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Kongressthema Gehörschutz – Kleiner Aufwand mit großer Wirku...

Rein, Arbeitssicherheitsjournal 2009, 14

Thema: Kongressthema Gehörschutz – Kleiner Aufwand mit großer Wirkung
Zeitschrift: arbeitssicherheits.journal
Autor: Kirsten Rein
Rubrik: arbeitssicherheit.fokus
Referenz: Arbeitssicherheitsjournal 2009, 14 (Heft 3)

Kongressthema Gehörschutz – Kleiner Aufwand mit großer Wirkung

Kirsten Rein
Rein: Kongressthema Gehörschutz – Kleiner Aufwand mit großer Wirkung - Arbeitssicherheitsjournal 2009 Heft 3 - 14

Gefahren durch Lärm werden nicht so deutlich wahrgenommen wie Gefahren durch Nässe, Hitze oder Ähnliches. Man kann durchaus längere Zeit mit Lärm arbeiten, ohne eine Beeinträchtigung des Gehörs zu bemerken. Bei den Berufskrankheiten aber rangiert die Schwerhörigkeit auf Platz 1. Zwei Beiträge des A+A Kongresses erklärten, worauf es beim Gehörschutz ankommt.

Beethovens 5. Symphonie, Ravels Bolero und Mozarts Figaro – schönste Klänge und sie alle haben eines gemeinsam. Sie können krank machen, zumindest die Musiker, die sie zum Erklingen bringen. Bühne oder Orchestergraben als Gefahrenzone? Ja, Berufsmusiker gehören zu einer der Gruppen, die häufig von Lärmschwerhörigkeit betroffen sind, weil nicht nur mit dem Paukenschlag 85 Dezibel sehr häufig überschritten werden. Obwohl die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung seit Februar vergangenen Jahres auch für Musiker gültig ist, schützen sich nur die wenigsten Musiker bei ihrer Arbeit.

In anderen Branchen wird mit möglicher Lärmschwerhörigkeit aufmerksamer umgegangen. Obwohl Maschinen immer leiser konstruiert werden und anderweitig Schallschutzmaßnahmen ergriffen werden, arbeiten nach Aussagen der BG Druck- und Papierverarbeitung in Deutschland schätzungsweise 5 Millionen Menschen immer noch ganz oder teilweise in Lärmbereichen (bzw. sind von der Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung betroffen). In der Druck- und papierverarbeitenden Industrie sind es etwa 50 000.

Ab wann und warum macht Lärm krank?

Geräusche mit einem Schallpegel von über 85 Dezibel können bereits Gehörschäden verursachen, obwohl die Schmerzgrenze, also die Schwelle, ab der Lärm wehtut, bei etwa 120 Dezibel liegt. Wenn der Schallpegel extrem hoch ist, kann ein Gehörschaden schon nach kurzer Zeit eintreten. Lärmschwerhörigkeit entsteht dadurch, dass die Haarzellen im Hörorgan sich praktisch auflösen. Diese Haarzellen reagieren auf die Druckschwankungen der Membrane und leiten sie als elektrische Impulse ans Gehirn weiter. Einmal zerstörte Haarzellen können nicht ersetzt oder neu gebildet werden.

Deswegen muss vom Betrieb laut Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung bei Lärmexpositionspegeln von mehr als 80 Dezibel Gehörschutz zur Verfügung gestellt werden. Bei Lärmexpositionspegeln ab 85 Dezibel muss persönlicher Gehörschutz getragen werden. Er verhindert, dass schädigender Lärm das Innenohr erreicht. Bei richtiger Anwendung lässt er jedoch Sprachfrequenzen durch und ermöglicht so eine ausreichende Verständigung.

Unterschiedliche Formen des Gehörschutzes

Es gibt eine unglaubliche Vielfalt an Gehörschutz, aber im Wesentlichen kann man vier Formen unterscheiden:

  1. Gehörschutzstöpsel aus weichem Kunststoff oder aus Watte. Sie liegen üblicherweise in Spenderboxen bereit und sind für den einmaligen Gebrauch konzipiert.

  2. Höheren Tragekomfort bei langen Tragezeiten bieten persönlich angepasste individuelle Otoplastiken. Sie können bei richtiger Pflege über mehrere Jahre hinweg benutzt werden.

  3. Bügelgehörschützer sind dann angemessen, wenn der Gehörschutz häufig abgelegt werden muss. Wie einen Kopfhörer kann man die Bügelgehörschützer bequem um den Hals hängen, wenn man sie nicht braucht.

  4. Kapselgehörschützer eignen sich für kurzzeitige Arbeiten in Lärmbereichen. Sie lassen sich bei extremem Lärm auch mit Gehörschutzstöpseln kombinieren. Kapselgehörschützer wärmen zudem die Ohren, was je nach Tätigkeit angenehm oder störend empfunden werden kann.

A+A Kongress: Auf den richtigen Sitz kommt es an

Auf der diesjährigen A+A befassten sich zwei Vorträge besonders mit der Funktion von Gehörschutzstöpseln. Bratt Witt vom amerikanischen Unternehmen Sperian Hearing Protection referierte über Tests, die zeigen, welche Dämmung tatsächlich mit Gehörschutzstöpseln erreicht wird – unabhängig vom Dämmungswert, der für den Gehörschutz angegeben worden war. Die Tests ergaben, dass komplett identische Gehörschutzstöpsel für die unterschiedlichen Probanden komplett unterschiedliche Ergebnisse brachten: von quasi keinem Schutz bis hin zu einer höheren Dämmung als auf der Verpackung angegeben war. Das lässt sich nur so erklären, dass viele Mitarbeiter ihre Einmalstöpsel, aber auch Otoplastiken nicht richtig einsetzen. Fazit: Die Mitarbeiter müssen eingewiesen werden. Es muss wenigstens einmal individuell gezeigt werden, wie Einmalgehörschutz ordnungsgemäß eingesetzt wird. Hier zeigt sich, dass schon ein kleiner Schulungsaufwand große Wirkung hat.

Bei der Auswahl von Gehörschutz sollte man den Mitarbeitern mindestens zwei oder drei unterschiedliche Modelle zur Verfügung stellen, weil nicht jeder mit demselben Gerät zurechtkommt. Otoplastiken bieten nicht automatisch besseren Gehörschutz. Auch hier ist essenziell, wie die Otoplastik ins Ohr eingesetzt wird. Wichtig bei der Wahl und beim Sitz von Gehörschutz ist außerdem, dass gute Kommunikation möglich ist, Arbeitsgeräusche und Gefahrensignale gehört und erkannt werden. Das erreicht man teilweise mit frequenzunabhängiger Schalldämmung.

Im zweiten Vortrag zum Thema Gehörschutz mit dem Titel „Qualitätssicherung beim Einsatz von Otoplastiken“ sprach Peter Sickert von der Berufsgenossenschaft Metall Nord Süd über nötige Vorgehensweisen im dauerhaften Umgang mit Otoplastiken. Grundsätzlich gibt Sickert Otoplastiken beim effektiven Gehörschutz den Vorrang vor Einmalgehörschutzstöpseln, weil sie individuell angepasst werden. Eine Otoplastik besteht aus Dicht- und Haltezonen. Sie sollte sich leicht ins Ohr einsetzen lassen. Heute werden Ohrabdrücke in der Regel mit 3D-Scannern genommen. Doch auch bei Otoplastiken bedarf es in der Praxis immer wieder Prüfungen, weil sich der Mensch und somit das menschliche Ohr im Laufe der Zeit verändern.

Nicht passender Ohrschutz kann neben der Veränderung durch Alter unterschiedliche Ursachen haben. Haare und Ohrenschmalz können negativen Einfluss ausüben, die Otoplastik kann zu rasch ausgespritzt worden sein oder sie füllt den Gehörgang nicht richtig aus. So bedarf es nicht nur einer Funktionskontrolle vor der Auslieferung (Baumusterprüfung), sondern auch wiederkehrender Kontrollen im Unternehmen. Dazu gehören einfache Drucktests und objektive aktive Schallmessungen vor und hinter dem Ohr. Die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung gibt vor, dass über 8 Stunden der im Ohr gemessene Wert 85 Dezibel im Mittel nicht überschreiten darf. Die BG-Regel 194 beschreibt u.a. ganz genau, wie Dämmung gemessen wird und welche Prüfungen nötig sind, um eine Langzeitschutzwirkung mit Otoplastiken zu erreichen.