berücksichtigung auch der Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen führt zu einer besseren Wirtschaftlichkeit der Arbeit“.

Bei Henkel fällt die Planung und Realisierung ergonomischer Arbeitsplätze vorrangig in den Tätigkeitsbereich der werksärztlichen Abteilung. „Gesundheitsmanagement allgemein ist aber eine Aufgabe, an der Werksärzte wie Personalmanager, Arbeitssicherheitsfachkräfte, Betriebsräte und Führungskräfte mitwirken“, erklärt Petra Zöller, Gesundheitscoach, Anti-Stress- und Rückenschultrainerin bei Henkel.

Prävention/Reha: Seit Mai 2007 ist am Standort Düsseldorf eine Betriebsvereinbarung zum betrieblichen Gesundheitsmanagement in Kraft, die Mitarbeiter und Führungskräfte für ihre Gesundheit sensibilisieren soll. Sie beinhaltet konkrete Angebote für präventive Maßnahmen zur Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz, z.B. ergonomische Verbesserungen und spezielle Trainingsangebote. Darüber hinaus gibt es spezielle Programme zur

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Unterstützung der Mitarbeiter bei der Wiederherstellung ihrer Gesundheit. Unter anderem geben die jeweiligen Sicherheitsexperten der Abteilungen ihr erlerntes Wissen zum Thema „Rückenschule“ an die Teams in den unterschiedlichen Unternehmensbereichen weiter. Train the Trainer nennt sich das.

Arbeitsmedizinische Vorsorge: Zur Prävention von arbeitsbedingten Erkrankungen, Berufskrankheiten und Unfällen führt Henkel arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen durch. Die Standards gehen über die gesetzlichen und berufsgenossenschaftlichen Vorgaben hinaus. „Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, der längeren Lebensarbeitszeit und zunehmender gesundheitlicher Risikofaktoren in der Bevölkerung wurde beispielsweise das Projekt Arbeitsbewältigungsindex aufgesetzt“, erklärt Werksarzt Dr. Andreas Bauck. Hiermit verfolgt Henkel einen interdisziplinären Ansatz zum langfristigen Erhalt und der Förderung der „workability“ der Mitarbeiter. Stärken und Schwächen im betrieblichen Geschehen können erkannt und gezielte Maßnahmen entwickelt werden.

Schulungsmaßnahmen: Darüber hinaus führt das Unternehmen bei Neueinstellungen tätigkeitsbezogene Einstellungsuntersuchungen durch. Im Rahmen von Arbeitsplatz- und Betriebsbegehungen werden Vorgesetzte und Mitarbeiter im Hinblick auf sicheres und gesundheitsgerechtes Arbeiten beraten. In Schulungsmaßnahmen informieren Trainer über diverse medizinische Themen wie beispielsweise: Arbeitsplatzbezogene Rückenschule, Beratung zu Risikofaktoren sowie Ganzheitliche Projekte (z.B. Ernährung, Bewegung, Stressmanagement).

Und: Über das Henkel-Intranet, die Mitarbeiterzeitung oder in den Kasinos am jeweiligen Standort erhalten die Mitarbeiter Informationen rund um Arbeitssicherheit und Gesundheitsmanagement. Das im Intranet zur Verfügung gestellte Handbuch ‚Ergonomie‘ informiert zum Beispiel über Risikofaktoren und Einflussmöglichkeiten in der betrieblichen Praxis.

Best Practise 2: Interdisziplinäres Ergonomie-Projekt bei der Hager Group

Genauso stark wie Henkel engagiert sich auch die Hager Group in Blieskastel für die Gesundheit der Mitarbeiter. Das Unternehmen ist ein führender Anbieter von Lösungen und Services für elektrotechnische Installationen in Wohngebäuden und Gewerbeimmobilien sowie für industrielle Anwendungen. Die Hager Group produziert weltweit an 30 Standorten in 12 Ländern und beschäftigt international rund 10.500 Mitarbeiter, 2.409 davon in Deutschland.

Im Dezember 2009 zeichnete die Berufsgenossenschaft Handel und Warendistribution das Unternehmen mit dem 1. Preis des Förderpreises 2009 „Gesundes Unternehmen – gesunde Mitarbeiter“ aus. „Gesundheit und Wohlbefinden der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind für unser Unternehmen von grundsätzlicher Bedeutung“, erklärt Petra Schreiner, Leiterin Care Management Human Resources in Deutschland. Schon 2004 wurde die Abteilung Care Management gegründet, die innerhalb der deutschen Hager Gruppe neue Konzepte entwickelt.

Seit drei Jahren läuft im Rahmen des Care Management-Programms ein interdisziplinäres Ergonomie-Projekt. Interdisziplinär, weil es zahlreiche Schnittstellen zwischen Arbeitssicherheit, Betriebsmedizin und Care Management beinhaltet. „Ziel ist es, die Mitarbeiter für das Thema Ergonomie und Gesundheit am Arbeitsplatz zu sensibilisieren sowie das Bewusstsein für dieses Thema zu stärken“, erklärt Schreiner.

So wird regelmäßig nach einer ersten Einschätzung der Belastungen an den Arbeitsplätzen ein mehrwöchiges Arbeitsplatztraining durch eine Fachkraft mit jedem Mitarbeiter durchgeführt. „Um die Erfolge zu messen, werden jeweils vor dem Arbeitsplatztraining und im Anschluss daran spezifische Evaluationsbögen ausgegeben“, so Schreiner. Dies ermöglicht dann den Vorher- und Nachher-Vergleich. „Anhand der so gewonnenen Erkenntnisse werden weiterführende Maßnahmen erkannt, geplant und umgesetzt“, sagt Schreiner. Zudem finden in regelmäßigen Abständen immer wieder Arbeitsplatzbegehungen sowie ein individuelles „Auffrischungstraining“ von drei mal zehn Minuten für jeden Mitarbeiter statt. „Das Projekt beinhaltet theoretische und praktische Inhalte wie etwa Arbeitsplatztraining bzw. -gymnastik. Arbeitsplätze wurden neu gestaltet. Die Mitarbeiter wurden aktiver und gesundheitsorientierter“, sagt Schreiner zum Erfolg.

Die Expertin weiß aus Erfahrung, dass viele Büroangestellte von sich aus nicht alle ihre Möglichkeiten nutzen. Sie vergessen zum Beispiel den Bildschirm in der Höhe zu verstellen oder den Neigungswinkel der Sitzflächen zu verändern. In der Produktion sieht Schreiner flexible Gestaltungsmöglichkeiten wie etwa höhenverstellbare Arbeitsflächen als besonders wichtig an. Insbesondere seien sie erforderlich, wenn Arbeitsplätze entweder aufgrund von Schichtarbeit oder Job-Rotation von verschiedenen Mitarbeitern genutzt werden.

Bei Hager werden die Mitarbeiter auch durch Sport-/Physiotherapeuten auf rückenschonendes Verhalten hingewiesen und ge-

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schult. Jeder Trainer besucht die Abteilung auch noch nach Abschluss des Projekts in festgelegten Abständen. Darüber hinaus gibt es verschiedene Kursangebote (z.B. Rückenfit, Yoga) und Ernährungsberatung, die Mitarbeiter unabhängig vom Ergonomie-Projekt dauerhaft besuchen können. „Ergänzend ist die 1: 1-Arbeitsplatzberatung durch unser Team auf Anfrage individuell möglich“, erklärt Schreiner.

Paradebeispiel: Ergonomie in der Logistik

Im vergangenen Jahr wurde in Blieskastel feierlich ein Neubau der Logistik eingeweiht. Die Arbeitsplätze sollten unter Berücksichtigung ergonomischer Erkenntnisse gestaltet werden. Mit Erfolg, wie Expertin Schreiner anhand ausgewählter Beispiele erklärt:

Quer- statt Längseinlagerung: Zuvor lagerten zum Beispiel Paletten längs in den Regalen. Das bedeutete für die Mitarbeiter eine maximale Greiftiefe von 1,20 m. Durch die Quereinlagerung wurde diese für die Mitarbeiter um etwa 30 % auf maximal 80 cm verkürzt. Die Folge: Die Mitarbeiter müssen sich weniger strecken, wenn sie die Produkte entnehmen. Bei durchschnittlich 150 Entnahmen pro Mitarbeiter und Schicht reduziert das die physische Belastung drastisch.

Neue Kommissioniergeräte: Im Lagerbereich „Kommissionierung“ wurden neue Arbeitsgeräte angeschafft. Bisher mussten die Mitarbeiter Hubwägen mit einem Lastgewicht von etwa 200 kg plus Leergewicht von etwa 55 kg täglich aus eigener Kraft bewegen. Jetzt werden zur Kommissionierung Vertikal-Kommissioniergeräte statt der üblichen Gabelhubwagen eingesetzt. Auf diesen kann der Mitarbeiter selbst mitfahren, statt den Hubwagen samt Ladung zu ziehen. Beim Beladen ist es möglich, sich selbst und die Ladefläche auf eine Höhe von 1,90 m anzuheben. Sich-Strecken und Über-Kopf-Arbeit kann so reduziert werden, da der Mitarbeiter sich selbst auf die notwendige Arbeitshöhe anheben kann.

Moderne Packplätze: Im Lagerbereich wird ein neues automatisches Kleinteilelager von Mitarbeitern per Hand gefüllt. Die Ware wird von Paletten entnommen und in Kartons auf sogenannten Fördertablaren abgestellt. Dann wird sie gescannt und anschließend über Rollenfördertechnik in das Kleinteilelager transportiert. Um dauerhaftes Bücken, Heben, Drehen und Absetzen mit der geringsten Belastung für den Mitarbeiter zu gewährleisten, wurden elektrisch zu betätigende Scherenhubtische für die Palettenware angeschafft. Das Anheben der Ware aus eigener Kraft entfällt, denn der Mitarbeiter kann sie per Knopfdruck hochkommen lassen und zieht sie dann nur noch auf den Packtisch.

Solche Beispiele zeigen, wie facettenreich die Gestaltung ergonomischer Arbeitsplätze ist. Meist kann schon durch Aufdecken und Beheben kleiner Fehler ein großer Effekt erzielt werden. Denn Auftrag und Ziel des Gesundheitsmanagements – bei Henkel und vielen anderen Unternehmen – ist es, die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage der Mitarbeiter zu senken. Einen guten Überblick über die verschiedenen Aspekte der Ergonomie als einem Teilbereich gibt die Checkliste des Henkel Konzerns, die Sie auf www.arbeitssicherheit.de herunterladen können.

Recht

Wichtige Vorgaben rund um die Ergonomie

Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, zeigt aber die Systematik des Themas. In einer Vielzahl von Verordnungen und Gesetzen verlangt der Gesetzgeber ein Mindestmaß an ergonomisch gestalteten Arbeitsplätzen:

Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG)

  1. § 3 Grundpflichten des Arbeitgebers

  2. § 5 Beurteilung der Arbeitsbedingungen

  3. § 6 Dokumentation

Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV)

  1. § 3 Beurteilung der Arbeitsbedingungen

  2. § 5 Täglicher Arbeitsablauf

Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV)

  1. § 6 Arbeitsräume, Sanitätsräume, Pausen- und Bereitschaftsräume, Erste-Hilfe-Räume, Unterkünfte

  2. Normen

außerdem

  1. DIN EN ISO 9241: Ergonomie der Mensch-System-Interaktion (Bildschirmarbeitsplätze)

  2. DIN EN ISO 10075: Ergonomische Grundlagen psychischer Arbeitsbelastung

Büroarbeitsplätze: So verteilen sich traditionell die Kosten

Sachmitteln wird in den Betrieben ein höherer Stellenwert beigemessen als der Ausstattung der Büroarbeitsplätze. Angaben in % der gesamten Aufwendungen

Die umfangreiche Checkliste „Ergonomie“ der Henkel AG zum Download auf www.arbeitssicherheit.de, Webcode 16853