Online-Shop für Schriften

Jetzt bei uns im Shop bestellen

Jetzt bestellen
„Man muss darüber reden …“

Meier, Arbeitssicherheitsjournal 2010, 14

Thema: „Man muss darüber reden …“
Zeitschrift: arbeitssicherheits.journal
Autor: Olaf Meier
Rubrik: arbeitssicherheit.fokus
Referenz: Arbeitssicherheitsjournal 2010, 14 (Heft 2)

„Man muss darüber reden …“

Olaf Meier
Meier: „Man muss darüber reden …“ - Arbeitssicherheitsjournal 2010 Heft 2 - 14

Dr. Renate Wachsmuth berät als Arbeits- und Organisationspsychologin Unternehmen bei der Gestaltung ihrer Arbeitsprozesse. Das Thema „Kooperative Sicherheitsunterweisung“ war nicht nur Thema ihrer Promotion, sondern ist heute auch immer wieder Bestandteil ihrer Schulungen. Im Gespräch mit dem arbeitssicherheit.journal gibt sie Tipps, worauf es bei einer erfolgreichen Unterweisung ankommt.

arbeitssicherheit.journal: Frau Dr. Wachsmuth, was ist der größte Fehler, wenn ich eine Unterweisung erfolgreich durchführen will?

Dr. Renate Wachsmuth: Der größte Fehler besteht darin zu glauben, dass die Unterweisungsinhalte verstanden, behalten, akzeptiert und umgesetzt werden. Etwas zu hören heißt nicht, dass es auch umgesetzt wird. Zwischen Wissensvermittlung und Handlung besteht immer ein Graben, den man überwinden muss. Denken Sie nur an Sport: Jeder weiß, dass man Sport machen sollte, aber man macht es doch nicht.

Was also kann man tun, damit Informationen nicht „in das eine Ohr hinein, und zum anderen wieder hinaus“ gehen?

Grundsätzlich gilt, dass mein Gehirn Informationen, die ich bereits habe, als überflüssig einschätzt. Die meisten Unterweisungskonzepte setzen auf Informationsvermittlung, die Informationen, die darin enthalten sind, zielen aber in der Regel nur auf unerfahrene Neulinge ab – alle anderen schalten ab. Einen erfahrenen Profi kann ich nur mit neuen Informationen fesseln. Aber dabei gilt immer, dass das Wissen nicht automatisch auch motiviert, sich entsprechend zu verhalten.

Und wie kann ich Mitarbeiter dann in einer Unterweisung motivieren, das Gehörte auch tatsächlich umzusetzen?

Man muss darüber reden, was das Gehörte konkret im Arbeitsalltag bedeutet, wie etwas genau geht, was man bei welchen Eventualitäten macht. Dieser Dialog ist für die Informationsverarbeitung, die Umsetzung und Anwendung wichtig. Ich spreche daher auch lieber von einer Sicherheitsbesprechung als von einer Unterweisung. Dabei wird gemeinsam ein Thema erarbeitet, sodass Einsichten wachsen können. Kooperation ist immer der Königsweg, denn dann macht der Mitarbeiter etwas aus eigener Überzeugung heraus. Dagegen wird alles, was nur auf Anweisungen basiert, nur so lange gemacht, wie eine Kontrolle besteht. Beispiel Radarkontrolle: Wenn man den Blitzer sieht, fährt man angemessen, ist man vorbei, gibt man wieder Gas. Sieht man allerdings ein, dass eine Geschwindigkeitsbegrenzung Sinn macht, fährt man auch entsprechend. Das heißt, alles was auf Macht, Durchsetzung und Kontrolle basiert, ist bei einer Unterweisung von zweifelhaftem Wert.

Nicht jeder ist ein geborener Moderator – gibt es einen Trick, wie man so einen Dialog anregen kann?

Der Trick ist einfach: Fragen stellen. Und zwar offene Fragen – also zum Beispiel: „Was könnte passieren, wenn …, welche gesundheitlichen Gefährdungen liegen vor, wenn …, was können wir tun, um zu …“ Derartige Fragen sollte man sich schon in der Vorbereitung zur Unterweisung überlegen. Der nächste Trick ist, immer nur eine Frage zu stellen und dann auch die Antwort abzuwarten. Das heißt, nicht selbst zu reden, sondern zuzuhören.

Ich muss mich also schon ziemlich detailliert vorbereiten. Laufe ich dann nicht Gefahr, nur noch ein Programm abzuspulen?

Sobald ich ein fertiges, multimediales Konzept nehme, mit vorgefertigten Folien, Filmen und so weiter, ist die Gefahr groß, dass der Unterweiser nur noch „abspult“. Besonders groß ist die Gefahr, dass auf der anderen Seite auf Durchzug geschaltet wird, wenn das vorbereitete Konzept nicht auf die eigene Arbeitssituation passt, und Mitarbeiter die Informationen für überflüssig halten oder für nicht praxisgerecht. Natürlich müssen auch Unterweisungskonzepte, die auf den Dialog setzen und die reale Arbeitssituation berücksichtigen, vorbereitet werden – denn in der Unterweisung fällt einem nicht unbedingt spontan die passende offene Frage ein … Aber keine Sorge: Eine schlechte Unterweisung ist immer noch besser als keine. Alles andere ist dann die Kür.

Interview: Olaf Meier