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Erkrankungen von Mitarbeitern gehen zulasten des Arbeitgeber...

Rosarius, Arbeitssicherheitsjournal 2010, 15

Thema: Erkrankungen von Mitarbeitern gehen zulasten des Arbeitgebers
Zeitschrift: arbeitssicherheits.journal
Autor: Hans T. Rosarius
Rubrik: arbeitssicherheit.fokus
Referenz: Arbeitssicherheitsjournal 2010, 15 (Heft 1)

Erkrankungen von Mitarbeitern gehen zulasten des Arbeitgebers

Hans T. Rosarius
Rosarius: Erkrankungen von Mitarbeitern gehen zulasten des Arbeitgebers - Arbeitssicherheitsjournal 2010 Heft 1 - 15

Über die reisemedizinische Betreuung von geschäftlich Reisenden in gesundheitliche Risikogebiete sprach arbeitssicherheit.journal mit dem Facharzt für Arbeitsmedizin, Flugmedizin, Umweltmedizin, Dr. Eckhard Müller-Sacks, der die Koordinierungsstelle Flug- und Reisemedizin BAD GmbH am Düsseldorfer Flughafen leitet.

arbeitssicherheit.journal: Wenn man beruflich ins Ausland reist, reicht es da nicht, seinen Hausarzt aufzusuchen?

Dr. Eckhard Müller-Sacks: Nein, der Hausarzt kennt sich mit Reisemedizin nicht genügend aus. Der Hausarzt kann dies nicht leisten, da er ganz andere Aufgaben wahrnimmt. Wer drei Ärzte fragt, erhält vier bis fünf unterschiedliche Antworten. Dadurch verunsichert, lassen sich viele von Kollegen und Freunden beraten, die das Reiseland kennen. Eine Studie kam mal zu dem Ergebnis, dass der Anteil nicht korrekter Auskünfte von Hausärzten bei reisemedizinischen Fragen in Deutschland bei 29 bis 45 % und in der Schweiz bei 7 bis 13 % lag. Um sich optimal auf eine Dienstreise in gesundheitliche Risikogebiete vorzubereiten, sollte auf jeden Fall ein Arbeitsmediziner aufgesucht werden, der speziell hierzu geschult ist.

arbeitssicherheit.journal: Und was bedeutet nun „reisemedizinische Betreuung“?

Müller-Sacks: Unter Reisemedizin verstehen wir hauptsächlich den berufsgenossenschaftlichen Grundsatz 35 „Arbeitsaufenthalt im Ausland unter besonderen klimatischen und gesundheitlichen Belastungen“. Dieser Grundsatz ist verpflichtend, wenn ein Unternehmen Mitarbeiter ins Ausland schickt. Trotzdem herrscht immer noch ein hoher Aufklärungsbedarf, da viele Firmen schlicht noch nie etwas vom G 35 gehört haben. Als anerkannte Gelbfieber-Impfstelle betreut unser Zentrum für Reise- und Flugmedizin am Flughafen Düsseldorf auch viele private Ferntouristen. Wir erfahren oft ganz zufällig, dass nach dem Urlaub ein langfristiger beruflicher Auslandsaufenthalt ansteht, ohne dass eine reisemedizinische Beratung und gegebenenfalls Untersuchung durchgeführt wurden oder geplant sind. Das kann katastrophale Folgen haben.

arbeitssicherheit.journal: Und wenn ein Unternehmen den G 35 ignoriert?

Müller-Sacks: Sollte ein Mitarbeiter im Ausland krank werden und ein Unternehmen hat den G 35 einfach ignoriert, dann können massive rechtliche und finanzielle Konsequenzen entstehen. Denn dann geht die Erkrankung eines Mitarbeiters zulasten des Unternehmens, das gegebenenfalls in Regress genommen werden kann. Außerdem ist mit einem Anstieg der Beiträge für die Berufsgenossenschaften zu rechnen.

arbeitssicherheit.journal: Welche Unternehmen betreuen Sie?

Müller-Sacks: Für große Unternehmen, wie Fluggesellschaften, ist eine reisemedizinische Betreuung Usus. Ein Beispiel: Bei einer großen deutschen Fluggesellschaft haben wir über 90 % des fliegenden Personals geimpft. Diese Rate ist ein großer Erfolg. Und: Einmal im Jahr bieten wir ein Seminar an für Firmen, die Mitarbeiter ins Ausland schicken. Das sind dann zum Beispiel Ingenieurbüros, aber auch Fernsehsender.

arbeitssicherheit.journal: Wie sieht dann die reisemedizinische Betreuung aus?

Müller-Sacks: Am Anfang steht eine telefonische Beratung für jemanden, der beruflich ins Ausland muss und nachfragt, wie es in dem Land aussieht und was er als Vorbeugung tun kann. Geht ein Mitarbeiter für drei Monate oder länger ins Ausland oder sind die Aufenthaltsbedingungen vor Ort schlecht, dass er zum Beispiel in einem Container oder Zeltdorf wohnen muss, wird ein Gesundheitscheck durchgeführt. Bei der Erstuntersuchung durch den Arbeitsmediziner oder Betriebsarzt findet eine eingehende körperliche Kontrolle der Gesundheit statt. Eingeschlossen sind eine Überprüfung der Belastungsfähigkeit und eine gründliche Labordiagnostik. Zusätzlich wird der Impfschutz überprüft und gegebenenfalls erneuert.

Der Reisende sollte zumindest gegen Typhus, Cholera, Diphtherie, Tetanus, Polio (Kinderlähmung) und Hepatitis A + B (Gelbsucht) geimpft sein. Die Untersuchung sollte alle zwei bis drei Jahre wiederholt werden. Je nach Reiseland, -route, -dauer, Jahreszeit und Art des Aufenthaltes – Flüchtlingslager, Arbeitscamp, Hotel – können weitere Impfungen sowie eine spezielle Malariavorbeugung erforderlich sein.

arbeitssicherheit.journal: Und wenn der Gesundheitszustand eine Auslandsreise nicht zulässt?

Müller-Sacks: Dann raten wir von dieser Reise ab. Setzt sich das Unternehmen über unser Reiseverbot hinweg und wird der Mitarbeiter dann im Ausland krank, hat das Unternehmen einen sehr großen Aufwand durch den Ausfall der Arbeitskraft, Bemühungen um einen Ersatz, Rückholkosten etc.

arbeitssicherheit.journal: Erhält der Reisende darüber hinaus noch Informationen?

Müller-Sacks: Mit unserem Expertenwissen beraten wir umfassend zu allen reiserelevanten Themen. Wie ist die politische Lage im Reiseland, was ist von der Unterkunft zu erwarten, ist die medizinische Versorgung ausreichend und wie funktioniert die Rettungskette ins Heimatland? Ein zentrales Thema ist das besonnene Verhalten des Reisenden, das neben der medizinischen Vorbeugung, wie Impfungen und medikamentöser Malaria-Vorbeugung, den besten Schutz darstellt.

Oft wissen die Reisenden gar nicht, welche Krankheiten es im Zielgebiet gibt und welchen Gesundheitsrisiken sie sich aussetzen. Wie die Ärztezeitung berichtete, hat eine internationale Studie im Auftrag des Zentrums für Reise und Gesundheit der WHO (Weltgesundheitsorganisation) ergeben, dass etwa 40 % von 600 untersuchten Fernreisenden medizinisch völlig unvorbereitet seien. Nur 9 % hatten vor, bei Essen und Trinken vorsichtig zu sein. Gut 40 % hatten keine Bedenken, im Reiseland Wasser aus dem Wasserhahn zu trinken. 80 % würden frisches Obst und Salat essen und 63 % sogar Muscheln und Meeresfrüchte.

arbeitssicherheit.journal: Aber viele werden doch erst nach einer Reise krank.

Müller-Sacks: Wir sind auch für die Zeit danach zuständig. Hierfür gibt es die Rückkehruntersuchungen, also wenn jemand zum Beispiel ein Jahr im Ausland war, wird er nach vier bis acht Wochen untersucht. Dann gibt es noch die Zwischenuntersuchungen alle zwei bis drei Jahre für diejenigen, die am Stück im Ausland arbeiten. So betreuen wir regelmäßig Missionare.

arbeitssicherheit.journal: Also ist es doch für Unternehmen lohnenswert, seine Mitarbeiter reisemedizinisch betreuen zu lassen.

Müller-Sacks: Natürlich. Wenn man bedenkt, dass bis zu 3 % der Mitarbeiter, die im Ausland gearbeitet haben, mit kleinen Arbeitsunfähigkeiten zurückkommen und erst einmal zwei bis drei Wochen krank sind – das sind hohe finanzielle Verluste für ein Unternehmen. Hinzu kommt: Eine komplette Hepatitis-Impfung zum Beispiel kostet unter 200 Euro. Die hält zehn Jahre. Diese Kosten kann eigentlich jedes Unternehmen aufbringen. Und vor allem signalisiert man dadurch doch dem Mitarbeiter: Ich tu etwas für dich, weil ich mich um deine Gesundheit kümmere.

arbeitssicherheit.journal: Wie erhält der Reisende am schnellsten Informationen?

Müller-Sacks: Über unsere kostenlose Hotline 0800-7233872 sind wir von Montag bis Donnerstag in der Zeit von 7 bis 15 Uhr erreichbar. Freitags nur bis 13 Uhr. Unter www.die-reise-medizin.de können sich nicht nur geschäftlich Reisende, sondern auch Urlauber über die gesundheitlichen Risiken ihres Reiseziels informieren. Für 232 Länder und 18 Regionen der Welt liegen zahlreiche tagesaktuelle Informationen vor. Welche Impfungen sind vorgeschrieben, wie ist das Klima, gibt es besondere Einreisebestimmungen? Hilfreich ist auch das Lexikon der wichtigsten Reisekrankheiten.

Für jede Krankheit werden Erreger, Verbreitung, Übertragungsweg, Inkubationszeit sowie Möglichkeiten der Behandlung und Vorbeugung angegeben. Auf der Internetseite findet man auch eine Adressliste der bundesweiten Gelbfieberimpfstellen und Tipps zu wichtigen reisemedizinischen Themen wie „Reiseapotheke“ oder „Economy Class-Syndrom“, bei der es sich um eine Reisethrombose handelt, die aber in Wirklichkeit ein Sonderfall einer Sitzthrombose ist, wie sie auch nach Bus-, Bahn- und Autoreisen, aber auch nach langem Sitzen zum Beispiel am Arbeitsplatz zu beobachten ist.

Interview: Hans T. Rosarius