Online-Shop für Schriften

Jetzt bei uns im Shop bestellen

Jetzt bestellen
EU-OSHA: „Gefährdungsbeurteilungen den Mythos nehmen“

Schaake, Arbeitssicherheitsjournal 2010, 18

Thema: EU-OSHA: „Gefährdungsbeurteilungen den Mythos nehmen“
Zeitschrift: arbeitssicherheits.journal
Autor: Monika Schaake
Rubrik: arbeitssicherheit.event
Referenz: Arbeitssicherheitsjournal 2010, 18 (Heft 1)

EU-OSHA: „Gefährdungsbeurteilungen den Mythos nehmen“

Monika Schaake
Schaake: EU-OSHA: „Gefährdungsbeurteilungen den Mythos nehmen“ - Arbeitssicherheitsjournal 2010 Heft 1 - 18

Auf Einladung der EU-OSHA nahm die Redaktion von arbeitssicherheit.journal an der Abschlusskonferenz der Kampagne für Gefährdungsbeurteilungen in kleinen und mittelständischen Unternehmen teil. Unter dem Motto „Healthy Workplaces“ berichteten Vertreter einzelner Mitgliedstaaten über politische Tendenzen und konkrete Projekte rund um die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz.

Fachgespräche am Rande der EU-OSHA-Konferenz in Bilbao.

„It should be easy, simple and effective to do the right things“ – es sollte einfach, unkompliziert und effektiv sein, die richtigen Dinge zu tun. Mit diesen Worten schloss der schwedische Arbeitsminister Sven Otto Littorin seine Eröffnungsrede zur EU-OSHA-Konferenz „Healthy Workplaces“ Mitte November 2009 in Bilbao. Wenn dieser Wunsch, den er als Repräsentant der schwedischen EU-Ratspräsidentschaft formulierte, für Gefährdungsbeurteilungen gelten würde, dann hätte es wohl kaum einer zweijährigen Kampagne bedurft, um das wichtigste Instrument der Arbeitssicherheit in Betrieben bekannt zu machen.

Denn offenbar sieht die Realität in Europa anders aus: Jedes Jahr sterben 5 720 Menschen in der Europäischen Union an den Folgen von Arbeitsunfällen. Darüber hinaus, so schätzt die europäische Arbeitssicherheitsbehörde EU-OSHA, fallen fast 160 000 Menschen jährlich einer Berufskrankheit zum Opfer. Überspitzt formuliert stirbt also alle dreieinhalb Minuten ein Europäer an einer Krankheit oder den Folgen eines Unfalls, die direkt mit seiner Arbeit zusammenhängen.

Neben den sozialen Folgen dieser erschreckend hohen Zahl arbeitsbedingter Todesfälle hat die Sicherheit am Arbeitsplatz auch knallhart wirtschaftliche Hintergründe: So verursachen Berufsunfähigkeit und Berufskrankheiten laut Littorin in Australien bereits Kosten in Höhe von 6 % des Bruttoinlandsprodukts. Hinzu komme die demografische Entwicklung in den Industrieländern: Schon heute sei ein Viertel der Beschäftigten über 50 Jahre alt, im Jahr 2050 würde es bereits die Hälfte sein.

Investitionen in mehr Arbeitssicherheit sind deshalb dringend geboten, um die Arbeitsfähigkeit möglichst lange zu erhalten. Die Ziele künftiger Arbeitspolitik formulierte Littorin so:

  1. 1.

    Das Risiko von Arbeitsunfällen/Berufskrankheiten muss gesenkt werden. Dabei kommt dem Instrument „Gefährdungsbeurteilung“ (engl. risk assessment) höchste Bedeutung zu.

  2. 2.

    Die Chancen für den Einstieg in den Arbeitsmarkt müssen langfristig verbessert werden. Auch wenn infolge der derzeitigen Krise die Arbeitslosigkeit steigt, braucht Europa in Zukunft qualifizierte Arbeitskräfte. „We will need every single head in the EU labour market“, mahnte der schwedische Arbeitsminister.

  3. 3.

    Die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen in der EU hängt entscheidend von einer gesunden arbeitenden Bevölkerung ab. Gute Arbeitsbedingungen – und dazu zählen auch die Arbeitssicherheit und der Gesundheitsschutz – sind starke Argumente für einen Arbeitgeber.

„Wir sehen Gefährdungsbeurteilungen in einer Schlüsselposition in Unternehmen“, so Kris de Meester vom Europäischen Industrie- und Arbeitgeberverband BusinessEurope. De Meester beschreibt Gefährdungsbeurteilungen als ein wichtiges Tool mit dem Ziel, die Arbeitsfähigkeit von Mitarbeitern zu erhalten. Eingebettet in eine Risikoanalyse, sollten sie in Unternehmen eine ebenso wichtige Rolle spielen wie das Controlling für die Wirtschaftlichkeit. Gefährdungsbeurteilungen sind für ihn ein fortlaufender praktischer Prozess, und die Aufgabe der EU-OSHA besteht für de Meester darin, „dem Instrument Gefährdungsbeurteilung den Mythos zu nehmen, sodass auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) es in ihre Prozesse einbinden“.

Nachholbedarf bei kleinen Unternehmen

Dass gegenüber Gefährdungsbeurteilungen Vorbehalte bestehen, zeigt ein Beispiel aus Deutschland: Detlev Mohr vom Landesinstitut für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Potsdam berichtete über ein Projekt in Berlin und Brandenburg. Ziel war es, Gefährdungsbeurteilungen für Kleinstbetriebe bis zehn Mitarbeiter zu installieren. Mohr betonte, dass, obwohl Gefährdungsbeurteilungen seit zehn Jahren Pflicht sind, sie gerade in kleinen Unternehmen oft noch vernachlässigt werden. „Der Kampf ums wirtschaftliche Überleben bewirkt oft, dass Fragen wie Sicherheit und Gesundheitsschutz von den Chefs kleiner Firmen verdrängt werden“, erklärte Mohr. So ergab eine Erhebung unter 1 500 Kleinstfirmen, dass jedes dritte Unternehmen keine Gefährdungsbeurteilungen für die vorhandenen Arbeitsplätze erstellt hatte. Diese Unternehmen erhielten eine kompetente Unterstützung, um der Pflicht nachzukommen.

Darüber hinaus stellte sich heraus, dass eine Reihe weiterer Unternehmen zwar Arbeitsplätze auf Risiken hin überprüften, die Gefährdungsbeurteilungen aber unzureichend waren. Besonders kritisch sei die Situation bei biologischen Gefahren, dem Umgang mit gefährlichen Stoffen und mit Vibrationen sowie bei psychischen Belastungen. Künftige Anstrengungen der nationalen und EU-weiten Aufklärungskampagnen sollten sich deshalb laut Mohr vor allem auf diese Gefährdungen konzentrieren, weil hier offenbar noch großer Nachholbedarf besteht.

Nächstes Projekt: Arbeitssicherheit und Psychostress

Was für Kleinstfirmen in Berlin und Brandenburg gilt, scheint im Prinzip auf ganz Europa übertragbar zu sein: Je kleiner das Unternehmen, desto seltener führen die Verantwortlichen Gefährdungsbeurteilungen als Teil der Risikoanalyse durch. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine EU-weite Studie, deren erste Ergebnisse im Rahmen der Konferenz vorgestellt wurden. Befragt wurden 36 000 Manager und Fachkräfte für Arbeitssicherheit in Betrieben mit mehr als zehn Mitarbeitern.

Besonderen Wert legte Studienleiter Eusebio Rial Gonzales vom European Risk Observatory der EU-OSHA auf den Stellenwert psychologischer Gefährdungen in Unternehmen. Während seit Jahren die Zahl der Arbeitsunfälle rückläufig ist, zeigen immer mehr Beschäftigte Anzeichen von psychischem Stress und den Folgekrankheiten – von Depressionen bis zu Rückenbeschwerden und Herzinfarkten.

Wie ernst psychische Gefährdungen in Unternehmen genommen werden, hängt offenbar ebenfalls von der Unternehmensgröße ab. Insbesondere die Vertreter kleiner Firmen gaben an, sich mit psychologischen Problemen vor allem wegen der gesetzlichen Vorgaben zu beschäftigen. Faktoren wie der Krankenstand, Proteste des Betriebsrats oder eine sinkende Produktivität spielten für sie bislang nur eine untergeordnete Rolle. Wie lange Unternehmen es sich noch leisten können, Psychostress bei Fragen der Arbeitssicherheit auszuklammern, ist fraglich. Für die EU-OSHA steht das Thema jedenfalls nach dem Abschluss der Kampagne zur Gefährdungsbeurteilung ganz oben auf der Agenda.

Info

Best practise in Europa

Dass es im Rahmen der Konferenz nicht nur um gegenseitiges Beglückwünschen und den Austausch (arbeitsmarkt-)politischer Floskeln ging, bewiesen die Veranstalter am Nachmittag unter anderem mit der Verleihung der Best Practise Awards. In Kurzvorträgen stellten die Prämierten ihre Aktivitäten in Sachen Arbeitssicherheit vor.

Skanska Finland, Finnland

Im Branchenvergleich ist die Unfallrate im Baugewerbe in Finnland, wie überall in Europa, am höchsten. Gründe dafür sind die sich ständig verändernden Arbeitsbedingungen und damit Gefährdungen an den Baustellen. Mitarbeiter müssen deshalb ständig wachsam sein und mögliche Risiken aktiv erkennen. Skanska Finland führte auf seinen Baustellen folgendes System ein: Jeder Mitarbeiter erhält zu Beginn der Bauarbeiten ein Set mit zehn Karten für unterschiedliche Gefahrensituationen und ist angehalten, täglich die relevanten Risiken zu markieren und Vorschläge für den sicheren Umgang damit zu machen. Der Vorarbeiter sammelt anschließend alle Karten ein und erteilt eine entsprechende Unterweisung. Zudem gibt er die Gefährdungen in das firmeneigene Datensystem ein. Skanska Finland arbeitet seit 2004 mit diesem System. Die Unfallrate sank signifikant, was das Unternehmen auf das gestiegene Risikobewusstsein der Mitarbeiter durch ihre aktive Teilnahme an der Gefährdungsbeurteilung zurückführt.

EuskoTren, Spanien

Mitarbeiter von Verkehrsbetrieben werden immer häufiger von Passagieren und Kunden angegriffen. Das baskische Unternehmen EuskoTren beobachtete eine steigende Zahl verbaler Attacken wie etwa Beleidigungen, Bedrohungen und Einschüchterungen. In Gefährdungsbeurteilungen wurden daraufhin die psychosozialen Risikofaktoren erfasst und ein System zur Gewaltprävention installiert. Zu den Maßnahmen, die die Sicherheit der Busfahrer, Schalterbediensteten und Schaffner erhöhen sollen, gehören z.B. ein Präventionstraining für gefährdete Mitarbeiter, eine verstärkte Videoüberwachung und eine bessere Zusammenarbeit mit der Polizei. Diese Maßnahmen haben laut EuskoTren bereits Wirkung gezeigt: Die Zahl der gemeldeten Vorgänge ging bereits zurück.

Mars Lietuva, Litauen

Das Sicherheitsbewusstsein der Mitarbeiter in der litauischen Niederlassung von Mars Inc. war sehr gering und konnte durch ein dreistufiges Programm aus Sicherheitstraining, Reporting-System und regelmäßigen Sicherheitsüberprüfungen signifikant gesteigert werden. Seit über einem Jahr hat es in dem Werk in Gargzdai, in dem Tierfutter produziert wird, keinen Unfall mehr gegeben. Insgesamt wurden seit der Einführung der zweiwöchigen Sicherheitsinspektionen 2006 über 2 000 Verbesserungen vorgenommen.