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„Die Vorteile, die sich durch Manipulationen ergeben, müssen...

Matthes, Arbeitssicherheitsjournal 2010, 7

Thema: „Die Vorteile, die sich durch Manipulationen ergeben, müssen verringert werden“
Zeitschrift: arbeitssicherheits.journal
Autor: Guido Matthes
Rubrik: arbeitssicherheit.titelthema
Referenz: Arbeitssicherheitsjournal 2010, 7 (Heft 3)

„Die Vorteile, die sich durch Manipulationen ergeben, müssen verringert werden“

Guido Matthes
Matthes: „Die Vorteile, die sich durch Manipulationen ergeben, müssen verringert werden“ - Arbeitssicherheitsjournal 2010 Heft 3 - 7

Manipulationen an Schutzeinrichtungen von Maschinen können zu schweren Arbeitsunfällen führen. Leichtsinn, aber auch Zeitersparnis führen nicht selten dazu, dass Schutzriegel und -türen abmontiert werden. Wie Unternehmer und Hersteller diesem Problem begegnen könnten, darüber sprach arbeitssicherheit.journal mit Dipl.-Ing. Ralf Apfeld, Leiter des Referats 5.2 – Maschinen und Anlagen beim Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA).

arbeitssicherheit.journal: Warum kommt es häufig zu Manipulationen von Schutzeinrichtungen?

Ralf Apfeld: Schutzeinrichtungen werden aus den verschiedensten Gründen manipuliert: Zeitdruck, Zeitgewinn, Bequemlichkeit oder einfach Gewohnheit. Aber auch Risikounterschätzung oder Risikoignoranz spielen eine Rolle. Nicht selten wird das Manipulieren von den Vorgesetzten geduldet, vereinzelt sogar angeordnet. Deshalb kann und sollte in all diesen Fällen die Lösung nur heißen: Optimieren der Arbeitsabläufe und konsequentes Durchsetzen der internen Sicherheitsregeln. Häufig wird von Produktionsleitern oder Bedienungspersonen geltend gemacht, dass sich die Maschine oder Anlage gar nicht bedienen lasse, ohne die Schutzeinrichtungen zu manipulieren. Wenn dem wirklich so ist, sollte in solchen oder ähnlichen Fällen der Hersteller direkt angesprochen werden.

Warum sind sich Arbeitnehmer der Gefahr nicht bewusst, wenn sie Schutzeinrichtungen umgehen?

Hier spielen psychologische Faktoren eine wichtige Rolle. Dazu gehört die Gefahrenwahrnehmung. Diese wird durch Erfahrungen und Lernvorgänge bestimmt. Wer eine Tätigkeit häufig ohne negative Folgen (sicherheitswidrig) ausführt, beurteilt sie früher oder später als „ungefährlich“. Diese Lernerfahrung wirkt sich auf das Verhalten aus. Die Einschätzung „ungefährlich“ führt dazu, sich nicht hinreichend zu schützen. Dies gilt besonders für Routinetätigkeiten.

Die Gefahrenwahrnehmung ändert sich aufgrund von Lernerfahrungen auch bei der Arbeit an manipulierten Maschinen. Dies zeigte unsere Studie bei der Frage nach der durch die Manipulation hervorgerufenen Gefährdung. Die Aufsichtspersonen und die Bediener sollten einschätzen, wie hoch die Gefährdung ist, die durch eine Manipulation hervorgerufen wird (von sehr niedrig bis sehr hoch).

Aufsichtspersonen halten die hervorgerufene Gefährdung für eher hoch, und Bediener schätzen sie als eher niedrig ein. Die regelmäßige Arbeit an einer manipulierten Maschine und das Erleben, „Meistens passiert nichts“, führt dazu, dass die Bediener die Manipulation für ungefährlich halten. Manipulationen führen aus Sicht der Bediener in der Regel also nicht zu negativen Folgen, sondern haben eher vordergründig positive Effekte: Man kann schneller arbeiten, den Prozess besser beobachten und/oder Ähnliches. Das Arbeiten bei intakten Schutzeinrichtungen erschwert die Arbeit hingegen.

Diese Lernerfahrung lässt sich mit Schulungen und Unterweisungen richtigstellen. Diese finden in den Unternehmen auch statt. Trotzdem kommt es zu Manipulationen, schon vor den oben erwähnten Lernerfahrungen. Warum?

Sozialer Druck, beispielsweise von Vorgesetzten und Kollegen, kann ebenfalls eine Rolle spielen. So haben bei der Befragung 60 % der Bediener erklärt, dass das Umgehen von Schutzeinrichtungen im Betrieb geduldet werde und immerhin über 13 % der Bediener gaben an, dass dies sogar von ihnen erwartet wird! Gut 10 % der Bediener erklärten zudem, dass ein starker Druck der Kollegen vorhanden ist, Manipulationen vorzunehmen.

Die Ausbildung kann ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Nur 60 % der Bediener wurden nachweislich unterwiesen und über der Hälfte von ihnen sind die rechtlichen und betrieblichen Konsequenzen des Manipulierens nicht ausreichend bewusst.

Und was lässt sich dagegen unternehmen? Z.B. von Herstellerseite?

Die Vorteile, die sich durch Manipulationen ergeben, müssen verringert werden. Das heißt von Herstellerseite, konstruktiv die Schutzeinrichtungen so planen, dass sich durch sie keine Hindernisse für die Arbeit ergeben. Auf Anwenderseite sind Vorgesetzte und Kollegen zu sensibilisieren, dass Manipulationen an Schutzeinrichtungen im Betrieb nicht geduldet werden und kein Kavaliersdelikt darstellen. Nicht zuletzt helfen Schulungen der Mitarbeiter und betrieblichen Vorgesetzten, die Häufigkeit von Manipulationen zu verringern. Hierbei sollte vermittelt werden, dass die Gefährdung bei Routinetätigkeiten, bei denen (fast) nie etwas passiert, meist unterschätzt wird. Um Manipulationen an Schutzeinrichtungen von Maschinen langfristig zu verringern, ist es sinnvoll, mehrere der genannten Maßnahmen zu ergreifen. Sie unterstützen und ergänzen sich in ihrer Wirkung gegenseitig. Bei der Neuanschaffung von Maschinen sollte unbedingt vorab geprüft werden, ob die fragliche Maschine einen Anreiz zur Manipulation von Schutzeinrichtungen mitbringt. Dies lässt sich relativ einfach feststellen. Das Institut für Arbeitsschutz – IFA bietet hierzu ein kostenloses Hilfsmittel an.

Wie lassen sich Manipulation in der Praxis verhindern?

Die einfachsten technischen Maßnahmen sind z.B. Positionsschalter unzugänglich anzubringen und die Demontage zu erschweren. Aber wirklich gelöst ist die Aufgabe erst dann, wenn die Ursache für die Manipulation beseitigt ist. Maschinen müssen so konstruiert werden, dass ein ergonomischer Betrieb in allen Betriebsarten gewährleistet ist.

Die hierfür notwendigen steuerungstechnischen Produkte sind in der Regel am Markt verfügbar. Hier ist insbesondere der Einsatz von Antriebssteuergeräten mit integrierten Sicherheitsfunktionen wie sicher begrenzte Geschwindigkeit zu erwähnen. Vom Konstrukteur der Maschine ist ein durchgängiges Sicherheits- und Bedienkonzept zu erwarten. Dazu gehört insbesondere, erforderliche Schutzeinrichtungen frühzeitig vorzusehen und ständig eine „vernünftigerweise vorhersehbare Fehlanwendung“ zu berücksichtigen, die sich aus menschlichem Verhalten ergeben kann.

Diese Forderungen sind keineswegs neu, sondern seit vielen Jahren in der Maschinenrichtlinie und in der Normung festgeschrieben. Unsere Studie unterstreicht die Notwendigkeit dieser Forderung, indem sie zeigt, dass vor allem Maschinen manipuliert werden, die sicherheitstechnisch zu wenig durchdacht und unzureichend konstruiert sind. Folglich ist die Frage zu stellen, ob diese Maschinen zu Recht mit dem CE-Zeichen gekennzeichnet sind und welche strafrechtliche Verantwortung sich im Schadensfall ergibt.

Interview: Guido Matthes